Die Weißen Wölfe

Volle drei Winter hatte der Krieg an der Landesgrenze Lanois und Æhrans sich hingezogen und die einst ertragreichen Flure und Schollen in blutbesudelte Schlammäcker und verwüstete Staubfelder verwandelt. Cru Kanîja, dem zweiten General Lanois, war von Beginn an klar gewesen, dass er den Vormarsch des Feindes im Norden des Landes nur dann aufhalten konnte, wenn er mit seinem Heer hinter die feindlichen Linien gelangte, die æhranischen Streitkräfte auf eigenen Boden zurückzwang und die grenznahen Hochburgen Phinœ und Thonaj einnahm. Viele Mondzyklen hatte die Belagerung der beiden strategisch wichtigen Städte angedauert und zahlreiche Opfer auf beiden Seiten gefordert. Knapp die Hälfte seiner Krieger war in drei Wintern gefallen und den Belagerern hatte die zermürbende Zeit zum Verhängnis zu werden gedroht. Die quälende Frage, ob er und seine Mannen noch die Kraft und das Geschick hatten, das Blatt zu wenden und diesen so oft aussichtslos erscheinenden Kampf zu gewinnen, war gen Ende beinahe ins Unermessliche gewachsen. Doch nun, nach zahllosen Tagen und Nächten kehrten die Weißen Wölfe endlich nach Yara zurück.

Nachdem sie die zivilisierten Landstriche Nordlanois verlassen hatten, führte der Heimweg über weite Strecken durch menschenleeres, unwegsames Gelände und sorgte für ein rasches Abflauen des anfänglichen Hochgefühls. Insbesondere der Ritt durch die Wüste der Verirrten Seelen zehrte extrem an den verbliebenen Reserven und stellte die Moral des zweiten Heeres auf eine harte Probe. Scheinbar endlos rannen die Tage dahin, ohne dass sie nennenswert vorankamen, und mit den schwindenden Kräften sank auch die Hoffnung, die geliebte Heimat alsbald zu erreichen. Mancher Krieger verlor in der prasselnden Mittagssonne oder den frostigen Nächten jeden Mut und verfiel gar dem Irrglauben, dem Kriegsschauplatz umsonst entronnen zu sein. Allen Widrigkeiten zum Trotz führte der zweite General seine Truppe jedoch nahezu verlustfrei durch diese harte Etappe und bald darauf erreichten sie die ersten grünen Landstriche der heimatlichen Gefilde.

Und welch triumphaler Empfang erwartete sie in Yara! Schon weithin waren die gehissten Fahnen und Banner der Stadt und die bunt geschmückten Häuser des Umlandes zu sehen. Sobald die Weißen Wölfe die Felder und Weiden der vorgelagerten Dörfer erreichten, schlossen sich ihnen lachende Bauern und Viehhirten an, vom Ufer her kamen winkend die Fischer gelaufen und kaum hatten sie die Stadtmauer durch das Bauerntor passiert, waren sie von einem Spielmannszug und einer fröhlichen Menschenmenge umringt. Sie wurden bejubelt, beklatscht und besungen. Kinder sprangen trällernd um sie herum und reichten ihnen Blumen, Kränze und andere selbstgebastelte Geschenke. Frauen jeden Alters strahlten sie aus glücklichen und sehnsüchtigen Augen an, warfen ihnen Tücher oder Schals zu und schenkten dem einen oder anderen Recken neckische Luftküsse und aufreizende Blicke. Die daheim gebliebenen Männer wiederum begrüßten das Heer mit donnerndem Applaus, gefüllten Lederbeuteln mit Selbstgebranntem und lautem Gejohle. Wahrlich, ein würdiger Empfang für siegreiche Heimkehrer.

