... die Zeit vergeht

Es war bereits helllichter Tag, als Yva die Augen verschlafen öffnete. Staubkörner tanzten im Sonnenstrahl des lichtdurchfluteten Zimmers. Sie lächelte, streckte sich gähnend, sprang voller Elan aus dem Bett und zog sich Myolas braunes, grobes Leinenkleid an. Leo hatte recht, es war wirklich kaum mehr als praktisch anzusehen. Aber das war egal, sie war gespannt auf den Tag und was er ihr bringen würde. Fast hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sich ein seltsames Gefühl in ihr ausbreitete, beinahe wie gute Laune. Reiß dich zusammen, dummes Mädchen, schalt sie sich selbst.
Als sie die Stufen zum Saal runter lief, bemerkte sie, wie die Leute um sie herumhuschten, aber dennoch unsichtbar blieben. Das trübte ihre Stimmung ein wenig, diese armen Menschen mussten fürchterliche Angst haben, aber sie würde schon bald etwas dagegen unternehmen. Leo kam ihr die meiste Zeit wie ein vernünftiger Mann vor, mit dem man reden konnte. Vielleicht bekam sie die Chance lange genug hier zu bleiben, um sein Verhalten zu ändern. Womöglich begriff er, dass man auch ohne Angst und Schrecken zu verbreiten herrschen konnte. Sofort schalt sie sich erneut innerlich und ärgerte sich über diese Gedanken, die immer häufiger in ihr zum Vorschein kamen. Er brauchte sich nicht mehr ändern, dafür war es zu spät, oder? Sobald sie alles über ihn wusste, würde er sterben müssen. Doch diese Vorstellung wurde immer abstrakter.
Im großen Saal war es so still wie in ihrem Kopf, nachdem sie die düsteren Gedanken abgeschüttelt hatte, dennoch stand der Tisch bereit mit reichlich dampfenden, wohlriechenden Speisen. Hungrig schnupperte sie. Ach, es duftete einfach wunderbar, und da es sich bereits um das Mittagessen handelte, hatte sie wohl den ganzen Morgen verschlafen.
Erfreut setzte sie sich an den Tisch und griff beherzt zu. Das Fleisch war würzig, heiß und fettig, das Gemüse auf den Punkt gegart und mit aromatischen Kräutern garniert und die Kartoffeln waren knusprig gebraten. Sie sparte nicht mit der dunklen Soße und aß voller Appetit die schmackhafte Mahlzeit. Myola kam durch einen Seiteneingang hereingehuscht und stellte ihr schokolierte Apfelschnitten auf einem silbernen Tellerchen hin.
»Oh Myola, du bist ein Engel. Genau davon habe ich gerade geträumt.« Yva schenkte der Dienstmagd ein freundliches Lächeln.
Myola lächelte schüchtern zurück. »Der Koch hat sie extra für Euch zubereitet, mit einem herzlichen Gruß aus der Küche.«
Yva rührte diese nette Geste. »Das war wirklich sehr freundlich von ihm, würdest du ihm ausrichten, wie sehr ich das Mahl und seine Nachspeise genossen habe?«
Myolas Wangen glühten. »Natürlich, das mache ich gerne.«
»Sag mal, hast du deinen Herrn heute gesehen? Er wollte mir noch einiges zeigen, aber er scheint hier nirgends zu sein.«
Myolas Lächeln gefror ihr im Gesicht. »Der Herr lässt sich für heute entschuldigen. Er arbeitet den ganzen Tag und wird Euch morgen früh wieder unterrichten, soll ich Euch mitteilen.«
»Hmm«, entfuhr es Yva grüblerisch. »Dann habe ich heute wohl viel Zeit für mich. Darf ich dich um etwas bitten, Myola?«
»Natürlich, Herrin, Ihr dürft mich um alles bitten.«
»Würdest du mir den Turm zeigen, alle Zimmer und die Menschen, die hier leben? Ich würde sie so gerne kennenlernen.«
Myola klang verwirrt. »Äh … Selbstverständlich, Herrin. Wenn Ihr das wünscht?«

Myola ging vor und führte sie in verschiedene Räume. Sie zeigte ihr die Bibliothek und das Kaminzimmer, welche sich auf der gleichen Ebene befanden wie der Eingangsbereich. Sie waren dunkel und muffig, weil sie seit langer Zeit keiner mehr betreten hatte. Auch der Kamin war seit Jahren kalt. »Es sieht alles so … wie soll ich sagen - vernachlässigt aus. Kommt hier denn keiner her?«
»Wir dürfen nicht lesen und auch das Kaminzimmer ist uns verboten. Der Herr betritt die Zimmer auch nur, wenn er etwas in einem Buch nachschlagen muss, aber das kommt nicht sehr häufig vor. Also dürfen wir uns nicht mehr in diesen Räumen aufhalten, nicht einmal mehr um sauberzumachen.«
»Hmm. Ich glaube, das muss sich ändern.«
»Die Küche befindet sich im Keller, Herrin, wollt Ihr die vielen Stufen trotzdem hinuntersteigen?«
»Will ich. Etwas Bewegung wird mir nach dem üppigen Essen gut tun.«

