Dora

Eva konnte weder ihn, noch sich selbst täuschen. Sie hatte Angst. Vor der eigenen Tochter. Denn trotz allem war sie das: Ihr Kind. Sie hatte Dora unter dem Herzen getragen und sie zur Welt gebracht. Seit acht Jahren war sie dem Mädchen eine wundervolle Mutter. Johann hegte keinen Zweifel daran, dass Eva ihre Tochter inniglich liebte. Doch war ihm nicht entgangen, wie sie Dora ansah. Er spürte Evas Unwohlsein, wenn sie gezwungen war, mit ihr alleine zu sein. Zudem sorgte sich seine Frau wegen des Getuschels im Dorf. Obgleich sie es nie zugeben würde, teilte sie insgeheim die Meinung der tratschenden Weiber.

Nachdenklich betrachtete Johann seine Tochter, die neben ihm, auf dem von der Sonne vorgewärmten Steinwall saß. Arglos lächelte sie ihn an. Die goldenen Sprenkel in ihren violetten Augen leuchteten und die gebräunten Kinderbeine baumelten über saftigem Grün. Die Ziegen grasten zufrieden und auch Dora wirkte glücklich. Eine reine Kinderseele, wie sie unschuldiger nicht hätte sein können. Er fragte sich, was die Aufmerksamkeit der Leute erregt haben mochte. Dora verhielt sich in Gegenwart von Fremden stets unauffällig. Abgesehen von ihrer sonderbaren Augenfarbe unterschied sie sich nach außen hin nicht von ihren Altersgenossen. Gleichwohl redeten die Leute. Hinter vorgehaltener Hand munkelten sie, sein kleines Mädchen sei eine Hexe. Johann plagte das schlechte Gewissen. Es verging kein Tag, an dem er sich nicht fragte, ob es klug gewesen war, jenen Pakt einzugehen, von dem nur er und Eva wussten. SIE war keine Hexe. SIE diente weder Gott noch Teufel.

Eine dunkle Vorahnung umwaberte ihn. Sein Blick wanderte zu den schwarzen Wolken, die sich weiter oben, an den schroffen Felstürmen des Rosengartens, zusammenbrauten. Ein bedrohliches und zugleich faszinierendes Bild. Sie befanden sich gute tausend Höhenmeter unterhalb. Lediglich der leise Wind, der durch die Blätter der vereinzelten Buchen rauschte, die hier oben noch der Kälte trotzten, kündete von dem aufziehenden Unwetter.

»Sieh nur, Vater.« Dora strich eine haselnussbraune Strähne aus ihrem Gesichtchen und deutete auf zwei schwarze Scheren, die sich aus den Mauerfugen schälten. Der Skorpion war nicht groß. Von Kopf bis Stachel maß er höchstens vier Zentimeter. Nicht giftiger als eine ordinäre Wespe.
»Ein hübsches Tier«, flüsterte Dora andächtig. Schon streckte sie die Finger aus, um den dunklen Panzer zu berühren.
»Reiz ihn nicht, Dora!« Johann ergriff die Hand seiner Tochter und zwang sie, inne zu halten. Schönheit lag zweifelsohne in den Augen des Betrachters. Doch ein Skorpionstich war eine schmerzhafte Erfahrung, die er seinem Kind gerne ersparen wollte.
Der Skorpion verharrte einige Sekunden regungslos an Ort und Stelle. Als wartete er auf ein Zeichen. Auch Dora wirkte angespannt. Ihre violetten Augen blickten entschlossen. Die Zeit selbst schien den Atem anzuhalten. Plötzlich kam Leben in das Tier. Zielstrebig krabbelte es auf Dora zu, hob dabei die Zangen und rollte seinen Stachel nach oben. Johann traute seinen Augen nicht. Der Skorpion ging zum Angriff über. Lag es an dem heraufziehenden Gewitter? Insekten waren in der Ruhe vor dem Sturm ungewohnt aggressiv. Dora zeigte jedenfalls keinerlei Anstalten, der Attacke aus dem Weg zu gehen. Sie glich einer lauernden Katze - ihre Beute im Visier. Johann versuchte, sie von der Mauer zu ziehen, doch Dora war schneller. Behände riss sie sich aus Johanns Umklammerung. In einer fließenden Bewegung pflückte sie den Skorpion von den warmen Steinen, führte ihn zum Mund und trennte mit einem beherzten Biss den Körper vom Giftstachel. Die Spitze zuckte kurz, bevor sie ins Gras fiel, doch Dora schien unversehrt. Der Panzer knackte, als sie ihn zermalmte und die Überreste des Spinnentieres genüsslich verspeiste. Sowohl der groteske Anblick als auch das knirschende Geräusch ließen Johann zusammenfahren.
»Warum hast du das getan«, flüsterte er heiser.
»Er wollte mir weh tun.« Der Augenaufschlag unter den dichten Wimpern war der eines Engels. Dennoch spürte Johann, wie sich die feinen Härchen in seinem Nacken aufstellten. Zum ersten Mal fragte er sich, ob seine Tochter das unschuldige Kind war, das sie vorgab, zu sein. Sogleich schalt er sich für diesen Gedanken und erstickte ihn im Keim. Doch die Saat war ausgebracht und sein verwirrter Geist bildete einen fruchtbaren Nährboden.

