Die Weißen Wölfe

Es war bereits mitten am Tag und die Sonne stand strahlend hell am Himmelszelt, als der General der Weißen Wölfe seine Kammer betrat und erst einmal erleichtert aufatmete.
     „Endlich Ruhe!“
     Krachend fiel die schwere Tür hinter ihm ins Schloss und noch an den Rahmen gelehnt nahm er erst die schweren Handschuhe und seine Stützbänder, dann das durchgeschwitzte Stirnband ab. Anschließend ließ er Kopf und Hände ein paar Mal kreisen, bis es leise knackste, und massierte vorsichtig seine verspannten Ohren. Trug das Antlitz des blauhäutigen Mannes vom Stamme der Sibulek sonst auch menschliche Züge, so waren seine Ohren doch wesentlich länger und somit für Helme einfach nicht gemacht. Wohl auch deshalb war er einer der wenigen Krieger, die ihren Feinden freiwillig ohne Kopfschutz entgegentraten. Im Moment jedoch rührten seine Verspannungen weniger von drückendem Eisen als von endloser Unterredung her. Denn nicht einmal einen Wimpernschlag nachdem er seinen Fuß in den Burghof gesetzt hatte, war er umgehend zum Rat beordert worden.
     Obgleich Lanoi offiziell von einem König geführt wurde, lag die eigentliche Macht klar in den Händen des Ältestenrates. Kãn o’ Kaam, der rechtmäßige Herrscher, hatte durch den frühen Tod seines Vaters bereits als Kind das Erbe antreten müssen und war mit seinen bei Ausbruch des Krieges gerade einmal fünfzehn Lenzen in politischen und militärischen Fragen schlichtweg noch zu jung und unerfahren gewesen. Auch war er mit einer schweren Krankheit geschlagen, die den jungen Regenten entstellte, sodass ein Gremium aus neun Weisen, das vom Volk ehrfürchtig auch „Rat der Alten“ genannt wurde, seine Geschäfte führte. Während der Regentschaft seines Vaters hatte dieser Rat sich bereits große Macht und weitreichende Kompetenzen erarbeitet und unter dem jungen Kãn o’ Kaam sogar das Weisungsrecht über die drei Heere an sich gerissen. Sehr zum Missfallen der Generäle verstand sich. Denn seitdem mussten alle Befehlshaber vor und nach jedem Auftrag den Neun Weisen Bericht erstatten und Rechenschaft ablegen.
     Schwerfällig schlurfte der Anführer der Weißen Wölfe nun auf sein Bett zu, schnallte dabei die Brustpanzerung auf und setzte sich von der Last befreit auf die Bettkante. Scheppernd fiel der Harnisch zu Boden, das klatschnasse Leinenhemd und die stählernen Schulterplatten folgten ihm. Erleichtert ließ der Mann sich nach hinten fallen, schloss die Augen und versuchte, sich zu entspannen. Was ihm allerdings nicht gelang, da die Ereignisse der letzten Stunden noch einmal im Eiltempo durch seinen schmerzenden Kopf rasten.
     Mit einem tiefen Seufzer streckt der Heerführer alle Gliedmaßen von sich und ließ die Welle der Erinnerung über sich ergehen.

Volle drei Winter hatte die Schlacht in Æhran sich hingezogen. Doch nun, nach scheinbar unzähligen Tagen und Nächten kehrten sie endlich nach Yara zurück. Der Rückweg führte durch unwegsames Gelände und vor allem der lange Ritt durch die Wüste der verirrten Seelen zehrte extrem an den verbliebenen Reserven der Heimkehrer. Scheinbar endlos rannen die Tage dahin, ohne dass sie nennenswert vorankamen, und mit den schwindenden Kräften sank auch die Hoffnung, die geliebte Heimat alsbald zu erreichen. Manch einer seiner Krieger verlor in der gnadenlos prasselnden Mittagssonne jeden Mut und verfiel gar dem Irrglauben, dem Kriegsschauplatz umsonst entronnen zu sein und die Liebsten nie wieder zu sehen. Doch trotz aller Widrigkeiten führte der Anführer der Weißen Wölfe sein Heer verlustfrei durch diese harte Etappe und bald darauf erreichten sie die ersten Landstriche der heimatlichen Gefilde.
