Dreizehntes Lied - Wozu hat man Freunde?

Fyorr ließ die rothaarige Schönheit gehen, und starrte noch eine Weile auf die schwere Lederplane, durch die sie verschwunden war. König... Ein toller König. Seine Untertanen wussten noch nicht einmal von ihrem Glück, und er selbst hatte mehr als nur ein wenig Zweifel an seiner neuen Stellung.

Unwillkürlich zuckte er zusammen, als die Plane, die er so ergebnislos anstarrte, hochgehoben wurde und Menélos eintrat. Er sah den Ausdruck im Gesicht seines treuen Adjutanten und seufzte.

"Was gibt es?"

Menélos atmete tief durch. "Darf ich offen sprechen?"

Fyorr warf ihm einen entrüsteten Blick zu. "Seit wann fragst du mich das?"

"Seit dein hässlicher Dickschädel Anspruch erhebt, von einer Krone aufgehübscht zu werden." Menélos grinste und schwang sich in den Stuhl, den kurz zuvor noch Jeyla benutzt hatte. "Schön zu wissen, dass es dir nicht zu Kopf steigt."

Fyorr nickte ihm dankbar zu. Er hatte Menélos immer zu seinen engsten Vertrauten gezählt. Sie waren Kameraden, Veteranen vieler Schlachten, die sie Schulter an Schulter geschlagen hatten. Sie verband eine enge Freundschaft. Er hätte es gehasst, wenn diese Königsgeschichte zwischen ihnen gestanden hätte.

"Du wirkst nicht sehr zufrieden, Fyorr. Dabei ist dir doch ein wunderbares Schicksal mit Stellung, Macht und Reichtum geradezu in den Schoß gefallen. Und trotzdem machst du ein Gesicht wie eine nasse Katze und verkriechst dich hier in deinem Zelt, statt mit mir und den Jungs einen zu heben. Was ist los?"

Fyorr wich dem forschenden Blick seines Freundes aus. Menélos seufzte. "Du bist nicht du, seit wir hier gelandet sind. Sonst bist du herzlich, offen und frei von all diesen dunklen Wolken, die so offensichtlich um deinen Kopf herumschwirren. Man kann es fast sehen. Was ist aus dem alten Haudegen geworden, den ich kannte?"

Fyorr musste ihm insgeheim zustimmen. Er hatte immer Spaß am Leben gehabt. Dass er so viel grübelte, war etwas neues. Woran lag das? An dem Tod des Kaisers? An der unerwarteten Königswürde? An dem heraufziehenden Krieg? An ihm? Wurde er einfach nur alt?

Menélos spürte, dass er einen Nerv getroffen hatte und setzte nach: "Weißt du, ich kann mir vorstellen, dass dich im Moment einiges beschäftigt. Aber wir sind in den letzten Jahren so einigen Denkern und Miesepetern begegnet, Schwarzseher und Unken allesamt. Keiner von denen ist davon auf Dauer glücklich geworden. Man kann aus dem strahlendsten Licht einen dunklen Abgrund machen, wenn man zulange darüber nachdenkt. Hör auf mit dem Scheiß und sei du selbst. So hast du überlebt. So hast du unseren Respekt gewonnen. Der Eberschädel ist kein Philosoph. Also krieg deinen Arsch wieder hoch und- "

Fyorr stand abrupt auf und schnappte Menélos an dem Riemen seines Brustpanzers, zog ihn zu sich heran und knurrte: "Ist ja gut. Ich habs kapiert. Komm wieder runter." Er ließ den reuelos grinsenden Mann los. "Bisschen mehr Respekt, ich bin schließlich der König!" fügte er mit gespielt entrüstet in die Hüfte gestemmten Händen hinzu.

Die Wache vor dem Zelt musste unbewusst grinsen, als ansteckendes und schallendes Gelächter aus dem Zelt des Königs drang.

~

An diesem Abend gab es ein großes Fest in dem Marschlager der schwarzen Kompanie. Die Feuer waren meilenweit zu sehen und die Funken stoben weit in den Himmel, als das Fett von den Schweinen auf die Glut tropfte. Die Männer waren gelöst und heiter, alle hatten die unbequeme Atmosphäre, die wie dickflüssiger Teer von der Kommandoebene auf die einfachen Ränge durchgesickert war, deutlich gespürt. Die Nachrichten vom Bürgerkrieg und dem Tod des Kaisers hatten alle schwer getroffen. Die Feier der Ausrufung ihres Kommandanten zum König kam wie gelegen, um die Sorgen in Unmengen von Alkohol zu ertränken und mit Tanz, Gesang und Spiel die drückende Stimmung zu verscheuchen.

Was die Zukunft bringen würde, wohin ihre Reisen und Feldzüge sie auch führen mochten, die Männer der schwarzen Kompanie waren durch unzählige Abenteuer und Schlachten, Kriege und Missionen ein abgehärteter Haufen von Veteranen. Solange ihre Mägen gefüllt und die Leber beschäftigt war, würden sie ohne mit der Wimper zu zucken ihrem Kommandanten in die Unterwelt folgen.

Es dauerte nicht lange, und die Sorgen waren vergessen. Was sich am Horizont abzeichnete, war nur ein weiteres Abenteuer, und angespornt von Alkohol und Prahlerei begannen die Männer, sich schon auf die neuen Herausforderungen zu freuen.

Und auch Fyorr spürte seine Lebensfreude zurückkehren, als er mit Menélos ein ums andere Fass anstach und inmitten seiner Männer die albernen Trinkspiele und Zoten mitmachte. Was auch immer die Menschen von ihm nun erwarten würden, sein Entschluss stand fest. Er würde sich nicht ändern, nur weil man ihn jetzt unbedingt König nennen wollte.

Und als das Feuer unter den neu hineingeworfenen Scheiten einmal mehr hell aufloderte, warf er Menélos neben ihm einen dankbaren Blick zu. Ein Glücklicher, wer solche Freunde hatte. Allein und sich selbst überlassen hätte er wohl noch lange mit seinem Schicksal gehadert. Er erwiderte das Zuprosten seines Stellvertreters und hob das Trinkhorn an den Mund. Ja. Menélos hatte recht. Er war kein Denker. Er war ein Macher. Er war Fyorr. Kommandant der schwarzen Kompanie. Der Berserker. Der Eberschädel.

Der Blutkönig.

Fyorr musste grinsen. Ja, der Name passte zu ihm. Und in großen Schlucken leerte er das Horn, während weder ihm noch sonst irgendwem hätte bewusst sein können, wie sehr der Name tatsächlich zu Fyorr passen würde.

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