Gemeinsam mit seinem jungen Stellvertreter führte Cru Kanîja den Tross der Rückkehrer an. Ein väterliches Lächeln umspielte seine Lippen als er sah, wie sich in seines Adjutanten Gesicht Begeisterung, Zufriedenheit, Freude, Erleichterung und Stolz vermischten und in einem jungenhaften Grinsen äußerten. Beinahe wehmütig blickte der General aus glanzlosen Augen auf das fröhlich-bunte Treiben ringsum, seufzte tonlos und wünschte, er wäre zu ebensolchen Gefühlsregungen fähig. Allein, er war zu müde, sein Körper entkräftet und sein Geist ausgelaugt. Im Moment gab es nur eines, wonach er sich sehnte. Ruhe.

Gemächlich ritt der Anführer der Weißen Wölfe den breiten Hauptweg entlang durch das Artisanenviertel, am Hauptmarkt vorbei durch das Händlerquartier und das Burgtor passierend den Hangpfad hinauf zur Festung. In seinem Rücken verteilte das Heer sich in den unzähligen Wegen Yaras und löste sich wie ein Blutstropfen in Wasser allmählich auf. Im Innenhof der Serçeburg angelangt war der Empfang nicht minder herzlich als in der Stadt. Mutmaßlich alles, was zwei oder mehr Beine hatte, war versammelt und hieß den verbliebenen Kern des zweiten Heeres unter dem wolkenlos blauen Himmel eines Spätsommermorgens lautstark willkommen. Alle Krieger, die nicht schon in der Stadt von ihren Anverwandte begrüßt worden waren, sprangen sofort von ihren Pferden und rannten in die Arme ihrer langentbehrten Familien, noch ehe sie richtig angekommen waren. Der zweite General lächelte matt, doch schon im nächsten Moment nahm sein Gesicht verdrießliche Züge an. Zügigen Schrittes kam eine junge, graugewandete Frau mit streng zurückgebundenem Haar auf ihn zu. Der Heermeister seufzte, hatte er doch bis eben erfolgreich verdrängt, was ihn nun erwartete: die Audienz beim Ältestenrat.

Obgleich Lanoi offiziell von einem König geführt wurde, lag die tatsächliche Macht in den Händen der sogenannten Neun Weisen. Kãn o’ Kaam, der rechtmäßige Herrscher, hatte durch den frühen Tod seines Vaters Kãn o’ Maar bereits als Kind das Erbe antreten müssen und war mit seinen bei Ausbruch des Krieges gerade einmal fünfzehn Lenzen in politischen und militärischen Fragen schlichtweg noch zu jung und unerfahren gewesen. Auch war er mit einer schweren Krankheit geschlagen, die den jungen Regenten entstellte und ihn öffentliche Auftritte meiden ließ. Selbst er als General hatte den König nur zu einer Hand voll Anlässen aus der Nähe zu Gesicht bekommen und wusste dessen stets verschattetes Antlitz nicht zu beschreiben. Ein Gremium aus neun alten und weisen Männern des Hochadels führte daher die Mehrzahl der Geschäfte Kãn o’ Kaams. Bereits während der Regentschaft Kãn o’ Maars hatte dieser Rat sich weitreichende Kompetenzen erarbeitet und unter dem jungen Nachfolger sogar das Weisungsrecht über die drei Heere an sich gerissen. Sehr zum Missfallen der Generäle verstand sich. Denn seither mussten alle Befehlshaber vor und nach jedem Auftrag den Neun Weisen ausführlich Bericht erstatten und Rechenschaft ablegen.

Cru Kanîja war noch gar nicht richtig von seinem Pferd gestiegen, da knickste die Botin manierlich vor ihm und zitierte ihn dann ohne Umschweife in die große Halle.

„Die Neun Weisen wünschen, euch zu sprechen, General.“

Der Heerführer seufzte. Er fühlte sich nicht in der Verfassung für langwierige Reden. Er musste sich ausruhen, wenigstens kurz verschnaufen. Außerdem sah er aus wie ein Landstreicher, war voll Staub und Schweiß. So konnte er unmöglich dem Rat unter die Augen treten. Ganz zu schweigen davon, dass er nach der beschwerlichen Reise erst einmal eine Erfrischung benötigte.