     Und welch triumphalen Einzug erlebten sie in Yara! Schon weithin waren die gehissten Fahnen und Banner der Stadt und die bunt geschmückten Häuser des Umlandes zu sehen. Sobald sie die Felder und Weiden passierten, schlossen sich ihnen lachende Bauern und Viehhirten an, vom Ufer her kamen winkend Fischer gelaufen und sobald sie die Stadtmauer erreichten und das Flusstor passierten, waren sie von einem Spielmannszug und einer fröhlichen Menschenmenge umringt. Sie wurden bejubelt, beklatscht und besungen. Kinder sprangen trällernd um sie herum und reichten ihnen Blumen und selbstgebastelte Geschenke. Frauen jeden Alters strahlten sie aus sehnsüchtigen und zugleich glücklichen Augen an, warfen ihnen Tücher oder Schals zu und schenkten dem einen oder anderen Recken neckische Luftküsse und aufreizende Blicke. Die daheim gebliebenen Männer wiederum begrüßten die Rückkehrer mit lautem Gejohle, anerkennenden Sprüchen und gefüllten Lederbeuteln mit Selbstgebranntem.
     Der Sibulek ritt an der Spitze seines Heeres voran. Stolz und hoch erhobenen Hauptes, doch seine glanzlosen Augen verrieten die Strapazen des Krieges. Ein väterliches, doch müdes Lächeln umspielte die Lippen des Mannes als er sah, wie im Gesicht seines jungen Adjutanten sich Begeisterung, Zufriedenheit, Freude, Erleichterung und Stolz vermischten und in einem jungenhaften Grinsen äußerten. Auch in der Festung war ihr Empfang nicht minder herzlich und viele seiner Krieger, deren Anverwandte sie nicht schon unten in der Stadt begrüßt hatten, sprangen sofort von ihren Pferden und rannten in die Arme ihrer langentbehrten Familien, noch ehe sie richtig angekommen waren. Wahrlich ein würdiger Empfang für siegreiche Heimkehrer!
     Wären da nur nicht die Neun Weisen. Der Heerführer der Weißen Wölfe war noch nicht einmal richtig vom Pferd gestiegen, als man ihn auch schon ohne Umschweife in die große Halle zitierte. Nicht einmal ein kurzer Moment zum Luftholen und Verschnaufen blieb ihm, so beharrlich drängte die Botin des Rates ihn, geschweige denn dass ihm eine kleine Erfrischung nach der beschwerlichen Reise gestattet wurde. Widerwillig folgte der General samt Stellvertreter und Berater also der Gesandten und nachdem man ihm immerhin einen Becher Wasser zugestanden hatte, verbrachte er die nächsten Sandgläser damit, dem Ältestenrat zu allerlei Fragen Rede und Antwort zu stehen.
     Und was für ein Trara das wieder war! Anstatt ihm zu seinem geglückten Feldzug gegen Æhran und seinen siegreichen Schlachten zu gratulieren, wurde er doch tatsächlich mit Vorwürfen empfangen. Der Heerführer traute seinen Ohren kaum, denn wie sich schnell herausstellte, hatte man ihn und seine Krieger anfangs für ein feindliches Heer gehalten und bereits Vorkehrungen zur Verteidigung Yaras getroffen. Es dauerte seine Zeit und mehr Nerven, als er eigentlich noch hatte, bis der Sibulek den alten Herren erklärt hatte, warum er nach der langen Zeit des Krieges ohne Flagge oder Fahne, Banner und Standarte heimkehrte. Warum das Heer sich nicht schon von Weitem mit Pauken und Trompeten zu erkennen gegeben hatte und dass der Bote, den er entsandt hatte, ihre Rückkehr anzukündigen, aus unerfindlichen Gründen sein Ziel offensichtlich nicht erreicht hatte.
