Durch Schnee, Blut, Gedanken und Hülsen


Der eisige Wind strich mir durch mein pechschwarzes Haar. Er brannte.

Er brannte mir in den Augen wie eintausend winziger Funken auf meinen grünlichen Pupillen.

Ich nahm tief durch die Nase Luft, dies brannte nicht unbedingt weniger. Ich dachte an meinen Vater, an Mutter und Schwesterchen, sogar an meine Lehrer die mich auf mein Leben dort Draußen vorbereiteten, mich lehrten und abhärteten.

Ich atmete aus.

Noch einmal Luft schnappen, ein Wunsch der sich hier in Sekundenbruchteilen in die Luft verwandeln könnte, die du nicht mehr in die spüren könntest.

Noch ein schnelles Einatmen und dann mein Ruf durch die Eiseskälte.

 

„Volksgrenadiere! Feindliches Schützenrudel zur Linken gegen Mitte! In längliche Deckung und mit Gebrüll zum Sieg! Rüdig, zu mir!“

Sie jubelten sich gegenseitig  zu, so entschlossen und gerade zu synchron, dass es mir eine Gänsehaut verpasste.

 

„Unaufhaltsam vorwärts!“                        

 

So schrien sie hinter – und vor mir, die Neuen, die Alten… und manchmal auch die Toten.

Ein kleiner Trupp der 138. Sowjetischen Schützendivision traf auf mich und meine zu koordinieren Einheit. Gut 50 Mann, ausgeruht und mit Stolz erfüllt gegen 20 ausgehungerte Schützen, keine 20 Jahre alt und schon mit einer kaum funktionierenden Waffe in den Kampf geschickt.

Genau wie Zuhause.

 

Wir trafen uns auf einer Straße, die von Autowracks und Schutthäufen überseht war. Mit Schnee bedeckte Wagen waren zu diesem Zeitpunkt unsere einzige Deckunsmöglichkeit. Der Großteil dieser Truppe waren Rekruten mit 98. Karabinern, dies war die Voraussetzung für ein gelingendes Feuergefecht auf größere Distanz. Außerdem war so die Begeisterung der Soldaten auch erklärt, dies würde sich jedoch bald verändern, das konnte ich jeden Einzelnen versprechen.

Truppenführer Rüdig befahl Ihnen die Deckung in einer Reihe zu halten.

Da stach mir ein Soldat ins Auge der diese strategisch wichtige Position abrupt verließ.

 

Ich sah den Mann durch die Scheibe eines Wagens an eine weiter vorne liegende Stellung laufen. Ich sah sein Gesicht und schloss meine Augen. Nach etwa zwei Sekunden öffnete ich sie erneut und wusste um wen es sich handelte.

Es war Heller, diese Idiot Heller!

Ein kleiner schmächtiger Mann, Mitte 30 und ein Feigling wie er im Buche steht. Ich hatte Ihn Gestern erst für einen Fehler hungrig zu Bette gehen lassen, nachdem ich Ihm eine Abreibung verpassen musste.

Da der Führer einer der Hauptpatrouillen im Gefecht verletzt wurde, übergab ich Heller den Auftrag die Patrouille durch die zerbombte Stadt zu führen.

Der Trottel nahm doch tatsächlich die falsche Route und hat uns damit einem enormen Risiko im Falle eines Angriffs ausgesetzt. Ich schrie Ihn an wie blöd er sich angestellt hatte.

Und jetzt will der Trottel wohl seinen Mut beweisen.

Ich rief Ihm zu: „Heller zurück hinter die Linien! Sofort!“

Durch die Kälte konnten meine Augen nichts anderes als tränen, weshalb ich mich schwer tat Ihn in meinem Blickfeld zu behalten.

Die Antwort auf den Ruf war nur ein starrer Blick, dies direkt in meine Augen. Die Mundwinkel wollten sich nach unten richten, sein Wille war dennoch stärker und er hob erneut die Waffe um einen Schuss abzugeben, da war der Feind schon schneller. Die Kugel verfehlte Ihn, wenn auch nur knapp. Er duckte sich und Ihm wurde schnell klar, dass sich dort ein Schütze auf Ihn fokussiert hatte.

Neugierig wie er war musste er unbedingt wissen wo sich der offenbar erfahrenere Schütze verschanzt hatte.

