Ein Business, in dem Mann Gott spielt

Ein Quietschen durchbrach die Stille. Mit leicht flatternden Lidern öffnete ich die Augen und fragte mich, woher das Geräusch gekommen war.
Unruhig wälzte ich mich zur anderen Seite. Unter mir quietschte der Lattenrost. Damit hatte sich die Frage beantwortet. Gedämpftes Licht drang durch die Vorhänge und machte mich erneut schläfrig.
Ich hatte eindeutig zu wenig Schlaf gehabt. Hinter der Tür hörte ich jemanden telefonieren und verdrehte genervt die Augen.
Wie schön, dass meine Eltern Rücksicht nehmen, dachte ich sarkastisch und stand auf. Mein Blick fiel auf das gelbe Küchentuch, unter dem sich eine große Wasserpfütze gebildet hatte. Das Wasser rann an einer Stelle den Tisch hinab auf das Parkett.
„Verdammt“, fluchte ich und holte ein Handtuch aus dem Bad. Ich wischte den Tisch trocken und legte das Handtuch auf den nassen Boden. Das durchnässte Küchentuch schmiss ich ins Waschbecken.
Ich nutze die Zeit vor dem Spiegel, um zu sehen, ob das Eis gewirkt hatte. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Der Handabdruck war nicht mehr zu erkennen. Doch trotz der Kühlung und der vergangenen Zeit war die Wange noch immer leicht angeschwollen und schimmerte bläulich. Das hieß, dass ich meine Vom Sofa gefallen –Geschichte auftischen konnte.
Jetzt kam es auf mein Schauspieltalent an, damit mir meine Eltern die Geschichte glaubten. In meinem Pyjama und mit ungekämmten Haaren ging ich nach unten. Auf der Treppe begegnete ich gleich meiner Mom. Vor Entsetzen blieb sie stehen.
„Was hast du denn gemacht?“ Sie nahm mein Kinn in die Hand und drehte die linke Gesichtshälfte auf ihre Augenhöhe. Die Stunde der Wahrheit war gekommen. Bühne frei für Holly Dugan.
„Ach, nichts Besonderes. Ich bin gestern auf der Couch eingeschlafen und dann heruntergefallen“, rasselte ich herunter und versuchte es beiläufig klingen zu lassen.
„Dann musst du aber heftig aufgekommen sein.“ Skeptisch beäugte sie mich. Ich wurde nervös. Hatte sie meine Lüge durchschaut oder nicht?
„Ja, hat ziemlich wehgetan, aber ich hab die Wange mit Eis gekühlt.“
„Aha. Du solltest es weiterhin kühlen, sonst sieht das noch viele Tage so schlimm aus.“
„Mach ich“, versprach ich ihr und war froh, dass sie mir geglaubt hatte. Schnell überwand ich die letzten Stufen, um dem besorgten Blick meiner Mom zu entkommen. Ich hoffte, dass sie meinem Dad von meinem „Missgeschick“ berichtete, damit ich dass nicht machen musste. Ihm konnte ich nicht so leicht etwas vormachen, denn er sah in meinen Augen, wenn ich log. Das hatte er mir gesagt und dass glaubte ich ihm ohne Zweifel.
Ich ging in die Küche. Dort schnappte ich mir einen Apfel, der in einer Schale auf dem Tisch lag, und kehrte in mein Zimmer zurück. Ich nahm mir vor meinen Eltern, so weit es möglich war, aus dem Weg zu gehen, damit ich keine unangenehmen Fragen über meine Wange beantworten musste. Hastig zog ich mich um, denn ich musste in die Schule.
Bekleidet mit dickem Parka, Fäustlingen und einer Bommelmütze verließ ich das Haus. Die Sonne schien und wärmte meine Haut. Ich ging zu meinem Wagen und entdeckte James, der auf meiner Motorhaube Platz genommen hatte.
Seine Haare waren glatt nach hinten gekämmt und gaben ihm ein edles Aussehen. Das erste Mal trug er einen dunklen Mantel und dazu einen grauen Schal.
Was wollte er hier? Er hatte Nerven hier aufzutauchen und sich auf meinem Ford breitzumachen. Ein Stuhl war zum Sitzen da und nicht meine Motorhaube. Mein Herz pochte vor Wut und Aufregung, da ich nicht wusste, was mich erwartete. Ein bisschen freute ich mich auch ihn zu sehen, aber ich hatte nicht vergessen, wem ich meine Schmerzen zu verdanken hatte.
„Was willst du?“, blaffte ich ihn an. Leichfüßig, wie eine Katze, sprang James von der Haube.
„Du solltest deinen Wagen waschen lassen. Er sieht schrecklich aus.“ Sein Tonfall klang arrogant.
„Lenk nicht ab. Was willst du?“ Er machte mich wütend.
„Ich muss mit dir reden.“
„Und worüber?“ Gespielt dachte ich nach.
„Vielleicht über die Ohrfeige, die du mir ohne Grund verpasst hast.“ Ich drängte mich an ihm vorbei, da er sich mir in den Weg stellte.
