Du bist mein Verderben

Leise öffnete ich die Tür und verließ das ungemütliche Zimmer. Ich sah mich um. Der Flur war beinahe menschenleer, nur die Krankenschwestern huschten geschäftig an mir vorbei. Ich hatte keine Ahnung, wo ich lang gehen musste, um den Empfang des Krankenhauses zu finden. Dabei musste ich unbedingt wissen, wie es James ging und in welches Zimmer er verlegt worden war. Ich machte mir keine Gedanken über seinen Gesundheitszustand.
Ich wollte bloß wissen, ob er in der Lage war mit mir zu sprechen. Auf gut Glück wanderte ich den Flur hinab und behielt die Ausschilderung im Auge.
Auf Socken glitt ich über den glatten und sauberen Linoleumboden. Nachdem ich eine weitere Flügeltür durchschritten hatte, wies mich ein Schild daraufhin, dass ich nach rechts abbiegen musste, um zum Haupteingang zu gelangen.
Geschwind bog ich ab und ging weiter, bis ich in den geräumigen Eingangsbereich des Krankenhauses trat. Der Boden war mit grauem Teppich ausgelegt. Hohe und schmale Fenster ließen das Sonnenlicht nur bedingt hinein. Links von mir befand sich eine Sitzgruppe, bestehend aus marineblauen Sofas, die schon leicht durchgesessen waren.
Hier und da standen Pflanzen, die den Raum etwas lebendiger machten. Hier hielten sich eindeutig mehr Menschen auf, als in den langen und hallenden Fluren.
Ich sah einen Mann mit einem eingegipsten Bein, der in einem Rollstuhl saß und von einer rothaarigen Frau geschoben wurde. Hinter einer Glaswand, ebenfalls links, standen ältere Leute mit Blumensträußen, aber auch Familien mit kleinen Kindern vor den Aufzügen.
Rechts befand sich der langgezogene, weiße Empfangstresen. Ich stellte mich vor ihn und sah eine brünette dickliche Frau mit einer schwarzen Brille auf der Nase. Sie sortierte eifrig einen Haufen Akten, ohne ein einziges Mal nach oben zu schauen. Ich räusperte mich, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Es zeigte keinen Erfolg.
„Entschuldigen Sie?“ Ruckartig schnellte ihr Kopf nach oben.
„Ja?“, fragte sie gehetzt und unfreundlich. Ich ließ mich von ihrem Ton nicht beirren.
„Ich wollte mich nach einem Patienten erkundigen, der heute vor ca. einer Stunde eingeliefert worden ist.“
„Name?“
„James Roddick.“ Gehetzt wandte sie sich einem Computer zu und tippte etwas ein.
„Sind Sie ein Familienmitglied?“ Sie bedachte mich mit einem strengen Blick.
„Nein, aber ich möchte bloß wissen in welchem Zimmer er liegt und ob ich mit ihm sprechen kann. Ich habe den Krankenwagen gerufen, der ihn hierher gebracht hat.“
Flehend sah ich sie an. Ihre dünnen Lippen kräuselten sich.
„Nach meinem Wissen wird er momentan immer noch operiert. Ich kann Ihnen aber sagen, dass er nach der Operation auf die Intensivstation verlegt werden wird und dort dürfen ihn nur Familienmitglieder besuchen.“ Für sie war die Unterhaltung beendet. Sie widmete sich wieder den Akten.
Verdammt, ich hatte gar nicht daran gedacht, dass er womöglich auf die Intensivstation gebracht werden würde.
Wie sollte ich jetzt mit im reden? Ich konnte nicht länger warten, dafür war mein Anliegen an ihn viel zu wichtig. Ich zerbrach mir den Kopf darüber, wie ich weiter vorgehen sollte. Die Frau arbeitete derweil konzentriert weiter, sodass ihr gar nicht auffiel, dass ich vor dem Empfangstresen stehen geblieben war. Als ich die Hände in die Hüften stemmte, fiel mein Blick auf meine linke Hand.
Am Ringfinger steckte der Diamantring, den mir James für eine voraussichtliche Verlobung geschenkt hatte. Ich hatte ihn total vergessen. Sein Anblick widerte mich an und am Liebsten hätte ich ihn mir gewaltsam vom Finger gerissen. Meine Hand fing an zu zittern. Schnell hielt ich sie mit meiner rechten Hand fest. Dann hatte ich einen Geistesblitz.
„Ich bin mit ihm verlobt.“ Ich hatte Mühe die Worte über meine Lippen zu bringen. Überrascht sah sie erneut zu mir.
„Sie sind ja immer noch da.“ Es war kaum zu überhören, dass sie genervt war. Ich fragte mich, wie sie den Job als Empfangsdame bekommen hatte. Die Freundlichste war sie ja nicht gerade.
„Ich bin mit ihm verlobt“, wiederholte ich und hielt ihr zum Beweis meine linke Hand entgegen. Mit hochgezogener Augenbraue betrachtete sie skeptisch den Ring.
„Gibt es jemanden, der das bestätigen kann?“
„Wie bitte?“, fragte ich ungläubig und war empört über ihren Umgangston.
„Verstehen Sie mich nicht falsch, aber wie soll ich bitte wissen, dass Sie die Wahrheit sagen? Ein Diamantring reicht nicht aus, sonst könnte ja jeder kommen und behaupten mit einem Patienten verlobt zu sein. Also, gibt es jemanden der Ihre Aussage bestätigen kann?“ Mit ernstem Gesicht sah sie mich fragend an.
„Nein“, platzte es laut aus mir heraus.
„Ich habe keine Zeugen, weil wir alleine waren, als er mir den Antrag gemacht hat.“ Ich verschwieg ihr gekonnt, dass der Ring eigentlich keine besondere Bedeutung hatte. Doch ich musste sie belügen, damit annähernd die Chance bestand, dass ich in ein paar Stunden mit James sprechen konnte.
„Bitte drücken Sie ein Auge zu. Ich muss ihn unbedingt sehen.“ Ich bettelte. Merkwürdig verzog die Frau das Gesicht. Mit einer Mischung aus Zweifel und Mitleid musterte sie mich. Plötzlich stand sie von ihrem Stuhl auf und stellte sich mir gegenüber. Ich konnte Kamille riechen.
„Ich mache Ihnen ein Angebot. Sie warten hier, damit ich Ihnen Bescheid sagen kann, wenn die Operation vorbei ist. Dann müssen Sie aber mindestens zwei Stunden warten, bis ich Sie zu ihrem Verlobten lassen kann, weil er Ruhe braucht. Wenn Sie rein dürfen, bitte ich Sie sich nicht allzu lange mit ihm zu unterhalten. Das Wichtigste ist, dass Sie ihn nicht aufregen. Verstanden?“ Dankbar nickte ich. Ich konnte den Anflug eines Lächelns auf ihren Lippen erkennen.
„Sie wissen gar nicht, was Sie mir für ein Gefallen damit tun“, sagte ich fröhlich. Sie winkte ab.
„Ich setze mich dann da drüben hin.“ Ich zeigte auf die Sitzgruppe.
„Gut.“ Sie wandte sich ab und setzte sich wieder auf den Stuhl.
Glücklich durchquerte ich den Eingangsbereich und ließ mich auf ein blaues Sofa plumpsen. Ich konnte kaum glauben, dass sie mir erlaubt hatte James in ein paar Stunden besuchen zu dürfen. Hoffentlich würde sie meinetwegen keinen Ärger bekommen, wenn ein Arzt oder eine Krankenschwester mich auf der Intensivstation erwischte.
