Dryadenfrucht

Elisabeth hatte den Horrorshop nun schon oft besucht, doch noch nie hatte sie den Mut aufgebracht, tatsächlich eine der dort angebotenen Waren zu erwerben. Stets hatte sie fasziniert durch die unheiligen Güter gestöbert und stundenlang in der verbotenen Bibliothek im Hinterzimmer geschmökert, die trotz des aus Marketinggründen gewählten Namens für Kunden frei zugänglich war.

Als Elisabeth an jenem schicksalhaften Sonntagmorgen den inzwischen vertrauten Horrorshop aufsuchte, war etwas anders. Diesmal, so wusste sie, würde sie nicht nur etwas kaufen, sondern sie wusste bereits genau, für welches Produkt sie sich interessierte.

»Herzlich willkommen, Miss Elisabeth«, begrüßte sie die Verkäuferin, mit der sie bereits einige anregende Gespräche geführt hatte.
»Guten Morgen, Megmarie«, erwiderte Elisabeth den Gruß, und legte ein schweres Buch mit der Aufschrift "Häretische Planzenkunde" auf den Tresen. »Vielen Dank, dass ich es mir über's Wochenende ausborgen durfte«
»Keine Ursache. War es denn hilfreich?«
»Sehr«, antwortete sie zuversichtlich, wenngleich mit etwas Melancholie in der Stimme. »Ich habe mich nun endlich entschieden, was ich will«

Elisabeth drehte sich nach dem Abteil im Laden um, welcher als "das schwarze Gewächshaus" bezeichnet wurde und pfückte eine Frucht, die man alleine von Form, Größe und Beschaffenheit mit einer Mango hätte verwechseln können, hätte sie nicht diesen einzigartigen silbrig-violetten Farbverlauf besessen.

»Eine Dryadenfrucht also«, fragte die Ladenhüterin neugierig, als Elisabeth die Frucht auf den Tresen legte. »Die ist sehr vielseitig, aber auch gefährlich. Je nachdem, was man mit ihr anstellt. Sie kann unumkehrbare Effekte hervorrufen. Was haben Sie damit vor, Miss Elisabeth? Sie einpflanzen? Sie alchemisch verarbeiten? Vom direkten Verzehr wird abgeraten, das haben Sie doch bestimmt gelesen...«

»Wie viel kostet sie?«, fragte Elisabeth und öffnete ihre Geldbörse.
»Ein Schnäppchen. Fünfzig Seelentaler.«
»Seelentaler?«
»Ach ja richig - darüber haben wir noch nicht gesprochen. Man bezahlt im Sexy Little Horrorshop nicht mit sterblicher Währung. Moment, ich zeige es Ihnen.«

Megmarie kam hinter der Theke hervor und führte Elisabeth zu zwei altertümlich aussehenden Automaten aus Holz. Einer in Form eines Engels, einer in Form einer Teufelin. Als sie sich näherten, ratterten die Holzplättchen mit den eingravierten Zahlen und Buchstaben, welche die Anzeige bildeten.

Wie die Ladenhüterin erklärte, konnte man hier Seelentaler erhalten, die die einzig gültige Währung im Sexy Little Horrorshop darstellten. Beim Automaten mit dem Engel konnte man laut Megmarie "Gute Eigenschaften und Charakterzüge gegen Münzen verkaufen". Beim Automaten mit der Teufelin konnte man dagegen "Schlechte Eigenschaften und Charakterzüge erwerben, und dafür ebenfalls Münzen erhalten".

»Na gut«, meinte Elizabeth, etwas verunsichert, und trat etwas näher. Sofort erfassten die Automaten ihre Persönlichkeit, und Mögliche Transaktionen erschienen auf den hölzernen Displays.

Während der Teufelsautomat unartige Eigenschaften in verschiedenen Preisklassen feilbot, stellte der andere Automat ihre besten Merkmale zur Schau, und machte für jede ein Angebot.

Von Merkmalen wie "Notorische Nasenbohrerin" und "Jeden Abend Zähneputzen" für eine handvoll Münzen, bishin zu kriminellen Neigungen und Elisabeths besten Charakterzügen stand alles zur Auswahl.

Schließlich entschied sich Elisabeth dafür, ihre Fähigkeit zu verkaufen, "gut mit Menschen umgehen zu können".

»Sind Sie sicher?«, fragte Megmarie. »Dafür bekommen sie ein kleines Vermögen, aber möchten Sie das wirklich aufgeben?«
»Ich bin mir sicher. Diese Fähigkeit werde ich wohl nicht mehr brauchen...«
Elisabeth wählte mit dem Schalthebel am Automaten die Option aus und legte ihre Hand auf die markierte Fläche. Dann betätigte sie den Knopf, der den Deal besiegelte.

Sie bemerkte sofort eine Veränderung in sich, und unter ihr Erklang das Geräusch unzähliger goldener Seelentaler, die in den Ausgabeschacht prasselten.