Die Küche sprühte vor Betriebsamkeit. Ein Koch in einer bemerkenswert weißen Schürze, er hatte sie wohl frisch angezogen, wollte gerade einem seiner Küchenjungen den Kochlöffel über den Schädel ziehen. Erschrocken legte er den Löffel weg und verbeugte sich, als er Yva sah. Der Junge stand nur begriffsstutzig da und gaffte den Koch ratlos an. Dieser erhob seine Hand noch mal, um dem Burschen an den Ohren zu ziehen, damit er sich auch endlich verbeugte. Einige Mägde in hellbraunen Küchenkleidern hatten ihre Arbeit unterbrochen. Die eine rupfte gerade ein Huhn, die andere spülte Yvas Geschirr. Wie war das nur so schnell hier heruntergekommen?
»Herrin«, stotterte der Koch, »ich hoffe, das Essen hat Euch geschmeckt.«
Yva stemmte belustigt ihre Hände in die Seite. »Du hast mir ein hervorragendes Essen serviert und ich wollte mich persönlich dafür bedanken, wie viel Mühe ihr euch alle hier gegeben habt.«
Unsicher schauten die Frauen und der Koch sich an, als hätte Yva einen Scherz gemacht und sie nicht wussten, ob sie lachen sollten.
»Das habe ich ernst gemeint. Und besonders für den köstlichen Nachtisch danke ich dir, mein lieber Koch, du hast mir wirklich eine Freude damit gemacht.«
Zögerlich blickte er auf. »Ich danke Euch für Eure herzlichen Worte, Herrin.«
Sie kam einen Schritt näher an ihn heran und nahm seine mehligen Hände in die ihren. »Oh nein, ich habe zu danken und auch euch anderen danke ich. Ihr bereitet jeden Tag solche Leckereien für euren Herrn zu und nun zaubert ihr auch eine kleine Weile für mich.«
Die Damen und der Küchenjunge hatten sprachlos die Münder geöffnet und der Koch nickte nur. »Sehr gerne Herrin, von Herzen gerne.«
Yva ließ seine Hände los und griff nach einem Handtuch, welches seitlich in seiner Schürze steckte. Lächelnd wischte sie sich das Mehl von den Fingern, gab es ihm dankend zurück und wollte gerade die Kellerküche verlassen, als ihr etwas einfiel. »Sagt mir doch noch kurz, wie schafft ihr das Essen immer so schnell hinauf und das schmutzige Geschirr nach unten?«
Die Frau, die das Huhn gezupft hatte, zeigte stumm auf eine Holztür, die wie eine Art Schranktür in die Wand eingelassen war. Yva ging hin, öffnete den Verschlag und ein leerer kleiner Raum gähnte sie an. »Ich versteh nicht ganz. Ein leerer Schrank?«
Die Frau lächelte zögerlich und sprach das erste Mal seit Yva in der Küche war. »Nein Herrin, das ist kein Schrank, das ist ein Aufzug mit einem Flaschenzugsystem.«
In Yva verstand. »Ah, ich begreife. Ihr setzt das Essen hinein und durch diesen Hebel«, sie zeigte auf einen Griff und die Frau nickte, »setzt ihr den Lift in Gang. Oben wartet dann Myola und kann das Essen servieren. Sehr schlau, wirklich«, sagte Yva begeistert. »Noch eine Frage, wie viel Gewicht hält diese Konstruktion aus?«
»Nun, sie wurde magisch von unserem Herrn verstärkt, ich vermute, so viel, wie hineinpasst.«
In Yva rührte sich der Schalk und sie verzog grinsend die Lippen. »Würdet ihr das mit mir versuchen?«
Der Koch wurde weiß wie sein Mehl. »Das ist völlig undenkbar, was, wenn Euch etwas passiert?«
»Ist denn dem Geschirr schon mal etwas passiert?«, fragte Yva erstaunt.
Die Frauen schüttelten gleichzeitig den Kopf.
»Oder dem Essen?«
Und wieder schüttelten die Damen den Kopf.
»Na dann wollen wir es versuchen.« Yva verspürte eine leise, freudige Aufregung und sagte zu Myola. »Geh nach oben und warte auf mich, wir wollen von dort aus weiter machen.« Sie wartete eine Weile, klatschte aufgekratzt in die Hände und kletterte in den Schacht hinein.
»Einmal nach oben, bitte«, sagte sie fröhlich und winkte, als die Frau mit dem Huhn aufstand, zögerlich die Tür verschloss und den Hebel betätigte.