     Weitere drei Sanduhren verbrachte er dann damit, ausführlich Bericht zu erstatten, strittige Taktiken und Feldzüge zu rechtfertigen sowie den mit dem Hause Ærgur ausgehandelten Waffenstillstand darzulegen. Den Neun Weisen dann noch begreiflich zu machen, weshalb er und seine Männer erst jetzt, kurz vor Anbruch des Herbstes und nicht wie vorgesehen bereits im Hochsommer zurückkehrten, brachte das Fass dann beinahe zum Überlaufen. Und dass obwohl die Weißen Wölfe sogar noch als erstes Heer die heimatlichen Gefilde wieder erreicht hatten.

Unter anderen Umständen war der blauhäutige General gelassener und nachsichtiger mit den alten Weisen, aber nach all der Zeit war er so ausgebrannt, dass ihn die Audienz beim Rat schnell mürbe gemacht hatte. Regungslos lag er daher nun schon seit einem halben Sandglas mit geschlossenen Lidern im Bett und leerte seinen Kopf von allen Geschehnissen.
     Ruhe, das wollte er jetzt! Einfach nur Ruhe!
     Nach all dem Trubel kam ihm seine Kammer so unheimlich, fast totenstill vor. Aber er genoss es. Unvermittelt öffnete er die Augen und richtete sich mit einem Ruck auf. Dann umfasste er seine schweren Stiefel, schlüpfte heraus und stieß sie achtlos weg. Die völlig durchnässten Strümpfe warf er auf das Leinenhemd am Boden und zu dem Metallhaufen am Fußende seines Bettes gesellten sich nun auch seine Beinschienen. Zum Schluss löste er den Gürtel und streifte noch schwerfällig die feste, unbequeme Hose ab. Nunmehr nur mit seinen leichten Unterhosen bekleidet fühlte der Sibulek die wohltuende Kühle in seinem Zimmer und ließ sich erneut weit ausgestreckt ins Bett zurückfallen.
     Wie weich es war. Ganz anders als die harten Pritschen oder dünnen Matten auf steinigem Felsboden, die in der vergangenen Zeit seine Ruhestätte gewesen waren und ihn innerhalb weniger Winter körperlich zum alten Mann gemacht hatten. Zumindest hatte sich der erschöpfte Sibulek nach etwa der Hälfte der Zeit allmorgendlich genauso gefühlt, obgleich sein Äußeres unverändert ein menschliches Alter von knapp vierzig Lenzen vermuten ließ. Ein richtiges Bett, erst jetzt, da er wieder darin lag, merkte er, wie schmerzlich er es vermisst hatte. Wie angenehm war doch dieses Gefühl, sich einfach in dicke, weiche Daunen fallen zu lassen, tief einzutauchen und wie auf Wolken zu schweben. Für einen Augenblick tat ihm kein einziger Knochen mehr weh. Alle Körperteile fanden ungehindert ihren Platz, nichts quetschte und drückte, nichts zog und biss, nichts wurde abgeklemmt oder taub. Zufrieden bewegte er seinen Kopf hin und her, tauchte ihn tief ins kuschelige Kissen und sog den leichten Blumenduft, der darin lag, in sich auf. Welch eine Wohltat ein ordentliches, frisches Bett doch war!
     Durch die Ritzen des Mauerwerks waren deutlich kleine Luftzüge spürbar und er genoss die hauchzarten Berührungen sichtlich. Wie gut ihm das jetzt tat. Die kühlen Brisen halfen, seine innere Hitze zu senken, und sie beruhigten auch sein Gemüt ungemein. Innerhalb kurzer Zeit gewann die Müdigkeit des Mannes die Oberhand und er schlief ein.