Der Wind hatte an Stärke zugenommen. Er ließ die Glockenblumen tanzen, kämmte das Gras und zerzauste Doras Locken. Die Ziegen horchten auf. Helle Blitze schossen aus dem schwarzen Himmel über dem Rosengarten und tauchten die zackigen Felsen in ein gespenstisches Licht. Sie mussten aufbrechen. Die Gewitterfront schob sich unaufhaltsam in ihre Richtung. Auch das Donnergrollen rückte näher.

Johann spürte, dass Dora ihn beobachtete. Er wandte sich ihr zu und erschrak. Durch dunkel umwölkte Augen hindurch starrte SIE ihn an. Eine Seele, so alt wie die Erde, bediente sich des Körpers seines geliebten Kindes. Johanns Verstand konnte noch immer nicht fassen, was das Herz längst begriffen hatte. Dora war eins mit IHR und dem bleichen Berg. Staub aus seinem Fels. IHR Geist und Johanns Fleisch und Blut. Miteinander verwoben auf ewig.
»Vater, warum siehst Du mich so seltsam an?« Die Kleinmädchenstimme riss ihn aus seinen Gedanken. Ihre violetten Augen musterten ihn unsicher. Keine Schatten mehr, die sie verdunkelten. Johann zog das Kind an sich und strich ihm zärtlich über die seidigen Locken. Dora schlang ihre Arme um seinen Hals und presste das weiche Gesichtchen an seine stachelige Wange.
»Du bist meine Sonne. Ich liebe Dich mehr als alles auf der Welt.« Johann atmete tief ein und sog den Duft ihres Haars in sich auf. Ihr Herz hämmerte gegen seine Brust. »Aber ich mache mir Sorgen.«
»Ich bin nicht wie die anderen, oder?« Ihr warmer Atem kitzelte sein Ohr.
»Wie meinst Du das?« Würde sie nun bestätigen, was seine Augen und sein Gefühl ihn glauben machten?
»Die anderen Kinder haben Angst vor mir. Und ich glaube, sie können es nicht.«
»Was können sie nicht?« Johann fühlte das Blut durch seine Adern rauschen. In seinem Kopf summte es eigenartig.
»Wenn ich etwas sehe und ganz fest daran denke, dann macht es das, was ich will.«
»Ich verstehe nicht«, sagte Johann. Dabei wusste er sehr wohl, wovon seine Tochter sprach. Er war weder blind noch taub.
»Der Skorpion vorhin. Ich hätte mir wünschen können, dass er sich selbst tötet. Das ist leicht. Aber ich wollte ihn essen.«
Trotz der Wärme, die ihr zarter Körper ausstrahlte, fröstelte Johann. Sein dröhnender Schädel ließ ihn keinen klaren Gedanken fassen.
»Hörst Du sie flüstern?« Dora hob ihren Kopf. Sie erinnerte Johann an ein Tier, das soeben Witterung aufgenommen hatte. Er schauderte. Zögernd schüttelte er den brummenden Kopf. »Von wem sprichst Du?«
»Die Stimmen.« Dora lauschte angespannt und wand sich aus Johanns Armen. Sie richtete sich auf und blickte ihren Vater ernst an. »Sie wollen mich warnen.«
»Wovor?« In jene Welt konnte Johann seiner Tochter nicht folgen. Zwar hatte sie damals ihre Pforten einen Spaltbreit geöffnet und das Unfassbare durch die schmale Öffnung schimmern lassen. Doch er hatte nur einen kurzen Blick darauf werfen könne. Allein dieser reichte aus, ihn zu verstören und die Angst vor dem Tod zu schüren, statt sie zu nehmen.
»Vor den Menschen.« Die Antwort war nur ein Wispern. So leise, dass Johann einen Atemzug lang überlegte, ob er sich verhört hatte. In diesem Augenblick zuckte direkt über ihnen ein Blitz und färbte den Himmel gelb. Kurz darauf folgte polternd der Donner. Das Gewitter hatte sie erreicht. Johanns Blick schweifte nervös und ziellos umher. Obgleich es unnötig war. Die Umgebung war ihm ebenso vertraut wie das Innere seiner Westentasche. Kein Unterstand weit und breit.
»Vater, Du musst keine Angst haben. Das Unwetter kann uns nichts anhaben.« Doras ruhige Stimme beendete Johanns rast- und sinnlose Suche. Die ersten Tropfen fielen auf sie herab. Kleine Rinnsale schlängelten sich über ihr anmutiges Puppengesicht. »Der Donner und der Regen. Sie sind Musik. Lassen meinen Körper schwingen und klingen.« Dora lächelte und verdrängte damit Johanns Impuls, sie in Sicherheit bringen zu wollen. Nicht sie musste gerettet werden, sondern er. Neben ihnen zerriss ein weiterer gleißender Blitz das Firmament. Der Krach war ohrenbetäubend. Nur wenige Meter von ihnen entfernt hatte das Himmelsfeuer eine Fichte in eine zehn Meter hohe Fackel verwandelt. Dora lächelte noch immer.

