Ein Funken Wahrheit

Mein Herz schlug immer noch zu schnell, aber schließlich konnte ich mich doch beruhigen. Es war alles hell um mich herum, so hell, wie es hier eben sein konnte. Ich schaute von meinem Bett aus zum Fenster und betrachtete das neblige Wetter. Aber was zur Hölle war das eben gewesen? War es real, oder...

Plötzlich schrie meine Mutter völlig entsetzt:
„Alexandra, seit wann kannst du so gut Zeichnen?" Warum schrie sie denn? Und wann gewöhnte sie sich an, mich Alex zu nennen? Ich meine Zeichnen sollte einen jetzt nicht so unbedingt erschrecken? Ich war mir nicht so sicher ob ich das als Beleidigung oder eine Art Kompliment sehen sollte. Da der Tag nicht besonders gut angefangen hatte und ich alles andere als begeistert von diesem Urlaub war, entschied ich mich dazu es als Beleidigung zu sehen. Nur um noch mehr Argumente gegen diesen Urlaub zu finden.

Also so schrecklich zeichnete ich wirklich nicht. Gut meine drei auf dem Zeugnis sagte etwas anderes, die Kunstlehrerin konnte meine Begabung nur noch nicht erkennen. Ich war auf einmal hell wach, sprang förmlich aus dem Bett und rannte zu meiner Mum. Als ich stehen blieb, wurde mir kurz schwarz vor Augen und ich stützte mich an einen beliebigen Schrank der neben mir stand ab, um nicht umzufallen. Als ich wieder klar sah bemerkte ich, dass auch dieser Raum, passend zum Wetter, ungewöhnlich trist wirkte. Die Bettwäsche, schien schon mehrmals benutzt zu sein, der hellgraue Schrank drohte in sich zusammen zu fallen und von der Decke bröckelte die weiße Farbe ab. Die orangenen Wände wiesen mehrere Löcher auf und begannen sich zu pellen. Der Boden war mit dunklem Laminat belegt und Mum's Schritte hinterließen ein dumpfes klopfen auf ihm. In jeder Ecke stand eine grüne Pflanze, die sich nach Wasser sehnte und auch der dunkelbraune Schreibtisch schien nicht in das Zimmer passen zu wollen. Der dunkelgrüne Bett Rahmen wirkte schäbig und lud einen ein, sich bei seinem Anblick, zu schütteln. Das meinen Eltern dieses Chaos noch nicht aufgefallen war!

„Hier ist es kalt.", beklagte ich mich, ohne auf ihre Frage einzugehen. Ich lief zum Fenster und schloss es. Mit meinen Blicken durchsuchte ich das Zimmer nach einer Heizung, aber ich blieb erfolglos. Sie hielt völlig entsetzt ein gemaltes Bild vom Grafen in der Hand und fragte:
„Warum malst du so etwas hässliches? Ein unbedeutender Fürst, Graf oder wer soll das sein?" Ein kleines Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie begriff, dass sie mit ihrem Schreien meinen Malkünsten nicht gerade schmeichelte.

„ Also 1. ich konnte schon immer gut Zeichnen! Und ja da brauchst du gar nicht so schauen! 2. Warum stellst du das überhaupt in Frage? Und 3. ich... ähm war das gar nicht!" Um jeglichen Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen, begann ich mich vorsichtig rückwärts zu bewegen. Meine Mum zog die Augenbrauen hoch, während sie sich ihre langen roten Haare zu einem Dutt verband und schwieg. Natürlich antwortete sie nicht auf meine Frage, typisch. Nur ihre waren in unserer Diskussion relevant, weshalb ich versuchte mich geschickt aus dem Gespräch zu winden.

„Wer soll es denn sonst gewesen sein? Dein Vater? Glaub mir der hat besseres zu tun." Sie kam ein paar Schritte auf mich zu, richtete ihre Bluse und drückte mir dann das Bild in die Hand, welches eben noch auf dem Wohnzimmertisch gelegen hatte. Mein Bruder kam um die Ecke mit Mia an der Hand und fragte:
„Können wir jetzt Essen, ich habe Hunger. Los! Kommt schon, Dad ist auch schon fertig. Bittteee!" Meine Mum rollte die Augen und atmete schwer aus.
„Wollen wir nicht noch auf deine Schwester warten?", fragte sie, wobei sie es eher wie einen Befehl klingen ließ.
„Nein, ich hab Hunger und Mia auch, außerdem ist es schon total spät!", sagte er ungeduldig und egoistisch.
„Ja, Mami ich Hunger." quengelte Mia, wobei ich erahnen konnte, dass sie nur etwas von Tomi nachplapperte.
„Ist schon gut ich muss mich ja auch noch umziehen. Geht schon los ich kann auch alleine essen.", lachte ich verständnisvoll. Eigentlich war es nur eine gute Möglichkeit einem Frühstück mit meinen Eltern aus dem Weg gehen zu können. Meine Mum ging mit Tom, Mia und Dad ohne ein weiteres Wort los.
„Ich Hunger"
„Mia, das heißt, ich habe Hunger.", sagte ich in einer quietschigen Stimme und erntete darauf böse Blicke meines Bruders, die mir sagten, ich solle mich nicht wie eine Deutschlehrerin aufführen.