Durch den anschwellenden Lärm auf dem Hof erwachte er wieder. Die Sonne senkte sich inzwischen, doch stand sie immer noch viel zu hoch, als dass er allzu lange geschlafen haben konnte. Trotzdem fühlte er sich bereits ein wenig erholter und frisch, begann sogar langsam zu frösteln. Eine leichte Gänsehaut lag auf seinen halbnackten Beinen, also suchte er eine luftige Hose aus dem Schrank und schlüpfte in seine ausgelatschten Lieblingsschlappen. Nach langer Zeit eingeschnürt in Leder und starrem Eisen spürte er die feinen Stoffe auf seiner Haut fast nicht und fühlte sich seltsam frei, fast nackt.
     Ein Blick aus dem Fenster eröffnete dem Heerführer ein farbenreiches, festliches Bild. Zu seinen Füßen lag der mit Blumen, Fähnchen, Girlanden und Lampions reich geschmückte Burghof. Von diesem führte der mit Blüten bestreute Aufgang durch das ebenfalls liebevoll dekorierte Tor hinaus auf den Hangpfad und den Berg hinunter in die Stadt, die mit allerlei Schmuckwerk verziert wie ein prächtiges Potpourri an Frohmut und Ausgelassenheit wirkte. In allen Gassen und auf allen Straßen bewegten flinke Menschen sich schnell und unruhig umher wie Ameisen. Die Kammer des Sibulek lag fast im obersten Stockwerk, sodass er alles gut überschauen konnte, und dieser Anblick, so bunt und voller Leben, entschädigte ihn für vieles. Wohlwollend lächelte er.
     Als er das Fenster einen Spalt weit öffnete, drangen sofort heitere Musik und zarte Melodien an seine Ohren und ein Gemisch aus dem süßlichen Geruch der Blumen und dem köstlichen Duft des bald aufgetragenen Festessens an seine Nase. Gemütlich an den Fensterrahmen gelehnt blickte der General lächelnd auf das quirlige Treiben zu seinen Füßen hinab.
     Die Zofen und Kammermädchen der Festung waren emsig damit beschäftigt, alles für die abendliche Feier und das große Mahl herzurichten. Einige hetzten schwer beladen mit Tischleinen über den Hof, andere balancierten kunstvoll zu hohen Türmen aufgestapeltes Geschirr aus feinstem Ton oder ausladende Etageren aus Silber, die ihre Köpfe weit überragten. Drei kräftigere Mädchen mühten sich redlich, die randvoll gefüllten Wassereimer von der Seilwinde in die Küche zu schleppen, was allerdings nur zu zweit ging, sodass eine immer verschnaufen konnte. Zwischendrin sausten Küchenjungen im Eiltempo quer über den Hof in die Vorratskammern und zurück zu den Köchen, wobei sie sehr aufpassen und im Slalom rennen mussten, damit es zu keinem Zusammenstoß mit den Zofen kam. Die Stalljungen kümmerten sich derweil liebevoll um die Reittiere der Heimgekehrten. Sechs von ihnen waren bereits pitschenass, denn sie führten ein Pferd ums andere zur Tränke und wuschen es grob ab, bevor sie es zu ihren Kollegen in die Stallungen führten, wo es noch einmal gründlich gesäubert, gestriegelt und gefüttert wurde.
     In einer Ecke des Burghofes hatten sich die Knappen der adeligen Ritter eingefunden und eine Art Stuhlkreis aufgebaut. Zahlreiche Töpfe mit Waffenöl, Schmierfett und sonstigen Utensilien standen in der Mitte, sodass ein jeder sie erreichen konnte. Fröhlich plaudernd und singend saßen die allesamt noch minderjährigen Jungen drum herum und polierten die Rüstungen ihrer Herren auf Hochglanz. In der gegenüberliegenden Hofecke probten drei Hand voll Spielleute und Gaukler ihre Nummern. Manch einer hatte sogar schon einige Heimkehrer um sich versammelt und trotz der anfangs mitunter noch recht schiefen Töne fühlten diese sich bestens unterhalten. Der Tanzmeister, ein hagerer, hochgeschossener Kerl mit langen, glatten und streng zurückgebundenen Haaren, gab seinen Tänzerinnen letzte Anweisungen und schüttelte ob der seiner Meinung nach offenbar völlig inakzeptablen Darbietung der Damen wiederholt theatralisch den Kopf. Und mittendrin in dem geschäftigen Gemenge standen einige höhere Verwalter mit höfisch pikierter Miene, Federkiel und langen Listen, deren „verantwortungsvolle“ Aufgabe es war, alles zu koordinieren. Wobei sich schleichendes Chaos wie dieses erfahrungsgemäß nicht kontrollieren, sondern allerhöchstens im Zaum halten ließ.