„Ich …“

„Jetzt“, schnitt die junge Frau ihm das Wort ab. Ihr Blick verriet Verständnis und Bedauern, doch ihre Stimme und die zum Südflügel der Burg weisende Hand ließen keinen Widerspruch zu.

Widerwillig folgte der Anführer der Weißen Wölfe samt Stellvertreter der Gesandten des Rates und nachdem man ihnen immerhin einen Becher Wasser zugestand, verbrachten sie die folgenden Sandgläser damit, dem Ältestenrat Rede und Antwort zu stehen.

 

Es war bereits nach der Tagesmitte und die Sonne stand strahlend hell am Himmelszelt, als der zweite General schließlich seine Kammer betrat und erleichtert aufatmete.

‚Endlich Ruhe!‘

Krachend fiel die schwere Tür hinter ihm ins Schloss und noch an die Einfassung gelehnt nahm er zuerst die metallverstärkten Handschuhe und das ungeliebte, schweißtriefende Stirnband ab. Anschließend ließ er Kopf und Hände ein paar Mal kreisen, bis es leise knackte, und massierte dann vorsichtig seine verspannten Ohren, die sich anfühlten, als hätte er sie wider besseres Wissen unter einen Helm gezwängt. Trug das Antlitz des blauhäutigen Mannes vom Volk der Sibulek sonst auch menschliche Züge, so waren seine Ohren doch wesentlich länger und somit für den typischen Kopfschutz der Menschen einfach nicht gemacht. Im Moment jedoch rührten seine Verspannungen weniger von Eisen her als von endloser Unterredung.

Schwerfällig schlurfte Cru Kanîja auf sein Bett zu, schnallte dabei seinen Harnisch auf und setzte sich von der Last befreit auf die Bettkante. Scheppernd fiel die Brustpanzerung zu Boden, das klatschnasse Leinenhemd und die stählernen Schulterplatten folgten ihr. Erleichtert ließ er sich nach hinten fallen, schloss die Augen und versuchte, sich zu entspannen, was ihm allerdings nicht gelang. Im Eiltempo rasten die Ereignisse des Vormittages noch einmal durch seinen schmerzenden Kopf und ließen ihn die zermürbende Audienz erneut erleben. Mit einem tiefen Seufzer streckte er alle Gliedmaßen von sich und ließ die Welle der Erinnerung über sich ergehen.

Der Heermeister konnte es immer noch nicht recht fassen. Da kehrte er als Sieger zurück, doch anstatt ihm zu seinem geglückten Feldzug gegen Æhran zu gratulieren, hatte man ihn doch tatsächlich mit Vorwürfen empfangen. Wie sich schnell herausgestellt hatte, waren er und seine Krieger anfänglich für ein feindliches Heer gehalten und der Notstand in Yara ausgerufen worden. Und alles nur, weil die Weißen Wölfe ohne Flagge oder Fahne, Banner und Standarte heimkehrten.

‚Als ob auch nur eine davon nach drei Wintern Krieg noch erhalten wäre‘, schüttelte der Sibulek den Kopf und rollte hinter geschlossenen Lidern mit den Augen.

Es hatte seine Zeit gedauert und mehr Nerven benötigt, als er eigentlich noch hatte, bis er den alten Herren dies zufriedenstellend erklärt und sich dafür gerechtfertigt hatte, warum das zweite Heer sich nicht schon von Weitem mit Pauken und Trompeten angekündigt hatten. Auch den Verbleib des Boten, den er entsandt hatte, ihre Rückkehr anzukündigen, der sein Ziel aber offensichtlich nie erreicht hatte, hatte er wortreich verantworten müssen. Dabei wusste er selbst nicht, was dem Unglückseligen zugestoßen war. Weitere drei Sandgläser hatte er dann damit verbracht, strittige Taktiken und Feldzüge zu rechtfertigen sowie den mit dem æhranischen Herrscherhaus Ærgur ausgehandelten Waffenstillstand darzulegen. Den Neun Weisen dann noch begreiflich zu machen, weshalb er und seine Männer erst jetzt, kurz vor Anbruch des Herbstes, und nicht wie vorgesehen bereits im Hochsommer zurückkehrten, hatte das Fass dann beinahe zum Überlaufen gebracht.