Nachdem meine Eltern verschwunden waren widmete ich meine Aufmerksamkeit wieder dem Bild. Erst bildete ich mir ein das Bild könnte sich bewegen und dann liegt eine Zeichnung davon plötzlich in unserem Zimmer? Verdammt wer war nur hier gewesen? Bei dem Gedanken lief es mir eiskalt den Rücken hinunter. Ob es das Mädchen gewesen war?
Gedankenversunken machte ich mein Bett und zog mich um. Ich tastete nach meinen Schuhen, die unter meinem Bett standen, doch stattdessen fand ich einen Zettel. Ich hob ihn auf und betrachtete ihn. Fast ließ ich ihn wieder fallen, denn ich realisierte was diese Abbildung zu bedeuten hatte. Das Bild zeigte eine zarte Gestalt mit widerspenstigen Locken. Es zeigte mich, mich mit einem Schwert im Herzen, MICH! Es muss real gewesen sein! Ich bin nicht verrückt, das ist der Beweis! Ob das nun gut oder schlecht ist, darüber lässt sich streiten. Fürs eine hieß es, dass ich nicht verrückt war, aber auch das es real war und ich mit einem Schwert im Herz, erschien mir nicht besonders positiv. Mir wurde heiß und kalt zugleich. Mich wollte jemand töten! Meinen Tod sehen! Was hatte ich nur verbrochen? Was hatte ich diesem blutrünstigen Mädchen getan? War es etwas an das ich mich nicht erinnern wollte? Gedankenversunken ließ ich meine Blicke über das Bild gleiten und bemerkte schließlich, mir bekannte rote Zeichen. Ich wollte sie nur zur Sicherheit abfotografieren. Ich meine es wäre ja nicht mal so ungewöhnlich, wenn sie nächstes Mal nicht mehr da wären. Es war mir immer noch nicht klar in welche Richtung das Ganze führen würde, also lieber auf Nummer sicher gehen.

Wann war ich eigentlich zu dem Entschluss gekommen, dass ich wie eine Bekloppte der Sache nachgehe? Wäre es nicht besser, die Finger davon zu lassen? Aus Filmen kannte man ja, das die Leute die sich mit so einem unnatürlichen Quatsch beschäftigten am Ende immer starben oder dann einfach mal ein völlig gestörtes Leben führen mussten. Das ihre Familien Angehörigen starben, oder was weiß ich? Aber hatte ich überhaupt eine Wahl? Wurde ich nicht schon fast gezwungen? Ich konnte die Bilder und das mir Gezeigte nicht ignorieren, nein das konnte und durfte ich nicht! Außerdem musste ich mich hier beschäftigen. Eins stand fest, ich wollte keinesfalls 2 Wochen lang nur wandern!

Ich kramte mein Handy raus. Ein paar Sekunden lag Stille in der Luft, kein Uhr ticken, kein Luftzug der Geräusche hinterließ, keine Schritte und keine Vögel die zwitscherten, es war ungewohnt und machte mir Angst.
„Mist, scheiße, verdammter Urlaub, da braucht man mal sein Handy wirklich und dann das, kein Akku!", schrie ich wo bei meine letzten Worte immer leiser wurden. Ich war von mir selbst erschrocken. Sprach ich jetzt schon mit mir selbst? Und ich dachte das würden nur Leute im Alter tun? So wie meine Mutter?
Eigentlich hätte es mir klar sein müssen, denn aufgeladen hatte ich es immer noch nicht. Vielleicht solle ich das endlich mal tun? Ich verdrehte die Augen und atmete schwer aus. Hoffentlich hatte mich keiner gehört! Dann bräuchte ich nicht einmal meine Eltern die dafür sorgten, dass ich ungewöhnlich wirke. Obwohl ich denke, das der Rezeption's Typ mich sicher schon für verrückt erklärte und jemand anderes hatte ich bis her noch nicht getroffen. Eigentlich konnte es mir egal sein, denn in ein paar Wochen wäre ich hier weg und dieser Typ, der mir eigentlich voll egal war, würde mich spätestens nach ein paar Tagen wieder aus seinem Gedächtnis löschen.