Ich verdrängte meine Angst, sowie die Gedanken an die Ärztin, die noch einmal bei mir vorbeischauen wollte.
Ich wurde panisch, als ich an das mir bevorstehende Gespräch mit ihr dachte. Natürlich wollte ich ihr alles anvertrauen, doch was würde danach passieren? Zuerst müsste ich mit der Polizei sprechen, aber was dann? Wo sollte ich wohnen? Bei wem sollte ich leben?
Meine Zukunftsängste plagten mich nicht das erste Mal, aber auf keine meiner Fragen hatte ich eine Antwort. Ich zog die Beine an meinen Körper und verschränkte die Arme auf meinen Knien. Das Kinn stützte ich auf und starrte wie gebannt auf die Eingangstür.
Am Vormittag herrschte Hochbetrieb und viele Menschen strömten herein oder heraus. Ich sah jedem einzelnen ins Gesicht, doch ich war nicht dazu fähig irgendein Merkmal zu fokussieren. Für mich sahen alle gleich aus, sowohl die Frauen, als auch die Männer.
Ich schloss die Augen und versuchte mich auf den kommenden Besuch bei James vorzubereiten. Ich wusste ganz genau, was ich ihm sagen wollte und wie er darauf reagieren würde. Es würde keine angenehme Angelegenheit für ihn werden.
Würde er sterben, wenn ich ihn zu sehr aufregte? Wie zur Antwort zuckte ich mit den Schultern.
Ich wusste es nicht, aber mir war es auch egal. Während ich leise die Worte, die ich ihm sagen wollte, vor mich hinmurmelte, wurden meine Lider schwerer und ich schlief ein.

„Wachen Sie auf.“
Jemand rüttelte unsanft an meiner Schulter. Grimmig legte ich meine Stirn in Falten und öffnete vorsichtig meine Augen. Im ersten Moment hatte ich keine Ahnung, wo ich war, aber dann sah ich weiße kahle Wände und eine brünette Frau, die neben mir hockte. Ich lag seitlich auf dem Sofa, wobei mein linker Arm über der Kante hing.
„Sie können Ihren Verlobten jetzt besuchen.“ Ich war verwirrt.
„Wie lange habe ich denn geschlafen?“ Ich richtete mich auf und gähnte ausgiebig.
„Drei Stunden“, antwortete sie knapp und setzte sich neben mich. Drei Stunden. Die Zeit war wie im Flug vergangen.
„Kommen Sie mit. Ich bringe Sie zu ihm.“ Sie erhob sich und ging schnellen Schrittes zu den Aufzügen. Ich musste mich beeilen, um den Anschluss nicht zu verlieren.
Die Frau stieg in einen Aufzug, der gerade im Erdgeschoss ankam. Ich legte einen Zahn zu und hechtete in die Kabine des Aufzuges. Sie drückte auf den Knopf mit der Nummer 3. Mit einem schwachen Ruck nahm der Aufzug Fahrt auf.
„Ich will Sie noch einmal daran erinnern, dass Sie sich nicht lange mit ihm unterhalten dürfen.“ Ihr Gesichtsausdruck war streng und ernst.
„Und ich darf ihn nicht aufregen, ich habs nicht vergessen.“
Kannte sie mich etwa und hatte die Bedingungen wiederholt, weil sie von meinem schlechten Gedächtnis wusste oder hielt sie mich für dämlich?
Ich hatte keine Zeit weiter darüber nachzudenken, denn der Aufzug hielt an und die Türen öffneten sich.
Als ich ausstieg, sah ich schon die Milchglastür hinter welcher die Intensivstation lag. Die Frau ging vor, blieb aber nach wenigen Metern stehen. Sie winkte mich zu sich herüber. Ich ging zu ihr.
„Sie müssen sehr leise auf der Station sein. Ihr Verlobter liegt in Zimmer 366. Bleiben Sie am Besten bloß eine halbe Stunde, dann fahren Sie wieder runter und kommen zu mir.“ Eindringlich starrte sie mich an.
„Mach ich.“
Nach einem letzten argwöhnischen Blick ging sie zu den Aufzügen zurück. Ich dagegen öffnete die Tür und betrat einen stillen Flur. Es war so ruhig, dass mir meine Herzschläge ungemein laut vorkamen. Zum Glück kam mir keiner entgegen, als ich den Flur entlangschritt.
James´ Zimmer hatte ich schon nach kurzer Zeit erreicht. An der Tür haftete ein Hygienehinweis, der für die gesamte Station galt. Man durfte einen Patienten nur mit desinfizierten Händen und einem Kittel besuchen. Ich schluckte. Ich hatte mich an keine der beiden Vorschriften gehalten. Sollte ich dennoch hineingehen?
Schließlich hatte mich niemand gesehen und ich würde James ganz bestimmt nicht so nahe kommen, dass ich ernsthaft seine Gesundheit gefährden konnte. Ich ignorierte einfach das Schild und trat ein.
Es war ein Einzelzimmer. Ein großes Fenster ließ Sonnenlicht herein, das den Raum aufheizte. Im Gegensatz zu den vielen weißen Wänden im Krankenhaus waren sie hier hellblau angestrichen worden. Links von mir lag das Badezimmer. Erst, als ich in die andere Richtung sah, entdeckte ich ihn.
James lag im Bett und hatte die Augen geschlossen. Vermutlich schlief er. Seine Haut hatte wieder etwas Farbe bekommen und sah nicht mehr erschreckend krank aus. Durch die linke Hand bekam er eine Infusion und an seiner Nase fuhr ein sehr dünner Schlauch vorbei.
Sein Oberkörper war durch das aufgestellte Kopfende erhöht. Ich konnte einen weißen Verband sehen, der um seinen linken Arm geschlungen war und unter dem Patientenhemd verschwand. Zusätzlich hatte er eine Schlinge um den Arm bekommen. Er sah besser aus, als ich erwartet hatte.
Ich nahm mir schnell einen der Stühle, welche für Besucher bereitstanden und stellte ihn rechts neben das Bett. Dann setzte ich mich und betrachtete ihn ein paar Minuten.
Ich war plötzlich völlig durcheinander. Auf der einen Seite hätte ich liebend gerne meine Hände um seinen Hals gelegt und zugedrückt. Wenn er tot war, dann wäre meine Rache perfekt und ich müsste ihn nie wiedersehen. Auf der anderen Seite verursachte sein Anblick jedoch einen Anflug von Mitleid und Sorge. Ich hasste dieses Gefühlschaos.
„Hallo“, hauchte urplötzlich seine einzigartige Stimme. Leicht zuckte ich zusammen.
James hatte die Augen geöffnet und lächelte glücklich. Ich sagte nichts. Als er den Schlauch sah, wirkte er irritiert.
„Du bist im Krankenhaus“, klärte ich ihn auf.
„Ich habe im Motel einen Krankenwagen gerufen, weil du das Bewusstsein verloren hast.“ Mit ernster Miene nickte er, bevor er genervt den Schlauch von seinem Gesicht zog.
„Danke, Holly. Du hast mir das Leben gerettet.“ Liebevoll sah er mir in die Augen.
„Ich bin nicht hier, um dir einen freundlichen Besuch abzustatten“, zischte ich erbost.
„Ich mache mir die ganze Zeit Vorwürfe, weil ich dem Mörder meiner Eltern geholfen habe. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr mich dein gesunder Zustand wahnsinnig macht.“ Verstört zuckte er mit dem Kopf.
„Warum bist du dann hier?“ Er klang verunsichert. Er glaubte wohl, dass ich gekommen war, um ihn zu töten. Dabei hatte er keine Ahnung, dass ich tatsächlich über einen Mord nachgedacht hatte.