»Alles In Ordnung?«, fragte Megmarie, als Elisabeth die Münzen zusammen sammelte.
Elisabeth nickte. Ihr war jetzt nicht nach reden zumute. Sie verstaute die Münzen in einen der kostenlosen schwarzen Geldbeutel, die es neben den Automaten gab, und trug ihr neu gewonnenes Vermögen zur Kasse.

Wortlos, bezahlte sie für die Frucht. Da nach dem Kauf noch ein großer Teil des Seelengoldes übrig blieb hinterlegte Megmarie es in einem Safe hinter dem Tresen und meinte »Keine Sorge, Ihr restliches Guthaben verfällt nicht. Kommen sie jederzeit wieder, Miss Elisabeth.«

»Ähm... Danke und Wiedersehen...«, nuschelte Elisabeth noch zum Abschied. Es war ihr nach der Transaktion am Automaten wirklich unangenehm sich mit einem anderen Menschen zu Unterhalten, sofern Megmarie denn überhaupt einer war.

Hastig verließ sie den Laden und atmete die frische Frühlingsluft ein. Sie war froh keine Konversation mehr führen zu müssen, und zugleich erschrocken, dass der Deal so einen heftigen Einfluss auf sie hatte. Allerdings würde die Tatsache, dass sie nun noch weniger hatte, das sie an die Welt der Menschen band, ihre Entscheidung nur noch bekräftigen.

Ohne noch ein letztes Mal ihre Wohnung aufzusuchen, machte Elisabeth sich auf den Weg. Sie fuhr mit der Bahn bis zum Rande der Stadt und brach dann zu Fuß in Richtung der Gebirgswälder auf, welche seit uralten Tagen das Land umgaben.

Bis in die Mittagsstunden wanderte sie tief in die Wälder hinein, ohne Hoffnung, jemals wieder zurückzufinden. Doch sie war nicht etwa verzweifelt - mit jedem Schritt der sie weiter von der Hektik der Großstadt wegführte, atmete sie erleichtert auf. Morgen, am Montag, würden die Räder der Gesellschaft sich wie gewohnt weiter drehen - allerdings ohne sie. Dieser Gedanke gab ihr Kraft.

Als sie schließlich weit genug gekommen war, und sich sicher war, dass sich wohl keine Menschenseele in der näheren Umgebung aufhielt, setzte sie sich auf ins Moos auf einer Lichtung und ließ die strahlen der Mittagssonne auf sich wirken. Das Zwitschern der Vögel war so unendlich viel besser, als der Verkehrslärm unter ihrer Wohnung, und die Einsamkeit war ein wahrer Segen, verglichen mit all den Zwängen und Ängsten des modernen Lebens.

Noch einmal schloss sie die Augen und nahm ein letztes mal bewusst ihr eigenes Menschsein wahr, von dem sie sich nun für immer verabschieden würde. Dann atmete sie tief den verführerisch süßen Duft der Dryadenfrucht ein, und biss hinein.

Der Geschmack war überwältigend frisch und fruchtig - das Beste was sie je gekostet hatte. In jedem Bissen vermischten sich die frühlingshaften Aromen von Kirschblüten, Erdbeeren und Waldfrüchten, und exotische, außerweltliche Sorten, zu denen es auf der Erde wohl nichts Vergleichbares gab. Dazu mischte sich nach nur wenigen Bissen eine fast unwirkliche Schärfe, die in ihrer Kehle kitzelte und ihr kalte Schweißtropfen auf die Stirn trieb.

Das kitzeln in ihrer Kehle breitete sich langsam über die Schultern auch auf die Arme aus, und sie fühlte sich, als hätte sie den Bauch voll heißem Tee. Ihr wurde schwindlig, doch sie aß die ganze Frucht, und nahm letzendlich all ihren Willen zusammen, um sogar den großen, glatten Kern der Frucht in einem Stück runterzuschlucken, wie es in "Häretische Planzenkunde" beschrieben stand.

Nun wurde ihr richtig schwindlig, und ihre Haut begann so stark zu kribbeln und kitzeln, dass es beinahe nicht mehr zu ertragen war. Elisabeths ganzer Körper wurde überempfindlich, und jede Berührung spürte sie in tausendfacher Intensität. Sie ließ einen Finger über ihre Wange streicheln und erbebte durch diese simple Berührung in fast schon orgasmischem Ausmaß.

Schließlich musste sie sich nackt ausziehen, da alleine das Gefühl, wie ihre Kleidung an ihrem Körper rieb sie fast um den Verstand brachte. Ihr war zu schwindlig, um aufrecht zu bleiben, doch wenn sie sich ins weiche, von der Sonne aufgeheizte Moos legte, trieben sie ihre hoffnungslos überreizten Sinne fast zur Ohnmacht. Selbst die Sonnenstrahlen auf ihrer Haut waren wie kleine Höhepunkte, nicht zu vergleichen mit jedem sexuellen Erlebnis, das sie je gehabt hatte.