Der Holzkopf hob den Kopf über das Dach um seine Todfeind auszumachen. Die wohl dümmste Aktion die man in solch einer Situation bringen könnte.

Ich bemerkte was er vor hatte und habe weggesehen.

 

Ich hörte den Schuss während er wohl den Kopf über das Auto empor hob. Wie ein Wunder vielen kurz nach diesem einzigen Schuss, der Heller von dieser Hölle erlöste und ich so die Splitter seiner Brille auf den Gehweg aufschlagen hörte.

Einer weniger auf dem Feld, aber einer mehr der über uns wacht.

 

Jeder meines Trupps sah Ihn kurz nach seinem mutigsten Moment auf dieser Erde in sich zusammenfallen.

Der Blick meines Trupps änderte sich von: bereit, ins unendlich zornige. Mit Gebrüll und dem Blick eines wütenden Löwens eröffneten sie wieder das Feuer auf die gegnerischen Schützen.

Ich erhob mein Haupt und sah jeden sowjetischen Soldaten nacheinander fallen.

 

„Das müssen Rekruten sein!“ rief mir Rüdig durch die brüllende Menge zu.

„Stimmt wohl, sie gehen nicht in den Häuserkampf! Sie bleiben einfach auf der Straße!“ Erwiderte ich Rüdig.

 

Das erklärte die für mich komische Situation, in der ich wieder den Blick auf das Scharmützel richtete und eine so gut wie leere Straße auffand.

„Die Feiglinge wollten fliehen! Dann sollten sie das nächste Mal schneller rennen!“ Rief ein Soldat aus der Reihe.

Sie jubelten und erhoben Ihre Fäuste in die Luft, während noch ein verbliebender, feindlicher Schütze aus seiner Deckung sprang um zu fliehen.

„Einer will wegrennen! Schießt!“ Rief einer der Neuankömmlinge zu der Gruppe.

Sie repetierten Ihre Gewehre, legten an und schossen.

Wenn der Knabe doch nur eine Chance gehabt hätte, der Kugelhagel war unausweichlich.

Nach mehreren Treffern in den Rücken ging er dann zu Boden. Mit blutrot gefärbten Zähnen viel er mit dem Gesicht nach vorne in einen Krater, den wir dem ständigen Artilleriefeuer zu verdanken hatten.

Der Weg war frei, keiner war geflohen und alle Gegner sind ehrenhaft gefallen.

Ich nahm mir den Neuankömmling vor, der tatsächlich meinte dem Trupp einen Schießbefehl geben zu müssen.

 

 

 

 

 

 

Mir war sein Gesicht bekannt, ich konnte mich an den Namen jedoch nicht entsinnen.

Er war groß, recht breit gebaut, brünett und man wusste nach einem einzigen Blick, dass dieser Mann keine Lust hatte sich Befehle geben zu lassen.

 

„Soldat!“ Schrie ich Ihm zu.

Er ehrte mich nicht einmal eines Blickes.

„Soldat!“ Dieses Mal deutlich Lauter.

„Ja, was ist denn?“ Fragte er mich bequem stehend und in einem, für meinen Dienstgrad, unhaltbaren Ton.

„Stehen sie verdammt nochmal gerade! Wie reden sie mit Ihrem Vorgesetzten?

Na los! Gerade stehen!“

Er stellte schlaff seine Füße nebeneinander und seine Brust hat sich immer großkotziger aufgeblasen.

„Ja, Soldat Dresner macht Meldung. Die Russen sind tot.“

Mit einer desinteressierten Stimme gab er mir Meldung wie bei einem Kaffeeklatsch.

„Nun gut, mal von Ihrer mehr als miserablen Meldung abgesehen. Wer zur Hölle denken Sie wer sie sind, den Truppen hier einen Feuerbefehl ohne eine eindeutige Freigabe des Truppenführers zu erteilen?!“

 

Ich kam Ihm immer näher um zu symbolisieren, dass er sich seine nächsten Worte am besten zweimal überlegen sollte.

„Er wollte fliehen, da hab Ich gesagt sie sollen Ihn erschießen. Na und? Was denn?“

Die Schützengruppen hinter mir konnten es genau so wenig fassen wie ich es nicht konnte. Ich wusste was ich jetzt laut Vorschrift tun musste.