„Ich bin hier, um mit dir über uns zu sprechen.“ Das Wort uns musste ich hervorwürgen.
„Wieso? Ich dachte es wäre klar, dass ich weiterhin über dich wachen darf, wenn ich nicht mir dir spreche oder mich sehen lasse.“ Ich meinte einen Hauch Panik in seiner Stimme zu hören. Er schien zu ahnen, was ich ihm schon so lange sagen wollte.
„Erstens war ich von dieser Entscheidung sowieso nicht begeistert und zweitens habe ich in den letzten Stunden gründlich nachgedacht und mich anders entschieden.“ Mein Ton war kalt und verbittert.
„Und wie sieht deine Entscheidung aus?“ Er fuhr sich nervös durch die Haare.
„Trotz meiner Vermutung, dass du durchaus weißt, was nun kommen wird, werde ich es dir dennoch persönlich sagen.“ Ich holte tief Luft und zögerte meine Antwort somit noch etwas hinaus. Ich konnte sehen, wie sehr ihn die Anspannung quälte. Es war purer Genuss für mich.
„Hiermit möchte ich unsere Beziehung offiziell beenden. Ich will nicht, dass du in meiner Nähe bist, egal, ob ich dich sehen kann oder nicht.“ Seine Gesichtszüge entgleisten und er sah aus wie ein grässliches Monster.
„Holly, hör mir zu…“
„NEIN, DU HÖRST MIR ZU“, kreischte ich und stand schockiert auf, weil er sich nach vorne gebeugt und versucht hatte, meine Hand zu ergreifen.
„Du kannst mich nicht umstimmen, du mieser Verräter. Ich verabscheue dich und werde dir niemals verzeihen!“
„Es tut mir unendlich leid, Holly. Was ich getan habe, kann ich niemals wiedergutmachen“, äußerte er wehleidig. Ich schnaubte laut.
„Wieso hast du mich verraten?“ Das war das Einzige, was ich noch von ihm wissen wollte. Mit seinen grauen Augen sah er mich gequält an.
„Damals war ich mir unsicher, ob ich mit meinem Beruf weitermachen soll oder nicht. Da ich dringend einen Rat brauchte, habe ich einer vermeidlichen Freundin von meinen Bedenken erzählt. Während des Gesprächs ist sie selbst darauf gekommen, dass an meinem Sinneswandel eine Frau Schuld sein muss. Natürlich habe ich daran gedacht, dass es gefährlich sein könnte ihr von dir zu erzählen, aber ich habe ihr vertraut.“
„Das muss ja eine riesige Enttäuschung für dich gewesen sein.“ Meine Stimme triefte vor falschem Mitleid und Spott.
„Du hast mir hoch und heilig versprochen niemals ein Wort über mich bei deinem Kollegen zu verlieren. Nun weiß ich, was ein Versprechen von dir wert ist: rein gar nichts.“ Ich war gleichzeitig wütend und enttäuscht. Ich spürte, wie Tränen in meine Augen schossen.
„Du kannst nicht von mir erwarten, dass ich dir fern bleibe.“
„Ach ja? Und du kannst nicht von mir erwarten, dass ich einem widerlichen Mörder und Verräter erlauben würde auf mich aufzupassen.“
Ich setzte mich wieder hin, da er sich zurückgelehnt hatte. Zornig wischte ich mir mit dem Handrücken über die feuchten Augen.
Dann herrschte Schweigen zwischen uns. James starrte zur Decke und schien konzentriert nachzudenken.
Gerne wäre ich gegangen, denn seine Anwesenheit tat mir nicht gut, aber ich hatte das Gefühl, dass er meine Entscheidung immer noch nicht akzeptiert hatte.
„James.“ Überrascht drehte er seinen Kopf zu mir.
„Ich kann nicht mehr, verstehst du das nicht? Wenn ich weiß, dass du ständig in meiner Nähe bist, dann drehe ich durch und werde für immer unglücklich sein. Du bist mein Verderben.“ Diesmal hatte ich es in einem ruhigeren Ton versucht. Vielleicht zeigte das ja Wirkung.
„Auch wenn ich dich verlassen wollte, ich kann es nicht. Da draußen läuft ein Haufen verrückter Killer herum, der nur darauf wartet, dass du schutzlos vor seiner Nase auftauchst. Ich lasse es nicht zu, dass sie dich töten. Okay, momentan kann ich durch meine Verletzung nicht sehr viel ausrichten, aber ich lasse dich nicht im Stich.“ Dann lächelte er wieder.
„Außerdem bist du die Liebe meines Lebens.“
„Sag das nicht“, fauchte ich und funkelte ihn böse an.
„Ich will das Wort Liebe nicht mehr hören.“ Ich massierte meine Schläfen. „Du strapazierst meine Nerven mit deiner Unnachgiebigkeit.“ Er reizte mich bis aufs Blut.
„Damit musst du wohl zurecht kommen. Ich kämpfe für dich, egal, wie lange es dauert, bist du das akzeptierst.“ Ich verschränkte die Arme.
„Darauf kannst du ewig warten.“ James beugte sich erneut nach vorne und war mir bedrohlich nahe.
„Schön, dass wir das geklärt haben.“
„Nein“, protestierte ich.
„Es ist nichts geklärt, weil du einzig und allein deinen Willen durchsetzen willst, aber damit kommst du nicht durch.“ Wutentbrannt zog ich mir den Diamantring vom Finger und ließ ihn auf die Bettdecke fallen. Geschockt hielt James den Atem an. Meine Handlung musste ihm das Herz zerreißen.
„Ich kann diesen Ring nicht mehr tragen“, sagte ich schroff und hatte bloß einen verächtlichen Blick für James übrig.
„Das kann nicht dein Ernst sein.“ Ungläubig stierte er auf den winzigen Gegenstand, bevor er ihn behutsam in die rechte Hand nahm.
„Das ist mein Ernst.“
„Warum? Du kannst mir nicht erzählen, dass du mich nicht mehr liebst.“
Mein Herz blieb fast stehen. Er hatte mich an meiner empfindlichsten Stelle getroffen, meine Unsicherheit.
Als ob seine Worte ein Startsignal wären, meldete sich wieder der kleine Teil, der James noch unendlich liebte. Ich war verwundert, denn die Gefühle wurden stärker und stärker. Das durfte nicht sein. Ich musste die Liebe stoppen, bevor sie so stark wurde, wie vor wenigen Tagen, als mein Leben noch in gewohnten Bahnen verlaufen und kein Scherbenhaufen gewesen war.
„Ich liebe dich nicht. Dass ist vorbei, James!“, schrie ich, um mich auch selbst zu überzeugen, denn ich merkte, wie meine eiskalte Fassade zu bröckeln begann. Ich durfte nicht schwach werden. Ich würde mich ewig dafür verabscheuen, wenn ich nachgab. Jetzt kamen die Tränen, die ich eben noch zurückhalten konnte.
„Tut mir leid, aber das glaube ich dir nicht.“ James kam noch ein Stückchen näher. Ich konnte seinen Atem auf meiner Haut spüren und alle grauen Wirbel in seinen Augen sehen. Dann wagte er es tatsächlich mich zu küssen. Blitzschnell zog ich den Kopf zurück, bevor er meine Lippen berührte.
„Komm mir nicht zu nahe“, keifte ich mit erstickender Stimme und hob schützend die Hände vor mein Gesicht.
„Ich hasse dich.“ Mit all meiner Kraft stieß ich ihn zurück aufs Bett.