Die Fahrt war herrlich, als würde sie im Dunkeln fliegen, auch wenn der Raum recht beengt war. Als der Aufzug mit einem leichten Ruck zum Stehen kam, öffnete sie mit vor Aufregung erhitzten Wangen die Tür. Doch anstatt Myola nahm Leo sie in Empfang. Wütend packte er sie am Arm und riss sie aus dem Verschlag. Myola kniete weinend zu seinen Füßen und hielt sich die schmerzende Wange.
»Was bei allen Höllen soll dieser Blödsinn?!«, brüllte er Yva an. Aller Spaß war von ihr gewichen. Sie sah betreten zu Boden und versuchte sich aus seinem schmerzhaften Griff zu befreien.
»Ihr wart nicht da und ich habe Myola gebeten, mir Euren Turm zu zeigen. Ich wollte die Menschen, die hier leben, kennenlernen. Sie kann überhaupt nichts dafür, sie hat nur getan, was ich ihr gesagt habe. Hört auf, sie zu schlagen, wenn Ihr jemand bestrafen müsst, dann bestraft mich.« Ihr Herz klopfte bis zum Hals, sie hatte nicht vergessen, wie kräftig er war und wie leicht er sie hatte verletzen können. Vorsichtig löste sie seine Finger, schob sich an ihm vorbei und stellte sich beschützend vor Myola.
»Du treibst mich in den Wahnsinn, Frau.« Genervt fuhr er sich mit beiden Händen durchs Haar. »Ach mach doch, was du willst. Aber wage es nicht mehr, meine Leibeigenen in deine dummen Ideen hineinzuziehen, sonst werden sie für deine Flausen bestraft, hast du mich verstanden?« Er war vor Wut wieder in das zu vertraute Du verfallen, aber Yva hütete sich, ihn zu tadeln.
»Ich muss jetzt wieder arbeiten. Morgen früh gehen die Übungen weiter. Wenn ich dich beschäftigt halte, kommst du wenigstens nicht auf unpassende Einfälle.« Kopfschüttelnd ließ er von den beiden Frauen ab und verließ den Raum.
Myola sah mit großen Augen zu Yva. »Ihr habt mich beschützt …«, sagte sie fassungslos.
Yva schüttelte traurig den Kopf. »Wäre dem so gewesen, hätte er gar nicht erst Hand an dich gelegt.«
»Oh doch, der Herr ist nicht so leicht zu besänftigen. Er hätte mich genau so gut totschlagen können.«
Yva schloss verbittert die Augen, beinahe hätte sie vergessen, was Leonyo für ein Mann war und warum Shilahm sie hierher geschickt hatte. Deutlich stand ihr die Szene des gekreuzigten Mannes wieder vor Augen. Es entsetzte sie, wie leicht sie Leonyos wahres Naturell ignorierte hatte.
Es war ihm gelungen sie mit den hübschen Sachen zu blenden, die er für sie gekauft hatte. Sie musste wirklich aufpassen, dass sie ihren Auftrag nicht vernachlässigte.
»Myola«, sagte sie nachdenklich. »Wenn dein Herr sagt, dass er arbeiten muss, wo ist er dann?«
»Das weiß ich leider nicht, Herrin. Er verschwindet manchmal und taucht erst Tage später auf, ohne etwas zu sagen. Man sieht ihn oft bei den Ställen, obwohl er ohne Pferd hineingeht und auch wieder herauskommt. Aber wenn wir nachsehen, ist er nicht dort. Manche von uns glauben, er fliegt davon.« Den letzten Satz flüsterte sie und sah sich verstohlen über die Schulter.
Hmm, dachte Yva. Irgendetwas stimmt da ganz und gar nicht. Magier können vieles, aber fliegen gehört garantiert nicht dazu.
»Ich danke dir für deine Ehrlichkeit, Myola. Ich werde mir ein Pferd nehmen und etwas ausreiten. Sollte Leo nach mir fragen, sag ihm, ich würde die Gegend erkunden, da sie ja nun meine neue Heimat ist.«
Myola nickte eifrig und ließ Yva alleine. Die junge Magierin sah an sich herab, das braune Kleid war nicht zum Reiten gemacht, aber es musste genügen. Sie lieh sich einen Überwurf aus Leonyos Garderobe im Eingangsbereich und hüllte sich in den rauen Stoff. Er würde ihr in der Kälte besseren Schutz bieten, als der schwarze Samtumhang, auch wenn er sich sehr unangenehm tragen ließ und an ihrer Haut rieb. Schnellen Schrittes ging sie hinüber zum Stall und öffnete ihn vorsichtig. Es war niemand da, nur die Pferde schnaubten neugierig in ihren Boxen und sahen Yva an.
»Schhhh, meine Hübschen, verratet mich nicht, ich will nur etwas spionieren«, flüsterte sie und streichelte dem ersten Braunen über die Nüstern. Aufmerksam sah sie sich um, nirgends gab es auch nur ein Anzeichen von Leo. Sie schaute von Box zu Box, konnte jedoch nichts Ungewöhnliches finden, weder in den Vollen noch in den Leeren. Ratlos sah sie nach draußen. Mit etwas Glück würde sie noch zwei oder drei Stunden Tageslicht haben. Wenn sie also die Chance nutzen wollte, um mit ihrem Vater und Kasheena in Kontakt zu treten, musste sie jetzt losreiten. Mit geschickten Fingern sattelte sie den Braunen, den sie eben über die Nüstern gestreichelt hatte, stieg auf und machte sich auf den Weg.