Es hatte schon weitaus schlimmere Unwetter gegeben, die sich eine Freude daraus machten, das Dorf in die Mangel zu nehmen und es kräftig durchzuschütteln. Es dauerte nicht lange und der Sturm zog weiter. Die graue Regenwand im Schlepptau. Als die Sonne erneut ihre Strahlen aussandte und die Vögel zaghaft ihre Melodien wieder aufnahmen, kamen auch die Menschen aus ihren Häusern, um die Spuren der Verwüstung zu beseitigen, soweit es ihre begrenzten Mittel zuließen. Die Bergwelt wirkte reingewaschen. Schneebedeckte Gipfel erhoben sich vor einem kobaltblauen Hintergrund. Nasses Grün leuchtete im goldenen Licht. Johann atmete frische, klare Luft, als er mit Dora und den Ziegen den Weg zu ihrem kleinen Gehöft emporstieg. Durchnässt bis auf die Knochen, aber wohlbehalten kehrten sie nach Hause zurück. Sein Verstand konnte ihm nicht erklären, wie sie es geschafft hatten. Doras nackte Fußsohlen tanzten vor ihm über den von Dreck umspülten Schotter. Neben ihnen waren Bäume umgestürzt. Unter ihnen hatten Sturzbäche die Pfade in rutschigen Morast verwandelt und über ihnen war das Poltern und Klackern unzähliger Steinschläge zu hören gewesen. Nicht nur einmal war ihnen zusätzlich zum Wind ein Geröllhagel um die Ohren gepfiffen. Es grenzte an ein Wunder, dass sie ohne den kleinsten Kratzer davongekommen waren. Oder? Johanns Herz wusste und es trug schwer. Die Leute hoben ihre Köpfe und sahen ihnen nach. Er spürte ihre misstrauischen Blicke im Rücken.

Eva erwartete sie bereits. Die Sorge in ihrem Gesicht wich Erleichterung, als sie Mann und Kind erblickte. Ihr Kuss war warm und Johann bildete sich ein, dass in ihren braunen Augen doch noch ein Funken Liebe für ihn glomm. Er sah zu, wie Eva ihre Tochter an ihre Brust drückte und beide in einer innigen Umarmung verharrten. Das Mädchen schien die Zuneigung der Mutter förmlich in sich aufzusaugen. Wie ein Äffchen hing es an Evas Hals. Johann zweifelte nicht daran, dass auch Dora die Furcht spürte, die ihre Mutter ihr gegenüber empfand. Umso mehr genoss sie die intensive Zuneigung, die ihre gerade zuteil wurde. »Könnte es doch nur immer so sein«, dachte Johann wehmütig.

