Ein Bad mit heimlichem Beobachter

Noch immer erwachte Rúna mit dem ersten Hahnenschrei. Wie auch an den Tagen davor brauchte sie einen Moment lang, um sich zu erinnern, wo sie war. Das kleine Grubenhaus der Völva mit seinem abgerundeten Dach aus Lehm und Holzbalken, zwischen denen hier und da das Reed hindurch schimmerte, bog sich beruhigend und tröstend über ihrem Lager und die junge Frau starrte einen kleinen Sonnenstrahl an, der sich zwischen den Sparren hindurch mogelte. Wie ein Irrlicht tanzte der kleine Sonnengruß über die dicke Lehmmauer, durch irgendetwas da draußen hin und her geschickt. Der Wind ließ das Reed leise rascheln und Rúna fühlte sich so wohl und sicher wie schon lange nicht mehr. Hier bei Jorunn ging es ihr wirklich richtig gut!
Dabei war es nicht die fehlende harte Hofarbeit, die das Leben bei der Heilerin angenehm machte. Rúna hatte es nie gestört, Kühe zu melken oder einen Stall auszumisten. Sie mochte das ruhige friedliche Atmen der großen Tiere auf Thorsteins Hof. Die Wärme und der kräftige Geruch der Pferde oder die Geräusche der kauenden Kühe hatten etwas zutiefst Friedliches.
Leise richtete sich Rúna auf. Sie wusste, dass Jorunn gern ein wenig länger schlief und wollte die Alte nicht wecken. Rücksichtnahme und Respekt waren ihr schon von ihren Eltern beigebracht worden und Ári hatte diese Eigenschaften mit harter Hand so tief verinnerlicht, dass sie ihren Charakter grundlegend geprägt hatten. Jeder Freie war weit wichtiger und wertvoller als sie, die kleine schwache Sklavin. Deshalb war die junge Frau auch von den ungezwungenen Gesprächen, zu denen sie Jorunn und Lathgertha immer wieder drängten, mehr verunsichert als begeistert. Sie verstand nicht, was die Gefährtin des Jarl von ihr wollte. Immer wieder hatte diese sie aufgefordert, ihre Meinung zu Ári und schlimmer noch zu Thorstein zu sagen. Wozu das gut sein sollte, verstand Rúna nicht. Wollten sie sie prüfen?
Nachdenklich schlich sich die Sklavin aus der Hütte und machte sich auf den Weg zum Strand. Es war gut, den Morgen mit einem erfrischenden Bad zu beginnen. Unterwegs blieb ihr noch Zeit, um weiter über die vergangenen Abende nachzudenken, doch sie kam zu keinem Ergebnis. Der Grund für Lathgerthas Fragen blieb ihr verschlossen.
Rúna kletterte den steilen Weg bis zu der kleinen Sandbucht hinunter, an der sie zu baden pflegte. Hierher verirrten sich die Dorfbewohner am Morgen kaum, bot doch der Strand direkt vor der Siedlung genug Raum für die Sklaven zu baden. Die Freien nutzten diese Möglichkeit so gut wie nie. Ihnen war das süße Wasser der beiden Bäche und der im Hinterland gelegene Teich zur Körperpflege vorbehalten.
Sicher hatte auch Rúna das Wasser des Moorsees angenehmer auf der Haut empfunden. Der Salzgehalt des Meeres war gewöhnungsbedürftig und das Wasser brannte immer noch ein wenig in den Wunden ihres Rückens, wenn sie schwamm.  Doch die junge Frau mochte es, den Schweiß und den Nachtgeruch von ihrem Körper zu waschen. Jorunn hatte versprochen, ihr beizubringen, wie man aus Knochen und Asche Seife herstellte. Darauf freute sie sich, obwohl voraussehbar war, dass Seifensieden sicher eine ebenso schmutzige Arbeit war wie einen Schweinestall zu säubern. Doch an dem bevorstehenden Gestank störte sich Rúna nicht. Seife hingegen war etwas, was sie nur aus ihrer Kinderzeit kannte. Wenn Jorunn ihr davon vielleicht ein paar Reste überließ, war es fast wie früher auf dem Hof ihres Vaters.