„Es ist besser für mich, wenn ich gehe, schließlich muss ich auch bald mit der Polizei reden.“ Ich erhob mich, doch er umfasste unsanft mein rechtes Handgelenk und beförderte mich wieder auf den harten Plastikstuhl.
„Was fällt dir ein?“, fragte ich empört. James´ Gesicht zeigte blankes Entsetzen und eine Heidenangst.
„Du kannst nicht zur Polizei gehen.“
„Das brauche ich auch nicht. Die Polizei kommt hierher. Das Krankenhaus wird sie anrufen, weil du mit einer Schusswunde eingeliefert worden bist. Stell dich schonmal darauf ein, dass sie auch mit dir reden wollen.“ Ich konnte mir ein hämisches Grinsen nicht verkneifen. Seine Haut war erneut bleich geworden.
Aber anstatt wie versteinert sitzen zu bleiben, riss er sich die Infusionsnadel mit einem gewaltigen Ruck aus seiner linken Hand. Blut sickerte auf die schneeweiße Bettwäsche.
„Bist du wahnsinnig geworden?“ Keine Antwort. Im ersten Moment konnte ich nur überrascht zusehen, wie James hektisch aus dem Bett stieg und in einem Kleiderschrank, der genauso aussah, wie der in meinem Zimmer, nach seinen Klamotten suchte. Genauer gesagt suchte er bloß nach seiner Jeans, denn sein Hemd lag wahrscheinlich noch immer im Motel.
„Scheiße“, stieß er hervor und setzte sich auf die Bettkante. Es kam kein einziger Tropfen Blut mehr aus seiner Wunde, aber die Haut drum herum wurde blau. Seine Suche war erfolglos geblieben.
„Du hast doch nicht etwa vor einfach abzuhauen, oder?“ Sein Kopf schnellte zu mir. In seinen Augen lag Unsicherheit.
„Natürlich. Ich kann unmöglich hier bleiben und freundlich mit der Polizei schwatzen.“
„Warum nicht? Ich hätte erwartet, dass du locker eine Lügengeschichte aus dem Ärmel schütteln würdest.“ James zeigte ein nervöses Lächeln.
„Sicher wäre mir etwas eingefallen, um meine Schusswunde zu erklären, ohne die Wahrheit sagen zu müssen, aber es gibt leider ein Problem.“
„Und das wäre?“, fragte ich bissig und strich mir die zerzausten Haare aus dem Gesicht.
„Du.“ Mir klappte die Kinnlade herunter.
„Wie bitte?“
„Verstehst du denn nicht? Ich kann der Polizei sagen, was ich will, aber wenn du ihnen die ganze Wahrheit offenbarst, dann bin ich geliefert.“ Daran hatte ich gar nicht gedacht. James´ Schicksal lag also in meiner Hand.
„Nenn mir einen Grund, warum ich die Polizei belügen sollte?“ Ungeduldig wartete ich auf seine Antwort.
„Weil es beinahe nichts gibt, wovor ich mehr Angst habe, als ins Gefängnis zu gehen.“ Sein Atem ging vor Panik in Stößen.
„Hast du mal darüber nachgedacht, dass du nichts anderes verdient hast?“ Er ballte die Hände zu Fäusten.
„Ja, dass weiß ich, aber mir gefällt die Vorstellung nicht, dass ich jahrelang in einer Zelle hocken und auf meinen Tod warten müsste. Tut mir leid, wenn mich diese Zukunftsaussicht davon abhält mich freiwillig zu stellen.“ Ich fand es grotesk, dass James in solch einer ernsten Situation noch sarkastisch sein konnte.
„Mir ist es gleichgültig, ob du Angst hast oder nicht. Ich werde dich und deine Kollegen verraten, weil ihr meine Eltern auf dem Gewissen habt.“ Meine Stimme war erneut schrill und hysterisch geworden. James sprang vom Bett herunter und kniete sich umständlich vor mich.
„Ich bin ein Monster, Holly, und der Letzte, der Vergebung verdient hat. Dennoch flehe ich dich an, sag bitte nicht die Wahrheit. Auch über die Anderen darfst du der Polizei nichts erzählen, weil sie dann auch befragt werden und mich verraten würden.“ Er machte eine kurze Pause, ehe er fortfuhr.
„Außerdem will ich selbst Rache an ihnen üben.“ Bei seinen letzten Worten flammte Hass in seinen Augen auf. Angewidert durch seine Reumütigkeit wandte ich meinen Blick von ihm ab und sah aus dem Fenster.
Am Himmel war keine einzige Wolke zu sehen.
Ein Schwarm schwarzer Vögel zog gerade laut kreischend vorbei. Vor wenigen Minuten war ich mir absolut sicher gewesen, dass ich James ohne weiteres bei der Polizei anschwärzen würde, doch dann hatten sich meine nervigen Gefühle wieder gemeldet und alles zu nichte gemacht. Warum konnte sich mein Herz nicht für eine Seite entscheiden? Entweder Liebe oder Hass.
Mir wollte sein ängstlicher Blick einfach nicht aus dem Kopf gehen. Ich hätte jetzt gut einen stumpfen Gegenstand gebrauchen können, den ich mir gegen den Kopf hauen konnte, um seinen Anblick zu vergessen. Derweil konnte ich James´ bohrenden Blick in meinem Rücken spüren. Ich fühlte mich miserabel. Wieso musste ich immer irgendwelche wichtigen Entscheidungen treffen, die ihn retten würden? Dabei hatte ich schon so viel für ihn getan, viel mehr, als er eigentlich verdient hatte.
„Was sollte ich deiner Meinung nach denn der Polizei erzählen? Vielleicht dass aus einem unerfindlichen Grund eine Hand von Killern in unser Haus eingebrochen ist, meine Eltern ermordet hat und du verletzt wurdest, als du mich ritterlich beschützt hast? Natürlich hast du es auch geschafft mich zum Motel zu bringen. Wow, der einzige Part der nicht erstunken und erlogen ist“, meinte ich ironisch.
„Das wäre schon mal eine gute Lüge.“ Er klang gelassen und zu meinem Entsetzen auch begeistert.
„Du bist irre, James. So einfach kann man die Polizei nicht hintergehen“, blaffte ich ihn an.
„Woher willst du das bitte wissen, Holly?“ Ich konnte an seinem Ton hören, dass er ungeduldig wurde. Er wollte mich unbedingt davon überzeugen für ihn zu lügen, damit er nicht in den Knast musste, aber ich war nicht mehr für ihn verantwortlich, aus dieser Sache musste er selbst herauskommen.
„Ich werde dir nicht helfen, James.“
Aus den Augenwinkeln sah ich, wie er sich aus der knienden Position erhob und näher an mich herankam. Ich konnte spürten, dass er hinter mir stand.
„Ich weiß, dass du mir nicht verzeihen kannst, aber bitte lass es nicht zu, dass ich ins Gefängnis muss“, flüsterte er mir zu.
Mir lief ein angenehmer Schauer über den Rücken und mein Herz raste. James vernebelte meinen Verstand, wie er es schon so oft getan hatte. Seine Anziehungskraft hatte nichts von ihrer massiven Stärke eingebüßt.
Dann schlang er seinen gesunden rechten Arm um meine Taille und zog mich mit einem kräftigen Ruck an sich. Ich konnte seine Wärme durch mein dünnes Patientenhemd spüren. Und auf einmal fühlte ich mich in die Zeit zurückversetzt, in der ich unbeschwert und glücklich verliebt gewesen war. Es war kaum zu glauben, dass diese Zeit bloß einige Stunden her war. Mir kam es wie eine halbe Ewigkeit vor.