Unter anderen Umständen war der Anführer der Weißen Wölfe gelassener und nachsichtiger mit den alten Weisen, doch nach all den Kämpfen und Schlachten war er so ausgebrannt, dass ihn die Audienz beim Rat schnell entnervt hatte. Regungslos lag er nun schon seit einem halben Sandglas mit geschlossenen Lidern in seinem Bett und leerte seinen Kopf von allen Geschehnissen. Ruhe, das wollte er jetzt. Einfach nur Ruhe!

Nach all dem Trubel kam ihm seine Kammer so unheimlich, fast totenstill vor. Wie er dies genoss. Erneut seufzte er tonlos, dann öffnete er unvermittelt die Augen und richtete sich mit einem Ruck auf. Brummend umfasste er seine schweren Stiefel, schlüpfte heraus und stieß sie achtlos weg. Die völlig durchnässten Strümpfe wanderten zu dem Leinenhemd am Boden und zu dem Metallhaufen am Fußende seines Bettes gesellten sich nun auch seine Beinschienen. Zum Schluss löste er den Gürtel und streifte noch schwerfällig die feste, unbequeme Hose ab. Nunmehr nur mit seinen leichten Unterhosen bekleidet fühlte der Sibulek die wohltuende Kühle in seinem Zimmer, atmete befreit aus und ließ sich erneut weit ausgestreckt ins Bett zurückfallen.

Wie weich es war. Ganz anders als die harten Pritschen oder dünnen Matten auf steinigem Felsboden, die in der vergangenen Zeit seine Ruhestätte gewesen waren und ihn binnen drei Wintern körperlich zum alten Mann gemacht hatten. Zumindest hatte Cru sich nach etwa der Hälfte der Zeit allmorgendlich genauso gefühlt, obgleich sein Äußeres unverändert ein menschliches Alter von knapp vierzig Lenzen vermuten ließ. Ein richtiges Bett. Erst jetzt, da er wieder darin lag, merkte er, wie schmerzlich er es vermisst hatte. Wie angenehm war doch dieses Gefühl, sich einfach in dicke, weiche Daunen fallen zu lassen, tief einzutauchen und wie auf Wolken zu schweben. Für einen Augenblick tat ihm kein einziger Knochen mehr weh. Alle Körperteile fanden ungehindert ihren Platz, nichts quetschte und drückte, nichts zog und biss, nichts wurde abgeklemmt oder taub. Zufrieden bewegte er seinen Kopf hin und her, tauchte ihn tief ins kuschelige Kissen und sog den leichten Blumenduft, der darin lag, in sich auf. Welch eine Wohltat ein ordentliches, frisch gemachtes Bett doch war!

Durch die Ritzen des Mauerwerks waren deutlich kleine Luftzüge spürbar und er genoss die zarten Berührungen. Wie gut ihm das jetzt tat. Die kühlen Brisen halfen, seine innere Anspannung zu senken, und sie beruhigten auch sein Gemüt ungemein. Innerhalb kurzer Zeit gewann die Müdigkeit des Heermeisters die Oberhand und er schlief ein.

 

Durch den anschwellenden Lärm auf dem Hof erwachte er wieder. Die Sonne senkte sich inzwischen, doch stand sie noch viel zu hoch, als dass er allzu lange geschlafen haben konnte. Trotzdem fühlte er sich bereits ein wenig erholter und frischer. Langsam begann er sogar, zu frösteln. Eine leichte Gänsehaut lag auf seinen halbnackten Beinen, also suchte er eine luftige Hose aus dem Schrank und schlüpfte in seine ausgetretenen Lieblingsschlappen. Nach langer Zeit eingeschnürt in Leder und starrem Eisen spürte er die feinen Stoffe auf seiner Haut kaum und fühlte sich seltsam frei, fast nackt. Anfänglich ein recht befremdliches Gefühl.