Sie hatte den Turm bereits weit hinter sich gelassen und sah vor sich die ersten Ausläufer des Feldes der Verwirrung. Dort hinein zu reiten war wirklich keine gute Idee. Suchend sah sie sich um, keine Menschenseele war zu entdecken, alles war still und einsam. Sie rutschte vom Pferderücken und streckte sich ausgiebig. Dann kniete sie sich auf den kalten nackten Boden, atmete tief ein und wieder aus. So kam sie langsam innerlich zu der Ruhe, die sie benötigte, um den Kontakt zu ihrem Vater herzustellen. Sie sendete ihr telepathisches Rufen in Wellen aus, doch er schwieg.
Verwundert versuchte Yva es erneut, aber er blieb stumm. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich noch etwas mehr, aber es blieb still. Verwirrt schaute sie erneut um sich. Hatte er etwas bemerkt, das sie nicht gesehen hatte? Ihr Blick fiel auf den alten blattlosen Baum, der keine zehn Schritte von ihr entfernt stand, und beinahe wäre sie vor Schreck nach vorn gekippt. Zwei schwarze Eulen starrten sie lauernd mit ihren goldenen Augen an. Es waren Leos Eulen. Dieser Mistkerl hatte doch tatsächlich seine fliegenden Spione auf sie angesetzt. Was hatte sie auch erwartet, nachdem er beim ersten Treffen so misstrauisch gewesen war. Ruhig blieb sie noch eine Weile weiter sitzen und versuchte ihr rasendes Herz zur Ruhe zu bringen. Darum also blieb ihr Vater stumm. Verdammt, wie sollte sie es nur schaffen Kontakt zu ihm aufzubauen, wenn Leonyo selbst in seiner Abwesenheit über jeden ihrer Schritte Bescheid wusste. Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich in Geduld zu üben. Wenn sie Leonyo keinen Grund gab, ihr zu misstrauen, würde er irgendwann unvorsichtig werden. So lange musste sie die Füße stillhalten und hoffen, dass sie im Sinne ihres Vaters handelte. Sie fühlte einen Stich ins Herz, wie gern hätte sie Kontakt mit Kasheena aufgenommen, die Gefühle, die immer wieder zu Leonyo aufwallten, verunsicherten sie. Waren es ihre Gefühle oder die Kasheenas, gegen die sie da ankämpfte? Shilahms Auftrag und Kasheenas Gefühle widersprachen sich. Es wurde immer schwerer, das Richtige zu tun. Schließlich stand sie auf, wischte sich langsam den Staub vom Kleid und machte sich auf den Rückweg. Die Vögel würdigte sie keines Blickes mehr.