Schließlich hörte sie auf, sich gegen ihre Empfindungen zu wehren und gab sich voll und ganz hin. Wie lautete doch die alte Weisheit? "Wer gegen den Ozean schwimmt, ertrinkt."

Anstatt möglichst reglos liegenzubleiben, begann sie nun damit, sich selbst zu streicheln, und die ins maßlose gesteigerte Sensitivität ihres Körpers voll auszukosten.

Schon nach nur wenigen Berührungen keimte in ihr ein Höhepunkt von nie gekannten Ausmaßen heran, und als sie schließlich zur Ekstase gelangte, zerbarst die Haut auf ihrem linken Arm und eine wundervolle Blume spross aus ihr hervor.

Alleine die Kraft der Blüte, die aus ihrem Körper wuchs, reichte aus um ihr einen weiteren Höhepunkt zu bescheren. Wieder öffnete sich ein Teil ihrer Haut, und eine prächtige violette Knospe spross aus ihrer rechten Schulter.

Die Blumen waren ein Teil von ihr, und fingen auf unbeschreibliche Weise das Licht der Sonne ein. Elisabeth konnte die Sonnenstrahlen schmecken.

Immer mehr Blumen, Ranken und Blätter entsprangen ihrem Körper, und sie verlor fast die Besinnung ob dieses Bombardements der Empfindungen. Die Ranken verharrten nicht etwa still, sondern wuchsen an ihrem Körper empor, umschlangen sie und steigerten ihre Lust ins Unvorstellbare.

Schließlich verlor sie endgültig das Bewusstsein, und blieb regungslos am Waldesboden liegen, eingehüllt in einem Kokon aus Ranken und Blumen.


Als bereits die Abendsonne hinter den Bergen versank, drang der beruhigende Klang von Grillengezirpe an ihre Ohren. Obgleich es kalt wurde, fröstelte sie nicht, sondern nahm die Kälte der einfallenden Nacht als angenehm kühlen Umhang war. Die Überesensitivität ihrer Haut war einer fast holzartigen Unempfinlichkeit gewichen. Ihr Rankenkokon war aufgebrochen und um sie herum hatten sich Tiere versammelt - Rehe, Hasen und sogar ein Fuchs, die sie betrachteten, als wäre sie eine von ihnen geworden.

Elizabeth wusste, dass es ihr Vorhaben funktioniert hatte. Sie hatte ihr Menschsein hinter sich zurückgelassen, und war zu einer Dryade geworden.

Sie atmete tief durch und verschwand zufrieden im Dickicht der sie umgebenden Wälder, mit denen sie fortan eins sein würde.

-------------------------------------------------------
Würdet ihr es Elisabeth gleich tun?
Welche guten / schlechten Eigenschaften würdet ihr verkaufen / annehmen?
Bin schon gespannt auf eure Comments!
Love you all, Meg <3

Comments

  • Author Portrait

    Ich bin begeistert und freue mich auf MEHR!!!

  • Author Portrait

    Wo finde ich diesen Shop? Der ist ja genial, vor allem der Automat :) Wusste gar nicht, dass es so einfach möglich ist, eine Dryade zu werden... Super geschrieben!

  • Author Portrait

    Hoffentlich bekomme ich bald mehr zu lesen! Wirklich eine tolle Sammlung an Kurzgeschichten. Ich würde wahrscheinlich eine schlechte Eigenschaft dazu erwerben ^^ Vielleicht die "Scheiß-egal-Einstellung"? Nur was ich mir dafür kaufen würde, weiß ich noch nicht. Ich bin auf jeden Fall gespannt, was es noch so tolles im Shop gibt :-)

  • Author Portrait

    So, mal alle Teile vom Sexy Little Horror Shop durchgelesen! Ganz toll! Bin schon gespannt auf die Fortsetzungen! :-)

  • Author Portrait

    Megmarie die Ladenhüterin, köstlich! Und die Dryaden Frucht bestimmt auch ;-) Toll geschrieben wie immer!

  • Author Portrait

    Die Automaten könnt ich selbst gebaut haben Ben! Vielleicht bauen wir mal ein Schaustück, wenn du wieder Mal heimfinden solltest...

  • Author Portrait

    Herrlich geschrieben ^^ ich will auch solche Automaten haben *-* Und so eine Frucht wäre perfekt für meine Mari, um sie besser an einen Leib zu binden.

  • Author Portrait

    *Miss Elisabeth? Sie einplanzen?* da fehlt ein f in einpflanzen und hast du den ersten Teil des Textes nicht gedoppelt drin? o.o --- Ansonsten wieder klasse geschrieben und einfach nur zum Verschlingen.

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media