Als der Sibulek zum Fenster trat und den ledernen Vorhang zurückzog, eröffnete sich ihm ein farbenreiches, festliches Bild. Zu seinen Füßen lag der mit Blumen, Fähnchen, Girlanden und Lampions reich geschmückte Burghof. Von diesem führte der mit Blüten bestreute Aufgang durch das ebenfalls liebevoll dekorierte Tor hinaus auf den Hangpfad und den Berg hinunter in die Stadt, die mit allerlei Schmuckwerk verziert wie ein prächtiges Potpourri an Frohmut und Ausgelassenheit wirkte. In allen Gassen und auf allen Straßen bewegten Menschen sich flink und unruhig wie Ameisen umher. Die Kammer des Heerführers lag fast im obersten Stockwerk der Festung, sodass er alles gut überschauen konnte, und dieser Anblick, so bunt und voller Leben, entschädigte ihn für vieles. Wohlwollend lächelte er.

Heitere Musik und zarte Melodien drangen an seine Ohren und ein Gemisch aus dem süßlichen Geruch der Blumen und dem köstlichen Duft des bald aufgetragenen Festessens umspielte seine Nase. Gemütlich an den Fensterrahmen gelehnt blickte Cru Kanîja auf das quirlige Treiben hinab. Die Mägde und Dienstmädchen der Festung waren emsig damit beschäftigt, alles für die abendliche Feier und das große Mahl herzurichten. Einige hetzten schwer beladen mit Tischleinen über den Hof, andere balancierten kunstvoll zu hohen Türmen aufgestapeltes Geschirr aus feinstem Ton oder ausladende Etageren aus Silber, die ihre Köpfe weit überragten. Drei kräftige Mädchen mühten sich redlich, die randvoll gefüllten Wassereimer von der Seilwinde in die Küche zu schleppen, was allerdings nur zu zweit ging, sodass eine immer verschnaufen konnte. Zwischendrin sausten Küchenjungen im Eiltempo quer über den Hof in die Vorratskammern und zurück zu den Köchen, wobei sie im Slalom um die bereits aufgebauten Sitzbänke und Tische rannten und sehr aufpassen mussten, damit es zu keinem Zusammenstoß mit den Mägden kam.

Die Stalljungen kümmerten sich derweil liebevoll um die Reittiere der Heimgekehrten. Sechs von ihnen waren bereits völlig durchnässt, denn sie führten ein Pferd ums andere zur Tränke und wuschen sie grob ab, bevor sie sie zu ihren Kollegen in die Stallungen führten, wo sie noch einmal gründlich gesäubert, gebürstet und gefüttert wurden. Ein drahtiger, rothaariger Bursche mit dem typischen Kurzhaarschnitt eines niederen Bediensteten hatte sich Crus Falben angenommen und dessen verdreckte Wundverbände erneuert. Nun striegelte er Urschak, der diese Aufmerksamkeit sichtlich genoss und seinen Kopf dösend an die Wand der Stallungen lehnte, nach Leibeskräften. Dankbar lächelte der Sibulek und gönnte seinem treuen Ross jeden Wimpernschlag der Behandlung, dann ließ er seinen Blick weiter schweifen.

In einer Ecke des Burghofes hatten sich die Knappen der adeligen Ritter eingefunden und eine Art Stuhlkreis aufgebaut. Zahlreiche Töpfe mit Waffenöl, Schmierfett und sonstigen Utensilien standen in der Mitte, sodass ein jeder sie erreichen konnte. Fröhlich plaudernd und singend saßen die allesamt noch minderjährigen Jungen darum und polierten die Rüstungen ihrer Herren auf Hochglanz. In der gegenüberliegenden Hofecke probten drei Hand voll Spielleute und Gaukler ihre Nummern. Manch einer hatte sogar schon einige Heimkehrer um sich versammelt und trotz der anfangs mitunter noch recht schiefen Töne fühlten diese sich bestens unterhalten. Der Tanzmeister, ein hagerer, hochgeschossener Kerl mit langen, glatten und streng zurückgebundenen Haaren, gab seinen Tänzerinnen letzte Anweisungen und schüttelte ob der seiner Meinung nach offenbar völlig inakzeptablen Darbietung der Damen wiederholt theatralisch den Kopf. Und mittendrin in dem geschäftigen Gemenge standen einige höhere Verwalter mit höfisch pikierter Miene, Federkiel und langen Listen, deren verantwortungsvolle Aufgabe es war, alles zu koordinieren. Wobei sich schleichendes Chaos wie dieses erfahrungsgemäß nicht kontrollieren, sondern allerhöchstens im Zaum halten ließ.