Als sie das Pferd in den Stall zurückbrachte, kam der Stallmeister atemlos angelaufen. »Der Herr will Euch sehen. Ich werde mich um das Pferd kümmern. Geht. Schnell!«
Yva schluckte. Natürlich, was auch sonst, aber sie lächelte den Mann an. »Ich danke dir für deine Hilfe«, drehte sich um und ging mit klopfendem Herzen in den Turm. Zu Yvas Verwunderung hielt Leonyo sich im Kaminzimmer auf, wie Myola ihr mitteilte. Noch einmal tief einatmend trat sie in das Zimmer und setzte ein sanftes Lächeln auf.
»Wo warst du?« Keine Begrüßung, nur eine kühle Frage kam über seine Lippen, während er mit dem Schürhaken im Feuer stocherte, welches wohl erst seit kurzem brannte. Es dämmerte bereits und das Feuer warf wilde Schatten an die Wand. Es knisterte und roch angenehm nach brennendem Holz und dem darin eingeschlossenen Harz.
»Ich bin ausgeritten«, sagte sie ruhig. »Ich habe eines Eurer Pferde genommen. Damit bin ich durch die Gegend geritten, bis ich an ein Feld mit hohen Sträuchern kam und das Pferd nicht mehr weiter wollte. Dann habe ich mich auf den Rückweg gemacht.«
»Was wolltest du da draußen?«
Sie wusste, dass es keinen Zweck hatte zu lügen, er hatte durch die Augen der Eulen sehen können, was sie getan hatte.
»Ich habe versucht, telepathischen Kontakt zu meinen Stiefeltern aufzubauen.« Sie dachte an Kasheena und Johulas.
Leonyo drehte sich zu ihr um, den Haken noch in der Hand. »Warum?«
Eine Träne ran Yva das Gesicht hinunter und sie spürte, dass es die Wahrheit war. »Weil ich sie vermisse, ich habe sie seit Jahren nicht gesehen.«
»Ich nehme an, es hat nicht geklappt?«, es war mehr eine Feststellung als eine Frage und er stellte den Schürhaken weg.
Yva schüttelte den Kopf, unfähig laut zu antworten.
»Weißt du, warum es nicht funktioniert hat?«
Yva schüttelte erneut den Kopf, obwohl sie es sehr wohl wusste.
»Deine Stiefeltern haben keine magischen Fähigkeiten. Über so eine weite Strecke kann man nur Kontakt zu anderen magischen Wesen aufnehmen und das auch nur, wenn beide Parteien magisch sehr stark sind.« Er sah sie nachdenklich an. »Du vermisst sie wirklich, nicht wahr?«
Yva nickte, während ihre Wangen glühten. Sie fühlte sich schlecht, weil ihr Vater sie ignoriert hatte, aber sollte Leo ruhig glauben, dass es so war, wie er sagte.
Er trat näher und legte seine Hand auf ihre Brust, knapp unter dem Schlüsselbein, ohne sie jedoch unsittlich zu berühren. »Du musst stärker werden. Und damit meine ich nicht die Stärke deiner Magie, sondern die deines Herzens, hier drin. Du bist zu weich, zu freundlich. Ich fühle, dass in dir eine große Macht schlummert, aber solange du Angst davor hast, wirst du immer schwach bleiben.«
Yva schluchzte und nickte halbherzig. Er hob seine Hand unter ihr Kinn und zwang sie so, ihm in die Augen zu sehen.
»Mein kleiner strahlender Stern, du musst noch so viel lernen. Und wenn du weiter an deinen telepathischen Kräften arbeiten willst, dann mach es ruhig hier, ich werde deine magische Spur nicht verfolgen.«
Oh diese Augen, diese klaren, eisblauen Augen. Wie hypnotisiert nickte Yva erneut und blieb an seinen Lippen hängen. Sie waren sanft geschwungen und sahen einladend weich aus. Abrupt wurde sie aus ihrer Träumerei gerissen, als er sie losließ und sich anschickte, den Raum zu verlassen.
»Ich habe das Kaminzimmer reinigen lassen, genau wie die Bibliothek. In der Zeit, in der ich beschäftigt bin und arbeiten muss, erwarte ich von dir, dass du über Magie liest, was es zu lesen gibt und dich so weiter bildest. Ich weiß, dir liegt das Lesen nicht sonderlich, aber dennoch gibt es Dinge, die in diesen Büchern stehen, die dich zu einer besseren Magierin werden lassen. Einige Stellen habe ich markiert, damit du nicht alle Bücher durchwälzen musst, vielleicht hilft dir das ja einwenig.«
Verwirrt fasste sie sich an den Kopf. »Ist gut, ich werde tun, was Ihr wünscht.«
Er sprach sie weiterhin vertraut an, dennoch würde sie auch künftig höflich bleiben, schon alleine aus Angst, die Distanz noch mehr zu verringern.
»Aber in den nächsten Tagen werde ich wieder mehr Zeit für dich haben. Solche Tage wie heute werden die Ausnahme sein, auch wenn ich dank dir, ständig unterbrochen wurde, hatte ich eine große Erkenntnis«, sagte er, ohne genau ins Detail zu gehen. Die Fragen brannten ihr auf der Zunge. Was tust du? Was verbirgst du vor mir? An was arbeitest du so geheimnisvoll? Wohin verschwindest du, wenn du angeblich arbeitest? Doch es blieb beim Denken. Es war zu früh und noch konnte sie sich Zeit lassen.

