Edelstein

Zehn Tage waren seit der Nacht vergangen, in der Mrs. Pinkerton den Tod fand und Garrett praktisch bei Dionysos eingezogen war.

Ihre Beerdigung fand am Samstag statt und so sehr Garrett sich auch dagegen gesträubt hatte, sein Vater war natürlich nach Gatwick gekommen.

Dieser beäugte den jungen Pfarrer, der sich in Garretts Nähe aufhielt, sehr aufmerksam. Vermutlich dachte er, es mit dem wesentlich jüngeren Liebhaber seiner Exfrau zu tun zu haben. Doch Phil, natürlich über jeden Verdacht erhaben, versicherte ihm schnell das Gegenteil. Er war als ein Diener Gottes auf der Durchreise und hatte sich Garretts angenommen in den ersten Stunden nach der Tragödie.

Mr. Pinkerton schien nicht vollends überzeugt, doch das war ja auch nicht wichtig. Sein Sohn zählte im Moment viel mehr.

 

»Am besten kommst du gleich morgen früh mit mir nach London«, sagte er, nachdem sie von der Bestattung zurückgekehrt waren. Sie saßen in dem schicksalshaften Wohnzimmer zusammen beim Kaffee. Garrett, sein Dad und die Schwester seiner Mum, Imogen, die trotz ihrer Rückenprobleme aus Brighton gekommen war und mit dem Nachtzug zurückfahren würde. Sie musste zu ihren Tieren zurück.

Mehr war von Garretts Familie nicht übrig.

»Noch nicht, Dad. Wegen der Schule und so… in den Ferien dann können wir… alles klarmachen«, murmelte Garrett leise. Sein Dad sah ihn aus Augen an, die ebenso braun waren wie die seines Sohnes, und strich sich die dunkelblonden Haare zurück.

»Du kannst doch nicht… hier allein…?!«

»Dad, ich bin 18! Und bis zu den Ferien sind es nur noch drei Wochen. Ich… muss packen und alles...«

Mr. Pinkerton nickte. Ja, sein Sohn war kein Kind mehr, doch etwas an ihm rief noch immer diesen starken Beschützerinstinkt in ihm hervor.

»Mir gefällt das trotzdem nicht.«

»Mir auch nicht. Nichts von dem, was hier passiert ist… aber ich muss einfach bleiben und nachdenken.«

»Das ist alles schrecklich. Ich sollte mit ihr in Brighton an der Promenade entlang spazieren. Stattdessen liegt sie nun da...«, flüsterte Tante Imogen mit belegter Stimme und ihr Schwager strich ihr über den Rücken.

»Also gut, Garrett. Bleib hier und pack' in Ruhe zusammen, was du mitnehmen willst. Solange werde ich schauen, dass ich eine größere Wohnung finde. Dein momentanes Zimmer bei mir fasst ja nicht mal deine Möbel. Du hast Recht, Imogen. Das ist alles schrecklich.«

Schweigend beendeten sie ihren kleinen Leichenschmaus. Tante Imogen wurde gegen 19 Uhr von Mr. Pinkterton zum Bahnhof gebracht, um nach Brighton zurückzufahren. Anschließend quartierte er sich für die Nacht im Schlafzimmer seiner Exfrau ein.

Dionysos, der aus seinen Fehlern gelernt hatte, hatte mit den anderen Vampiren rund um das Haus Stellung bezogen. Garrett sollte dieses Stück Familie nicht auch noch verlieren.

Dem Vampir wäre es lieber gewesen, wenn Mr. Pinkerton darauf bestanden hätte, Garrett mit nach London zu nehmen. Das hätte ihn zwar von ihm fortgeführt, doch der Junge wäre dann in Sicherheit.

Doch Garrett, zerbrechlich wie er auch aussehen mochte, hatte einen starken Willen und einen ausgesprochenen Dickkopf.

 

Es war ungewohnt für Garrett, nach einer Woche in Dionysos' Himmelbett, wieder in seinem eigenen Bett zu liegen. Doch er konnte ja nun, wo sein Dad im Haus war, schlecht zur Hütte hochgehen.