„Händigen Sie mir ihre Waffen und Ihr Soldbuch aus. Ich suspendiere sie hiermit vorrübergehend von Ihrem Posten. Ich werde mich mit Offizier Göhrer über Ihre Zukunft an der Front beraten, bis dahin werden sie in Gewahrsam genommen.“

Beide seiner Augenbrauen senkten sich beinahe so tief ab, dass sie Ihm wohl sogleich die gesamte Sicht nahmen.

 

Ich war für eine Handgreiflichkeit mit Ihm vorbereitet, auch wenn ich wusste, dass er es nicht wagen würde.

Er warf mir seinen Karabiner und sein Messer vor die Füße. Schon alleine dafür hätte ich das Recht gehabt Ihn wegen Respektlosigkeit und Ungehorsams in ein Arbeitslager zu schicken. Uns gingen jedoch von Tag zu Tag die Männer aus, daher wollte ich Ihn von Anfang an Ihn etwas in Schutz nehmen.

 

Ein Rekrut ging vor mir in die Hocke, striff den Schnee von dem Gewehr und reichte es mir. Ich nahm es dankend entgegen, sprang auf die Motorhaube meiner lebensrettender Deckung und gab den nächsten Befehl: „An Alle! Gruppe 2 geht in den Häusern zu unserer linken in Stellung und wartet auf weitere Befehle. Haupt- und die restlichen Nebengruppen folgen uns zurück nach Lehrenbach!“

 

Ich habe mein Bestes gegeben so schnell wie möglich zu sprechen, da ich auf der Motorhaube stehend ein gefundenes Fressen für russische Scharfschützen war.

„Sie haben den Feldwebel gehört! Die Verletzten auf die Tragen, Gruppe zwei mit Gruppenführer in die Häuser und der Rest nach Lehrenbach! Na los zügig!“

Schrie Obergefreiter Rüdig den Soldaten zu.

 

Obergefreiter Hans Rüdig, 33 Jahre alt und ein Mann, dessen Gesellschaft man einfach nur wertschätzen konnte. Ich lernte ihm im Zug der uns in dieses Loch brachte kennen. Er war wohl verwundet worden und war zuvor in Italien stationiert gewesen.

Ansonsten gab es nicht viel über Ihn zu erzählen, bräunliche Harre, Narbe an der linken Augenbraue, Frau und Kinder in Düsseldorf.

Die einen mochten Ihn wegen seines Humors, die anderen wegen seiner Art mit Menschen umzugehen. Deutsche Soldaten und sowjetische Gefangene waren für Ihn immer beides Menschen, was man nicht von allen Männern hier hören konnte.

Er war für mich allerdings eine Art Bruder und weniger der amüsante, hilfsbereite und vor allem menschliche Soldat.

 

Die Gruppe setzte sich in Bewegung.

„Und? Wer muss Göhrer Bericht nun erstatten?“ Fragte mich Rüdig mit einem Grinsen im Gesicht.

„Sollen wir?“ Erwiderte ich Ihm.

„Da fragst du noch?“

 

Wir stellten uns gegenüber auf und ballten unsere Fäuste.

„Bereit?“

„Ich wurde bereit geboren!“

 

Jeder von und machte einen Schritt nach vorne.

Wir schrien beide synchron auf: „Schere, Stein, Papier!“

Er hatte Schere, wie immer machte ich Ihn mit meinem guten alten Stein gerade zu kalt. Eine zugegeben unkonventionelle Art solch eine Angelegenheit zu regeln, aber effektiv. Ob uns das vor den Soldaten nicht weich und kindlich darstellte? Kein Bisschen, da es wohl sowie niemand gewagt hätte uns zu unterstellen wie wir unsere offenen Fragen zu lösen hätten. Solange dies niemand von den höheren Tieren mitbekam, hätten wir auch mit Fingerfarben malen können.

 

„Verdammt! Du hast geschummelt!“ Redete sich Rüdig ein.

„Das sagst du jedes Mal. Gib es auf, du schlägst mich nie.“

„Ich mache ja schon Meldung. Mist.“

 

Es gab keinen der Offizier Göhrer auch nur im Entferntesten leiden konnte, das ist der Grund warum Ihm niemand freiwillig Meldung machen wollte.

Ich und Rüdig unterhielten uns noch über die letzten Fehlschläge in Sachen Logistik, die unsere Vorratslieferungen stark einschränkten, wobei mein Blick immer starr auf Dresner gerichtet war.