Ich wollte die Tür öffnen, doch er packte mich am Handgelenk und wirbelte mich herum. Sanft strich er über meine verletzte Wange. Unter seiner Berührung erschauderte ich.
„Es tut mir unendlich leid“, flüsterte er mir ins Ohr und sein Atem kitzelte mich. Mein Verstand setzte aus und ich blieb stehen.
„Ich würde lieber sterben, als dir noch einmal weh zu tun. Bitte verzeih mir.“ Vorsichtig bedeckte er die Wange mit Küssen. Ich genoss seine Zärtlichkeit, obwohl mir bei jedem Kuss ein zwickender Schmerz durch mein Gesicht schoss.
„Wieso hast du mir das angetan?“, fragte ich mit erstickender Stimme.
„Ich fühlte mich von dir missverstanden, aber kein Grund der Welt entschuldigt mein Verhalten.“
Voller Schmerz schaute er mir in die Augen. Ich spürte, dass es ihm von Herzen leid tat.
Natürlich würde ich nie vergessen, dass er seine Hand gegen mich erhoben hatte, doch ich lehnte mich gegen seine Brust und verzieh ihm. James machte mich schwach und wie er mich mit seinen faszinierenden Augen angesehen hatte, hätte ich ihm wohl alles verziehen.
„Ich verzeihe dir, James, aber im Gegenzug verlange ich Antworten.“ Ernst blickte ich ihm entgegen und verdrängte dabei die Tatsache, dass ich eigentlich in die Schule musste.
An seiner Miene konnte ich ablesen, dass ihm meine Forderung absolut missfiel, dennoch stimmte er zu.
„Lass uns irgendwohin fahren, wo wir alleine sind und ungestört reden können.“ In seinen Augen war noch etwas anderes außer Ernsthaftigkeit, aber was? Er wirkte angespannt. Bestimmt stellte er sich an die Fahrertür meines Autos.
„Kannst du mir bitte die Schlüssel geben?“
Er wollte doch nicht wirklich mit meinem Auto fahren? Da er weder lachte, noch sich von der Tür entfernte, musste es sein Ernst sein.
„Wohin willst du denn?“, fragte ich verwirrt, schließlich war das mein Wagen und ich hatte ein Recht zu wissen, wo es hingehen sollte.
„Ich kenne einen Ort, wo wir reden können, also gibst du mir jetzt bitte die Schlüssel?“ Ungeduldig trat James von einem Bein aufs Andere.
„Und warum lässt du mich nicht fahren?“ Er zweifelte wohl an meiner Orientierung.
„Du würdest den Weg nicht finden.“
Wieder wusste er, was in meinem Kopf vorging. Erbost sah ich ihn an. Was war denn das bitte für eine Einstellung? War er einer der Männer, die überzeugt davon waren, dass Frauen orientierungslos waren und ohne männliche Hilfe nicht zurecht kamen?
„Willst du Antworten oder nicht?“
Was für ein fieses Mittel an die Autoschlüssel zu kommen. Da ich es aber nicht riskieren wollte, die vielleicht einmalige Chance, etwas über seine Lebensgeschichte zu erfahren, zu verspielen, warf ich ihm die Schlüssel zu. Mit Leichtigkeit fing er sie auf und öffnete die Tür. Ich konnte die Spur eines triumphalen Lächelns entdecken. James stieg ein und ließ den Motor aufheulen.
Wie von Geisterhand sprang die Beifahrertür auf und ich setzte mich das erste Mal, seit ich den Ford besaß, auf den Beifahrersitz. Kaum hatte ich mich angeschnallt, da brauste er mit vollem Tempo aus der Auffahrt. Krampfhaft klammerte ich mich an den Griff über meinen Sitz.
„Fahr um Gottes Willen vernünftig“, bat ich, denn er fuhr gerade über eine rote Ampel. Hinter uns hupte es. Warum hatte er es denn so eilig?
„Ich versuchs.“ Er schmunzelte über meine Angst.
„Ich weiß ja nicht, wie du dazu stehst, aber ich hänge an meinem Auto und an meinem Leben.“
Er ignorierte einfach meine Einwände und fuhr scharf um eine Kurve. Ich sah meinen Wagen vor meinen Augen um einen Baum gewickelt. Hoffentlich erwischt uns die Polizei nicht.
Die Fahrt war die reinste Hölle. James missachtete alle Schilder und Verkehrsregeln und ich fragte mich, ob er überhaupt einen Führerschein besaß. Ich nahm mir vor, ihn so bald wie möglich danach zu fragen und als Beweis wollte ich den Führerschein mit eigenen Augen sehen. Plötzlich bremste James stark ab und mein Oberkörper fiel nach vorne. Reflexartig zog ich die Hände nach vorne und drückte sie gegen das Armaturenbrett.
„Das nenn ich eine rasante Fahrt.“ Amüsiert gluckste er. In seinen Augen blitzte Begeisterung. Wie ein kleines Kind streckte ich ihm die Zunge raus.
