Downtown

LONDON, 1898

Ein heller Mond erleuchtete die grotesk daliegenden Docks von London. Katzen jaulten, irgendwo kläffte ein Hund und es stank nach Jauche und altem, verdorbenen Fisch. Kein sehr gemütlicher Ort für einen nächtlichen Spaziergang. Nicht für einen Mann, noch weniger für eine Frau.

Doch das kümmerte den gutgekleideten Gentleman, der am Dock entlang wanderte, wenig.

Irgendwo öffnete sich knarrend eine Tür. Gelächter, Stimmengewirr und das unverkennbare Klaviergeklimper einer miesen Hafenspelunke war zu hören.

Raue Männerstimmen, die sich mit schweren, ordinären Akzent zankten, wehten zu dem jungen Mann. Zweifellos stammten diese Burschen aus Amerika. So salopp sprach kein echter Engländer!

Ruhe kehrte wieder ein. Die Seeleute waren so mit sich und ihrem Alkoholpegel beschäftigt, dass die den jungen Gentleman nicht bemerkten.

Entspannt seinen eleganten Spazierstock herumschwingend bog dieser in eine dunkle Gasse ein. Er wusste, dass er auf diesem Wege zügig die belebte Hauptstraße erreichen würde, von wo aus er mit einer Droschke zurück nach Belgravia ins Haus seines Gastgebers fahren konnte.

Doch schon nach wenigen Schritten hörte er, dass sie ein Echo verursachten, was nur bedeuten konnte, dass ihm jemand folgte.

Gleichmütig verzog er die Lippen. Er hatte viel früher damit gerechnet, immerhin war er gekleidet wie ein Gentleman, hatte sichtbar eine goldene Taschenuhr in seinem Besitz und sein Spazierstock hatte einen kostbaren, versilberten Knauf.

Sein Blut geriet in Wallung vor Aufregung, als der schwere süße Geruch von Rum, vermischt mit dem Gestank eines ungewaschenen Körpers und eines ungepflegten Mundes ihn erreichte.

Seeleute waren widerlich! Waren es immer, würden es immer bleiben.


»Na Bürschchen, biste hier nich‘ ‘n bisschen falsch?«, lallte der Verfolger und packte den Gentleman an der Schulter.

»Sir, ich würde es außerordentlich begrüßen, wenn Sie mich meines Weges ziehen ließen. Ich möchte keine Schwierigkeiten.«

»Haha, oh, wie fein er redet. Schwierigkeiten, hä? Hätt’ste dir eher überlegen soll’n.« Der Matrose drehte den jungen Mann zu sich um und schnalzte mit der Zunge.

»Feines Kerlchen. Gesicht wie eine Lady. Wie alt bist’n du? 16?«

»Mit Verlaub, Sir, ich bin 24 und ich würde Sie wirklich bitten, die Hände von mir zu nehmen.«

Doch der Blick des Seemannes verriet eher, dass er etwas anderes vor hatte. Gehenlassen würde der ihn nicht so schnell.

Der Puls des Gentleman raste. Furcht verspürte er keine, eher Erregung. Den unschuldigen Burschen, das Opfer, zu spielen, versetzte ihn in Euphorie.

Er ließ sich auf das Spiel ein, mimte den ängstlichen Jüngling und wusste, dass dieser Seemann nach dieser Nacht niemals wieder jemanden belästigen würde!

Er musste zuvor lange auf See gewesen sein. Seine blutunterlaufenden, vom Gelage geröteten Augen glitzerten vor Gier und aus seinem, mit schmutzigen Bartstoppeln umrahmten Mund, der halt geöffnet war und eine Reihe gelblicher Zähne offenbarte, tropfte schon beinahe der Speichel. Ihm fehlte ein Schneidezahn und sein Atem roch so übel, als hätte er seit Jahren keine Zahnbürste mehr benutzt.

Dass er nun, in einer schmalen Gasse, einen jungen Mann angriff, anstatt sich für einen Penny eine Prostituierte zu kaufen, sprach entweder für extremen Geiz, widernatürliche Präferenzen oder eben einfach Gier. Vermutlich wollte er ihn anschließend auch noch ausrauben.