Der nächste Tag begann wieder in der Frühe. Die Sonne war noch nicht bereit, ihr Auge über den Horizont zu heben, als Yva von Myola geweckt wurde.
»Guten Morgen, Herrin. Der Herr erwartet Euch zum Frühstück.« Myola zog die dicken Vorhänge auf, aber es wurde nicht heller im Raum. Yva seufzte verschlafen. »Ja, ich bin gleich wach, nur einen kurzen Augenblick.« Ihre Augen waren schwer wie Blei und es fiel ihr wirklich schwer, wach zu werden. Sie stöhnte, als sie sich aufsetzen wollte.
»Was habt Ihr, Herrin?«, fragte Myola besorgt.
Das war eine verdammt gute Frage.
»Ich weiß es nicht, Myola. Vermutlich habe ich einfach nicht gut geschlafen.«
»Ich werde dem Koch sagen, dass er Euch einen stärkenden Kräutertee zubereiten soll. Wünscht Ihr etwas Besonderes zum Frühstück?«
»Danke, Myola, du bist immer so fürsorglich. Aber ich weiß nicht, ob ich überhaupt etwas hinunter bekomme, ich fühle mich … seltsam.«
»Gerade dann müsst Ihr gut Frühstücken, ich werde es dem Koch ausrichten lassen. Könnt Ihr mich entbehren, oder soll ich Euch noch rasch beim Ankleiden helfen?«
Yva lachte kurz und sagte: »Danke, aber das werde ich wohl hinbekommen. Geh ruhig, du hast sicher viel zu tun.«

Die anfängliche Erschöpfung begann sich langsam zu verflüchtigen, so schob sie es auf einen unzureichenden Schlaf. Als sie sich in den Saal begab, in dem Leo bereits auf sie wartete, hob er stirnrunzelnd den Kopf.
»Ich kann es kaum erwarten, die neuen Kleider an dir zu sehen. Das Braun ist wirklich eine Beleidigung für die Augen.«
Yva verdrehte die Augen. »Ich wünsche Euch ebenfalls einen wunderbaren Morgen, mein Herr. Habt Ihr nicht gut geruht?«
Leo schaute sie ausdruckslos an. »Na besser als du, wie es scheint. Du siehst müde aus.«
»Das bin ich tatsächlich, ich fürchte, ich habe nicht gut geschlafen, aber etwas frische Luft und mir wird es wieder besser gehen.«
»Gut. Setz dich, dein Tee wird gleich serviert und greif bei den frischen Früchten zu, sie werden dich stärken.«
Das ließ Yva sich kein zweites Mal sagen, ihr Appetit war mit lautem Magenknurren zurückgekehrt. Der silberne Teller füllte sich mit frischem warmen Brot, Butter und Honig. Die Apfel- und Birnenstücke ließ sie sich ebenfalls munden, während Myola ihr Tee einschenkte. Wie herrlich er roch, nach Blüten und Kräutern und er schmeckte so gut, süß und aromatisch.
»Du hast einen ausgezeichneten Appetit, Yva. Erfrischend, das bei Frauen zu sehen, die sonst so erpicht darauf sind, jedes Gramm an ihren Hüften zu verlieren.«
»Ich bin nicht wie andere Frauen«, sagte Yva, bevor sie etwas dagegen tun konnte. Sie sah ihn mit großen Augen an. »Also … das hörte sich jetzt seltsam an.«
Die Andeutung eines Lächelns legte sich auf Leos Gesichtszüge. »Völlig in Ordnung. Eine normale, langweilige Frau hätte ich ganz sicher nicht hier behalten. Deine Art und Weise macht mich neugierig und unterhält mich. Du bist ein einziges Rätsel, das ich zu lösen gedenke.«
Yva rutsche unwohl auf ihrem Stuhl hin und her. »Ein Rätsel bin ich also, ja? Nun dieses Rätsel würde jetzt wirklich gerne weiter bei Euch in die Lehre gehen.« Unangenehm berührt stand sie auf und sah Leonyo abwartend an. Der Magier schien sich dagegen köstlich zu amüsieren, tupfte sich den Mund mit einer Serviette ab und nickte bereitwillig. »In Ordnung, dann lass uns keine Zeit mehr verlieren. Heute gehen wir zum Brunnen und ich erkläre dir die Grundregeln der Wassermagie.«