„Du scheinst meine Begeisterung wohl nicht zu teilen.“
„Ach, was“, sagte ich sarkastisch. James lachte laut auf.
Ich schaute nach draußen und versuchte meinen Körper nach der Aufregung zu beruhigen. Tief atmete ich ein und aus.
Draußen sah ich einen Friseursalon mit quietschbunter Reklame im Schaufenster. Direkt daneben schloss ein kleines Modegeschäft an, das Kleidung für ältere Menschen anbot. Ich war schon einmal hier gewesen, darum wusste ich, dass wir auf dem Parkplatz nördlich der Innenstadt waren. Wenige Leute hielten sich hier auf, da das Angebot zum Shoppen nicht sehr groß war.
Ich sah kleine Kinder vor einem verlassenen Gebäude herumtollen. Dort war vor einem Jahr noch ein Cafè gewesen, doch der Besitzer hatte die Miete nicht mehr bezahlen können und musste schließen. Nun erinnerte bloß das Schild mit der Aufschrift Golden Café an das Geschäft. Ich selbst war mit Linda ein paar Mal dort gewesen, weil uns die gemütliche Atmosphäre und die schlichte Einrichtung gefallen hatten. Es war schade, dass es zugemacht hatte. Die Kinder lugten derweil neugierig in die Schaufenster, in der Hoffnung, etwas Spannendes oder Geheimnisvolles zu entdecken.
„Können wir aussteigen?“
Ich zuckte zusammen, als ich, wie aus dem Nichts, James´ Stimme hörte. Ich war so in Gedanken versunken, dass ich ganz vergessen hatte, dass ich noch mit ihm im Auto saß.
„Ja.“
Ich stieg aus und schritt sofort um das Auto zur Fahrerseite und hielt ihm eine Hand hin. Zuerst sah James mich verwirrt an, doch dann verdrehte er die Augen und ließ den Autoschlüssel in meine Hand fallen.
„Danke, auch dafür, dass du mich nicht umgebracht hast.“ Es sollte ein Witz sein, aber seine Miene wurde starr. Was war nun wieder los? Ich wurde einfach nicht schlau aus seinen Stimmungsschwankungen. Schnell steckte ich den Schlüssel in die Hosentasche.
Trotzdem musste ich mich beeilen, um mit James Schritt zu halten, da er binnen einer Minute die Hälfte des Parkplatzes überquert hatte. Er steuerte schnurstracks auf das verlassene Cafè zu. Die Kinder waren weit und breit nicht mehr zu sehen. Ob sie nach Hause gegangen waren?
Wir gingen hinter das Haus. An der Rückwand standen verrostete Elektrogeräte, eine Mülltonne und seltsamerweise auch eine vergilbte, übel riechende Matratze mit verschieden großen dunklen Flecken. Ich verzog angewidert das Gesicht.
Derweil machte sich James an der Hintertür zu schaffen. Ich kam mir vor wie in einem Gangsterfilm, in dem er versuchte in ein Haus einzubrechen und ich Schmiere stand.
„Was machst du denn?“, zischte ich hinter ihm, damit uns niemand von der Straße hörte.
„Das siehst du doch.“
„Als du von einem Ort gesprochen hast, wo wir ungestört reden können, dachte ich nicht an einen Einbruch in ein verlassenes Haus.“
„Überraschung“, entgegnete James genervt.
Ich wollte weiter protestieren, als ein Klicken ertönte und die Tür mit einem Quietschen aufschwang. Ich sah, dass es dunkel war und ein undefinierbarer Geruch schlug mir entgegen. Mehr brauchte ich nicht, um zu wissen, dass ich da keinen Fuß reinsetzen würde. James trat zur Seite, um mir höflicherweise den Vortritt zu lassen. Wie wild schüttelte ich den Kopf.
„Mich bringen keine zehn Pferde da rein.“
„Tja, dann war´s das mit unserer Unterredung.“
Schon wieder setzte er mich unter Druck. Er nutzte das einzige Mittel, das er hatte. Er wusste, dass er mich damit locken konnte. Wieso konnten wir uns nicht wie normale Menschen an einen Tisch setzen und reden?
Aber warum einfach, wenn es auch kompliziert geht, das schien James` Motto zu sein. Widerwillig betrat ich das Haus. Hier musste die Küche gewesen sein, denn eine alte, mit Staub bedeckte Küchenzeile stand an der Wand rechts neben mir. Die Schränke waren entfernt worden, doch die Dübel, die sie getragen hatten, steckten noch in der Wand. Der Linoleumboden war klebrig und bedeckt von winzigen toten Fliegen. Hinter mir hörte ich James, der die Tür und somit die einzige Lichtquelle schloss. Ich konnte nur schwach die Umrisse des verbliebenen Mobiliars sehen.
„Rechts müsste eine Tür zum Verkaufsraum sein.“
Dicht hinter mir gedrängt, hörte ich seine Stimme. Ich verließ mich auf mein Sehvermögen, um die Tür zu finden, denn ich wollte auf keinen Fall an der Wand entlang tasten. Wenn der Boden widerlich war, war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es um die Wände nicht besser stand.