Zwischen all den fleißigen Geistern sah der Anführer der Weißen Wölfe viele seiner Mitstreiter ausgelassen bei einem Krug Bier oder Most sitzen. Dabei entdeckte er auch etliche Krieger, die nicht dem seinen, wohl aber dem ersten Heer angehörten. Die Grünen Nebel unter dem Befehl Cay Rojahns mussten in der Zwischenzeit ebenfalls zurückgekehrt sein. Eigentlich ein Wunder, dass er den Lärm nicht vernommen hatte. Ihren Befehlshaber konnte Cru jedoch nicht unter den Männern ausmachen und für einen kurzen Moment hoffte er schadenfroh, dass es dem ersten General nicht besser erging als ihm selbst und er jetzt ebenfalls vom Rat der Weisen verhört wurde. Da sich solche Gedanken jedoch weder ziemten noch seine Art waren, schüttelte er kurz den Kopf und wandte sich dann wieder dem regen Betrieb im Burghof zu.

Einige Krieger saßen beim Karten- oder Würfelspiel, wieder andere tollten übermütig mit ihren lang entbehrten Kindern herum oder genossen die Zweisamkeit mit ihren Frauen. Und natürlich gab es auch jene Männer, die ihre Möglichkeiten nach so einem Sieg nutzend auf der Suche nach einer Frau für die Nacht oder sogar das ganze Leben waren und dabei einige Mägde und Dienstmädchen von ihrer Arbeit abhielten. Alles in allem ein wahrlich buntes und reges Treiben, dem der Sibulek ewig hätte zusehen können.

Aus den Augenwinkeln bemerkte er plötzlich eine winkende Person, die sich bei genauerem Hinsehen als sein Schüler und Stellvertreter entpuppte. Der junge Mann hatte die offenbar frisch gewaschenen, goldblonden Haare locker zu einem höheren Pferdeschwanz zusammengebunden, wie er die starre, unbequeme Rüstung gegen lockere Alltagskleidung eingetauscht und trug nun eine leichte Leinenhose mit einer längeren Tunika darüber. Ein kurzes Schmunzeln huschte über das Gesicht des Heermeisters, als ihm sein geistiges Auge das Ebenbild seines Eleven von vor drei Wintern direkt daneben projizierte. Wie die Zeit doch vergangen war!

Unablässig winkend ermutigte der blonde Jüngling ihn, ebenfalls nach unten zu kommen und dem beginnenden Fest beizuwohnen, doch der Sibulek lehnte mit einem Kopfschütteln dankend ab. Auch weitere, fordernde Signale konnten ihn nicht umstimmen und als er seinen Adjutanten mit den Händen in den Hosentaschen von dannen ziehen sah, hoffte er, dass er den jungen Mann nicht allzu sehr verärgert hatte.

Doch im Moment war Cru einfach nicht danach, sich unter das lebenslustige Volk zu mischen. Auch wenn er physisch jetzt hier an diesem Fenster stand, im Geiste war er doch nicht ganz anwesend. Seine Gedanken weilten noch immer draußen auf den Schlachtfeldern. Über die Zeit war ein Teil von ihm irgendwo auf dem Kriegsschauplatz oder der langen Heimreise verloren gegangen und hatte seinen Weg noch nicht wieder zurückgefunden. Darüber hinaus fehlte noch etwas ganz Entscheidendes, bevor auch sein Herz heimkehren und zur Ruhe kommen konnte.