Rúna entledigte sich ihres einfachen Nachthemdes und lief ins Meer hinein, wobei sie sich vorstellte, wie es gewesen war, sich am Brunnen vor ihrem Vaterhaus zu waschen. Sie fühlte sich allein und unbeobachtet und begann deshalb ohne Scham, sich mit dem Meeressand gründlich abzuschrubben. Doch ganz so verlassen, wie Rúna es glaubte, war die kleine Bucht nicht. Hätte sie nach Osten geschaut, dorthin, wo sich hinter einer höheren Steilküste Straumfjorður versteckte, wäre ihr der stillsitzende Mann oben auf den Klippen nicht entgangen.
Ragnar hatte in dieser Nacht schlecht geschlafen. Thorsteins Besuch und dessen Wünsche beschäftigten ihn mehr, als er zugeben wollte. Er war schon früh aufgestanden und hatte sich dieses ruhige Plätzchen auf den Klippen gesucht, um besser nachdenken zu können. War es wirklich richtig, Thorstein diese Frau zu überlassen? Viel zu sehr hatte sie sich verändert in diesem einen kurzen Mond bei seinem Steuermann. Normalerweise wäre ihm das egal gewesen. Was ging ihn das Befinden einer Sklavin an? Doch Lathgertha schien die junge Frau wirklich zu mögen und auch ihm gefiel sie, schon seit  dem Tag, an dem er sie gefunden hatte.
Mühelos erinnerte sich der Jarl daran, wie Rúna zu ihnen gekommen war. Schon von Anfang an war sie ihm aufgefallen. Während fast alle anderen gefangenen Frauen lautstark gejammert und gezetert hatten, war sie still geblieben. Ja, sie hatte sich ihm schnell ergeben. Doch es war eine leise Würde hinter ihren Handlungen versteckt gewesen, die ihm erst aufgefallen war, als er sich mit der Frau näher befasst hatte. Dann hatte sie sich auf der Ragnarsúð wie fast alle Landratten beinahe die Seele aus dem Leib gekotzt und irgendwie hatte es ihn damals befriedigt, ihr bei dieser Erniedrigung zuzusehen. So unangreifbar, wie sie sich gab, war sie also nicht!
Trotzdem konnte sie die offensichtliche Seekrankheit nicht davon abhalten, ihn als Mörder zu beschimpfen, als seine Männer diesen Flüchtigen getötet hatten. Er erinnerte sich noch gut, wie sie ihn angebrüllt hatte: "Feiglinge seid ihr, denen das Leben anderer nichts bedeutet!" Sie war mutig!
Ragnar mochte mutige Menschen, ganz egal von welchem Stand sie waren. Kriegerischer Mut, Mut zum Abenteuer, Mut, in neue Gefilde zu segeln, das waren Eigenschaften, die der Jarl sich selber zusprach und deshalb auch bei anderen achtete. Manchmal, bei gegnerischen Kriegern, gefiel es ihm zu sehen, wie dieser Mut durch seine Hand gebrochen wurde. Doch dass Thorstein nun scheinbar Rúnas Mut genommen hatte, störte den Jarl auf eine Weise, die er selber nicht so recht verstand.
Der Jarl war so in Gedanken versunken, dass er das Mädchen am Strand erst bemerkte, als es nackt in die Wellen trat. Der dunkelbraune Zopf verriet die Badende sofort. Dünn war sie geworden, stellte Ragnar bedauernd fest. Lathgertha tat gut daran, sie ein wenig zu füttern. Dennoch waren ihre Bewegungen anmutig. Auf die Entfernung konnte der Jarl nur schwer erkennen, wie groß der Schaden auf ihrem Rücken wirklich war. Auf dem Moorseehof hatte er es vermieden, sich selber anzusehen, wie heftig die Verletzungen waren. Dass Thorstein nach der Völva geschickt hatte, ließ aber erahnen, dass er nicht zurückhaltend gewesen war.
