Sie hatten vereinbart, die alte Hütte im Wald zu flicken. Baufällig war sie, heruntergekommen, das Dach rutschte langsam abwärts. Durch die Ritzen pfiff der Wind und auch dem Regen vermochten die morschen Holzbretter längst nicht mehr standzuhalten.

Eigentlich müsste man sie abreissen, diese Hütte. Gefährlich war das! Nicht auszudenken, wenn die Bude jemanden unter sich begraben würde!

Deshalb hatte Mike seinen Sohn Nik gebeten, mit zu kommen und ihm zu helfen, die Hütte zumindest notdürftig wieder in Stand zu stellen. Das Dach musste man unbedingt stützen, ein paar Ziegel auswechseln und die grössten Löcher wollte er auch stopfen.

Mike belud seinen kleinen Transporter mit allem, was er vermutlich brauchen würde: Bretter, Werkzeug, Stützbalken, Ziegel.

Na ja, und irgendetwas würden sie ja wohl essen müssen, wenn sie den ganzen Tag da draussen arbeiten wollten. Mike ging in die Küche und füllte einen Thermoskrug mit heissem Kaffee. Im Vorratsschrank lag noch Brot von gestern, im Kühlschrank fand er Würste. Das sollte eigentlich genügen für sie beide.

Wo nur Nik blieb?

Mike zündete sich eine Zigarette an und trat vors Haus. Es schien nun doch noch Winter zu werden. Ein kalter Wind trieb die Wolken vor sich hin, es roch nach Schnee.

Mike ging ins Haus zurück und holte seinen warmen Pullover. Man weiss ja nie! Bei dieser verdammten Kälte konnte man sich ja glatt eine Grippe holen.

Nik war immer noch nicht da.

Mike schrieb ihm einen Zettel und legte ihn auf den Küchentisch. Dann stapfte er in seinen schweren Schuhen zum Transporter und fuhr los.

Merkwürdig: Heute wurde es sehr früh dunkel. Gut, es war Dezember, die Tage kurz, die Nächte lang. Schlechtes Wetter war angesagt. Trotzdem verstand Mike nicht so recht, warum es so düster war.

Nach kurzer Fahrt kam er zum Wald. Der ausgewaschene Weg war holperig, die Bretter auf der Ladefläche hüpften auf und ab.

Mike zündete die Scheinwerfer an, denn hier im Wald war es nun wirklich dunkel. Ein unheimliches Gefühl beschlich ihn. Er bedauerte, nicht auf Nik gewartet zu haben. Zu zweit hätten sie gelacht über dieses merkwürdige Wetter, hätten sie sich stark gefühlt. Zurückfahren mochte er aber nicht. Weiss der Teufel, warum Nik nicht gekommen war. Vielleicht war irgendetwas mit einem Mädchen, so was liess die Jungen ja schnell alles andere vergessen.

Mike bog auf das letzte Wegstück ein, das zur Hütte führte.

Doch was war denn das? Rauch stieg auf aus dem Kamin.

Ob Nik bereits da war?

Mike gab Gas – doch in diesem Moment beschloss sein Transporter, stehen zu bleiben. Mike fluchte.

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als auszusteigen, die Motorhaube zu öffnen und nachzusehen, was zu tun war.

Sachte begann es zu schneien.

Auch das noch!

Zum Glück hatte Mike den Missetäter bald gefunden, den Schaden behoben. Er startete den Motor. Nichts rührte sich. Der Transporter blieb einfach stehen wie ein störrischer Esel.

Aus der Hütte stieg immer noch Rauch auf und durch die Scheiben meinte Mike schwaches Licht zu erkennen.

Wer zum Teufel…? Und was zum Teufel…?

Mike begann langsam an seinem Verstand zu zweifeln. Seine Bruchbude von Hütte schien neuerdings bewohnt zu sein, sein Transporter bockte, es schneite…

Er erinnerte sich an den heissen Kaffee im Thermoskrug und schenkte sich einen Becher voll ein.

Ah, nun kehrten seine Sinne wieder zurück. Bestimmt stand nun die Hütte wieder dunkel und verlassen an ihrem Platz und der Motor seines Transporters würde beim ersten Versuch anspringen.

Der Motor sprang tatsächlich kurz an – um dann gleich wieder jämmerlich abzusterben.