Das Scheppern einer Trompete ließ die aufkommenden Erinnerungen des zweiten Generals zerplatzen wie Seifenblasen.

„Dort, wo nie die Sonne thront, brennt der feurig rote Mond!“, ertönte plötzlich der Wahlspruch des dritten Heeres und ein aus Leibeskräften rufender Bote kam in den Hof geprescht. „Liebe Leute, lasst euch sagen: nie mehr bangen, nie mehr klagen! Die Feinde siegreich sie bezwangen, schon morgen küsst ihr ihre Wangen! Eure Recken werden sein, beim Mittagsmahle schon daheim!“

Noch ehe der Reiter geendet hatte, brandete lautstarker Jubel unter den Anwesenden auf. Zeitgleich klopfte es aufgeregt an der Tür des Sibulek und er wusste sofort, wer vor seiner Kammer stand. Mit gespielt genervtem Gesichtsausdruck öffnete er.

„Ja?“

„Ich störe doch nicht?“

Das unschuldige und gleichzeitig schuldbewusste Lachen seines Zöglings ließ ihn unweigerlich zurücklächeln und noch bevor er ihn dazu auffordern konnte, betrat der Jüngling einfach seine Kammer und ging zum Fenster.

‚Keine Manieren‘, dachte der Heermeister schmunzelnd.

Wortlos schloss er die Tür, gesellte sich zu seinem Schüler und betrachtete ihn eine Zeit lang stillschweigend von der Seite. Kämpfe veränderten Menschen. Die jungen zumeist mehr als die alten.

Sein Schützling war mittlerweile erwachsen und hatte sich trotz oder gerade ob der zum Teil grauenvollen Schlachten zu einem besonnenen, klugen und wissbegierigen jungen Mann entwickelt. Seine diplomatischen und kriegerischen Fähigkeiten hatten sich enorm verbessert und er seine Rolle als Vizegeneral mit Bravour gemeistert. Doch wenn er lachte und strahlte, lag noch immer viel Kindliches in den Zügen des Blondschopfs. Auch wies er wie eh und je eine recht androgyne Erscheinung auf, was dazu führte, dass Andere den Jüngling oft unterschätzten. Seiner Beliebtheit beim weiblichen Geschlecht hingegen tat das keinen Abbruch, wie Cru bei verschiedenen Gelegenheiten festgestellt hatte. Vielmehr machten sein Charme und seine Wohlgestalt seinen Ziehsohn zu einem begehrten Objekt der jungen Frauen jeden Standes und auch jeden Landes, wenn er die Blicke einiger æhranischer Mädchen bedachte. Zudem besaß der Blondschopf einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und Anstand, ungeachtet seines unaufgeforderten Eintretens vor wenigen Augenblicken. Verglichen mit dem naiven Halbstarken, der vor sechs Wintern gemeinsam mit ihm nach Yara gekommen war und weder seine Neugierde noch seine Zunge hatte im Zaum halten können, hatte sein Schüler sich trotz des Krieges vortrefflich entwickelt, wie der Sibulek zufrieden feststellte.

Ein vorfreudiges Blitzen erhellte die kristallblauen Augen des jungen Mannes und einen Moment später brach er in Heiterkeit aus.

„Bist du auch schon so aufgeregt?“

Draußen auf dem Schlachtfeld oder vor den anderen Männern zollte sein Stellvertreter ihm natürlich den nötigen Respekt, doch hier, wo sie unter sich waren, konnte er ihn ungestraft duzen. Nervös trat der Jüngling von einem Fuß auf den anderen. Die Neuigkeiten des Boten hatten ihn sichtlich aufgewühlt.

„Es ist so lange her“, mischte sich plötzlich Betrübnis in die hellblauen Augen seines Schülers. „Ob sie noch leben? Ob er …?“

Eine kleine Träne huschte über seine Wange und erinnerte den Heermeister daran, dass es Dinge gab, die sich wohl nie im Leben änderten.

