Eigenartig normal

Ich traute mich sogar in ein Abteil hinein, das nicht beleuchtet war. Hier grenzten Patientenzimmer an Nasszellen. Eine etwas übergewichtige Patientin kam mir weinend und erschöpft keuchend aus der Toilette entgegen. Sie wirkte völlig aufgelöst, am Ende ihrer Kräfte. Ich fragte mich, was sie getan hatte. Hatte sie sich übergeben? Oder hat sie sich einfach Wasser ins Gesicht gespritzt, um aus diesem Albtraum zu erwachen? Ich wusste es nicht und wollte es auch nicht wissen.
Ich folgte anschließend dem Gang zum anderen Ende der Station. Dort stand ich vor einer Glastür, die von innen verriegelt war. Irgendwie hatte ich das Verlangen nachzuprüfen, ob sie wirklich verschlossen war. Aber ich vermutete, dass dann ein Alarm losgegangen wäre oder irgendjemand mich doch noch fixiert hätte, weil ich weglaufen wollte oder mich von der Feuerleiter stürzen wollte.
Also blieb ich einfach nur vor der Tür stehen und beobachtete auf einer Wiese zwei Dohlen, die miteinander spielten. Für einen Moment lächelte ich. Was war das für ein eigenartig normaler Moment in dieser verrückten Situation?
Als ich mich umdrehte, erkannte ich am gegenüberliegenden Ende des Ganges, hinter der Glasscheibe des Aufsichtsraums, eine Pflegerin, die langsam von der Scheibe zurückwich und in meine Richtung blickte. Hatte sie Angst, dass ich irgendwas Dummes vorhatte? Das wusste ich in diesem Moment ja nicht mal selbst...

Das war der letzte Moment, an den ich mich erinnere, in dem man ein Auge auf mich geworfen hatte.
Die Nacht war ein Albtraum, so eigenartig das klingt. Ich wurde in erster Linie wegen Anoerxie und Depressionen, mit Suizidgedanken, aufgenommen, aber weder um das eine, noch um das andere wurde sich bei meiner Ankunft in irgendeiner Weise gekümmert. Man hatte mich nur mit Fragen aufgerieben und mich in einem Einzelzimmer abgeladen, in einem kargen Raum, auf einem harten Bett und die Luft war widerlich stickig. Ich hatte das Abendessen verpasst, wurde aber nicht nochmal gefragt, ob ich etwas essen wolle. Um mich rum tauchten nur immer wieder neue Pfleger auf, deren Namen ich sofort wieder vergessen hatte, nachdem sie sich vorgestellt hatten. Sie wünschten mir eine gute Nacht und das Licht ging aus.
Da lag ich also. In meiner Unterwäsche, denn die einzigen Dinge, die ich bei meiner Ankunft dabei hatte, trug ich an meinem Körper. Das war mein Portemonnaie, mein Handy, ein Schweißband, eine Sonnenbrille und meine Mjölnir-Kette. Ich hatte meinen Mjölnir fest in meine Faust gedrückt, weil ich von irgendwo Kraft schöpfen wollte. Ich war müde, aber ich konnte nicht einschlafen. Was würden meine Eltern denken? Wie ging es ihnen in diesem Moment? Ich tat wieder nicht das, was man mir zu Anfang gesagt hatte: Nur an mich selber denken. Ich konnte es nicht.
Der nächste negative Gedanke, der durch den Kopf schoss, war: Ich hab keine Zahnbürste.
Tatsächlich war alles so rasend schnell gegangen, dass ich nicht mal grundlegende Dinge wie Zahnbürste, Kamm, Shampoo oder frische Kleidung da hatte. Und meine Eltern hatten logischerweise nichts mitgebracht, da sie mit dem Vorsatz gekommen waren, mich gleich wieder mitzunehmen. Allerdings hatte ich zuvor dem Pfleger bei der Aufnahme gesagt, dass ich sie nicht sehen wolle, weil ich in diesem Augenblick wirklich und ehrlich nur an mich selbst gedacht hatte.

Comments

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    Und es ist gut, dass du an dich gedacht hast! Man kümmerte sich aber nicht gut um dich dort! Ich glaube du könntest das aber ohne so eine Paychiatrie auf die Reihe kriegen. Du brauchst einfach ein gutes Medikament für die depressiven Zustände und einen guten Psychotherapeuten, der dir vielleicht Gesprächstherapie anbietet. Aber vor allem sollte unbedingt die Chemie zwischen euch stimmen. Und bald aus dem Elternhaus auszuziehen könnte sicher auch nicht schaden. Du hast grosse Stärke in dir! Du solltest diese immer mehr erschliessen. Deine absolute Selbstehrlichkeit berührt mich sehr! :-)

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Fairy Dust

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