Für einen Augenblick waren der unglaubliche Schmerz und die unsagbare Trauer um meine Eltern vergessen. Ich genoss einfach die Geborgenheit, die ich mir sehnlichst gewünscht hatte. Erst ein paar Minuten später drang zu mir durch, dass James mich in seinen Armen hielt. Dabei wollte ich doch nicht, dass er mich anfasste. Nie mehr. Ich schüttelte wild den Kopf und befreite mich aus seinem festen Griff.
„Lass mich in Ruhe“, zischte ich und ging mit großen Abstand an ihm vorbei. „Du willst mich bloß dazu bringen, dass ich dich nicht bei der Polizei verpfeife.“ Er wirbelte herum und sah mich ungläubig an.
„Das kannst du doch nicht ernsthaft glauben.“
„Warum nicht? Es ist eindeutig, dass du deinen Arsch retten willst.“ Mein Ton wurde schroffer. Ich machte mir schwere Vorwürfe, weil ich seine Nähe zugelassen hatte. Ich hasste mich selbst und meine Schwäche. Ohne ein weiteres Wort schritt ich zur Tür und öffnete sie leise, als ich hinter mir seine Stimme hörte.
„Bitte sag nicht die Wahrheit, Holly.“
In seinem Flüstern konnte ich all die Verzweiflung und Angst heraushören. Seine Bitte löste in mir ein mächtiges und unbekanntes Gefühl aus. Ich konnte es schwerlichst beschreiben, geschweige denn bestimmen. Was war denn bloß mit mir los? Hatte ich mich nicht ein einziges Mal unter Kontrolle? Ich schaute nicht zurück, als ich das Zimmer verließ und auf den menschenleeren Flur der Intensivstation trat.
Auf dem Weg zurück fragte ich mich unablässig, was ich tun sollte. Ich war voller Entschlossenheit zu James gegangen. Ich hatte mir vorgenommen mich nicht von ihm beeinflussen oder gar von meinem Entschluss, der Polizei alles zu erzählen, abbringen zu lassen, aber natürlich hatte er alles zunichte gemacht. Er konnte mich mit wenigen Worten und Taten aus dem Konzept bringen und dass wusste er. Mieser, hinterhältiger Manipulator.
Ich war so in Gedanken versunken, dass ich gar nicht bemerkte, dass ich bereits im Eingangsbereich stand. Auf den Sofas saßen nun mehrere Familien, die sich miteinander unterhielten und lachten. Die ausgelassenen und glücklichen Gesichter waren ein niederschmetternder Anblick für mich. So etwas würde ich niemals wieder erleben. Ich musste erneut gegen die Tränen kämpfen.
Mein Wunsch nach familiärer Zuneigung und Geborgenheit erdrückte mich beinahe und schnürte mir die Luft ab. Ich wandte meinen Blick schnell auf den Empfangstresen, hinter welchem die brünette Frau saß. Wie versprochen ging ich zu ihr. Ich zwang mich zu einem dankbaren und halbwegs fröhlichen Lächeln.
„Da bin ich wieder.“ Ihr Kopf schnellte zu mir.
„Haben Sie mit ihrem Verlobten gesprochen?“ Kaum merklich nickte ich.
„Ja. Danke, dass Sie mich zu ihm gelassen haben.“ Mir fiel es von Minute zu Minute immer schwerer meine sorglose Fassade aufrecht zu erhalten.
„Kein Problem.“ Gehetzt schob sie ihre Brille zurecht. Ich schenkte ihr ein letztes gequältes Lachen, ehe ich mich abwandte und mich in mein steriles Zimmer begab.

Nachdem ich mich ins unbequeme Bett gelegt hatte, hatte ich es tatsächlich geschafft eineinhalb Stunden zu schlafen. Ich hatte jedoch mehr gedöst, als wirklich fest geschlafen, denn ich war nach dem Besuch bei James noch immer verwirrt gewesen. Ich hatte versucht meine Gedanken in eine andere Richtung zu drängen, doch es hatte einfach nicht funktioniert. Nun wartete ich auf die Ärztin, die wieder zu mir kommen wollte, um mich ein letztes Mal zu untersuchen.
Und da waren sie auch wieder, diese nervigen Fragen. Würden Polizeibeamten bei der Ärztin sein oder nicht? Wen würden sie wohl als erstes befragen, James oder mich? Sollte ich die Wahrheit sagen oder doch lieber lügen? Ehrlich gesagt hatte ich auf alle Fragen keine Antwort. Diese Ungewissheit quälte mich und ich fühlte mich dumm.
Apathisch starrte ich an die glatte, schneeweiße Decke und versuchte krampfhaft meine Sorgen zu vergessen, ohne Erfolg. Auch wenn ich die Angst vor meiner Aussage verdrängen könnte, die Gesichter meiner Eltern flackerten vor meinem inneren Auge auf.
Mein Herz fühlte sich an, als ob es jemand mit aller Kraft zusammendrückte und versuchte es aus meinem Brustkorb zu reißen. Unter Schmerzen stöhnte ich auf. Ich sah die strahlend blauen Augen und das freundliche Lächeln meiner Mom und die harten Gesichtzüge meines Dads.
Wie zwei Geister schwebten sie vor mir.
Ich konnte sie zwar sehen, doch berühren konnte ich sie nicht. Es war eine Voraussicht, wie es für den Rest meines Lebens sein würde. Zwar konnte ich mir Familienfotos ansehen und mich an sie erinnern, aber ich würde sie nie wieder umarmen oder küssen können. Laut schluchzte ich und verbarg das Gesicht in meinen Händen.
Mein größter Wunsch war es die Zeit zurückzudrehen, bis zu dem Abend, an dem ich James das erste Mal begegnet war. Dann würde ich nämlich alles anders machen. Ich würde das Haus gar nicht erst verlassen, um mit dem perversen Quentin Jones auszugehen, sondern wäre im Bett liegen geblieben. Aber leider hatte ich nicht die Macht, die Zeit zu manipulieren. Es war für mich kaum vorstellbar, dass ich damals das Treffen zwischen James und mir für eine schicksalhafte Begegnung gehalten hatte.
Jetzt wünschte ich mir, dass ich ihm niemals begegnet wäre. Ich fing bitterlich an zu weinen. Die heißen Tränen liefen in Strömen meine Wangen hinab und befeuchteten die rauen Laken des Krankenhausbettes.
Urplötzlich drangen gedämmte Geräusche an meine Ohren. Sie raubten mir den letzten Nerv und ich hätte alles dafür gegeben, dass sie auf der Stelle verstummten. Die Geräusche waren wie ein unablässiges Hämmern gegen meinen Kopf. Unruhig wälzte ich mich hin und her und versuchte dem Hämmern zu entfliehen, aber ich hatte keine Chance. Es sollte aufhören, einfach aufhören.
„RUHE!“ Mein hoher Schrei hallte durch den Raum. Ich presste gewaltsam die Hände gegen meine Ohren, dann spürte ich eine Hand an meiner Schulter. Erschrocken fuhr ich zusammen. Als ich nach rechts sah, blickte ich direkt in ein Paar blauer Augen. Es war die Ärztin.
„Ganz ruhig, Miss Dugan.“ Ihre samtene Stimme beruhigte mich. Ich ließ die Hände sinken und setzte mich langsam auf.
„Ich bin hier, um Sie noch einmal zu untersuchen.“ Mit den Handrücken wischte ich mir über die feuchten Augen, ehe ich meine zerzausten Haare, so weit es ging, glattstrich. Sie checkte mich durch, wie sie es bei meiner Ankunft im Krankenhaus getan hatte.
