Ein Funken Wahrheit

Ich versuchte meine Augen offen zu halten, doch schon nach kurzer Zeit wurden sie trocken und begannen zu brennen. Für den Bruchteil einer Sekunde wurde es dunkel um mich herum. Als ich meine Augen wieder öffnete, war das Rot längst verschwunden.

Mir blieb nicht ein Atemzug um zu verstehen, was gerade passiert war, als mich mein Bruder ungeduldig weiter zog.

Immer wieder schaute ich voller Erwartungen in den Wald, um diesen Augen erneut entgegen zu starren, nicht aus Angst, viel mehr schien ich mich nach diesen so wunderschönen, fast blutroten Augen zu sehnen.

Wir liefen eine Weile über Berge, durch Wälder, mal langsam mal schneller immer mit der Hoffnung endlich das Hotel sehen zu können.

Mittlerweile war es stockdunkel. Tom, Mum und Dad hatten ihre Handys raus geholt, um uns den Weg zu leuchten. Innerlich hatte ich schreckliche Angst, vor vielen Dingen. Zum einem malte ich mir aus wie wir hier überfallen werden könnten, zum anderen aber machten mir nun im völligen Dunkeln, diese Augen doch schreckliche Angst. Wir liefen nur weiter, weil meinen Eltern auch nichts anderes einfiel und wir immer noch keinen Empfang hatten.

Uns kam eine Kutsche entgegen, mit einem schwarzen und einem braunen Pferd. Ihre Mähnen waren lang und ihr Fell glänzte. Weit könnte uns diese Kutsche sicher nicht bringen, aber es war unsere einzige Chance. Auf ihr war ein großer schlanker Mann mit pechschwarzem Haar. Neben ihm stand eine Laterne, die ihn außerordentlich kräftig anstrahlte und den Weg wies. Ich schaute in sein Gesicht und sofort stachen mir seine eisblauen Augen entgegen. Kleine Lachfältchen legten sich über seine Augen, um den Mund und schließlich riss er seine Lippen auseinander und strahlte mir entgegen. Er trug eine schwarze Leder Jacke und eine dunkelblaue Jeans. Seine Haare waren zu einem unordentlichen Dutt gebunden und sein Lächeln erinnerte mich an das Wesen aus dem Wald. Es schien einladend aber zu gleich auch gefährlich.

Meine Mum ließ sofort alle Taschen fallen und schrie: „Hallo Entschuldigen sie, bitte bitte nehmen sie uns mit, unser Auto ist mitten auf der Straße stehen geblieben und wir wissen nicht einmal ob wir in die richtige Richtung laufen!" Ich klatschte mir etwas zu doll an die Stirn, sodass es ein wenig schmerzte. Sicher hatte sie vergessen, dass wir in England waren und das der Mann uns bestimmt nicht verstand. Nun hielt er uns garantiert für völlig bekloppt, so wie meine Mum mit den Armen herum gewedelt hatte. Und mal wieder wurde ich für eigenartig eingestuft, nur weil meine Mum der Meinung war, mich bloß stellen zu müssen. Er schaute etwas irritiert zu uns, hielt dann aber unerwartet an.
„Kein Problem ich nehme sie gerne mit wo müssen sie denn hin?", fragte er zuvorkommend. Ich riss meine Augen auf, als ich seine perfekt ausgesprochenen Worte hörte. Nicht einmal einen Hauch von Akzent konnte ich heraushören. Okay nun hielt er mich sicher für verrückt und daran war ich selbst schuld, denn ich hatte mir wie eine Bekloppte gegen die Stirn geschlagen!

