Du:

Ich habe im Wörterbuch rund 10 Wörter gefunden, die das Wort "Freund", meiner Meinung nach am besten anderweitig beschreiben:
Kamerad, Herzensbruder, Vertrauter, Gefährte, Intimus, Genosse, Verbündeter, Getreuer, Kumpel, und Spezi.
Und noch eins, welches nicht im Wörterbuch, sondern weit hinter dem Vorhängeschloss meines Wortschatzes stand:
Du.
Und diese zwei Wörter, "Du" und "Freund", passen zusammen wie Mickey und Maus.
Herz und Seele.
Haar und Laus.
Pech und Schwefel.

Du.

Immer wieder dieses Du in meinem Kopf!
An jedem Ende oder Anfang eines jeden Gedanken: Du.
Hinter jeder Biegung oder Ecke meiner täglichen Strecke: Du.
An der Luft oder unter Wasser, egal wo ich mich niederlasse: Du.
Doch das ist alles nur trügerischer Schein.
Warum sonst, sollte dieses Wort hinter meinem Vorhängeschloss sein?
Du bist nicht mehr der, den ich als Synonym für "Freund" verwenden kann,
sondern der den ich in mir verschließe, für irgendwann.

Du.

Früher habe ich alles an diesen Buchstaben geliebt.
Wie sie quasi den Hauptteil meines jeden Satzes bildeten, und dich beschrieben ohne weit ausholen zu müssen.
Du.
Wie sie mich stützten, wenn ich Halt suchte,
und das Vermissen linderten, das wie ein Sturm in mir tobte.
Du.
Oh ja, und wie sie mit dem Wort "Freund" harmonierten.
Das habe ich am meisten an ihnen geliebt, und soll ich dir sagen Warum?
Weil DU mein FREUND warst.

Du.

Und jetzt?
Ist mir klar geworden, wie Schönheit doch trügen kann.
Das ein Satz auch aus weiteren Wörtern und Buchstaben besteht,
und man meist viel mehr davon braucht, um einem Menschen beschreiben zu können.
Mir ist klar geworden, das man niemanden je vollständig stützen kann, wenn der Boden vereist und die Griffe zu glatt sind,
und auch ein Boot warten muss, bis der Sturm sich legt, um sich durch die Wellen zu kämpfen.
Mir ist jetzt klar, dass die Welt voller Kontraste ist, und auch Synonyme sich unterscheiden können, wenngleich man sie erst für passend hält.
Ich weiß jetzt, dass Wörter wie "Du" und "Freund" nicht harmonieren können, solange "Du" hinter meinem Vorhängeschloss verstaubt, und "Freund" sich nicht meldet.

Du.

Und immer wieder dieses Du in meinem Kopf!
Vielleicht ist es an der Zeit ein Brecheisen zu holen, um mein Vorhängeschloss aufzubrechen.
Sich damit am Roten Faden zu rächen, an dem alles immer der Ordnung nach geht.
Vielleicht ist es an der Zeit mein "Du" ganz offiziell neben "Freund" zu schreiben,
damit das, was ich einst so geliebt habe, wieder harmonieren kann, ohne auseinander zu treiben.
Denn eins weiß ich jetzt:
Du.
Bist.
Mein.
Freund.

Comments

  • Author Portrait

    Ein sehr schöner Text! Ich hoffe, er konnte beim Wiederaufbau der Freundschaft helfen :)