Nach weiteren Schritten fiel mir ein Spalt auf, der in der Dunkelheit hell leuchtete. Das musste die gesuchte Tür sein. Sicherheitshalber trat ich mit dem rechten Fuß gegen das Holz. Die Tür öffnete sich.
Das plötzliche Licht brannte mir in den Augen und ich schlug eine Hand vors Gesicht. Blind, wie ich war, ging ich weiter und stieß gegen etwas Hartes. Ein „Aua“ kam mir über die Lippen und hallte durch den Raum. Ich schlug die Augen auf.
Ich war gegen einen der wenigen Tische gelaufen. Das Glück stand wohl nie auf meiner Seite. Auf den kleinen Tischen, die im Raum verteilt waren, standen Korbstühle, die mit Spinnweben überzogen waren. Früher war der Raum regelrecht voll gestopft gewesen mit Sitzmöglichkeiten, nun war er fast komplett ausgeräumt. Daher hallte es auch hier drin. Ich wollte noch weiter in den Raum gehen, doch James´ Stimme stoppte mich.
„Bleib bitte hier hinten. Ich will nicht, dass man uns durch die Schaufenster sehen kann.“
Darauf hätte ich selbst kommen können, vor allem, da ich eben ängstlich wegen des Einbruchs gewesen war. Er hob schnell zwei Stühle vom nächstgelegenen Tisch und stellte sie gegenüber auf. Die Aufstellung erinnerte mich an ein Verhör. Keine gute Vorraussetzung für ein Gespräch. Dennoch nahm ich Platz, auch wenn der Stuhl mehr als dreckig war.
„Okay, dann leg mal los. Was willst du wissen?“, fragte James ohne Umschweife. Er schaute mich ausdruckslos an.
Ich hatte mir Unmengen von Fragen zurechtgelegt, doch im passenden Moment wollte mir auf Anhieb keine Einzige einfallen. Klasse, Holly, dein Kurzzeitgedächtnis lässt dich mal wieder im Stich.
„Ähm…“, kam zunächst nur heraus.
„Ich will mehr über dein Leben wissen.“
„Und was genau?“
„Wie es mit dir weiterging, nachdem deine Eltern…“, weiter konnte ich nicht fragen.
Ich starrte auf den Boden, da ich nicht sehen wollte, wie er auf eine so unangenehme Frage reagierte.
„Ich verlor meine Eltern, als ich sieben Jahre alt war. Da keine Verwandten von mir ausgemacht werden konnten, bei denen ich hätte leben können, kam ich ins Waisenhaus. Dort verbrachte ich die nächsten drei Jahre. Ich hatte schon längst die Hoffnung aufgegeben in diesem Alter adoptiert zu werden.“ Bemitleidenswert sah ich James an. Er wirkte wieder angespannt. Steif saß er auf seinem Stuhl.
„Doch dann kam ein kinderloses Paar ins Waisenhaus und adoptierte mich. Es dauerte seine Zeit, bis ich mich bei ihnen wohlfühlte. Sie waren nett zu mir und kauften mir alles, was ich mir wünschte. Sie hatten viel Geld. Aber ich habe mich immerzu gefragt, warum sie einen 10-jährigen traurigen Jungen gewählt haben, anstatt ein kleines süßes Baby.“
Während der ganzen Zeit redete er mit einem gefühllosen Tonfall. Er rasselte seine Lebensgeschichte wie einen geschriebenen Text herunter. Ich fragte mich wieso.
Er hatte seine Eltern verloren und war im Waisenhaus gelandet, doch er hatte Glück im Unglück gehabt und ein nettes Pärchen hatte ihn adoptiert. Wenn das meine Lebensgeschichte gewesen wäre und ich hätte sie jemandem erzählt, dann wäre ich in Tränen ausgebrochen, aber James war abgehärteter, als ich und verbarg lieber seine Gefühle.
„Zwei Jahre später starb meine Adoptivmutter“, berichtete er weiter und ich meinte einen Funken Traurigkeit zu hören.
„Das tut mir leid.“ Behutsam legte ich meine Hand auf seine.
„Schon gut, ich habs überstanden“, sagte er und zog seine Hand weg.
Verletzt legte ich meine Hand zurück auf mein Bein. James legte den Kopf in den Nacken und starrte an die Decke. Ich ließ ihm Zeit seine Gedanken zu ordnen.
„Ich weiß, dass ich das später bitter bereuen werde, aber ich muss dir etwas beichten“, eröffnete er plötzlich und blickte zurück zu mir, um zu sehen, wie ich reagierte.
Ich war überrascht, dass er von sich aus sprach, ohne, dass ich ihn dazu zwang, doch das Wort beichten bereitete mir Unbehagen. Aufregung stieg in mir auf. Was würde er mir sagen? War es etwas Schlimmes, Unangenehmes oder Erfreuliches?