Sie schlüpften in trockene Kleidung und wärmten sich am Kachelofen. Anschließend machte sich Johann daran, das Gatter vom Ziegenstall, das der Sturm aus den Angeln gehoben hatte, neu zu befestigen. Währenddessen sammelte Eva Fallobst und Reisig auf. Dora fegte den Hof.
»Sieh an! Die Dora mit dem Besen. Magst Du uns zeigen, wie Du darauf reitest? Ihr Hexen habt das doch im Blut!« Ein flachsblonder Schopf tauchte hinter der Steinmauer auf, die um das gesamte Grundstück herumführte. Es war Sophie vom Nachbarshof. Aufgeschreckt hoben Eva und Johann die Köpfe und unterbrachen ihre Arbeiten. Dora stand wie eine Statue mitten auf dem Platz und hielt den Besenstiel fest umklammert. Da Dora Johann den Rücken zuwandte, konnte er das Gesicht seiner Tochter nicht sehen. Das Sopherl ließ keine Gelegenheit aus, um Dora zu traktieren. Liebend gerne hätte er dem gemeinen Nachbarsbalg die Zöpfe langgezogen. Er kam hinter dem Schuppen hervor und hoffte, dass seine Gegenwart bereits ausreichte, um die kleine Göre zum Schweigen zu bringen. Doch Sophie dachte nicht daran, ihr Schandmaul zu halten.
»Dora komm und reite für uns auf Deinem Besen«, sang sie und balancierte die Mauer entlang. Weiter unterhalb ertönte Gekicher. Sophie war nicht alleine unterwegs. Sie und die Burschen vom Kofler Josef waren wie Pech und Schwefel. Wo der eine sich aufhielt, konnten auch die anderen nicht weit sein.
»Verschwinde, Du missratene Dirn! Oder es setzt was!« Johann fuchtelte drohend mit seinem Hammer, doch Sophie lachte nur.
»Du kannst mir gar nichts! Wenn Du mich anrührst, werde ich es sofort dem Vater erzählen und der hetzt das ganze Dorf auf Dich und Deine Hexe!«
Johann schnaubte vor Wut, doch er zweifelte keinen Augenblick daran, dass Sophie ihre Drohung wahrmachen würde. Fieberhaft überlegte er, was diese Plage dazu bringen mochte, sich von seinem Hof zu scheren. Da ergriff Dora das Wort:
»Mach, dass Du wegkommst! Du und Dein Vater werden es sonst bereuen!« Sie erhob ihre Stimme gerade so weit, dass Sophie sie und die unmissverständliche Warnung in ihren Worten verstehen konnte. Doras Aufforderung brachte Sophie kurz aus dem Takt. Irritiert musterte sie das versteinert wirkende Antlitz ihrer Altersgenossin. Johann war nun bei seiner Tochter angelangt und hatte ihr die Hand auf die Schulter gelegt. Besorgt studierte auch er Doras Gesicht, das keinerlei Gefühlsregung zeigte. Nur am Rande nahm er Notiz von dem herannahenden Hufgetrappel. Sophie hatte inzwischen ihre Fassung wieder zurückerobert und stemmte herausfordernd die Hände in die Hüften.
»Du willst mir drohen, Hexe? Denkst Du wirklich, ich habe Angst vor Dir?« Sophie legte den Kopf in den Nacken und wieherte wie ein Pferd. Ihre Kumpanen, die es sich inzwischen ebenfalls auf der Mauer gemütlich gemacht hatten, stimmten augenblicklich in das Gelächter mit ein.
»Ja. Wenn Du wirklich glaubst, dass ich eine Hexe bin, dann tätest Du gut daran, Dich zu fürchten.« Dora verzog keine Miene. Doch die Pupillen in ihren violetten Augen weiteten sich. Johann warf einen Blick zu seiner Frau hinüber. Eva war kreidebleich.
»Ich sage es Dir ein letztes Mal: Geh!« Scharf durchschnitt Doras Stimme die Luft. Erneut war ein leichter Wind aufgekommen. Er ließ die Blätter zu ihren Füßen und ihre braunen Locken tanzen. Abermals hielten die Vögel in ihren Gesängen inne. Dafür war das Donnern der Pferdehufe umso deutlicher zu hören. Der Reiter schien es eilig zu haben. Sophie kümmerte sich nicht darum. Sie bleckte ihre breite Zunge, tanzte im Kreis und trällerte:
»Du wirst auf dem Scheiterhaufen brennen, Du dummes Ding und ich werde dabei...« Sie kam nicht mehr dazu, den Satz zu beenden. Inmitten einer übermütigen Drehung rutschte das Standbein unter ihr weg. Johann sah die Todesangst in ihrem Blick, doch er war wie gelähmt. Die nackte Fußsohle glitt über die nassen Steine und Sophie verlor das Gleichgewicht. Mit einem gellenden Schrei fiel sie rückwärts von der Mauer. Nur ein Narr würde es dem Zufall in die Schuhe schieben, dass in eben diesem Augenblick das Pferd und sein verhüllter Reiter vorbeischossen. Sophies Schreie steigerten sich zu einem ohrenbetäubenden Gebrüll, als ihr Körper von den rasenden Hufen zertrampelt wurde. Müßig die Frage, warum das Pferd nicht rechtzeitig gescheut hatte und ausgewichen war. Ross und Reiter schienen wie vom Erdboden verschluckt. Sie hatten sich noch schneller in Luft aufgelöst, als sie auf der Bildfläche aufgetaucht waren.

Die beiden Knaben kicherten nicht mehr. Sie hingen über der Mauer und übergaben sich schwallartig und in hohem Bogen. Dora stand immer noch da wie eine in Stein gemeißelte Figur. Johann schüttelte sie leicht, doch sie rührte sich nicht. Unweit von ihnen ertönte ein Ächzen. Eva war zusammengebrochen. Johann eilte zu ihr. Sie war bei Bewusstsein. Zitternd umklammerte sie ihres Mannes Arm. Ihr Mund formte drei Worte, deren Bedeutung sich Johann erst Minuten später erschloss: »Ich bin schwanger.«

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