Es tat gut, seinen Dad zu sehen. Als dieser am Samstag Vormittag in Gatwick angekommen war und Garrett begrüßte, hatte sich dieser wie ein Kind in seine Arme geworfen. Doch so sehr er sich freute, war er erst dann wieder beruhigt, wenn sein Dad wieder sicher in London war.

Ein Geräusch aus der Küche ließ Garrett aufhorchen. Die Vampire standen Wache, also konnte es nur sein Vater sein.

Leise erhob er sich und ging nach unten. Mr. Pinkerton saß im Dämmerlicht der Herdlampe am Küchentisch, ein Glas Bourbon und die Flasche neben sich, und starrte aus müden Augen irgendwo ins Nichts.

»Dad?«

»Weißt du, Garrett, ich habe nie aufgehört, deine Mutter zu lieben...«

»Warum bist du dann gegangen?«

»Du warst noch ein Kind damals. Zu jung um zu verstehen, dass für ein gemeinsames Leben Liebe allein manchmal nicht genug ist. Manche sagen sogar, Liebe spiele für eine gute Ehe im Grunde gar keine Rolle. Ich sehe das anders...«

»Ich glaube, ich verstehe es immer noch nicht«, murmelte Garrett und nippte am Drink seines Vaters. Der Bourbon schmeckte weich auf seiner Zunge.

»Deine Mum hat mir nicht mehr vertraut. Das war meine Schuld.«

»Hast du sie…?«

»Betrogen, ja. Ein einziges Mal und das war der Anfang vom Ende. Von da an war jede längere Abwesenheit wegen meines Jobs für deine Mum gleich ein weiterer Seitensprung. Ich hätte eines meiner Beine gegeben, um meinen Fehler ungeschehen zu machen, doch das ging nicht und irgendwann… hatte ich die Nase voll. Ich war sauer, dass sie 15 Jahre Beziehung in Frage stellte, uns, dich und alles nur, weil ich ein einziges Mal Mist gebaut hatte. Ich wusste, dass sie mich liebte wie ich sie, doch wie gesagt: Liebe allein ist manchmal nicht genug.«

Mr. Pinkerton leerte sein Glas und beide hingen ihren Gedanken nach.

Garrett hatte sich immer gewundert, warum weder seine Mutter noch sein Vater nach der Scheidung jemals wieder eine ernste Beziehung eingegangen waren, obwohl sie beide gerade mal 40 waren. Seine Mum kam immer damit, dass sie keinen Mann im Haus haben wollte, solange er, Garrett, noch ein Kind war. Sie wollte nicht, dass jemand anderes die Rolle seines Vaters übernahm.

»Ich dachte immer, es wäre meine Schuld...«, flüsterte Garrett und sprach etwas aus, das er lange mit sich herumgetragen hatte. Sein Vater sah ihn verwundert an.

»Wieso das?«

»Weil ich schon immer so anders war, so komisch und… weil ich dachte, du willst mich nicht mit nach London nehmen, und Mum damals auch so komisch zu mir war.«

»Nein, du hattest an gar nichts Schuld. Vielleicht an ein paar grauen Haaren und Sorgenfalten wegen deiner Schwänzerei, aber das ist Elternrisiko. Wenn es um dein Wohl ging, waren wir uns immer einig.«

»Also hatte es nix damit zu tun, dass ich anders bin als die anderen in meinem Alter hier?«

Mr. Pinkerton schmunzelte. »Hier magst du anders sein und auffallen. Aber nur, weil es hier so jemanden wie dich nur einmal gibt. In London wirst du sehen, dass es eine breite Metal-Szene gibt, auch unter Schülern, und da wirst du nicht so herausstechen. Geschweige denn deswegen ausgegrenzt.«

Garrett spürte, wie sich sein Puls beschleunigte, als ihm ein Gedanke kam. Sein Vater wusste, dass er und Kyle sich nicht mehr verstanden und dass Kyle ihm das Leben schwer machte, doch er wusste nichts von dessen Unterstellungen, Garrett wäre schwul. Sollte er es seinem Vater sagen? Dass dies anscheinend zutraf? Wann hatte er schon sonst einmal wieder die Gelegenheit, wann führten sie schon mal ein solches Gespräch?

»Sag mal, Garrett, warst du eigentlich schon einmal verliebt?«, mischte sich die Stimme seines Vaters in seine Gedanken und ihm wurde heiß. Zwei Dumme, ein Gedanke offenbar.