»Hände von dir nehmen, hä? Nä, nä, ich weiß was Besseres, wird dir gefallen«, lallte er und lachte widerlich. Grob packte er mit seinen starken, von harter Arbeit an Deck rau gewordenen Händen die Handgelenke des jungen Gentleman. Er verdrehte dessen Hände so sehr, dass dieser vor Schmerz aufstöhnte und den schweren Gehstock fallen ließ. Freilich hätte jeder andere diesen als Waffe eingesetzt, doch der Gentleman hatte andere Pläne.

»Bitte, Sir«, stammelte er, als der Seemann ihn hart gegen eine kalte Mauer stieß. »Ich habe Geld, ich...«

»Oh ja, das werde ich auch nehmen. Diesmal werde ich für meine Dienste auch noch bezahlt.«

Wieder lachte er widerlich und der junge Mann sah, wie deutlich sich die speckige und total verdreckte Hose des Seemannes bereits nach vorn hin ausbeulte.

»Sir, bitte...«, flehte er wieder und der Matrose verlor die Geduld. Hart schlug er ihm ins Gesicht, wodurch der Gentleman aufkeuchte. Als er das Gesicht wieder hob, erblickte er ein dreckiges, aber ansonsten gutes und scharfes Messer, wie es jeder Seemann besaß.

»Halt‘ jetzt dein Maul oder ich mach aus dir eine Rattenhöhle!«, zischte er widerlich nahe am Gesicht des anderen.

Das Messer an die Kehle des Gentleman pressend drehte er diesen grob mit dem Gesicht zur Mauer.


Das Blutrauschen in den Ohren des jungen Mannes wurde immer lauter, die Hitze in ihm immer stärker. Der Moment war fast da, fast...

Er spürte, wie sich seine Zähne veränderten.

Der Seemann, der keinen Schimmer von der vernünftigen Kleidung eines Gentleman hatte, nestelte ungeduldig an dessen Hose herum. Sein ungezügeltes Verlangen war für den jungen Mann an seiner Hüfte deutlich spürbar.

»Verdammt noch eins!«, fauchte der Kerl und wollte gerade den Stoff einfach runterreißen, als der junge Mann zu lachen begann. Unbekümmert wie ein Junge, der über einen Witz lacht.

»Bist jetz‘ verrückt geworden, hä? Pah, diese feinen Pinkel. Nich‘ für ‘nen Shilling Nerven, die Bande.« Doch das Lachen schien ihn nervös zu machen.

Warum lachte der Kerl, als hätte er kein verdammtes Messer an seinem dünnen Hals? Misstrauisch blickte er sich um.

»Hör‘ jetzt auf zu lachen oder ich stopf‘ dir dein Maul!«, zischte der Seemann und ritzte leicht die Haut des anderen.

Das Lachen verstummte, doch die plötzliche Stille war viel unheimlicher. Die Lust des Seemannes und die Absicht, diese an dem vornehmen Knaben zu befriedigen, waren ihm vergangen. Hätte er sich irgendwo eine Hure besorgt, hätte das weniger Aufwand gemacht!

»So, Sir...«, fing der Gentleman zu sprechen an. Seine Stimme war wie Eis. »Du magst es also nachts auf der Straße, hm? Warum einen Penny zahlen, wenn man es für lau haben kann, hm? Wen schert es, ob der andere das auch will...«

Die kalte Stimme, so anders als das vorherige Flehen, jagte einen Schauer über die Haut des Seemannes.

»I-ich schlitz‘ dir den Hals auf, du Lackaffe«, grollte er, doch er hörte selbst, wie unsicher das klang. Doch warum eigentlich?

Er war mindestens doppelt so schwer wie dieser Schmächtling und er hatte das Messer. Der pompöse Gehstock des Burschen lag mehrere Meter entfernt.

»Ah...«, machte der junge Mann nur und in einer schnellen Drehung hatte er sich aus der Umklammerung befreit. Geschockt blickte der hässliche Seemann in das jugendliche Gesicht vor sich und sah das Messer, welches er gerade noch in der Hand hatte, zwischen den schlanken Fingern des Gentleman. Doch er erholte sich rasch von der Überraschung.

Fein, dann war der Kerl eben geschickt, aber so ein halbes Kind konnte niemals mit einem Messer umgehen, geschweige denn kämpfen. Er hingegen hatte das Kämpfen und Raufen an allen großen Häfen der Welt gelernt!