Mein Herz schmerzte, als ich daran dachte, dass er mir womöglich sagen könnte, dass er nur mit mir gespielt hatte. Waren alle Zärtlichkeiten und Komplimente nur Lügen gewesen? Ich bekam Angst.
„Ich habe die Geschichte, die ich dir erzählt habe, etwas abgeändert.“ Erleichtert atmete ich aus und mir fiel ein Stein vom Herzen. James hatte also mit seiner Lebensgeschichte gelogen, na und? Damit konnte ich leben, im Gegensatz zu den vorgespielten Nettigkeiten, die ich befürchtet hatte.
„Inwiefern?“, fragte ich nach. James´ Gesicht war verzerrt. Er schien mich nicht gehört zu haben, denn er hatte die Augen geschlossen. Hin und wieder zuckte sein Kopf ruckartig, als ob er einen epileptischen Anfall erlitt. Anscheinend kämpfte er mit sich selbst, ob er mir nun die Wahrheit sagen sollte oder nicht. Plötzlich riss er die Augen weit auf und setzte sich gerade auf den Stuhl.
„Meine Eltern sind damals vor meinen Augen ermordet worden. Wir saßen am Esstisch, als ein fremder Mann in unser Haus stürmte und meine Eltern erschoss. Ich konnte mich noch schnell unter dem Tisch verstecken. Ich habe nie verstanden, warum er gerade meine Eltern getötet hat.“ Er zuckte mit den Achseln.
„Vielleicht hatten sie Ärger mit jemandem und der hatte den Kerl geschickt. Oder er war einfach ein Irrer, der in ein Haus stürmt und alle Bewohner tötet. Nur in diesem Fall ist es mein Haus gewesen.“
Ein leicht bitteres Lächeln huschte über sein Gesicht. Ich dagegen saß geschockt auf dem Stuhl und konnte mich kaum rühren. Da ich nichts sagte, redete James weiter.
„Wie du nun weißt, kam ich dann ins Waisenhaus und wurde adoptiert. Nach dem Tod meiner Adoptivmutter erfuhr ich von meinem Dad woher ihr Reichtum kam.“ Er legte eine Pause ein, vielleicht, um die Spannung zu erhöhen.
„Er verdiente sein Geld als Auftragskiller. Jedenfalls hatte er das früher gemacht. Später nahm er nur Aufträge entgegen und ließ andere die Drecksarbeit erledigen. Er hatte mir, einem 12-jährigen Jungen, das natürlich nicht ohne Hintergedanken erzählt. Er wollte, dass ich für ihn arbeite und nach seinem Tod das Geschäft weiterführe. Darum hatte er einen älteren Jungen adoptiert, damit er ihn, so bald wie möglich, auf seine Tätigkeit vorbereiten konnte. So begann mit 12 meine Ausbildung. Mit 15 tötete ich den ersten Menschen.“ Er holte tief Luft.
„Es ist makaber, dass ich Menschen umbringe, obwohl meine Eltern auf dieselbe Weise gestorben sind.“
Es wurde still. Stumm hatte ich ihm zugehört. Ich konnte nicht glauben, was er mir gerade offenbart hatte. Das konnte doch nur ein schlechter Scherz sein. Nein, es musste einer sein.
Mein Herz weigerte sich James´ Geschichte zu glauben. Mir war eiskalt, aber das lag nicht an der Temperatur in diesem Raum. Ich rang um Fassung. Heftig zitterte ich am ganzen Körper. Mir war schlecht.
Ich wünschte, dass alles nur eine Lüge war, doch in meinem Inneren wusste ich, dass James mir die schreckliche Wahrheit über sein Leben dargelegt hatte.
„Dann stimmt alles über deinen Beruf als Kurier nicht“, stellte ich nüchtern fest und bekam ein zustimmendes Nicken. In mir kamen immer mehr Fragen auf, obwohl ich eine Heidenangst hatte.
„Was ist mit den Leuten, vor denen du mich beschützt hast? Wollte sie dich wirklich ausrauben?“ Schon vor seiner Antwort war mir klar, dass dies ebenfalls eine Lüge gewesen war.
„Nein. Es waren zwei Schlägertypen von einem Kerl, den ich an diesem Abend, na ja, du weißt schon.“
Und ob ich das wusste. Er machte es nicht besser, wenn er das Wort töten herausließ. Es blieb grausam und unmenschlich. James widerte mich an. Im Geiste erlebte ich noch einmal die letzten Wochen, seit ich ihm begegnet war. Als ich am schlimmsten Moment, dem Mord im 38° angekommen war, kam mir ein schrecklicher Verdacht. Schockiert starrte ich ihn an.
„Du hast den Mann getötet, in der Nacht, als wir uns in der Disko getroffen haben.“
James blieb ruhig sitzen, nickte und schaute mich unverwandt an. Die kalten grauen Augen, die mich fasziniert hatten, erzeugten in mir Angst und Abscheu. Wie viele Menschen hatten diese Augen als Letztes auf dieser Welt gesehen? Ich kämpfte mit den Tränen. Seine Worte waren für mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich hatte mich unsterblich in einen Killer verliebt. In einen Mann, der Geld für den Tod anderer Menschen kassierte. Für mich brach meine heile Welt zusammen.  