»In jemanden von hier? Aus meiner Schule? Dad!«, versuchte Garrett heiter zu klingen, doch seine Stimme zitterte etwas.

Mr. Pinkerton wandte den Blick nicht ab. »In jemand anderen?«

Garrett dachte einen Moment nach. Der einzige Mensch, zu dem er sich jemals hingezogen gefühlt hatte, war Dionysos. Er lächelte leicht.

Wenn es Verliebtheit war, dass er sich geborgen fühlte und gleichzeitig Herzrasen bekam, nur weil Dionysos ihn umarmte oder anlächelte, dann war er ziemlich verliebt.

»Naja, es gibt da schon jemanden… den ich mag«, stammelte er verlegen. Er war sich nur zu bewusst, dass Dionysos und vermutlich auch die anderen ihn hören konnten.

»Aber?«

»Äh, also… naja, weißt du...«

»Es ist ein Junge, hab' ich Recht?«

Garrett wurde rot. »Wie kommst du…?«

Mr. Pinkerton lachte. »Wäre es ein Mädchen, hättest du nicht so herumgedruckst. Da tut es mir fast doppelt leid, dich von hier wegzuholen.«

»Du bist nicht… wütend? Enttäuscht? Angeekelt?«

Garretts Dad zog eine Braue hoch. »Was nutzen mir Wut und Enttäuschung bei einer Tatsache, die sich eh nicht ändern lässt. Es betrifft nicht mein Leben. Du musst glücklich damit sein, mehr möchte ich gar nicht. Und du bist mein kleiner Junge, Garrett. Ich habe mich schon vor deinen vollgeschissenen Windeln nicht geekelt, warum sollte ich es dann tun, wenn du lieber mit einem Mann zusammen sein willst?«

Garrett schmunzelte und seufzte leise. Eine Last war von ihm abgefallen, doch sein Vater hatte etwas angestoßen, an das er noch gar nicht so wirklich gedacht hatte. Er würde Gatwick nun doch verlassen, um zu seinem Vater zu ziehen. Der konnte aufgrund seines Jobs unmöglich in die Kleinstadt zurückkehren. Doch Dionysos würde hier bleiben… das würde er ganz sicher. Sonst würde sich der Kampf um die Stadt nicht lohnen. Garretts Augen wurden feucht. Noch ein Verlust.

»Vielleicht solltest du wieder ins Bett gehen«, sagte sein Dad, der seinen Gesichtsausdruck bemerkte, leise.

»Ich vermisse Mum. Ich hab ihr das nie wirklich gesagt… Dass ich sie lieb habe. Und ich hab ihr auch nie anvertraut, was ich dir gerade erzählt habe. Ich komm' mir schäbig vor«, schluchzte der Junge und sein Vater legte ihm den Arm um die Schultern.

»Sie wusste das, Garrett. Dass du sie geliebt hast. Und ich glaube, sie wusste auch alles andere. Sie hat immer mehr gesehen als andere.«

»Warum hat sie dir dann nie geglaubt, dass der Seitensprung einmalig war? Dann wären wir eine Familie geblieben...«

»Womöglich, weil ihr da ihr eigenes Herz in die Quere kam. Los, Garrett, ab ins Bett. Du bist total erschöpft.«

Garrett schmunzelte durch die Tränen.

»Er sagt das auch immer...«

»Dein Freund? Wenn ich das nächste Mal herkomme, will ich den Burschen kennenlernen. Ist er älter als du?«

Unwillkürlich musste Garrett grinsen. 'Ach was', dachte er, 'nur so an die 700 Jahre!'

»Nicht sehr. Er ist 24«, sagte er stattdessen. Mr. Pinkerton nickte nur und schob seinen Sohn die Treppe hinauf.

Wie sehr hatte sein Leben in den letzten Tagen doch eine Wendung genommen. Die Frau, die er noch immer liebte, war tot; sein einziger Sohn war schwul und hatte einen Freund und er hatte Angst, dass er als Vater versagte, nun wo Garrett dauerhaft bei ihm leben würde.

 

Als Garrett in sein Zimmer kam, überraschte es ihn nicht, den Vampir am Fenster sitzen zu sehen.