Jede ihrer Berührungen war behutsam. Vermutlich wollte sie mich nicht verunsichern oder aufregen.
„Haben Sie schlafen können?“ fragte sie und testete meine Reflexe.
„Nein“, krächzte ich, weil ich seit einer Ewigkeit nichts mehr getrunken hatte. Besorgt musterte sie mich.
„Wollen Sie mir nicht erzählen, was mit Ihnen passiert ist?“
„Mu…muss ich dann nicht mit der Polizei reden, wenn ich Ihnen alles sage?“ Vor Nervosität zitterte meine Stimme.
„Dass kann ich Ihnen leider nicht versprechen. Wenn Sie ein Verbrechen zu melden haben, dann müssen Sie dies der Polizei berichten.“ Sie saß vor mir auf einem rollbaren Hocker.
Ihr blondes Haar, welches sie zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, war spröde und hatte an Glanz verloren.
„Ich werde lieber warten, bis die Polizei kommt“, erwiderte ich, denn ich hatte keine Lust meine Geschichte gleich zweimal erzählen zu müssen. Mit ernstem Gesicht nickte sie.
„Es wird nicht mehr lange dauern. Bald müssten die Beamten da sein.“ Sie erhob sich und wandte sich zur Tür, als sie sich noch einmal zu mir umdrehte.
„Ich werde sie zu Ihnen lassen, wenn sie ankommen. Versuchen Sie in der Zeit noch ein wenig zu schlafen, Miss Dugan.“ Freundlich lächelte sie und entblößte ein Haufen Fältchen um die Augen und den Mund herum.
„Danke“, hauchte ich und legte mich wieder hin.
Jetzt konnte ich nichts weiter tun, als warten. Aber ich wusste noch immer nicht, was ich gleich sagen sollte. Die Ungewissheit zerfraß mich und hielt mich wach, obwohl ich müde war. Meine Lider waren schwer und ich fühlte mich schwach. Ich musste mich jetzt endgültig für eine Seite entscheiden und zwar schnell. Sollte ich James helfen oder nicht? Lüge oder Wahrheit? Die Gedanken rasten durch meinen Kopf. Meine Befürchtung, dass ich erst wieder schlafen könnte, wenn ich das Gespräch mit der Polizei hinter mir hatte, schien sich zu bewahrheiten.
Trotzdem schloss ich meine Augen und versuchte mich zu entspannen. Meine Muskeln erschlafften und ich spürte einen ziependen Schmerz, der durch meine Arme und Beine schoss.
Durch die Anstrengungen in den letzten Stunden hatten sich viele meiner Muskeln angespannt und verkrampft. Es war ein unangenehmes Gefühl, das unerträglich war. Es war wirklich nicht an Schlaf zu denken.
Aus meinem Mund erklang ein lang gezogenes Stöhnen, welches durch ein plötzliches, rhythmisches Klopfen an der Tür unterbrochen wurde.
„Herein“, bat ich zaghaft und unsicher.
Zwei Polizeibeamte in dunkelblauen Uniformen betraten das Zimmer.
Einer von ihnen war schlank und wirkte schlaksig. Er hatte lockige braune Haare und sah noch sehr jung aus. Der Andere, der vorausging, war älter und schwarzhaarig. Er hatte einen Schnurrbart und tiefe Falten hatten sich auf der hohen Stirn gebildet.
„Guten Tag“, begrüßte er mich mit einer dunklen Stimme und nahm seine Mütze ab. Ich versuchte ein freundliches Lächeln zu Stande zu bringen, doch es musste ziemlich gequält aussehen.
„Sie wissen bestimmt, warum wir hier sind.“ Ich nickte.
„Ja, sie wollen mich über die Vorkommnisse der vergangenen Nacht befragen, vor allem möchten Sie sicherlich wissen, warum mein Verlobter mit einer Schusswunde ins Krankenhaus eingeliefert worden ist.“ Ich war äußerst nervös, darum musste ich mich bemühen, dass meine Stimme nicht wie verrückt zitterte.
„Das stimmt.“ Die beiden Polizisten steuerten den kleinen Tisch und den Stuhl an. Der Ältere setzte sich. Er strich sich über das Kinn und musterte mich mit seinen tief liegenden braunen Augen, die schwarz zu sein schienen. Der junge Polizist fuhr sich mit leerem Blick durch die Haare und schaute aus dem Fenster.
„Sind Sie bereit für Ihre Aussage?“
Unsicher kaute ich an den Fingernägeln meiner rechten Hand herum. Ich war nicht bereit, doch dass würde ich nie sein. Jetzt würde ich über die schrecklichen Vorkommnisse sprechen und mich entscheiden müssen, ob ich James verriet oder nicht.
Ein großer Kloß im Hals hinderte mich am Schlucken. Auf einmal wurde mir heiß und ich hatte das Gefühl gefangen zu sein und nicht mehr richtig atmen zu können.
Trotz meiner Panik nickte ich dem Polizisten zu. Dieser räusperte sich und kramte einen Block und einen Stift aus seiner Uniform.
„Na gut, Ihr Name ist Holly Dugan. Ist das richtig?“
„Ja.“ Sie mussten wohl vorher mit der blonden Ärztin gesprochen haben, denn woher sollten sie sonst meinen Namen wissen.
„Sie sind mit einem jungen Mann, der eine Schusswunde hat, hierher gebracht worden. Würden Sie uns bitte erklären, wie es zu dieser Verletzung gekommen ist?“ Sein Ton war sachlich. Ich konnte nicht sofort antworten. Die zweite Frage hatte es schon in sich.
Mein Herz beschleunigte rasend schnell und mir wurde schlecht. Am Liebsten hätte ich die Befragung jetzt schon abgebrochen, aber ich musste jetzt da durch. Tief atmete ich ein und aus, was mir durch den Kloß unglaublich schwer fiel.
„Da…das ist eine lange Geschichte.“ Ich sprach zu meinen Händen. Sie waren so bleich, dass ich meine blauen Venen sehen konnte.
„Kein Problem. Wir haben Zeit.“ Na klasse.
Die Hitze im Zimmer nahm stetig zu und brachte mich zum Schwitzen. Unauffällig fächerte ich mir Luft zu. Ich kam mir ziemlich dämlich vor, denn ich schien die Einzige zu sein, der glühend heiß war.
„Alles hat gestern Nacht angefangen. Ich kann Ihnen die genaue Uhrzeit leider nicht nennen. Ich war Zuhause und habe geschlafen, als ich ein Geräusch gehört habe. Zuerst habe ich mir nichts dabei gedacht, doch dann habe ich einen Schrei aus dem Zimmer meiner Eltern gehört.“ Meine Stimme war zum Ende hin leiser geworden. Nun kam der schwere Teil.
„Lassen Sie sich Zeit.“
Als ich nach oben blickte, traf mich ein aufmunterndes Lächeln. Sein junger Kollege hielt seit Beginn des Gesprächs seine Augen auf mich gerichtet. Ich spürte, wie meine Wangen sich rosa färbten. Mir war es unangenehm angestarrt zu werden. Ich sah wieder nach unten.
„Ich bin natürlich sofort aufgesprungen und wollte nachsehen, was los ist.“ Hart schluckte ich.
„E…es waren plötzlich fremde Personen in unserem Haus. Ich habe sie vorher noch nie gesehen.“ Vor mir tauchten die Gesichter von James´ Kollegen auf. Einmal das des rothaarigen Kerls und dann das Gesicht der bildhübschen Frau. Ich wusste, dass sich mehr Killer im Haus aufgehalten hatten, aber sie habe ich nicht wahrgenommen. Es war zu viel Grausames geschehen. Ein Schauer lief über meinen Rücken und meine Muskeln verkrampften sich erneut.