Ich stoppte zwei einfache Schützen: „Ihr beide seht zu das Dresner sich ruhig verhält. Wenn er etwas Dummes versucht, habt Ihr die Erlaubnis Gewalt anzuwenden.“

„Natürlich, sofort!“ Sie liefen im Laufschritt direkt hinter Dresner um ihn im Auge zu behalten.

 

Rüdig lief wieder neben mir und fragte mich: „Na? Wie geht´s den Eltern denn so?“

„Gut, gut… In dem letzten Brief stand, dass sie sich entschieden haben einen zweiten Schäferhund anzuschaffen, dass meine Schwester das erste Mal einen „Freund“ mit nach Hause gebracht hat und es Ihnen allen gut ginge und Sie nur darauf warten bis ich als Sieger nach Deutschland zurückkehre. Das übliche also.“

Antwortete ich Ihm während ich es endlich geschafft hatte meinen Blick von Dresner abzuwenden.

„Ist deine Schwester nicht erst 13 Jahre?“

„14 um genau zu sein. Ich wäre zu gerne bei dem ersten Treffen mit meinem Vater dabei gewesen.“ Teilte ich Rüdig mit hämischer Stimme mit.

„Glaubst du wir gewinnen? Ich meine alleine das hier?“ Da sich Rüdigs Blick nach diesem Satz nach Unten richtete wollte ich Ihn eigentlich aufmuntern, jedoch wollte ich auch noch ehrlich zu Ihm sein.

„Wir haben gute Chancen, ich habe mich damit aber schon abgefunden den Sieg hier wohl nicht mehr mitzuerleben. Ich frage mich aber immer mehr, was das hier noch für einen Sinn hat und damit meine ich alles was in den letzten 4 Jahren passiert ist. Glaubest du, dass das hier das Richtige ist?“

Ich bemühte mich leise zu reden, da ich weder die Männer demoralisieren wollte noch als Feind im Geiste gelten wollte.

Der Blick Rüdigs ging in das fragwürdige bis misstrauische über.

„Du weißt hoffentlich dass wir hier für die gerechte Sache kämpfen oder?“

„Natürlich, und ich würde auch nichts lieber tun als für das Vaterland zu kämpfen und zu sterben. Aber… Ich weiß nicht, ich bin darüber wohl in einem Konflikt mit mir selbst.“

„Bei allen Respekt, erinnere dich daran für was du kämpfst und auch gerne stirbst.“

Flüsterte mir Rüdig in mein rechtes Ohr. Ich nickte nur.

Ich war mir bei Leibe nicht mehr sicher was ich hier noch tat.

„Wir sind bald da. Ich werde mich nach der Truppenübergaben in meine Gemächer zurückziehen. Dann kannst du Göhrer ja Meldung machen.“

Ich lächelte bei diesem Satz, er schaute mich nur an und verdrehte kurz darauf die Augen.

 

Wir bogen noch um eine Ecke, da waren wir auch schon da. Außenlager Lehrenbach, nicht wirklich schön, aber es erfüllte seinen Zweck.

Mit mehr Wachposten auf dem Dach als ich zählen konnte und teilweise sehr kampferfahrenden Soldaten war Lehrenbach eine Festung. Wir marschierten an den MG-Nestern vorbei und bewegten uns in das innere Gelände.

Dieser Außenposten war im Großen und Ganzen nur ein großer Innenhof der von Häusern umgeben und geschützt wurde. Wir konnten zwar von jeder Seite angegriffen werden, wir waren aber auch bereit uns von jeder Seite wehren. Ich übergab die Truppe dem Kompanieführer und zog mich so schnell wie möglich in meine Unterkunft zurück. Ich hatte tatsächlich Glück, dass wir ein Gebäude in mitten dieses Innenhofes frei lassen konnten. Dies war dann das bescheidene Heim der höher gestellten, Kommandanten, Offizieren und auch mir als schon fast Oberstfeldwebel.

Ich betrat das schon etwas morsche Häuschen und begrüßte die Funker und Melder die im Erdgeschoss Ihre Station aufgebaut hatten.

Ich ging um die Ecke und stieg zügig die Treppen hinauf um mein Gepäck ablegen zu können.