»Ich bin also dein Freund, hm?«, grollte dieser leise und Garrett blickte verlegen auf seine Hände.

»Tut mir leid. Ich hab das nicht gesagt, das war mein Dad.«

»Richtiggestellt hast du es aber auch nicht. Ins Bett jetzt!«

Gerüffelt stieg der Junge zwischen die Laken. Er verstand Dionysos nicht.

Er sagte, er würde ihn beschützen, für ihn kämpfen, alles aufgeben, sogar sterben; er hatte zweimal mit ihm geschlafen und gesagt, er hätte es genossen. Er reagierte verunsichert darauf, dass Garrett vielleicht nicht schwul war und hatte Sorge, dass er Gefallen an Anouk finden könnte. Er wollte Kyle in Stücke reißen für jedes fiese Wort, das dieser je gesagt hatte… aber er reagierte sauer, wenn er, Garrett, seinem Vater gegenüber, der Dionysos gar nicht kannte, nicht richtigstellte, dass sie eigentlich gar nicht zusammen waren.

»Henry?«

»Hm?«

»Was sind wir zwei?«

Dionysos blieb die Antwort schuldig und irgendwann war Garrett mit schwerem Herzen eingeschlafen.

 

 

»Beweg' deine Beine mehr, Garrett!«

Der Junge murrte entnervt und parierte einen harten Stockschlag mit seinem Stock.

Vier Tage waren seit der Beerdigung vergangen und kaum saß sein Dad im Auto auf dem Weg nach London, – Jack war ihm zur Sicherheit eine ganze Weile gefolgt – hatte Garrett sein Elternhaus verriegelt und war in die Hütte zurückgekehrt.

Es fühlte sich jetzt nur irgendwie anders an. Seit Dionysos ihm die Antwort auf seine Frage schuldig geblieben war, stand etwas zwischen ihnen.

Garrett war sich von jeher darüber im Klaren gewesen, dass Dionysos ihn unmöglich lieben konnte, doch die aufregenden Stunden mit ihm hatten den Verstand des Jungen benebelt. Er fühlte sich nun wieder wie ganz am Anfang, als er Dionysos die Freundschaft angeboten hatte und zurückgewiesen wurde. Nur das dieses Mal die Gefühlslage eine andere war. Er hatte sich eingelassen auf den Vampir, hatte sich verliebt und wurde zurückgewiesen.

‘Zum Sex und Zeitvertreib bin ich ihm gut genug!’, dachte Garrett verbittert, machte einen Schritt vor und startete einen Angriff auf Jack, der ihm das Stockfechten beibrachte, um ihn zu trainieren. Noch an dem Tag, als er diesen darum gebeten hatte, hatten sie mit dem Training begonnen. Zehn Tage waren seither vergangen.

Dionysos sah zu, rauchte und kritisierte ihn fortwährend.

»Garrett, du...«

»VERDAMMT NOCH MAL!«, brüllte dieser und warf den Stock beiseite. »Kannst du keine fünf Minuten die Klappe halten? 'Beweg deine Beine', 'Halt' den Rücken gerade', 'Nimm eine geschlossene Deckung'«, äffte er Dionysos nach und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Ich versuche lediglich, deine Haltung zu korrigieren. Wenn die Muskeln falsch...«

»Jaaaaaa Mann, ich weiß! Wer falsch trainiert, arbeitet doppelt. Aber du hilfst mir damit nicht. Hast du nicht etwas anderes zu tun?«

Dionysos blickte den Jungen eine Weile schweigend an.

Das Training in der Sonne hatte seine Haut gebräunt und er war bereits etwas muskulöser geworden. Es stand ihm gut und Dionysos verspürte den Drang, sein Gesicht zu berühren. Doch er tat es nicht.

Garrett war sauer auf ihn und das völlig zu Recht. Er hatte viel zu barsch reagiert, als er als Garretts Freund bezeichnet worden war und dass er ihm diese Antwort schuldig geblieben war, hatte es nicht besser gemacht.

Er presste die Lippen zusammen, machte kehrt und verschwand unter den Bäumen. Ein Spaziergang würde ihm gut tun.