„Hier soll ein Hotel in der Nähe sein?"
„Ach so ich weiß welches sie suchen, wir erwarten sie schon", er machte eine kurze Pause und sprach dann weiter.
„Zwei Erwachsende und drei Kinder?" Wir erwarten sie schon? hörte sich ein wenig geschwollen an. Als wären wir in einem schwarz-weiß Film gelandet, wo es Geister und noch weitere erfundene Geschöpfe gab. Nach diesen schwarz-weiß Filmen, die meine Mum so sehr liebte und wo sie der Meinung war, sie müsste mich zwingen ihre Leidenschaft zu teilen. Wie sie immer sagte ich würde mich für ihre Generation nicht interessieren und das sie es nicht verstehe. Na ja alte Dinge interessierten mich nun mal nicht so sehr, aber das wird sie wohl nie begreifen...

„Zwei Kinder und ein Teenager", verbesserte ihn Tom besserwisserisch. Ich musste grinsen, als ich mich an die Zeit erinnerte, wo er mich des Öfteren als besserwisserisch erklärt hatte.
„Na klar, Verzeihung. Ich bitte", lachte er und zeigte dabei einladend auf die Kutsche. Mein Bruder stieg wie selbst verständlich ein und legt sich auf die Rückbank. Wenn ich mich recht erinnere schlief er auch gleich ein. Ich packte die zwei Koffer, die ich schon den ganzen Weg hinter mir hergezogen hatte, zu ihm und nahm auch die restlichen entgegen. Nach ca. zehn min. saßen wir alle und fuhren los. Meine Eltern und Mia hatten es sich auf der Rückbank bequem gemacht. Tom hatte vorlieb mit dem wenigen Platz wo das Gepäck lag, vorlieb genommen und ich musste mich nach vorne zu dem Mann quetschen.

Die Kutsche fuhr los, kalte Luft wedelte um meinen Körper herum. Mir wurde immer kälter und schließlich kauerte ich mich zusammen. Die anderen hinter mir nahmen Decken die dort lagen und wickelten sich ein, was mich neidisch machte. Immer wieder starrte ich in die Augen des Kutschfahrer's, ich verlor mich einfach in ihnen. Ich fand ihn hübsch. Also nicht für mich, einfach nur so und ich kam nicht mehr von seinen Augen los. Sie schienen mich so wie die des Wesens zu fesseln, als hätten sie gewisse Ähnlichkeit.

Wir fuhren in einem schnellen Trab der langsam in ein Galopp überging. Ich glaube er war etwas irritiert, dass ich ihn immer wieder anstarrte. Nachdem mir auffiel, dass ich ihn schon eine ganze Weile angestarrt haben musste, wand ich schnell meine Blicke von ihm ab.
„Wie weit ist es denn noch?", hackte meine Mum ungeduldig nach.
„Nicht mehr so lange, wenn wir in dem Tempo bleiben nicht länger als eine halbe Stunde." Kurz schwiegen wir, dann aber unterbrach er die Stille.
"Wo wollten sie eigentlich hin? Ich meine es ist recht ungewöhnlich allein am späten Abend mit einer Kutsche durch die Gegend zu fahren?"
"Oh habe ich sie erschreckt?"
"Nein natürlich nicht."
"Wo wollten sie hin?"
"Dies und das erledigen.", sprach er und legte ein fast gespieltes Lachen auf.
"Sie weichen meiner Frage aus."
Ich spürte wie meine Mum unfreundlicher wurde und ich mehr und mehr Panik bekam, sie würde mich völlig blamieren.
"Ich wollte in die Stadt, einn paar Sachen für's Hotel kaufen."
"um diese Zeit?"
„Ja, um diese Zeit, wir sind ein wenig im Stress. Ach wir haben uns noch gar nicht vorgestellt?"
„Und das soll auch so bleiben.", meinte Dad schnell und Mum nickte ihm zu. Anscheinend fanden meine Eltern ihn nicht so nett. Lag es daran, dass er so mysteriös wirkte? Ich zuckte mit den Schultern und sagte:
„Ich bin Alexandra." Meine Hand ignorierte er. Ich zog sie schnell zurück, sodass meine Eltern es nicht mitbekamen.
„Schön ich bin Antonius, aber du kannst auch Antonio, Toni... oder wie auch immer zu mir sagen." Kurze Zeit herrschte Stille und keiner von uns wusste so recht was er dazu sagen sollte.