Das kalte Grausen vertrieb das siegessichere Gefühl allerdings schneller wieder, als der Seemann gedacht hätte.


Der Gentleman lächelte nämlich auf unheilvollste Weise und drehte die Klinge in den Fingern.

»Du willst mir also den Hals aufschlitzen, soso. So etwa?« Die Augen nicht vom Gesicht des Seemannes abwendend, zog der junge Mann seinen vornehmen Jabot nach unten, setzte die Klinge an seiner zarten Halshaut an und machte einen Schnitt von einem zum anderen Ohr.

Dunkelrot quoll das Blut hervor, doch der Gentleman stand nur da und lächelte. Er hob die Klinge an die Lippen und leckte das Blut ab.

Der Seemann, im Grauen erstarrt, wusste nicht, auf was er als erstes achten sollte: die diamanthellen und rasiermesserscharf aussehenden Fangzähne, die durch das diabolisch erscheinende Grinsen entblößt wurden oder die verheerende Halswunde, die jeden anderen bereits getötet hätte und sich nun vor seinen Augen schloss, als würden unsichtbare Hände diese zunähen.

Fast gelangweilt richtete der Gentleman seinen schwarzen, vom Blut glänzenden Jabot wieder und blickte sein Gegenüber an, als hätte er ihm nur gezeigt, wie man eine Zigarette ansteckte.

»Nun, so wolltest du das machen? Nicht sehr effektiv. Wollen wir sehen, ob das bei dir auch funktioniert«, sagte er mit leiser, unaufgeregter Stimme. Doch seine Augen leuchteten in der Dunkelheit und dem silbernen Licht des Mondes feurig rot und hell wie die einer Katze.

Sich halb an seinem Schrei verschluckend, machte der Seemann kehrt und rannte zu den Docks zurück – das war zumindest der Plan.

Milde lächelnd ließ der Gentleman ihm etwas Vorlauf, wie eine Katze eine Maus laufen ließ, bevor sie zuschnappte. Er schnellte schließlich vor, prallte gegen ihn und schleuderte ihn mit Getöse in die stinkenden Mülltonnen.

Der schwere Geruch von Blut umgab ihn wie der Tod.


Der Seemann, der durch Keilereien aller Art bereits einiges gewohnt war, blutete aus einer Platzwunde, ächzte, weil er hart an der Wand gelandet war und wollte sich gerade mühsam wieder aufrappeln, als der elegante Stiefel des Gentleman ihn wieder zu Boden trat. Dabei ertönte ein lautes, unschönes Geräusch und der Mann brüllte heiser auf. Die Schulter war gebrochen!

»Verdammt, warum tust du das?!«, spuckte der am Boden Liegende. Der junge Mann lächelte ihn milde an, wie ein ungehorsames Kind.

»Weißt du denn nicht, dass in England auf Vergewaltigung – auch versuchte – eine Zuchthausstrafe und die Zwangskastration steht?«

Kreidebleich und mit blanker Angst in den weit aufgerissenen Augen versuchte der Seemann, davonzukriechen. Das konnte dieser Bursche doch nicht ernst meinen?!

Ein weiteres Knacken und ein gurgelnder Schrei ließen ihn innehalten. Schmerz zerriss ihn fast und Todesangst erfüllte ihn. Dieses Würstchen hatte ihm gerade das Bein gebrochen, als wäre es ein Streichholz!

»Aber ich habe doch gar nichts getan?!«, jaulte er wimmernd. Der Gentleman lächelte noch immer auf diese sanfte, aufreizende Art und Weise.

»Doch du wolltest!«, sagte er leise. »Ich habe deutlich gespürt, was du wolltest. Wäre es nicht ich gewesen, vielleicht ein anderer Bursche oder sogar ein Kind? Du siehst aus wie einer, der Kinder mag, hm? Die können sich nicht wehren, richtig?« Der junge Mann drückte mit dem Stiefel auf das gebrochene Bein und der Seemann weinte vor Schmerz.

»Nun ja, dein Pech, dass du an mich geraten bist, mein Freund. Ich kann mich wehren, das tue ich gern. Und ich werde dir zeigen, wie es ist, wenn einem etwas mit Gewalt genommen wird. Abschaum wie du verdient es nicht, auch nur die Möglichkeit zu haben, anderen nahezukommen!«

Die feurig glühenden Augen, die die sanfte, aber eisige Stimme Lügen straften und die Wut des Gentleman zeigten, lähmten den Seemann in seiner Angst.