„Diese Men…Menschen haben mei…meine Eltern ge…getötet.“ Meine Stimme brach ab und ich bekam keine Luft mehr. Ich rang verzweifelt nach Atem, denn ich befürchtete zu ersticken.
Dann sah ich, wie der Polizist mit den Locken zum Bett herüberstampfte, nachdem sein Kollege ihm ein Handzeichen gab. Er hockte sich hin und sah mich von unten her an. Ich wich seinem sorgenvollen Blick demonstrativ aus.
„Bleiben Sie ganz ruhig, Miss Dugan. Wir wissen, dass es Ihnen schwer fallen muss über all dies zu sprechen, doch wir müssen Ihnen noch ein paar Fragen stellen. Versuchen Sie bitte so gut es geht zu antworten. Es wird uns helfen den Fall möglichst schnell aufzuklären und die Mörder zu finden.“ Ich hatte ihm kaum zugehört.
Bloß wenige Worte waren zu mir durchgedrungen. Mit ausdruckslosen Augen sah ich in sein Gesicht, das für mich verschwommen war. Meine Lippen zitterten und ich wimmerte leise. Der Polizist erhob sich, blieb jedoch in meiner Nähe stehen.
„Ich werde zusehen, dass das Gespräch nicht mehr allzu lange dauert.“ Die tiefe Stimme schien von sehr weit her zu kommen. Ich hatte den Satz kaum verstanden. Meine Konzentration sank rapide ab und ich nahm die beiden Männer gar nicht richtig wahr.
„Sie sagten, dass Sie diese Personen nicht kannten. Wussten Ihre Eltern vielleicht wer sie waren?“
„Nein, mit solchen Leuten hatten sie nichts zu tun.“
„Also haben Sie keine Ahnung, warum Sie in Ihr Haus eingedrungen sind.“ Ich begann zu zittern.
„Ich weiß es nicht.“ Ich schluchzte und stumme Tränen traten aus meinen Augen.
„Was ist mit dem jungen Mann?“ In diesem Augenblick blieb mein heftig pochendes Herz mit einem Schlag stehen. Der Schmerz kam schnell und hart, verschwand aber auch bald wieder. Aus meinem Mund kam ein merkwürdig glucksendes Geräusch.
„Er ist mein Verlobter und heißt James Roddick. Er war in jener Nacht bei mir.“ Mit diesen Worten war meine Entscheidung gefallen. Ich verriet ihn nicht, aber ich würde dies später sicherlich bereuen, dass wusste ich.
„Er hat erst später mitbekommen, was los war.“
„Haben Sie ihn denn nicht geweckt, als Sie den Schrei gehört haben?“ Meine Atemzüge wurden lauter.
„Ich habe in dem Moment gar nicht an ihn gedacht. Ich wollte bloß zu meinen Eltern.“ Ich konnte hören, wie er eifrig meine Antworten auf dem Block notierte.
„Und was ist dann passiert?“
„Ich wurde von einer der Personen ins Badezimmer eingesperrt.“ Ich erwähnte nicht, dass ich mich feige im Keller verkrochen hatte. Das würde ich mir selbst nie verzeihen.
„Können Sie diese Person beschreiben?“, fragte er schnell, sodass sich seine Stimme beinahe überschlug.
„Es war ein junger Mann, ich schätze so um die 20 Jahre. Er ist eher klein, mit roten Haaren und Segelohren. Mehr habe ich mir nicht gemerkt.“
„Das sind doch schon ein paar Informationen, mit denen wir etwas anfangen können.“ Der Polizist versuchte mich zu beruhigen, aber mein Puls war noch immer unsagbar schnell. Ich sprach von selbst weiter, weil ich es endlich hinter mir haben wollte.
„Irgendwann hat mich derselbe Typ auch wieder befreit und mich ins Wohnzimmer gebracht. Dort waren sowohl meine Eltern, als auch James.“ Ich redete schnell. Komischerweise fiel es mir leicht die Beamten zu belügen. Meine Geschichte klang glaubwürdig.
„M…mein Dad war bereits tot, als ich das Zimmer betrat. Dann töteten sie meine Mom. In diesem Moment habe ich fast gar nichts, was um mich herum geschehen ist, mitbekommen. Erst, als ich ebenfalls umgebracht werden sollte, war mein Verstand wieder klar. Vor mir habe ich eine Pistole gesehen und schon geglaubt sterben zu müssen, als James eingegriffen und mich beschützt hat.“
Meine Stimme war bei diesem Teil zittrig geworden und zwar aus Wut. Ich war wütend auf mich selbst, weil ich ihn jetzt doch als großen Helden darstellte, obwohl er an allem Schuld war. Ich verschränkte die Arme, damit die Polizisten meine geballten Fäuste nicht sehen konnten.
„Wurde er dabei verletzt?“ Ich nickte eifrig.
„Ja. Ein anderer Mann, den ich nicht genau sehen konnte, hat auf ihn geschossen und an der linken Schulter getroffen.“ Es fiel mir schwerer und schwerer die gesamte Geschichte zu wiederholen. Ein dumpfer Schmerz drückte gegen die Innenseite meines Schädels und brachte mich um den Verstand.
„Was…“
„Irgendwie ist James dann in den Besitz der Waffe gelangt”, unterbrach ich ihn und fuhr fort.
„Er hat einfach wild drauflos geschossen, damit wir fliehen konnten. Gemeinsam sind wir in den Wald gelaufen, doch ihm ist eingefallen, dass es in der Nähe ein Motel gibt. Dort sind wir hingegangen. Ich habe dort ein paar Stunden geschlafen. Als ich aufgewacht bin, ging es James durch seine Verletzung sehr schlecht. Er war leichenblass und hat kaum noch stehen oder reden können. Ich war total überfordert, weil er mich gebeten hat die Kugel aus seiner Schulter zu entfernen, dennoch habe ich es getan.“ Erschrocken schnappte der junge Polizist nach Luft.
„Nachdem ich die Kugel entfernt hatte, ging es ihm jedoch nicht besser. Im Gegenteil, er verlor sein Bewusstsein. Darum habe ich einen Krankenwagen gerufen, der uns beide hierher gefahren hat.“
Nachdem ich fertig war, war es unheimlich still. Erleichtert atmete ich aus. Ich hatte es hinter mir, zumindest den größten Teil. Meine Lügengeschichte schien glaubhaft herübergekommen zu sein. Jedenfalls hoffte ich das. Nicht für James, sondern für mich, denn ich hatte keine Ahnung, was passieren würde, falls meine Lügen aufflogen.
Der schwarzhaarige Polizist brachte die letzten Sätze zu Papier, bevor er seinen Kopf hob und mir direkt in die Augen sah. An seinem Blick konnte ich nicht erkennen, ob er mir glaubte oder nicht.
„Danke, dass Sie uns alles erzählt haben und mein herzliches Beileid.“ Seine Miene zeigte Mitleid.
„Wa…was wird jetzt passieren?“, fragte ich verunsichert und starrte den Polizisten apathisch an.
„Wir werden zuerst mit Ihrem Verlobten sprechen. Wir brauchen auch seine Aussage. Dann kümmern wir uns um die Spuren, die wir in Ihrem Haus gefunden haben.“
„Können Sie mir sagen, wer Sie angerufen hat?“ Ich musste wissen, wer die Polizei alarmiert hatte.