Alles, was James mir erzählt hatte, war eine Lüge gewesen, die ich, naiv und blind vor Liebe, geglaubt hatte. Ich hätte von Anfang an vorsichtiger sein müssen und darauf bestehen sollen, dass er mir mehr über sich preisgab. Jetzt war es zu spät. Stetig wurde die Luft um mich herum stickiger. Ich konnte nicht atmen und bekam eine Panikattacke. Ich musste sofort raus; weg von der schlechten Luft. Weg von ihm.
Ich schoss hoch, wobei der Stuhl laut zu Boden fiel und Staub aufwirbelte. Im vollen Tempo stürmte ich zur Tür, riss sie auf und stand in der dunklen Küche. Obwohl sich meine Augen noch nicht an die veränderten Lichtverhältnisse angepasst hatten, lief ich ungebremst zur Hintertür. Mehrmals stieß ich an Kanten und Ecken, doch der Schmerz drang nicht zu mir durch.
Viel zu viel ging mir im Kopf herum. Ich öffnete die Tür und frische kalte Luft schlug mir entgegen. Gierig saugte ich sie ein und stolperte auf die Straße. Die Leute, die mir auf dem kurzen Weg zum Parkplatz begegneten, musterten mich und übersäten mich mit besorgten oder missbilligenden Blicken. Vielleicht hielten sie mich für geistig verwirrt oder aber für betrunken, als ich zum Auto torkelte. Mit heftig zitternder Hand öffnete ich die Autotür und stieg ein. Ich umklammerte das Lenkrad. Dann startete ich den Motor und fuhr los.
Unterwegs kamen dann doch die Tränen, die ich nicht länger zurückhalten konnte. Ich hasste es zu weinen, denn dann kam ich mir schwach und verletzlich vor. Wütend über mich selbst, rieb ich mir in regelmäßigen Abständen über die Augen. Ich war so durcheinander, dass ich zweimal das Gaspedal mit der Bremse verwechselte und fast meinem Vordermann hinten drauf gefahren wäre. Zu allem Überfluss würgte ich öfters ab, als ich es in den Fahrstunden getan hatte.
Frustriert und genervt parkte ich am Straßenrand vor meinem Haus. Sicherheitshalber fuhr ich nicht in die Auffahrt, aus Angst, erneut den Mercedes meines Dads zu beschädigen. Ich ging ins Haus, ohne darauf zu achten, ob meine Eltern da waren, und schloss mich in meinem Zimmer ein. Ich wollte, dass mich niemand in dieser Verfassung sah: völlig aufgelöst und verheult.
In voller Montur legte ich mich ins Bett und zog mir die dicke Decke über den Kopf. Mir war trotzdem noch kalt. Nach wenigen Minuten wurde es unter der Decke stickig. Die Luft erinnerte mich an das Cafè. Ich schlug sie gleich zurück.
Saß James noch immer im Cafè oder war er mir gefolgt? Bei diesem Gedanken verkrampften sich meine Eingeweide. Wieso hatte er mir sein Geheimnis anvertraut?
Eigentlich war ich selbst Schuld, da ich versessen darauf gewesen war, etwas über ihn zu erfahren. Aber war das nicht normal? Man erzählte über sein Leben, seine Vergangenheit, seine Ziele. Wenn ich geahnt hätte, dass meine Neugierde solch erhebliche Konsequenzen haben würde, dann hätte ich lieber den Mund gehalten.
Aber was geschehen war, war geschehen. Ich konnte und wollte James nie wiedersehen. Meine Furcht war ins Unermessliche gestiegen, als mir klar geworden war, dass er den Mann in der Disko getötet hatte. Diese Furcht war jedoch nicht zu vergleichen, mit der, die ich verspürt hatte, als ich in der Straße die zwei Schüsse gehört hatte. Dieses Ereignis verband ich auch mit James. Ich war mir ziemlich sicher, dass er die Schüsse abgegeben hatte. Aber auf wen? War ich hautnah bei einem Mord dabei gewesen?
Nun wusste ich auch, warum er so schnell und effektiv auf den Mann eingeschlagen hatte und nicht mehr hatte aufhören können. Ich war blind gewesen. Wenn ich nur einmal richtig nachgedacht und eins und eins zusammengezählt hätte, dann wäre ich darauf gekommen, dass etwas nicht mit ihm stimmte. Doch genauer betrachtet, hatte ich, tief in meinem Inneren; in der kleinsten Ecke gewusst, dass etwas faul war. Hätte ich bloß lieber auf meinen Verstand gehört, statt auf mein Herz.
Damit ging das Geheule wieder los.
Wo kamen die ganzen Tränen her? Hatte ich in den vergangenen Wochen nicht schon genug geweint? Zart klopfte jemand an die Tür.