Aber dann unterbrach Antonius diese Stille:
„Weißt du ich habe auch einen Sohn er müsste so alt sein wie du." Erneut lag eine ungewöhnliche Stille in der Luft. Ich wusste nicht was ich darauf antworten sollte. Meine Eltern waren nicht begeistert davon das ich mich mit ihm unterhielt, aber ich war alt genug, also sagten sie nichts. Nach ca. 15 min. hielt ich das Schweigen zwischen uns nicht mehr aus und fragte etwas Belangloses. „Wie alt ist er denn?"
„Ähm,... so 16..., aber er wird bald 17, wie alt bist du denn?" Als würde ihm eine schwere Last von den Schultern fallen, wirkte er auf einmal viel entspannter und atmete schwer aus.
„16...wie heißt er denn?" Es rumpelte kurz und Toni sagte:
„Wir sind da, zwar mit etwas Verzögerung aber wir sind da."
„Und was ist mit dem Auto?", fragte meine Mum Aufgeregt. Sie hatte wieder diesen übertriebenen, hysterischen Tonfall.

Doch das mit dem Auto war, wie sich herausstellte, unser kleinstes Problem.
„Das holen wir Morgen ab,... gehört zum Service." Mit einem Augenzwinkern und einem Lächeln drehte er sich zu meiner Mum um, aber sie verdrehte unauffällig die Augen. Wir fuhren auf einen tristen Parkplatz. Bis auf ein Auto war er leer, wahrscheinlich gehörte es dem Besitzer oder dem Personal. Vorausgesetzt es gab hier Personal, die Blätter die auf dem Boden lagen, die überfüllten Mülleimer und die kaputten Wege sprachen jedenfalls dagegen. Auch der verwilderte Rasen, der sich langsam über den Steinweg ausbreitete, trug nicht gerade für ein schönes Ambiente bei. Neben dem Parkplatz war ein großer Wald an dem sich ein Friedhof anschloss. Also gemütlich war jedenfalls etwas anderes.

Wir stiegen aus der Kutsche und meine Mum bedankte sich beim Kutschfahrer. Plötzlich entgegnete sie ihm mit einer ungewohnten Freundlichkeit.
„Vielleicht können ihr Sohn und meine Tochter ja etwas mit einander unternehmen, dann ist es nicht so langweilig für sie.", schlug meine Mum begeistert vor und strich mir dabei beschützend über den Rücken, wobei sie immer weiter zu meinem Po kam. Was war los mit ihr? Jetzt diese gespielte Freundlichkeit? Vielleicht war ihr bewusst geworden, dass wir dem Kutscher sehr dankbar sein konnten.
„Das halte ich für keine gute Idee.", sagte er und drehte sich desinteressiert von uns weg. Meine Mum schaute etwas irritiert. Doch wie es kommen musste gab auch völlig übermüdet Tom seinen Senf dazu:
„Das denke ich auch, sie hat doch einen Freund." Er grinste mich frech an und gähnte. Das war wieder einer dieser wundervollen und kostbaren Momente, wo ich meinen Bruder am liebsten genommen hätte und ganz, ganz weit weg von mir geworfen hätte. Meine Mum schaute mich ebenfalls irritiert an, als hätte ich etwas verbrochen. Sie sagte aber nichts dazu, womöglich war mein Bruder ihr peinlich und sie würde das mit mir später besprechen.
„Ja ähm, ich also wir ... sehen uns vielleicht noch mal.", sagte sie schließlich, drehte sich unhöflich weg von ihm und lief los. Ich folgte ihr, doch dann sah ich das düstere und alte Schloss, welches auseinander zu fallen drohte. Ich schrie auf: „Soll das ein Scherz sein?"


Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media