Als er dem Gespräch zwischen Vater und Sohn gelauscht und Garrett gesagt hatte, es gäbe jemanden, den er mochte, hatte er sich geschmeichelt gefühlt und beschwingt. Doch schon in der nächsten Sekunde war ihm bewusst geworden, was das bedeutete.

Wenn Garrett sich ernsthaft in ihn verliebte, würde der Abschied, der ihnen bevorstand, unerträglich werden. Denn nun, da Garrett allein war, war es nur natürlich, dass er zu seinem Vater ziehen würde. Nach London, Hunderte Meilen entfernt. Doch Dionysos konnte Gatwick nicht zurückerobern und dann verschwinden. Er hatte es Garrett nicht gesagt, aber selbst wenn er Allister am nächsten Tag töten würde, würden dessen Anhänger nicht sofort das Weite suchen.

Hinzu kam, dass Dionysos keine Ahnung hatte, was er Garrett auf seine Frage hatte antworten sollen. Was waren sie? Ein Liebespaar? Dionysos wusste nicht, ob er Garrett liebte. Ihm fehlte die Erfahrung, um zu wissen, wann man jemanden liebte. In seinem langen Leben gab es, abgesehen von seinem Bruder Lachlan, nur zwei, vielleicht drei Personen, für die er so etwas wie Liebe empfunden hatte. Die ganzen namenlosen Gesichter, die ihm für das Bett oder als Nahrung dienten, waren ihm gleichgültig gewesen.

Er wusste nur, dass er nicht wollte, dass diesem Jungen, der ihn anfangs so sehr an sich selbst und Lachlan erinnert hatte, etwas zustieß.

Es war dumm von ihm, Garrett an diesem Nachmittag im Zelt zu verführen. Das erste Mal war die Lust bei beiden nebensächlich, da ging es um Nähe und Trost. Das zweite Mal sah das schon ganz anders aus. Dionysos hatte fühlen wollen, wie Garrett unter seinen Händen erzitterte, er wollte, dass sein Herz und sein Atem rasten und dass er sich in süßer Qual an ihn klammerte. Das war ihm auch gelungen. Zu dem Preis, dass Garrett begann, sein Herz an ihn zu hängen.

An einen emotionalen Krüppel, der von Anfang an alles falsch gemacht hatte. Er hätte niemals zulassen dürfen, dass ihm dieser Junge so nahe kam. Er hatte seine jahrzehntelange, stoische Ruhe ins Wanken gebracht und das ungezügelte Tier, das der Vampir in ihm einst gewesen war, aus seinem Schlummer erweckt. Er wollte beißen, kratzen, kämpfen, solange bis es nichts mehr gab, das Garrett gefährlich werden konnte.

War das Liebe? Oder war das Kontrolle? Dionysos wusste es nicht. Schwer seufzend machte er kehrt, als es zu dämmern begann.

 

 

»Du hast es dem Boss ganz schön gezeigt, Garrett. Schlecht geschlafen?« Jack lachte, strich sich die Haare aus dem Gesicht und reichte dem Jungen den weggeworfenen Stock. Dieser schüttelte den Kopf. Er konnte und wollte auch nicht mit dem schmucken Texaner darüber reden, wie benutzt er sich fühlte.

»Hör mal, ich weiß ja nicht genau, was bei euch beiden gerade abgeht, aber manchmal hat Will es schon nötig, dass man ihm mal die Hammelbeine langzieht.«

»Hast du das getan? Also… er meinte, ihr hättet mal was gehabt...«

Jack lachte schallend, so dass einige Vögel aufschreckten und aus den Baumkronen stoben.

»Ja, meine Bisexualität war schon immer ein besonders dunkler Fleck auf meiner ohnehin nicht sehr sauberen Weste. 'Was gehabt' bedeutet in unserem Fall, dass wir einen Winter lang, um nicht zu erfrieren, in unserem Zelt etwas enger beieinander gelegen haben, als es bei Cowboys üblich war. Ist dabei was gelaufen? Ja, ist es. Waren wir verliebt? Vermutlich nicht. Will liebt nicht einfach so. Er verschenkt seine Liebe sparsam, wie einen kostbaren Edelstein. Hat man diesen, hat man ihn für immer, verstehst du?«

Schulterzuckend trabte Garrett in den Schatten. Kostbar wie ein Edelstein also. Und er war es nicht wert, so einen zu bekommen. Resignierend seufzte der Junge und Jack setzte sich neben ihn.