 

Im ersten Stock angekommen betrat ich den Flur der auf der linken Seite von Fenstern nur so strotzte, die wir jedoch mit Stofflacken verdeckten um vor Scharfschützen sicher zu sein. Jedoch war eines der wenigen Fenster nicht verdeckt, und zwar das in der Mitte. Dort wurde eine MG-Stellung platziert, die wir glücklicherweise nie benutzen mussten. Es waren nur selten Leute an diesem Maschinengewehr, da die Gegner erst die äußeren Verteidigungsstellungen ausschalten müssten, bevor sie den Hof erreichen würden.

Ich ging also daran vorbei und am Ende des Ganges öffnete ich die Tür auf der rechten Seite.

„Trautes Heim, Glück allein.“ Sprach ich leise zu mir selbst als ich mein Zimmer mit dem Knarren der Holzdielen in meinen Ohren betrat.

 

Aber wo bleiben ja nur meine Manieren?

Wenn ich mich vorstellen darf, ich bin Sebastian Lange, Feldwebel Lange um genau zu sein. Zu meiner Wenigkeit gab es noch nie sonderlich viel zu erzählen.

Geboren in Baden-Württemberg, 20 Jahre alt und Sohn eines hochrangigen Panzerkommandanten. Die klassische Geschichte also.

Ich hatte eine relativ „durchschnittliche“ Kindheit. Ich wurde mit 14 Jahren vollwertig in die Hitler-Jugend aufgenommen, auch wenn Sie mir und meinem Verstand nur wenig anhaben konnten, haben sie alle um mich herum mit den Ideologien dieses Regimes gefüttert und so quasi gefügig gemacht. Das hatte bei mir jedoch kaum Wirkung. Auch wenn ich nie etwas hiervon wollte und mich am liebsten auf die Seite der Alliierten gestellt hätte, tat ich einfach das was man mir sagte Und dafür habe ich mich abgrundtief gehasst.

 

Ich sah auf den Kalender: „Hm. Schon fast 25 Tage.“ Nuschelte ich vor mich hin.

 

Ich war seit dem 20 November in diesem Schutthaufen stationiert. Diese Stadt hatte kein unversehrtes Haus, keine freundlichen Einwohner, keinen Lebenswillen.

Stalingrad.

 

 

Ich blickte aus dem Fenster neben meines Kalenders, dort waren einmal ganze Kolonen von Soldaten und jetzt? Von den Maschinengewehren erfasst oder von den Granaten auseinander genommen. Dieser Kampf war ganz ohne Zweifel wichtig für die Wehrmacht und was ist der beste Weg diese Schlacht zu gewinnen? Wir verheizen jeden Soldaten den wir bekommen können.

Verdammte Idioten.

 

Ich begab mich zu meiner Schreibmaschine die auf dem massiven Eichentisch neben dem Fenster stand. Ich setzte mich an den Tisch, rollte ein neues Blatt in die Walzen der Schreibmaschine und begann die folgenden Wörter zu verfassen:

 

15.Dezember 1942                         Feldwebel Sebastian Lange                   Wolfsfels

 

11:30 Uhr Scharmützel auf der Straße Nummer 34A2. Zusammenprall von 53 deutschen Wehrmachtssoldaten mit einem zwanziger Schützenrudel der 138. sowjetischen Schützendivision.

 

Ich musste auf den Bericht eines der Soldaten warten dem ich die Aufgabe übertrug, jegliche Verluste, Verwundungen und genutzter Verbrauchsgüter zu dokumentieren und diese mir auszuhändigen. Ehe ich mich in meinem Stuhl zurücklehnen konnte, war schon ein Klopfen von der Tür zu hören.

„Feldwebel Lange, erbitte Erlaubnis einzutreten!“ Diese Stimme kannte ich bereits.

„Kommen Sie herein.“ Antwortete ich dem Mann an der Tür.

Die Tür öffnete sich mit einem leisen Quietschen, das jedoch direkt von dem hallenden Geräusch der schwarzen Lederstiefel die auf Holz traten übertönt wurde.

Der junge Mann stand mit einem beunruhigten Blick vor meinem Tisch und legte mir ein Blatt Papier auf seine Seite des Tisches.

 

„Die Liste der dokumentierten Verluste. Wie Sie sie wollten.“ Mit weit offenen Augen und den nach unten gezogenen Augenbrauen hatte er entweder schlechte Nachrichte zu überbringen oder Ihm war es einfach nur unangenehm mit einer Person eines höheren Ranges zu sprechen.