     Zwischen all den fleißigen Geistern sah der General der Weißen Wölfe viele seiner Mitstreiter ausgelassen bei einem Krug Bier oder Most sitzen. Dabei entdeckte er auch etliche Krieger, die nicht zu seinem, wohl aber dem ersten Heer gehörten. Die Grünen Nebel unter der Führung Cay Rojahns mussten inzwischen ebenfalls zurückgekehrt sein. Ihren Anführer konnte der Sibulek nicht unter den Männern ausmachen und für einen kurzen Moment hoffte er selten schadenfroh, dass es dem ersten General nicht besser erginge als ihm und er jetzt ebenfalls vom Rat der Weisen verhört wurde. Da sich solche Gedanken jedoch weder ziemten noch seine Art waren, schüttelte der blauhäutige Mann kurz den Kopf und wandte sich dann wieder dem regen Betrieb im Burghof zu.
     Einige Krieger saßen beim Karten- oder Würfelspiel, wieder andere tollten übermütig mit ihren lang entbehrten Kindern herum oder genossen die Zweisamkeit mit ihren Frauen. Und natürlich gab es auch jene Männer, die ihre Möglichkeiten nach so einem Sieg nutzend auf der Suche nach einer Frau für die Nacht oder sogar das ganze Leben waren und dabei einige Zofen und Kammermädchen von ihrer Arbeit abhielten. Alles in Allem ein wahrlich buntes und reges Treiben, dem der Sibulek ewig hätte zusehen können.
     Aus den Augenwinkeln bemerkte er plötzlich eine ihm zuwinkende Person, die sich bei genauerem Hinsehen als sein Schüler und Stellvertreter entpuppte. Der junge Mann hatte die frisch gewaschenen, goldblonden Haare locker zu einem höheren Pferdeschwanz zusammengebunden und seine klaren, himmelblauen Augen strahlten wie schon lange nicht mehr. Auch er hatte seine starre, unbequeme Rüstung gegen lockere Alltagskleidung eingetauscht und trug nun eine leichte Leinenhose mit einer längeren Tunika darüber. Ein kurzes Schmunzeln huschte über das Gesicht des Heerführers, als ihm sein geistiges Auge das Ebenbild seines Eleven von vor drei Wintern direkt daneben projizierte. Wie die Zeit doch vergangen war!
     Winkend ermutigte der blonde Jüngling ihn, ebenfalls nach unten zu kommen und dem beginnenden Fest beizuwohnen. Doch er lehnte mit einem Kopfschütteln dankend ab. Auch weitere, forderndere Signale konnten ihn nicht umstimmen und als er seinen Vize mit den Händen in den Hosentaschen von dannen ziehen sah, hoffte der Sibulek kurzzeitig, dass er ihn nicht allzu sehr verärgert hatte.
     Aber im Moment war ihm einfach nicht danach, sich unter das lebenslustige Volk zu mischen. Denn auch wenn er physisch jetzt hier an diesem Fenster stand, im Geiste war er doch nicht ganz anwesend. Seine Gedanken weilten, ob bewusst oder ungewollt, noch immer draußen auf den Schlachtfeldern. Über die Zeit war ein Teil von ihm irgendwo auf dem Kriegsschauplatz oder der langen Heimreise unbemerkt verloren gegangen und hatte seinen Weg noch nicht wieder zurück gefunden. Darüber hinaus fehlte noch etwas ganz Entscheidendes, bevor auch sein Herz heimkehren und zur Ruhe kommen konnte.
     Lautes Trompeten ließ die Erinnerungen des Mannes zerplatzen wie Seifenblasen.