Ich suchte dann den Fotoapparat von Dad, als Alternative. Doch auch den fand ich nicht. Wahrscheinlich hatte sie ihn mitgenommen, aber wofür? Um zu filmen wie Mia das ungenießbare Essen wieder auskotzte? Egal, ich legte mein Handy völlig deprimiert wieder in meine Tasche. Was mache ich da eigentlich? Ich wollte es doch aufladen! Ich kramte mein Kabel heraus und steckte es in mein Handy hinein.

Doch plötzlich bemerkte ich, dass meine Hände ganz grau waren. Ich ließ mein Handy auf den Boden fallen, wobei es einen lauten Knall gab und rannte panisch ins Bad. Ich stützte mich am Waschbecken ab, da mir schwindlig wurde und ich das Gefühl bekam umzukippen. Ich drehte den Wasserhahn auf. Zuerst kam braunes Wasser aus ihm, aber das interessierte mich wenig und ich wusch mein Hände völlig hysterisch. Das Wasser wurde wieder klarer und mein Herz schlug etwas langsamer. Doch plötzlich vernahm ich einen dumpfen Schlag hinter mir und wusste, dass jemand hinter mir stand. Mein Herz begann gleich wieder schneller zu schlagen. Dabei hatte es sich doch gerade halbwegs beruhigt! Okay dreh dich jetzt nicht um raste nicht aus, das hast du dir sicher nur eingebildet. Deine Hände sind nicht grau und hinter dir steht niemand, dreh dich jetzt nicht um! Du bist nur verrückt! Doch so sehr ich versuchte mich zu beruhigen, um so mehr wurde ich nervöser und verspürte den Drang mich um zu drehen. Ich spürte einen warmen Hauch an meinem Hals, der mir eine Gänsehaut verpasste. Meine Neugier siegte und ich drehte mich so schnell wie möglich um. Dabei hielt ich automatisch meine Hände schützend vor's Gesicht und nahm eine abwehrende Position ein.

Ich sah einen Schatten der sich bewegte, doch als ich genauer hinsah, merkte ich das niemand hinter mir stand. Der Schatten kam von einem Raben, der am Fenster hockte und sich bewegte. Dann betrachtete ich meine Hände und realisierte, dass sie in keinster Weise grau waren, sondern sauberer als je zuvor. Nachdem ich mich abgeregt hatte, ließ ich etwas kühles Wasser über meine Handgelenke laufen, um meine aufsteigende Hitze etwas zu dämpfen. Doch eine Gelegenheit zum abtrocknen bekam ich nicht, denn das Handtuch war völlig unhygienisch verdreckt und das Klopapier war typischer Weise alle.

Schließlich öffnete ich die Tür und ging die Wendeltreppe runter zur Rezeption, mit dem Ziel in Erfahrung bringen zu können, wo der Essenssaal sich befinde. Die Wahrscheinlichkeit das jemand die Rezeption besetzt hatte, war so groß wie die, dass dieser Urlaub noch schön werden könnte. Und zwar null! Als ich die Treppenstufen hinunter schritt und knackende Geräusche hinterließ, sah ich allerdings doch jemanden an der Rezeption stehen. Doch es war nicht der alte, glatzköpfige Mann, sondern ein eigentlich... recht süßer Typ, der mir freundlich entgegen blickte. Er hatte, wie dieser Kutscher, schwarzes Haar. Seine meeresblauen Augen strahlten mir entgegen und fesselten mich so sehr, dass ich kurz davor war in ihnen zu versinken... Er räuspert sich kurz und ich schreckte von meinem Schwärmen hoch. Ich lief zu ihm und spürte wie ich ihn schon wieder nur anstarren konnte. Sicher war das der Sohn des Kutschers. Dann aber riss ich mich zusammen und fragte:
„Wo ist der Essensaal?"
„Du du... bist ein echter Mensch!?", antwortete er zu meiner großen Enttäuschung.
„Ja stell dir vor! Oder vielleicht bin ich ja auch ein Frosch, also der Unterschied ist kaum zu erkennen!", sagte ich ihm sauer, dabei versuchte nur meine Enttäuschung zu überspielen. „Also kannst du mir jetzt sagen wo der Essensaal ist oder stehst du hier nur so herum um
„Menschen" zu begaffen?", fragte ich ihn genervt, was mit einem Augenrollen verbunden wurde.
„Du ..du bist ein echter Mensch.", stotterte er mir erneut zu. Seine Augen waren weit aufgerissen und wirkten nun nicht mehr so strahlend. Ich ging wütend weg. Der hat ja nen echten Schuss! Ich suchte eine Weile bis mir eine Putzfrau entgegen kam und mir sagen konnte wo ich lang musste und natürlich war der Essenssaal gleich gegenüber der Rezeption.


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