Du sollst nicht stehlen!

»Geht es wieder, Henry?«

Ich hörte die Stimme meines Bruders wie durch einen Schleier und zog die Decke von meinem Kopf.

Langsam versuchte ich, zu nicken und zuckte zusammen. Mein ganzer Körper tat weh und mein Kopf brummte.

»Es tut mir leid. Das ist alles meine Schuld.«

Ich schüttelte den Kopf und versuchte, zu lächeln.

»Doch. Wenn du kein Essen für mich gestohlen hättest, wärst du nicht so schlimm verdroschen worden.«

Ich blickte an die Decke, um die schon wieder tränenverschmierten Wangen Lachlans nicht sehen zu müssen.

 

Ich hatte beim Abendmahl erneut versucht, ein paar Reste von der Tafel einzustecken, da Lachlan und ich grundsätzlich hungrig schlafen gingen. Dies war einige Wochen immer gut gegangen und so hatte ich vielleicht ein wenig meine Vorsicht fahren lassen. Jedenfalls erwischte Bruder Maleachi mich, ergriff mich und schleifte mich zu dem rattengesichtigen Abt.

Dieser konnte weder Lachlan noch mich leiden und überflutete mich eine geschlagene halbe Stunde mit Zitaten aus der Bibel und Anekdoten, was mit Dieben geschah.

»Verzeiht. Wir haben doch nur Hunger. Und die Reste würden doch eh nur im Müll landen«, versuchte ich mich zu verteidigen, doch dies schien ihn nur noch zu provozieren. Ich merkte bereits zeitig nach unserer Ankunft, dass er es nicht liebte, unterbrochen zu werden und so hatte ich schneller die erste Ohrfeige zu sitzen, als mir bewusst wurde.

Erschrocken schwieg ich und starrte dem Mann in die Augen.

»Unterbrich mich nie wieder, du elender Bengel oder du lernst schneller als du glaubst, die Worte Gottes zu ehren. Gehorsam ist deine oberste Pflicht!«

Ich nickte, in der vagen Hoffnung, ohne eine körperliche Strafe davonzukommen, doch ich hatte mich zu früh gefreut.

»Und da du erneut bewiesen hast, dass du es nicht für nötig empfindest, die Gebote des Herrn einzuhalten...« Seine Augen funkelten, als er mit seiner komischen Reitgerte das erste Mal zuschlug.

 

Heute glaube ich, dass es ihm sexuelle Befriedigung brachte, mich oder andere mit diesem Instrument zu schlagen, denn er begann, zu keuchen und zu schwitzen, je mehr ich schrie und bettelte, endlich aufzuhören.

 

Lachlan tupfte meine Kratzer mit etwas Wasser ab, während ich nur weiter an die Decke starrte.

Er hatte es nicht miterleben müssen, wie der Abt mich gezüchtigt hatte und das war gut so. Er weinte eh schon, als er die Kratzer sah, die zurückgeblieben waren.

»Du musst aufhören, Brot zu stehlen«, murmelte er, doch ich hörte deutlich, wie sein Magen bei den Worten knurrte.

Er hatte noch immer Hunger, kein Wunder bei den mickrigen Resten, die wir bekamen.

»Nein. Selbst ihre Schweine sind besser genährt als wir und wir arbeiten hier wie die Pferde. Ich sehe nicht ein, hier wie ein Sklave zu leben. Wenn ich arbeite, möchte ich anständig zu essen haben«, schimpfte ich leise und zuckte wieder.

»Zuhause hätten wir wenigstens in den Wald gehen können und Nüsse oder Beeren essen.«

Ich blickte Lachlan streng an.

»Hör auf damit! Wir sind nicht mehr zuhause. Mutter und Vater wollten, dass wir es hier besser haben. Sie haben sich geirrt, aber wir können nicht mehr zurück.«

Lachlan zuckte zusammen, nickte und wischte sich dann über die laufende Nase. Wir hatten beide schreckliches Heimweh, doch weglaufen, zurück zu unserer Familie, war einfach nicht möglich.