Dessen Blick wechselte von der Glut zu den grotesk im Mondlicht schimmernden und unnatürlich langen Eckzähnen des Mannes. Er sah verheerend aus, schön, mächtig, gefährlich. Nicht wie ein Gentleman aus Londons Oberschicht, nicht wie einer der rauen Burschen, mit denen er sonst seine Kämpfe ausfocht. Er sah aus wie ein Gott!

»Wer bist du?«, flüsterte der Geschlagene. Furcht vor dem Kommenden und die jämmerlichen Schmerzen seiner gebrochenen Knochen hatten ihm die Stimme geraubt. Er würde sterben, hier und jetzt! Der Blick des anderen ließ daran keinen Zweifel.

»Der Teufel«, entgegnete der Gentleman ruhig, bevor er sich den verzweifelt zappelnden und wimmernden Mann griff, der jammerte und bettelte. Ungerührt mit dem Kopf schüttelnd stieß er mit dem dreckigen Messer zu und die Schreie des Seemannes vermischten sich mit dem Jaulen der Londoner Straßenkatzen.


~ ~ ~ ~


»Gütiger Himmel, diese Stadt wird immer bösartiger«, stöhnte Sir Edward Whitmore, der vornehme Gastgeber des jungen Gentleman am nächsten Morgen während des Frühstücks. Angewidert ließ er die Morgenausgabe des Telegraph fallen und blickte unentschlossen in seine Teetasse.

Der junge Gentleman schwieg gleichmütig, während die Gattin des Sirs ihm die Hand auf den Arm legte.

»Was sagen die Morgennachrichten, mein Lieber?«

»Ein schreckliches Verbrechen, ganz und gar abscheulich. Heute im Morgengrauen fand man bei den Docks einen furchtbar zugerichteten Mann.«

Sir Edward zögerte und warf einen Blick auf seine Gemahlin. Er zweifelte, dass er ihr die Einzelheiten antun konnte.

»Ja, und weiter?«, drängte diese ihn jedoch, ganz in fraulicher Neugier.

»Nun... er lebt, wenn man das so nennen kann. Sein Verstand hat ihn ganz offenbar verlassen, sein Haar ist schlohweiß, obwohl es nach Aussage einiger Kameraden am Abend noch dunkel war und er brabbelt unaufhörlich von Monstern, spitzen weißen Zähnen und dass ihm der Teufel begegnet wäre. Er war außerdem über und über mit Blut besudelt, hat etliche Knochenbrüche und... nun ja...« Er stockte wieder und überlegte, wie er dieses delikate Detail anbringen sollte.

»Edward! So rede schon!«, rief seine junge Gemahlin aufgeregt.

»Er... nun ja... sein Angreifer hat ihn... also... er wurde entmannt.«

»Entmannt?« Die Wangen der jungen Frau färbten sich leicht.

»Kastriert wie ein Pferd!«, ergänzte nun der junge Gentleman trocken.

»Grundgütiger!«, brach es aus der jungen Lady hervor und ihre Wangen wurden endgültig rot. »Aber wer tut denn so etwas?«

»Vielleicht nur jemand, der sich und andere vor einem Triebtäter schützt«, erwiderte der Gentleman und köpfte fachmännisch sein Frühstücksei.

»Es ist wahr, Liebes. Der Mann gestand, dass er tatsächlich etwas Derartiges bei seinem Angreifer versuchte hatte, bevor...«

Die Lady schnitt sich energisch ein Brötchen auf und nickte dann.

»Dann war es vermutlich richtig, was mit ihm geschehen ist. Solch schändliche Menschen verdienen es nicht anders!«

Das Thema wurde abgehakt und das Frühstück mit angenehmerem Geplauder fortgesetzt.


Die Eheleute Whitmore erfuhren nie, dass sie mit dem nächtlichen Angreifer am Tisch saßen.

Dionysos war sehr zufrieden.

Comments

  • Author Portrait

    So, endlich bis zum Ende durchgelesen! Das ist wirklich eine sehr tolle, berührende und super geschriebene Geschichte! Wann geht es weiter? ;-)

beta
Fairy Dust

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