„Holly?“ Die Stimme meiner Mom klang besorgt. Was für ein Wunder, dachte ich sarkastisch. Ich antwortete nicht, auch bei den nächsten drei Versuchen meiner Mom Kontakt mit mir aufzunehmen. Momentan konnte ich keinen klaren Gedanken fassen. Irgendwann hörte ich ihre verhallenden Schritte.
Ich hatte keine Lust zu reden. Mir ging es besser, wenn ich alleine war. Am Liebsten hätte ich den Rest meines Lebens hier verbracht, geschützt und versteckt vor dem Bösen dieser großen Welt und dem Bösen, das ich liebte. Trotz James` Offenbarung liebte ich ihn und erinnerte mich gerne an unseren ersten Kuss, den Tanz im 38° und dem Essen in dem kleinen Restaurant...

Die nächsten Tage lebte ich in meiner eigenen kleinen Welt. Hin und her gerissen zwischen Liebe und Angst. In dieser Zeit hatte ich nicht ein einziges Mal das Zimmer verlassen. Da ich ja mein eigenes Bad hatte, brauchte ich nicht raus, um auf die Toilette zu gehen oder zu duschen. Wasser trank ich aus dem Wasserhahn, doch essen tat ich nicht.
Ich hatte keinen Hunger und wenn ich etwas gegessen hätte, dann wäre es schnell wieder draußen gewesen, da mir andauernd schlecht und schwindlig war. Ich fühlte mich geschwächt, denn jede kleinste Bewegung strengte mich an. Selbst die Decke war schwer für mich, wenn ich sie anhob.
Dass mein Gesundheitszustand aus fehlender Nahrung resultierte, realisierte ich gar nicht.
Jede Stunde stand meine Mom vor der Tür und bat mich herauszukommen, mindestens, um etwas zu essen. Ich blieb stumm. Mein Dad versuchte es dagegen mit Drohungen. Ständig sagte er mir, dass er die Tür eintreten oder von einem Schlüsseldienst öffnen lassen würde. Dann müsste ich die aufkommenden Kosten bezahlen. Auch das veranlasste mich nicht dazu aufzustehen und das Zimmer zu verlassen.
Dabei ging es mir täglich schlechter. Ich war ein Wrack. Selbst zum Trinken musste ich mich zwingen. Damit ich das Bett dazu nicht verlassen musste, hatte ich eine leere Coladose, die ich in meinem Mülleimer gefunden hatte, mit Wasser aus dem Bad gefüllt. Ich nippte nur leicht daran. Ich schaffte es gerade mal einen halben Liter pro Tag zu trinken. Geschlafen hatte ich kaum, da ich zu viel im Kopf hatte.  
Die meiste Zeit lag ich, wie ein Embryo, zusammengerollt unter der Decke und dachte über James und mich nach.
Was sollte ich tun? Ihn vergessen und mein Leben weiterleben, wie es vorher war oder doch meinen Gefühlen nachgeben und versuchen mit der schwierigen Situation zu Recht zu kommen? War es überhaupt möglich darüber hinweg zu sehen, dass er ein Killer war? Nein, beantwortete ich mir die Frage selbst.
Ich könnte zehn Jahre mit ihm verbringen und diese Tatsache würde ich immer im Hinterkopf haben. Das hieß, dass jedes Mal, wenn er wegging, ich mich fragen musste, wer sein nächstes Opfer sein würde. Ein Mann oder eine Frau? Jung oder alt? Musste der Mensch leiden? Wie würde er das Opfer töten?
Ich verabscheute mich selbst, weil ich ihn noch immer unbeschreiblich liebte. Wie konnte ich nur? Wie konnte ich ihn, ein Menschen mordendes Monster, lieben?
Gegen jede Vernunft hatte ich mich in einen Killer verliebt, doch James hatte auch gute Seiten, die er mir so oft gezeigt hatte. Ich konnte mir nicht erklären, wie zwiespältig sein Charakter war. Auf der einen Seite stand der charmante, liebevolle Gentleman und auf der Anderen der eiskalte Killer.
Wenn ich bei ihm gewesen war, überwog die gute Seite und stellte die Böse in den Schatten, dennoch war diese manchmal in Erscheinung getreten. Das Gefährliche daran war, dass die böse Seite plötzlich und blitzschnell Besitz von ihm ergriff und nicht so schnell wieder verschwinden wollte. Ich war in Gefahr, wenn diese Seite die Oberhand übernahm. Ein gutes Beispiel dafür war die Ohrfeige. Tiefer und tiefer versank ich im Selbstmitleid, ohne Aussicht auf Rettung.
Am nächsten Tag lag ich noch immer unverändert in meinem Bett, als es an der Tür rüttelte und klickte. Ich setzte mich auf. Etwas zu schnell, denn mir wurde schwarz vor Augen. Langsam ließ ich mich wieder in die Kissen fallen und versuchte das nervige Rütteln zu ignorieren.