Im Hof pumpte Leo einen hölzernen Eimer voll Wasser und stellte ihn vor Yva. »Wasser gehört zum wichtigsten der Elemente. Genau wie Feuer, kann Wasser zerstören, aber es ist auch nötig, um zu überleben. Wasser ist vielseitig formbar. Am besten geeignet ist natürlich eine vorherrschende Quelle, wie in diesem Fall ein Eimer voll Wasser. Aber genauso gut kannst du es anderen Dingen oder Lebewesen entziehen. Nutze die Wolken am Himmel, wenn diese nicht vorhanden sind, Pflanzen, Tiere und natürlich auch Menschen.« Er hob seine Hände und das Wasser stieg in einer Säule empor. Er schloss die Hände zu Fäusten. Das Wasser gefror im Bruchteil eines Augenblickes und stand fest im Eimer.
»Um Wasser zu formen, musst du zwei Elemente beherrschen. Damit es gefrieren kann, musst du ihm Wärme entziehen, um es zum Dampfen zu bringen, musst du ihm Wärme zuführen.«
Yva flüsterte ein erstauntes »Oh«, um ihm zu zeigen, wie beeindruckend sie seine Fähigkeiten fand. »Wasser und Feuer«, sagte Yva.
»Richtig.« Er ließ seinen Zeigefinger kreisen und flüsterte leise Worte. Prompt schmolz die Säule von innen heraus und eine weiße Dampfwolke umfing sie wie in einer Waschküche. Erheitert klatsche Yva in die Hände. »Lasst mich auch mal versuchen.«
Er schnippte mit den Fingern und das Wasser floss sanft zurück in den Eimer. »Nur zu, ich bin gespannt. Konzentriere dich, stelle dir im Geiste vor, was du mit dem Wasser machen willst. Habe es bildlich vor Augen und dann befehle dem Wasser zu tun, was du willst. Du kannst die Worte laut sprechen, aber auch leise und irgendwann schaffst du es durch reine Gedankenkraft.«
Yva nickte eifrig. »Gut, ich will es versuchen.« Sie rieb kurz ihre klammen Hände aneinander und hauchte etwas Wärme hinein, dann tat sie so, als würde sie sich konzentrieren. »Steige empor«, in theatralischem Ton. Das Wasser gehorchte augenblicklich und Leo entfuhr ein Laut des Erstaunens. Das war nicht gut, sie war zu schnell. Sachte, sodass es nicht gleich auffiel, ließ sie die Säule in sich wackeln und mit einem lauten Platschen in den Eimer zurückfallen. »Oh nein, es hat doch so gut angefangen«, schmollte sie.
Leo kniff misstrauisch die Augen zusammen. »Ja, in der Tat, wirklich verdammt gut, du bist ein Naturtalent.« Weiter sagte er nichts dazu und ließ sie endlose Übungen machen, Wasser in Eis formen, in Dampf, wieder in Wasser. Sie trainierten Stunde um Stunde, was sie nur unterbrachen, um den Imbiss aus kaltem, gebratenen Huhn und heißem Tee zu sich zu nehmen, den Myola ihnen brachte. Als es dämmerte, war sie völlig ausgelaugt.
»Ihr fordert mich zu sehr, Leo. Ich bin völlig am Ende«, sagte sie und lachte, ihre Wangen glühten von der Kälte des beginnenden Winters.

Sie übten jeden Tag mit verschiedenen Elementen. Yva lernte von Leonyo, wie man Luft als Waffe einsetzte. Er brachte ihr bei, wie man Dinge gezielt vom angestammten Platz stieß und Elemente miteinander verband, um sie auf diese Art wesentlich gefährlicher zu machen. Erde zu beherrschen fiel Yva am leichtesten, stellte sie fest. Mit Erde erschuf man neue Dinge und zerstörte sie nicht. Etwas, das Yva besonders mochte, Yva stellte sich mit der Beherrschung aller Elemente geschickt an, aber nie so kunstfertig, dass Leo misstrauisch wurde. Zumindest hoffte sie das. Und auch wenn es absurd war, Yva musste sich eingestehen, dass sie den Unterricht liebte, auch wenn er sie an ihre Grenzen brachte.