     „Dort wo nie die Sonne thront, brennt der feurig rote Mond!“, ertönte plötzlich der Wahlspruch des dritten Heeres und ein aus Leibeskräften rufender Bote kam in den Hof geprescht. „Liebe Leute, lasst euch sagen: nie mehr bangen, nie mehr klagen! Die Feinde siegreich sie bezwangen, schon morgen küsst ihr ihre Wangen! Eure Recken werden sein, beim Mittagsmahle schon daheim!“
     Weiter kam der Reiter nicht, denn lautstarker Jubel brach unter den Anwesenden im Burghof aus. Noch bevor der Sibulek die Worte des Boten verarbeitet hatte, klopfte es aufgeregt und er wusste sofort, wer vor seiner Tür stand. Mit gespielt genervtem Gesichtsausdruck öffnete er.
     „Ja?“
     „Ich störe doch nicht?“
     Das unschuldige und zugleich schuldbewusste Lachen seines jungen Zöglings ließ ihn unweigerlich zurücklächeln und noch bevor er ihn dazu auffordern konnte, betrat dieser einfach seine Kammer und ging zum Fenster.
     „Keine Manieren“, dachte der Heerführer schmunzelnd. „Na ja, woher auch?“
     Wortlos schloss er die Tür, gesellte sich zu seinem Schüler und betrachtete ihn eine Zeit lang stillschweigend von der Seite. Kämpfe veränderten Menschen, die jungen zumeist mehr als die alten.
     Sein Schützling war mittlerweile erwachsene einundzwanzig Lenze alt und hatte sich trotz oder gerade ob der zum Teil grauenvollen Schlachten zu einem besonnenen, klugen und wissbegierigen Mann entwickelt. Seine diplomatischen und kriegerischen Fähigkeiten hatten sich enorm verbessert und er seine Rolle als Vizegeneral mit Bravour gemeistert. Doch wenn er lachte und strahlte, lag noch immer viel Kindliches in den Zügen des Blondschopfs. Auch wies er noch immer eine recht androgyne Erscheinung auf, was dazu führte, das andere den jungen Mann oft unterschätzten. Seiner Beliebtheit beim weiblichen Geschlecht hingegen tat das keinen Abbruch. Vielmehr machten sein Charme und seine Wohlgestalt ihn zu einem begehrten Objekt der jungen Frauen jeden Standes. Und auch wenn er vor wenigen Augenblicken seine Kammer ohne Aufforderung betreten hatte, besaß der Jüngling ausgeprägten Anstand und Gerechtigkeitssinn. Rückblickend stellte der Sibulek zufrieden fest, dass sich sein Schützling verglichen mit dem kleinen, naiven Jungen, der vor sechs Wintern gemeinsam mit ihm nach Yara gekommen war und weder seine Neugierde noch seine Zunge hatte im Zaum halten können, trotz des Krieges vortrefflich entwickelt hatte.
     Ein vorfreudiges Blitzen erhellte die Augen seines Stellvertreters und einen Moment später brach er in Heiterkeit aus.
     „Bist du auch schon so aufgeregt?“
     Draußen auf dem Schlachtfeld oder vor den anderen Männern zollte er ihm, seinem Anführer, natürlich den nötigen Respekt, doch hier, wo sie unter sich waren, konnte er ihn ungestraft duzen. Nervös trat der Junge von einem Fuß auf den anderen. Die Neuigkeiten des Boten hatten ihn sichtlich aufgewühlt.
     „Es ist so lange her“, mischte sich plötzlich Betrübnis in die hellblauen Augen seines Adjutanten. „Ob sie noch leben? Ob er …?“
     Eine kleine, erschrockene Träne huschte über seine Wange und erinnerte den Sibulek daran, dass es Dinge gab, die sich wohl nie im Leben änderten.