Aus dem Kamin der Hütte stieg immer noch Rauch auf. Das Licht, das aus dem Fenster drang, schien heller zu leuchten. Mike begann sich Sorgen zu machen. Er dachte an den schlechten Zustand der Hütte. Du meine Güte! Sitzen da und machen Feuer!

Ich muss hin! Die müssen raus! Das ist viel zu gefährlich!

Mike stieg aus, zog sich seinen warmen Pullover über, dankbar über seine eigene weise Voraussicht.

Es schneite noch immer.

Mit seiner Taschenlampe stapfte Mike los.

Die müssen da raus!

Keuchend näherte er sich der Hütte. Ganz warm war ihm geworden während seines Marsches. Merkwürdig: Um die Hütte herum lag kein Schnee! Mike drehte sich um. Doch, ja, seinen Transporter sah er nur durch fallende Schneeflocken.

Zum zweiten Mal an diesem Tag begann Mike an seinem Verstand zu zweifeln.

Er näherte sich dem Fenster, aus dem warmes Licht drang. Bevor er die Hütte betreten und die ungebetenen Gäste wegschicken wollte, versuchte er - auf den Zehenspitzen – einen Blick vom Geschehen da drinnen zu erhaschen.

Das erste, das ihm aber auffiel, war der Zustand des Fensters: Tadellos! Es war in TADELLOSEM Zustand! Kein Loch, kein Riss in der Scheibe! So gut es ging in der Dunkelheit, umrundete Mike, neugierig geworden, die ganze Hütte, besah sie sich aufmerksam. Es lief ihm kalt den Rücken hinunter: Sie sah aus wie neu! Auch das Dach lag dort, wo ein Dach eben hingehört und kein einziger Ziegel fehlte.

Das war zu viel für Mike.

Schwer atmend setzte er sich auf die Bank neben der Türe. Dass auch sie wieder vier ganze Beine hatte und nicht mehr wackelte, wunderte ihn schon gar nicht mehr.

Es war das dritte Mal an diesem Tag im Dezember, dass Mike dachte, er sei verrückt geworden.


Er musste eingeschlafen sein. Man war ja schliesslich nicht mehr der Jüngste. Und so viel Aufregung an einem Tag… Wenn nur Nik da wäre! Ihm hätte er erzählen können von diesem seltsamen Traum, den er eben geträumt hatte. Sie hätten dann wahrscheinlich zusammen gelacht über die Engel, die er da gesehen hatte. Er und Engel! Aber Nik war nicht da und überhaupt wurde ihm kalt.

Mike stand auf. Unschlüssig trat er von einem Fuss auf den andern. Eigentlich war das ja seine Hütte und trotzdem hinderte ihn etwas daran, einfach reinzugehen. Reinzugehen und die fremden Leute wegzuschicken, die sich da offenbar einquartiert hatten.

Auf einmal meinte Mike sich zu erinnern, ein Kleinkind, nein, ein Neugeborenes gesehen zu haben in seinem Traum. Vielleicht war es ja doch besser, war Nik nicht da und hörte seinen offenbar verrückt gewordenen Vater erzählen.

Lange stand Mike vor seiner Hütte, die so gar keine Hütte mehr war, sondern ein schmuckes kleines Häuschen. Das würde ihm Nik nie glauben!

Wie gebannt schaute er auf die Türe. „Komm doch herein!“ hörte er auf einmal eine helle Stimme sagen. Mike fuhr zusammen.

„Komm herein! Du wirst verstehen!“

Mike brach der Schweiss aus allen Poren. Er fand sich wieder, die Türfalle in der Hand, auf der Schwelle seiner Hütte.

„Komm herein! Hier ist es warm!“

Ein leises Lachen ertönte.

Na ja, viel schlimmer konnte es mit ihm ja nicht mehr werden. Mike atmete tief durch und öffnete die Tür.

Er fand eine Frau, die ihr offenbar Neugeborenes in Tücher wickelte und einen Mann, der sich um Mutter und Kind kümmerte. Sie wandten sich ihm zu und lächelten.

Auf einmal verstand Mike.

Tränen liefen ihm übers Gesicht.


Der Motor seines Lasters sprang gleich beim ersten Versuch an und bockte auch nicht mehr, als sich Mike Stunden später auf den Heimweg machte. Es hatte aufgehört zu schneien. Verträumt und ruhig lag der Wald da in seiner stillen Schneepracht.

Mike war froh, ohne Nik losgefahren zu sein.

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