„Keine Sorge, Forso“, raunte er und schloss seinen jungen Freund väterlich in die Arme, „wir wüssten, wenn ihm etwas zugestoßen wäre. Es geht ihm gut. Ganz sicher! Und er ist bestimmt genauso erfreut, dich wiederzusehen.“

Wie gehofft vertrieben seine Worte die Ängste des Blondschopfs und ließen ihn wieder lächeln. Das vorfreudige Lachen eines kleinen Kindes, dessen Augen wie Sterne strahlten.

„Ja, bestimmt hast du recht. Morgen sehe ich ihn wieder“, sagte Forso mit Nachdruck und wohl mehr zu seiner eigenen Beruhigung denn als Antwort.

Unten im Hof krochen derweil die ersten langen Schatten über die Festungsmauern, das Bankett wurde angerichtet und eine Gruppe Zofen eröffnete den anbrechenden Abend mit einem Tanz.

„Willst du dich nicht wieder unter das Festvolk mischen?“, deutete der Sibulek in die Menge unterhalb des Fensters. „Geh und feiere, du hast es dir verdient! Tanz die ganze Nacht hindurch und du wirst sehen, wie schnell der Morgen kommt und sich dein Wunsch erfüllt.“

Mit einem Nicken rannte der junge Mann zur Tür hinaus. „Mach ich, Cru. Danke!“ Nur einen Wimpernschlag später steckte er noch einmal den Kopf in seine Kammer und warf frech grinsend hinterher: „Aber du solltest dich auch nicht die ganze Zeit zurückziehen und grübeln. Das ist ungesund und gibt nur Falten!“

Lachend schüttelte der Heerführer den Kopf und nur wenig später sah er seinen kecken Schüler von der Hoftreppe springen und ein hübsches, junges Mädchen mit rotblondem Haar, das offensichtlich die ganze Zeit auf ihn gewartet hatte, auf die Tanzfläche ziehen.

‚Typisch Forso‘, dachte er schmunzelnd, ‚wenn es um seinen Bruder geht, ist er wie ein kleines Kind. Na ja, morgen hat er ihn ja wieder. Morgen ...‘

Das letzte Wort hallte noch lange in seinem Kopf wider und ließ ihn frösteln. Augenblicklich verspürte er keine Lust mehr, der Feier weiter zuzusehen. Er zog den dunklen, schweren Vorhang vor, versperrte die Tür und suchte ein dünnes, feines Seidenhemd aus dem Schrank. Beiläufig warf er es sich über und schloss es an einem mittleren Knopf, während er langsam zur anderen Seite seiner Kammer schritt.

Mit einem kräftigen Ruck zog Cru den Vorhang des Fensters zum westlichen Hinterland auf und sog die frische Luft des nahe gelegenen Waldes tief in seine Lungen. Er hatte schon lange nichts mehr gerochen, das so natürlich, so rein war. Die Luft in den Nächten der Kriegszeit war immer stickig, blutschwanger und alt gewesen. Mit jedem Zug fühlte er ein bisschen mehr Leben in sich. Rittlings setzte er sich auf den breiten Sims und starrte gebannt nach draußen. Das kleine Wort schwirrte noch immer durch seinen Kopf und ließ ihn erschaudern.

„Hm, morgen“, flüsterte er gedankenverloren.

Ein Morgen, das er lange herbeigesehnt hatte und vor dem er sich nun, da es so kurz bevorstand, aus unerfindlichen Gründen plötzlich fürchtete.

 
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Neufassung 02/18


Update 07/18:

Für alle, die sich einen groben Überblick über Yara verschaffen und Crus Weg nachverfolgen möchten, gibt es nun Danke meiner großen kleinen Schwester Zennah eine Übersichtskarte. Ihr findet Sie mit diesem Link: https://78.media.tumblr.com/0861284cfb9567890e0fa6cc0cf83ab8/tumblr_pbrpr4evNQ1xzm8wgo2_r1_1280.jpg

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