„Ich danke Ihnen. Jetzt begeben Sie sich wieder zu Ihrer Gruppe.“ Versuchte ich Ihm mit einer möglichst beruhigenden Stimme zu befehlen.

Mit einem Tritt auf der Stelle und einem „Jawohl!“ begab sich der Mann in seiner feldblauen Uniform aus dem Zimmer.

Ich nahm die Liste an mich und betrachtete Sie genauer.

„Das lief besser als vermutet.“ Dachte ich mir.

1 Toter, 7 verwundet und davon nur zwei schwer. Das sind Bilanzen die man hier öfters sehen sollte.

 

Ich erinnerte mich an die letzten Zusendungen die ich von Zuhause erhielt und erhob mich darauf hin aus meinem Stuhl und begab mich zu dem morschen Schrank neben der Tür, dessen Holz sich in einem kläglichen Zustand befand. Der Schrank hatte neben den zwei großen Schranktüren auf mittlerer Höhe eine große Schublade eingebaut, in der ich allerlei Briefe und private Gegenstände sicher aufbewahrte.

Ich stand vor dem Schrank und versuchte die Schublade zu öffnen, jedoch klemmte Sie gut und gerne einmal, weswegen ich mehrere starke Züge gebraucht habe um diese öffnen zu können.

„Mistding!“ sprach ich zu mir selbst bevor ich Sie endgültig öffnen konnte.

Ich nahm einen kleinen Stapel von Briefen und Bildern heraus und lief zurück an meinen Arbeitsplatz.

Ich lass mir die Briefe nochmal vereinzelt durch:

 

Mein liebster Sebastian,

ich schreibe dir in einer unschönen Zeit. Dein Großvater erkrankte in der vergangenen Woche schwer und musste daraufhin sein ehrenvolles Amt als Koordinator der nördlichen Ostfrontdivisionen vorrübergehend niederlegen.

Von diesem Ereignis abgesehen geht es und durchaus gut. Auch deine junge Schwester Erika ergeht es vorzüglich. Selbst Bruno erfreut sich bester Gesundheit, auch wenn er, genauso wie wir deinen Vater und dich unheimlich vermisst, warten wir alle nur sehnsüchtig auf eure heldenhafte Rückkehr nach Stuttgart. Ich habe dir einige Bilder unserer Familienfeier mit diesem Brief zukommen lassen, diese werden dich in den kalten Tagen Russlands hoffentlich warm halten.

 

Auf ein baldiges Wiedersehen

 

Deine dich liebende Mutter Maria

 

Die 4 Bilder die dem Brief beigelegt waren, zeigten meine Mutter, mein Großvater und meine jüngere Schwester Erika wie Sie Bruno, unseren deutschen Schäferhund, im Arm hält. Solch schöne Ereignisse, solch schöne Erinnerungen.

 

Für mein liebes Brüderchen

Ich schreibe dir an einem kalten Herbstmittag am Bodensee. Ich und Mutter haben waren heute mit Tante Helga und Cousine Magrit in dem kalten Bodensee baden. Während sich unser netter Großvater mit Großmutter am Ufer alte Erinnerungen wieder aufkommen ließ.

 Es gab ein nettes Straßenfest in Bermatingen, an dem ich und Mutter bis spät abends noch getanzt haben. Wir haben ein Brief von Vater erhalten, in diesem Stand, dass es Ihm und seinen Kameraden gut ginge und Sie schon bald die russischen Armeen geschlagen haben und er dann mit feierlichen Triumph zurückkehren würden.

Aber ich möchte viel mehr wissen wie Dir es denn ergeht. Und hast du denn den Brief von Großvater schon erhalten? Schreibe mir doch bitte zurück, ja?

 

Mit einem Kuss an Dich

 

Deine Erika

 

Dieser enthielt nur zwei Bilder, eines an dem Ufer des Bodensees, in dem meine Schwester mit der Verwandtschaft badete und einem Bild von meinen Großeltern an einem Gasthof in Bermatingen.

Den dritten Brief öffnete ich im Gegensatz zu den anderen nur ungerne.