Unsere Eltern würden uns nicht mehr aufnehmen, denn unsere Anwesenheit würde wahrscheinlich das Todesurteil für einige unserer Geschwister bedeuten und einem entlaufenden Mönch konnten schlimme Dinge blühen.

Auch wenn wir im Grunde gar keine Mönche waren – nicht mal Novizen.

Wir hatten keine Weihe erhalten und hatten beide keine Tonsur. Schließlich waren wir beide noch Kinder.

Und obwohl der Abt von uns erwartete, ebenso fleißig zu arbeiten wie zu studieren, hatten weder Lachlan noch ich bisher so etwas wie Unterricht gehabt.

Weder er noch ich konnten mehr schreiben oder lesen als unsere eigenen Namen und es hatte sich noch niemand die Mühe gemacht, dies zu ändern.

 

Ein leises Klopfen an der Tür zu unserer Kammer ließ uns beide gleichermaßen zusammenzucken. Bisher hatte es nie etwas Gutes bedeutet, wenn jemand sich die Mühe machte, direkt zu unserem Gemach zu kommen.

Die Tür öffnete sich leise und ein schon etwas älterer Mönch schob seinen Kopf hinein.

»Keine Angst, ihr Zwei. Ich bin Bruder William, der Herbalist. Wir hatten noch nicht das Vergnügen, einander kennenzulernen.«

Er schloss die Tür hinter sich und ich setzte mich auf.

Ich traute keinem einzigen dieser kauzigen Mönche, von denen ich nicht wusste, was sie mir und meinem Bruder insgeheim noch antun wollten außer uns zu schlagen.

»Was willst du, Bruder?«, sagte ich leise und merkte, dass sich Lachlan etwas an mich presste. Es verursachte meinem gepeinigten Körper Schmerzen, aber es war mir recht.

Ich bemerkte, dass der Mönch, der freundlicher und trotz seines Alters gesünder aussah als alle anderen hier, ein kleines Säckchen und eine Kanne bei sich trug.

»Ich wollte nach deinen Wunden sehen, Junge. Ich möchte vermeiden, dass sich die Kratzer entzünden.«

Verblüfft, dass sich jemand Sorgen um mich machte, starrte ich ihn nur an, während er nach einem Becher griff, der auf dem Tisch stand, einige kleingehackte Kräuter hineingab und etwas Wasser draufgoss.

»Lässt du mich schnell die tieferen Kratzer damit verbinden? Dann ist es in ein, zwei Tagen wieder verheilt.« Bruder William zog ein paar saubere Tücher aus seiner Kuttentasche und sah mich an. Schließlich nickte ich nur.

Sollte er mich doch befummeln, wenn es ihm Spaß machte. Doch er tat nichts dergleichen.

Er half mir vorsichtig aus der Kutte und verband die noch immer etwas blutenden Kratzer, lobte Lachlan, weil er die Wunden so gut gereinigt hatte und überraschte meinen Bruder und mich schließlich.

Denn nachdem ich versorgt war, griff er erneut in seine Tasche und drückte Lachlan und mir jeweils einen schönen, leuchtend grünen und herrlich großen Apfel in die Hand.

»Lasst sie euch schmecken. Ihr braucht etwas frisches Obst, das wird euch gut tun.«

Lachlan weinte fast, als er an der duftenden Frucht roch und ich starrte den Mönch nur an.

»Warum tust du das?«

»Ein eigener Willen ist gottgefällig und es ist die oberste Pflicht unseres Ordens, den Bedürftigen zu helfen. Und wer könnte in diesen Mauern bedürftiger sein als ihr Zwei?«

Der alte Mönch lächelte, fuhr mir durch die Haare und verließ unsere Kammer wieder, während ich ihm weiter nachsah.

 

Scheinbar war ich nicht der Einzige, der die Anordnungen des Abtes missachtete und die Regeln brach, die ihm ungerecht vorkamen.

 

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    Wenigstens einer...

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Fairy Dust

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