„Eine Nachbarin hat uns angerufen, weil sie Schüsse gehört hat“, erklärte der junge Polizist. Mein Körper zuckte plötzlich so stark zusammen, dass ich einzelne Knochen knacken hören konnte.
„Und was ist mit meinen Eltern?“ Meine Augen waren vor Panik weit aufgerissen.
„Wir haben sie in die Leichenhalle bringen lassen.“ Ich schüttelte automatisch den Kopf. Ich war wie gelähmt.
Nein, sie durften sie mir nicht wegnehmen. Sie waren meine Eltern. Sie konnten sie nicht in der Leichenhalle lassen, zwischen fremden toten Körpern. Sie sollten, nein, sie mussten bei mir bleiben, denn sie gehörten zu mir. Sie waren meine Familie.
„Das können Sie nicht tun“, schrie ich hysterisch und sah die beiden schockiert an.
„Es ist verständlich, dass dies alles zu viel für Sie ist, aber es war nun mal unsere Pflicht Ihre Eltern in die Leichenhalle zu bringen.“
„Und wie lange werden Sie dort bleiben müssen?“, fragte ich mit brüchiger Stimme.
„Bis zur Beerdigung.“
Der Polizist antwortete mir im sachlichen Ton, dass war schließlich auch sein Job, aber mit seiner Emotionslosigkeit stieß er mich vor den Kopf. Ich war überfordert. Zuerst musste ich erfahren, dass meine geliebten Eltern in eine Leichenhalle verfrachtet worden waren und nun belastete er mich auch noch mit der Beerdigung. Ich hatte überhaupt noch nicht darüber nachgedacht, dass vermutlich ich diejenige war, die ihre Beerdigung planen musste.
Aber das konnte ich unmöglich tun. Ich wusste bereits jetzt schon, dass ich dazu nicht fähig sein würde. Erstens war ich von Trauer zerfressen und konnte mich kaum auf etwas konzentrieren und zweitens wusste ich nicht, wie die Beerdigung ablaufen sollte.
Wer sollte kommen? Welche Blumen und Särge sollte ich aussuchen? Ich fing bei der Vorstellung, dass meine Eltern für immer in Särgen unter der dunklen Erde lagen, wieder bitterlich an zu weinen. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie der junge Polizist sich erneut neben mich hockte.
„Alles in Ordnung mit Ihnen? Sollen wir einen Seelsorger einschalten?“
„Nein“, kreischte ich verzweifelt und wünschte mir, dass die Beamten endlich verschwanden. Ich schloss die Augen und versuchte an etwas anderes zu denken, als an die bevorstehende Beerdigung. Trotz des lauten Rauschens in meinen Ohren konnte ich hören, wie der Polizist neben mir zu seinem Kollegen ging und sich leise mit ihm unterhielt. Es klang für mich bloß wie Gemurmel.
„Wir werden Sie nun alleine lassen, Miss Dugan, schließlich müssen wir auch noch Ihren Verlobten befragen.“
Ein kratzendes Geräusch verriet mir, dass der Polizist sich vom Stuhl erhoben hatte. Jetzt lag es an James, was weiterhin passieren würde. Das Problem war, dass er nicht wusste, dass ich ihn doch nicht verraten hatte. Würde er trotzdem lügen, obwohl er keine Unterstützung von mir zu bekommen glaubte oder würde er tatsächlich die Wahrheit sagen?
So, wie ich ihn kannte, würde er die Polizisten belügen, denn er hatte panische Angst vor dem Gefängnis. Aber er hatte keine Ahnung, was für eine Geschichte ich den Beamten aufgetischt hatte.
Plötzlich spürte ich einen stechenden Schmerz in der Magengegend. Hoffentlich ging alles gut und James würde nicht gleich alles kaputt machen.
„Wir möchten noch einmal unser Beileid aussprechen.“ Die Stimme des Polizisten kam wie aus dem Nichts. Er machte eine Pause, bevor er weitersprach.
„Aufwiedersehen.“ Ich sah nicht nach oben, auch nicht, als die Tür mit einem lauten Knall zugeschlagen wurde. Ich fuhr nur für zwei Sekunden zusammen.
Nach dem Gespräch schien mein Kopf vollkommen leer zu sein. Ich war froh drum, denn ich konnte für wenige Minuten einfach ausspannen. Ich hielt die Augen geschlossen, als ich mich mit dem Rücken auf das Bett fallen ließ und starr liegen blieb.
Meine Haare breiteten sich wie ein schwarzer Fächer auf dem weißen Laken aus. Das grelle Sonnenlicht schien noch immer unaufhaltsam durchs Fenster und heizte meinen Körper weiter auf. Es dauerte nicht mehr lange, bis ich schmelzen würde, da war ich mir sicher. Meine Kehle war staubtrocken und brannte. Sie schrie vor unsagbarem Durst. Ich öffnete nur widerwillig die Augen und suchte etwas zu trinken. Ich ließ meinen Blick durch den Raum schweifen. Nichts.
Gequält stöhnte ich auf. Es gab also nur eine Möglichkeit an Wasser zu kommen. Ich musste aufstehen und ins Badezimmer gehen. Genervt verdrehte ich die Augen und stand auf. Ich schlurfte langsam zu der weißen Tür hinter der das Bad liegen musste.
Ich öffnete sie und schaltete sogleich das Licht ein. Nach mehrfachen Flackern war die Lampe an und ich entdeckte links ein kleines Waschbecken. Mit einem großen Schritt hatte ich es erreicht. Unbeholfen drehte ich den Wasserhahn auf. Das klare kalte Wasser schoss blitzschnell heraus. Ich hielt meinen Kopf schräg und begann gierig zu trinken.
Das kühle Wasser befeuchtete meine Kehle und löschte das höllische Brennen.
Eine halbe Ewigkeit hing ich am Wasserstrahl, bis sich mein Magen schwer und voll anfühlte. Dann drehte ich den Hahn zu und sah in den Spiegel, der über dem Waschbecken angebracht war.
Meine Haare sahen strohartig aus und waren durch den Schweiß feucht geworden. Die gesamte Haut war weiß, nur zwei rote Flecken auf meinen Wangen verrieten, dass mir heiß war.
Dunkle Ringe lagen unter meinen Augen und verstärkten den Eindruck, dass mir momentan ein Geist entgegenblickte. Das strahlende Blau meiner Augen sah merkwürdig trüb und schmutzig aus. All die Freude und Unbeschwertheit waren verschwunden. Übrig geblieben war eine tiefe Leere, die mein Innenleben widerspiegelte.
Frustriert wandte ich mich ab und schaltete das Licht aus. Ich hüpfte zurück aufs Bett, schnappte mir das flache Kissen und drückte es mir aufs Gesicht. Sofort verringerte sich meine Sauerstoffzufuhr.
Mir war es egal, denn es wurde alles zu viel für mich.
Wenn ich aus dem Krankenhaus kam, dann warteten unangenehme Aufgaben auf mich, die ich am Liebsten an jemand anderen übergeben hätte.
Ich fühlte mich allein, denn niemand war hier, um sich um mich zu kümmern. Die Polizisten hatten mir zwar angeboten einen Seelsorger einzuschalten, doch ich brauchte einen engen Vertrauten und keinen Wildfremden. In diesem Augenblick wünschte ich, dass Linda bei mir war und mich in ihre Arme nahm.
Dann könnte ich auch einmal richtig zur Ruhe kommen, ohne an die schrecklichen Ereignisse und an James denken zu müssen. Während Bilder meiner Freunde, aber leider auch von James an mir vorbeizogen, wurde ich sehr müde und nach fünf Minuten sank ich endlich in einen tiefen Schlaf.

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beta
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