»Du bist wohl ziemlich verknallt, hm?«

Garrett schüttelte den Kopf, doch es wirkte zögerlich und unecht. »Ich bin eher verwirrt. Ich werde nicht schlau aus ihm.«

Der Cowboy klopfte ihm kameradschaftlich auf den Rücken. »Das kenne ich. Ich lernte ihn als harten und saumäßig arroganten Schweinehund kennen, Typ englischer Snob in Amerikas Westen, die Weisheit mit Löffeln gefressen, elender Besserwisser. Doch als es mich erwischte, weinte er. Er vergoss Tränen, weil ich im Sterben lag. Schwarz und weiß ist das, was er gern sein möchte, doch ich erkannte bei ihm sehr viele Schattierungen in grau.«

»Es hat dich erwischt? Inwiefern?«

»Ich wurde angeschossen und wäre fast gestorben.«

»Ja, aber das bist du nicht...«

»Seinetwegen.«

»Er hat dich verwandelt?«

»Ja. Sonst würde der damals erst 27-jährige Jack Dalton jetzt irgendwo als Gerippe in den Rockys liegen.«

Garrett dachte schweigend darüber nach, während Jack mit einem Lächeln an die vergangene Zeit zurückdachte und sich die Abendsonne des späten Septembers ins Gesicht scheinen ließ.

 

»Jungs, könnt ihr mir mal helfen?«, hörten die beiden Anouks Stimme zwischen den Bäumen. Sie hatte sich angeboten, einkaufen zu gehen, und war nun so beladen, dass ein normaler Mensch keine 10 Meter weit gekommen wäre.

»Wie hast du… bist du etwa so durch die Stadt gelaufen?« Jack guckte verdutzt und Garrett machte runde Augen.

»Unsinn, Jacky. Ich hab das Auto von Garrets Mum benutzt, aber damit komme ich ja schlecht hier hoch, oder?«

Die Männer nickten und nahmen ihr einen Teil der Tüten ab. Sogar einen Getränkekasten hatte sie dabei!

»Du hättest rufen können, dann wären wir runtergekommen. Gutes Krafttraining für Garrett wäre das gewesen.«

Anouk lachte. »Den hast du heute schon genug geschunden.«

»Nicht gut genug, wenn er mit uns kämpfen will. Aber für heute ist es genug.« Jack stieß die Tür zur Hütte auf und schreckte Nikodemus aus seiner Putzroutine hoch.

Beiläufig dachte Garrett, dass Dionysos immer Wert auf Abgeschiedenheit gelegt hatte, und nun ging es zu wie in einer Herberge. Das musste ihn insgeheim ziemlich ärgern.

»Wo ist eigentlich Phil? Und Dionysos?«

»Phil ist auf dem Friedhof und sorgt dafür, dass die… äh… Gäste dort auch in ihren Zimmern bleiben. Damit Allister nicht noch mehr Ghoule macht. Und Will… ist spazieren, nehme ich an.«

Anouk sah zu Garrett und dessen bedrückt aussehendes Gesicht ließ sie innerlich seufzen. Jeder hatte bemerkt, dass zwischen ihm und Dionysos etwas vorgefallen sein musste. Garrett schlief seit dem Morgen nach der Beerdigung allein in dem Himmelbett und Dionysos blieb im Wohnzimmer. Und wenn sie miteinander sprachen, klang es geschäftsmäßig und kühl. Garrett sah oft müde aus, als könne er allein nicht schlafen, und Dionysos grübelte noch mehr als sonst.

Da sage mal noch einer, nur Beziehungen zwischen Mann und Frau wären kompliziert, dachte Anouk und verstaute die Lebensmittel.

Garrett half Anouk anschließend beim Kartoffelschälen und Jack zerhackte ein Schweinebein, als Dionysos in die Hütte trat. Garrett konnte nicht anders als ihn anzusehen. Er sah elend aus, müde und angeschlagen.

»Ich leg mich 'ne Stunde hin«, murmelte er, schloss die Schlafzimmertür und ließ die anderen in der Stille zurück.

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beta
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