»Die Elemente gehören den Jahreszeiten. Wie das Feuer zum Sommer gehört, wird das Wasser dem Winter zugeordnet, die Erde dem Frühling und die Luft dem Herbst. Dennoch fließen sie ineinander, denn das eine kann nicht ohne mindestens ein anderes auskommen. Sie brauchen sich wie Geschwister und so werden sie in der Fabelwelt auch genannt. Ich habe einige Bücher darüber, die dich interessieren könnten«, erklärte er ihr eines Morgens. Er war ein wirklich guter Lehrer. Er verlor nie die Geduld oder wurde hektisch. Immer wieder zeigte er ihr, was sie tun musste und warum so und nicht anders. Durch Kasheena war sie bereits mit der Magie und ihrer Grundlage vertraut, durch ihren Vater wusste sie, wie viel Macht sie besaß und wie sie die Kraft einsetzen konnte. Aber Leo zeigte ihr den Sinn der Magie und welche Möglichkeiten ihr offenstanden. Sie war fasziniert von seiner Denkweise und begriff, warum er so nach Macht hungerte. Er war schrecklich einsam in seinem Wissensdurst und war in der Vergangenheit immer wieder missverstanden worden. Selbst Kasheena hatte nicht erkannt, dass er nicht wirklich böse war. Er war neugierig und ein Perfektionist, das hatte ihn rücksichtslos werden lassen und gefühllos. Er hatte furchtbare Dinge getan, daran gab es nichts zu beschönigen. Und auch das er aufgehalten werden musste, war fraglos notwendig, aber musste er gleich sterben?

Die Tage vergingen schnell und Yva verbrachte viel Zeit mit Leo, der ihr verschiedene Techniken beibrachte. Auch theoretisch sprach er viel über Magie und das die Möglichkeiten praktisch unendlich waren, wenn man sie richtig einsetzte. Obwohl sie nicht wissen wollte, was er mit seiner magischen Kraft bereits alles zerstört hatte, hörte sie ihm dennoch aufmerksam zu. Es war doch schließlich ihre Aufgabe, alles über ihn in Erfahrung zu bringen. Zumindest sagte sie sich das am Anfang.
Es wurde immer schwerer, sich das einzureden. Doch zu tun, was er von ihr verlangte, wurde immer leichter.
Die verbotene Magie anzuwenden wurde beinahe selbstverständlich. Er zeigte ihr, wie man ein einfaches Feuer zu einem Inferno wachsen ließ und einen Sturm beschwor, der Bäume entwurzelte. Er zeigte ihr, wie man Wasser in regnende Eisdolche verwandelte, die flächendeckend ganze Landstriche vernichten. Yvas Spiel mit den zerstörerischen Elementen wurde immer besser, und sie lernte tatsächlich viele Dinge, die sie weder von Kasheena noch ihrem Vater wusste. Aber sie achtete stets darauf, dass kein Mensch bei ihren Übungen zu Schaden kam.
Irgendwie schien ihre Art und Weise auch auf Leonyo Einfluss zu nehmen. Seine Bediensteten wurden nicht mehr als Ziele seiner Magie missbraucht und sein Verhalten konnte man beinahe schon als freundlich bezeichnen. Seine reservierte Art ließ nach und sie erwischte ihn immer öfter dabei, wie er mit ihr zusammen lachte und auch die Strenge zu seinen Arbeitern nachließ. Der Mann, der durch die harte Schale durchschien, war so facettenreich wie außergewöhnlich.
Yva hätte diese Zeiten mit ihm wirklich aus vollen Zügen genießen können, wenn da nicht diese seltsame Abgeschlagenheit gewesen wäre, die sie immer öfter einholte. Sie schob es auf das anstrengende Training. Sie hätte nur nie für möglich gehalten, dass die geringe Magie, die sie bisher angewendet hatte, sie so erschöpfen würde.

»Heute legen wir eine Pause ein, kleiner Stern.« Er nannte sie in letzter Zeit öfter so, eine Vertraulichkeit, die sie zuließ. Auch wenn sie wusste, dass das falsch war. Ein kleiner Teil in ihr genoss es sogar.
»Warum?«, fragte sie zurück. »Nicht, dass ich etwas gegen eine Pause hätte. Um die Wahrheit zu sagen, ich fühle mich in letzter Zeit etwas ausgelaugt und unwohl.«
Leo lächelte nachsichtig. »Heute kommt die Schneiderin, und ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich darüber bin. Diesen braunen Fetzen bin ich wirklich leid geworden.«
Yva schaute an sich hinunter. »Ich habe mich mittlerweile richtig an den Stoff und die Farbe gewöhnt.« Sie fing an zu strahlen. »Aber ich bin jetzt schon sehr gespannt auf die neuen Gewänder. Du hast Recht, es wird Zeit Myola ihr Kleid zurückzugeben«, sie stockte. »Es ist erstaunlich, das bedeutet aber auch, dass ich bereits seit einigen Wochen hier bin. Die Zeit fliegt nur so dahin.«
Galant reichte Leonyo ihr seinen Arm, den sie dankend annahm, und gemeinsam gingen sie in den Sternensaal.

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beta
Fairy Dust

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