     „Keine Sorge, Forso“, raunte er und schloss seinen jungen Freund väterlich in die Arme, „es geht ihm gut. Ganz sicher! Und er ist bestimmt genauso erfreut, dich wiederzusehen.“
     Wie gehofft vertrieben seine Worte die Ängste des blonden Jünglings und ließen ihn wieder lächeln. Das vorfreudige Lachen eines kleinen Kindes, dessen Augen wie Sterne strahlten.
     „Ja, bestimmt hast du Recht. Morgen sehe ich ihn wieder“, sagte Forso mit Nachdruck und wohl mehr zu seiner eigenen Beruhigung denn als Antwort.
     Unten im Hof krochen derweil die ersten langen Schatten über die Festungsmauern, das Bankett wurde angerichtet und eine Gruppe Zofen eröffnete den anbrechenden Abend mit einem Tanz.
     „Willst du dich nicht wieder unter das Festvolk mischen?“, deutete der Sibulek in die Menge unterhalb des Fensters. „Geh und feiere, du hast es dir verdient! Tanz die ganze Nacht durch und du wirst sehen, wie schnell der Morgen kommt und sich dein Wunsch erfüllt.“
     Mit einem Nicken rannte der junge Mann zur Tür hinaus.
     „Mach ich, Cru. Danke!“ Nur einen Wimperschlag später steckte er den Kopf noch einmal in seine Kammer und warf frech grinsend hinterher: „Aber du solltest dich auch nicht die ganze Zeit zurückziehen und grübeln. Das ist ungesund und gibt nur Falten!“
     Lächelnd schüttelte der Sibulek den Kopf und nur wenig später sah er seinen kecken Schüler von der Hoftreppe springen und ein hübsches, junges Mädchen mit rotblondem Haar, das offensichtlich die ganze Zeit auf ihn gewartet hatte, auf die Tanzfläche ziehen.
     „Typisch Forso“, dachte er schmunzelnd, „wenn es um Inor geht, ist er wie ein kleines Kind. Na ja, morgen hat er ihn ja wieder. Morgen ...“
     Das letzte Wort hallte noch lange in Crus Kopf wider und ließ ihn frösteln.
     Augenblicklich hatte er keine Lust mehr, der Feier weiter zuzusehen. Er schloss das Fenster und zog den dunklen, schweren Vorhang vor. Dann versperrte er die Tür und suchte ein dünnes, feines Seidenhemd aus dem Schrank. Beiläufig warf er es sich über und schloss es an einem mittleren Knopf, während er langsam zur anderen Seite seiner Kammer schritt.
     Mit einem Ruck riss er das große Fenster zum westlichen Hinterland nach beiden Seiten halb auf und sog die frische Luft des nahe gelegenen Waldes tief in seine Lungen. Er hatte schon lange nichts mehr gerochen, dass so natürlich, so rein war. Die Luft in den Nächten der Kriegszeit war immer stickig, blutschwanger und alt gewesen. Mit jedem Zug fühlte er ein bisschen mehr Leben in sich. Das Fenster ganz aufschlagend setzte er sich rittlings auf den breiten Sims und starrte gebannt nach draußen. Das kleine Wort schwirrte noch immer durch seinen Kopf und ließ ihn erschaudern.
     „Hm, morgen“, flüsterte er gedankenverloren.
     Ein Morgen, das er lange herbeigesehnt hatte und vor dem er sich nun, da es so kurz bevorstand, plötzlich fürchtete.

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So, ihr Lieben,

da habe ich euch ein bisschen aufs Kreuz gelegt und beginne die Geschichte mit einem bisher unbekannten Charakter. ;P

Damit es nicht unnötig zu Verwirrung kommt, hier eine kurze Übersicht über die drei Heere Lanois (Nummer - Kampfname - General, Vizegeneral):

1. Heer - Die Grünen Nebel - Cay Rojahn, Vito Vikto Innozenz III. von Hohnburg, Salzau und Moora
2. Heer - Die Weißen Wölfe - Cru Kanîja, Forso Kívíako
3. Heer - Der Rote Mond - Yo Valkja, Inor Kívíako

Danke fürs Lesen und bis bald.

Noia

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editiert 04/17

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