Ragnar beobachtete Rúnas morgendliches Bad und während die noch tief stehende Sonne die Tropfen auf der Haut der kleinen Wassernixe schimmern ließen, schweiften seine Wünsche und Gedanken ab. Ja, es hatte da Jorunns Prophezeiung gegeben und wer war er, dass er an den Worten der Seherin zweifeln durfte? Doch hatte Thorstein nicht schon genug Gelegenheit gehabt, Rúna für sich zu gewinnen? Hatte er nicht schmählich versagt? Waren die Wünsche der Völva damit nicht hinfällig? Ragnar erlaubte sich, ein wenig zu träumen. Lathgertha verstand sich gut mit Rúna. Das hatte er aus ihren Berichten aus dem Grubenhaus deutlich herausgehört. Wenn er vernünftig mit ihr sprach, könnte sie die kleine Braunhaarige sicher als seine erste Nebenfrau akzeptieren. Und immerhin hatte Lathgertha ihm bisher nur einen einzigen Sohn geschenkt. Das Leben von Kindern war stets in Gefahr und Ragnar spürte schon seit geraumer Zeit eine deutliche Unruhe, weil seine Gefährtin nicht erneut schwanger wurde. Doch mit zwei Frauen war die Möglichkeit, Nachkommen zu zeugen, auch doppelt so hoch.
Der Jarl studierte nun Rúnas biegsamen Körper noch ein wenig genauer und stellte sich dabei vor, wie es wäre, das schmale Geschöpf unter sich in die Decken zu drücken. So, wie sie Thorstein um den Verstand gebracht hatte, war es sicher ein Vergnügen, sie ausgiebig zu nehmen. Der Jarl spürte, dass dieser Gedanke nicht nur seinen Verstand anregte. Unwirsch veränderte er seine sitzende Position ein wenig, um es trotz wachsender Erregung bequem zu haben. Unbewusst kniff er die Augen zusammen, als Rúna nun nach ihrer ausgiebigen Waschung ein wenig weiter hinausschwamm. Die Wellen ließen ihren hellen Hintern hier und da aus dem Wasser aufblitzen und Ragnar konnte den Blick nicht mehr abwenden. Dann, als sich die junge Frau dem Strand zuwandte und er abschließend in den Genuss ihrer Vorderansicht kam, stand es für den Jarl fest: Er würde sich um Rúnas Gunst bemühen. Zwar konnte er nach seinen gestrigen Versprechungen nicht einfach hingehen und sie in sein Haus holen. Doch wenn er sie freiließ und sie sich danach dazu entschloss, freiwillig zu ihm zu kommen und nicht zu Thorstein, konnte der Freund sich nicht beschweren.
Ragnar grinste! Gegenüber Thorstein war er klar im Vorteil! Einerseits war er es, der Rúna besaß und ihr zu gegebener Zeit die Freiheit schenkte. Das war ein Gewicht in der Waagschale, das nicht gerade leicht war. Zum anderen hatte Thorstein bereits seine Hand gegen Rúna erhoben und so ihr Vertrauen in ihn schwer erschüttert. Der Jarl wusste aus eigener jahrelanger Erfahrung, dass eine Auspeitschung die Beziehung zwischen einem Herrn und seiner Sklavin grundlegend veränderte. Selbst die unwilligsten und bockigsten Frauen ließen sich danach besser von ihm lenken. Doch es blieb auch eine tiefsitzende Furcht zurück. Diese hatte er oftmals bewusst erzeugt, um seinen Willen durchzusetzen. Bei Rúna aber würde diese Furcht Thorstein gelten. Er musste sie nur geschickt schüren und ihr gleichzeitig zeigen, dass er nicht ganz so bedrohlich war, wie er es ihr zu Anfang hatte glauben machen wollen.

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