 

 

Für meinen Lieben Enkel  Sebastian

Sebastian, die Zeiten sind hart und ich bin stolz, dass du dich entschlossen hast an die Front zu marschieren, anstatt in den Konferenzsälen zu sitzen und dort mit den Leben dieser guten Männer herumspielst.

Das Alter nagt bereits an mir und dein Vater ist auch an den kalten Fronten, also musst du mir eines im Geiste versprechen: Besiege den Feind erbarmungslos und strecke Ihn ohne mit deinen Wimpern zu zucken nieder. Diese Schweine haben deine Kameraden getötet und der Welt, der Herrenrasse und dem deutschen Reiche einen schrecklichen Schaden zugefügt. Mache dein Land und deine Familie stolz.

 

Erwartungsvoll

 

Dein Großvater Erwin

 

 

 

 

 

 

 

 

Bevor ich mich noch weiter ablenken würde packte ich die Bilder samt Brief wieder in den Umschlag und verstaute sie Ihn sicher in der Schublade.

Nur das Bild von meiner Schwester behielt ich bei mir. Sie ist jetzt schon 14, unglaublich wie schnell sie gewachsen ist. Ich kann mich noch gut an meine letzte Wiederkehr erinnern.

 

Ich war 18 Jahre und kam von aus Frankreich zurück, wo ich jedoch nur als ein Wachsoldat eingesetzt wurde. Ich kam mit dem 11 Uhr Zug in den

Stuttgarter-Hauptbahnhof gefahren, an dem meine Familie bereits auf mich wartete. Ich stieg aus dem Zug und meine damals noch 12 jährige Schwester sprang mir direkt in die Arme. Ich drehte mich mit Ihr im Arm wie gewöhnlich zweimal und nahm Sie danach ganz auf meinen Arm. Sie war schon immer ein ungewöhnlich glückliches Mädchen gewesen, aber an diesem Tag hat Sie so gestrahlt wie noch nie. Ich begrüßte meine Mutter mit einem Kuss auf die Wange und meinen Vater mit einer einhändigen Umarmung.

„Brüderchen, schön dass du wieder da bist!“

„Wie erging es dir in Frankreich?“ Fragte mich meine Mutter mit gekreuzten Armen vor Ihrem Schoß.

„Ein wunderschönes Land! Als ich mit den Patrouillen auf Motorräder unterwegs war, kamen wir an einem kleinen mittelalterlichen Dorf vorbei. Aiguèze wenn ich mich richtig entsinne.“ Ließ ich meine Mutter wissen.

Der nächste Satz meines Vaters konnte man jetzt nur erahnen.

Mit seinen typisch Verschränkten Armen und dem durchgehend ernsten Blick fragte er:

„Ich hoffe du hast auch etwas geleistet und nicht nur Urlaub gemacht! Wie geht es den Truppen? Ist immer noch als unter Kontrolle?“

Wie ich diese Seite von Ihm verabscheue.

„Ja, es gibt weder aufsässige Bürger noch eine Einmischung Seitens anderer Nationen. Frankreich ist voll unter unserer Kontrolle.“

 

Ich vermied immer so vor Mutter und Erika zu sprechen, aber für meinen Vater galt es nur als eine gescheite Antwort, wenn Sie auch so formuliert war.

Bis auf ein kleines Nicken mit dem Kopf kam von ihm nichts zurück.

Nach einer kurzen Stille änderte meine Schwester das Thema, mit Ihrer immer fröhlichen Stimme:

„Brüderchen, du musst doch Hunger haben. Oder?“

Sie war ein schlaues Kind, Sie wusste wann man das Gesprächsthema wechseln musste.

„Jetzt sag bloß du hast gekocht!“

Sie gab mir mit einem nicken und Ihrem: „Mhm mhm!“ eine Antwort.

„Und das ganz allein!“ Fügte Sie noch hinzu.

Meine Mutter stand hinter Ihr, legte eine Hand auf Ihre Hüfte und sprach:

„Ganz alleine? Ach wirklich?“

„Ja, Mutter hat mir geholfen.“ Sagte Sie mir mit Ihrem unschuldigen Lächeln.

„Also ich habe einen riesen Hunger, wir sollten dann nach Hause gehen und essen, oder?“ Beschloss ich darauf hin und wir gingen…

 

BÄMMM!

 

Meine Gedanken wurden von einem ohrenbetäubenden Knall unterbrochen.

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beta
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