  • Author Portrait

    Freundschaft ist ein interessantes Thema und aus diesem Grund finde ich den Text bzw. die Idee dahinter ansprechend. Mir gefällt die Idee, einen Text zu schreiben, um eine Freundschaft wieder aufzubauen. Jedoch muss ich auch sagen, dass damit kein Erfolg garantiert ist. Es kann klappen - muss es aber nicht. Und gerade auch weil das so ein persönliches Thema ist, kann man schlecht allgemeine Maßstäbe auf einen solchen Text anwenden. Als außenstehender Leser kann man auf keinen Fall all das Persönliche erfassen, was in diesem Text steckt und was den Autor und den Adressaten verbindet. Von daher kann ich mich nachfolgend nur um gute Ratschläge bemühen, diese aber nicht garantieren: Ich finde den Einstieg mit den zehn Synonymen interessant. Allerdings finde ich zum Beispiel, dass "Kamerad" kein Synonym zu "Freund" ist. Ähnlich geht es mir mit ein paar anderen Begriffen. Aber das ist nur eine persönliche Meinung. Die Metapher des "Vorhängeschlosses vor dem Wortschatz" verstehe ich ehrlich gesagt nicht wirklich. Das mag auch daran liegen, dass "du" ein sehr häufig genutztes Wort ist und mir die Bindung zwischen dem Adressaten und dem Wort "du" nicht ausreichend persönlich scheint. "Du" könnte genauso jeder andere sein, finde ich. "Immer wieder dieses Du in meinem Kopf!" (und die drei nachfolgenden Verse) passen meiner Meinung nach eher in ein Liebesgedicht. Mir ist klar, dass du damit ausdrücken möchtest, dass du oft an diese Person denkst. Das erkenne ich aber erst "auf den zweiten Blick". Zunächst erscheint es mir eben wie aus einem Liebesgedicht. Auch weiter ab "Früher habe ich alles an diesen Buchstaben geliebt." finde ich den Ausdruck sehr emotional und bildgewaltig, was ich nicht unbedingt einem Gedicht für einen Freund (oder eine Person mit ähnlichem Beziehungsgrad) erwarte. Die Erkenntnis "dass ein Satz auch aus weiteren Wörtern [...] besteht", gefällt mir wieder sehr gut. Ich finde, da kommst du wieder "auf den Boden". Meiner Meinung nach klingt das nach: "Ich möchte gerne wieder mit dir befreundet sein, aber mir ist auch klar, dass sich etwas verändert hat und wir nicht so weiter machen können wie bisher. Zu einer Freundschaft gehören auch Freiheiten und dass man mal etwas mit einer anderen Person macht, selbst wenn man einander bester Freund ist." (oder so ähnlich) "Ich weiß jetzt, dass Wörter wie 'Du' und 'Freund' [...]": Dort taucht dann wieder die Metapher auf, die ich nicht verstehe. Außerdem klingt "und 'Freund' sich nicht meldet" für mich wie ein versteckter Vorwurf. Ob das nun wirklich so ist, kann ich nicht wissen und beurteilen. Das Bild mit dem roten Faden finde schön, weil es in einem ungewohnten Kontext vorkommt. Sonst steht der rote Faden ja für Ordnung und Kontinuität. Hier finde ich es aber gelungen eingesetzt, um zu zeigen, dass eben nicht alles im Leben geordnet und kontinuierlich läuft. "Du. Bist. Mein. Freund." finde ich vielleicht etwas fordernd dem Adressaten gegenüber, wenn das der erste Kontakt- oder "Wiederaufbauungs"-Versuch seit längerer Zeit ist. Als Adressat würde ich mich genötigt fühlen, ähnliches dem Autor gegenüber zu wiederholen und zu empfinden. Ich denke, dafür reicht kein einzelner Text. Von daher würde ich das etwas vorsichtiger angehen. Aber das ist wie gesagt nur meine eigene Meinung. Wie das zwischen euch so ist/läuft/war kann ich nun einmal nicht einschätzen. Ich hoffe, dass ich dir einige Tipps und konstruktive Kritik geben und dir weiterhelfen konnte. Es ist nun einmal schwer, einen so persönlichen Text als Außenstehender zu beurteilen.

  • Author Portrait

    Ich finde es wunderschön und tiefgründig, ehrlich und suchend. Meine besten Wünsche für deinen Wiederaufbauungsversuch!

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