Gedämpfte Stimmen ertönten hinter der Tür. Ich schnappte mir ein Kissen und drückte es gegen meine Ohren. Was zur Hölle war das? Wer auch immer diese Geräusche verursachte, sollte schleunigst damit aufhören, sonst…
Ich hörte ein lautes metallisches Klicken. Ich riss mir das Kissen vom Kopf und schleuderte es Richtung Tür.
„Umpfh.“ Ich schaute auf.
Im Türrahmen stand mein Dad mit dem Kissen in den Händen. Na toll, er hatte seine Drohung wahrgemacht und die Tür geöffnet, wohl aber ohne Hilfe eines Schlüsseldienstes, da ein Hammer und ein Schraubenzieher auf dem Boden lagen. Hinter seinem Rücken lugte meine Mom hervor. Entsetzt weiteten sich ihre Augen und die wenigen Falten vertieften sich. Sie huschte an ihm vorbei und kam auf mich zugeeilt.
„Oh, Schatz, wie siehst du denn aus? Du bist ja nur noch Haut und Knochen!“ Ständig musste sie übertreiben. Hastig tastete sie über mein Gesicht, meine Arme und meinen Bauch.
„Ich mach dir erstmal was zu essen.“ Voller Sorge ruhte ihr Blick noch einen Moment auf meinen geschwächten Körper, dann verließ sie das Zimmer. Derweil stand mein Dad unverändert im Türrahmen. Jetzt kam er zu mir und setzte sich an den Rand des Bettes.
Streng schaute er mich an, doch ich konnte auch Besorgnis erkennen.
„Wieso schließst du dich drei Tage in deinem Zimmer ein, ohne Essen und ohne ein Wort mit uns zu reden?“ Ich guckte nur genervt und zog die Decke wieder über den Kopf. Wieso konnte er mich nicht in Ruhe lassen? Mit einem heftigen Ruck zog er mir meine Schutz gewährende Decke weg und warf sie auf den Boden. Mit ihm war nicht zu spaßen.
„Du weißt ganz genau, dass ich es nicht leiden kann, wenn du nicht mit mir redest, obwohl ich dich etwas gefragt habe.“ Er zog die Augenbrauen zusammen. Ich drehte mich zur Seite und schaute aus dem Fenster.
„Rede mit mir Holly“, bat er. Ich sah ihn über die rechte Schulter an.
Als ich in seine traurigen Augen blickte, hätte ich ihm am Liebsten alles erzählt, doch natürlich konnte ich es nicht. Ich konnte ihm unmöglich sagen, dass ich mich in einen Auftragskiller verliebt hatte.
Wenn mein Dad das erfahren würde, dann würde er total durchdrehen. Also blickte ich schnell wieder aus dem Fenster, wo ausnahmsweise die Sonne hoch am Himmel stand. Er wollte gerade etwas entgegnen, als ich die Schritte meiner Mom auf der Treppe hörte.
Einen Augenblick später stellte sie mir ein Tablett auf die Nachtkommode. Verschiedenste Gerüche verbreiteten sich und stiegen mir in die Nase. Ich roch gebratenen Speck, Rührei und Gemüsesuppe. Mein Magen machte nach drei Tagen wieder Geräusche und verlangte nach Nahrung. Dennoch weigerte ich mich etwas zu essen und bewegte mich keinen Millimeter.
„Schatz, du musst endlich etwas essen.“
Sie berührte meine Schulter und drehte mich zu ihr. Bittend sah sie mich mit sorgenvollen Augen an. Ihr war bewusst, dass meine Sturheit schlecht für mich war und dass ich diese Einsicht nicht hatte.
Ihr zu Liebe richtete ich mich im Bett auf und nahm die Gemüsesuppe, die sie mir entgegen hielt. Der Teller war warm, so, wie der Dampf, der mir ins Gesicht stieg. Ich fing an zu schwitzen. Meine Mom wartete ungeduldig auf den ersten Löffel, den ich von der Suppe nahm.
Ich tauchte den Löffel in die Flüssigkeit und hob ihn zum Mund. Der Löffel fühlte sich unendlich schwer an. Liebend gerne hätte ich ihn in die nächste Ecke geschleudert, doch stattdessen schob ich ihn in den Mund und schluckte die gut gewürzte Suppe herunter. Schwerfällig rutschte alles durch meine Speiseröhre und brannte wie Feuer. Ich hustete und mir wurde schlecht.
„Langsam, Holly. Du hast lange Zeit nichts mehr gegessen, also iss in Ruhe“, belehrte mich mein Dad. Unter den Augen meiner Eltern aß ich sowohl die Suppe, als auch das Rührei auf einem weiteren Teller.
An dem Speck hatte ich kein Interesse, da er mir zu fettig für meinen relativ leeren Magen war. Als ich fertig war, nickte meine Mom zufrieden. Ich setzte ein falsches Lächeln auf und versuchte mit aller Mühe glücklich auszusehen.
„Du siehst jetzt schon viel gesünder aus.“ Ich nickte.
Zwar wusste ich nicht, ob ich tatsächlich besser aussah, doch ich fühlte mich gestärkt.

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media