Ein Funken Wahrheit

Mein Bruder rannte zum Schrank, holte das Spiel raus und schrie:
„Ich nehme Blau!". Keiner kommentierte seine Aussage. Mum brachte Mia ins Bett, mein Dad hing den Regenschirm im Büro auf und setzte sich dann dazu. Wir bauten das Spiel auf... na ja wenn man das so nennen konnte. Nachdem Mum sich zu uns gesetzt hatte fingen wir an, doch schon nach ein paar Minuten wurde mir das Spiel zu langweilig. Daher stützte ich gelangweilt meinen Kopf in die Handfläche und betrachtete schläfrig den Spielverlauf. Schließlich wurde auch mein Dad immer träger und schloss sich mir an. Entweder Tomi konnte das wirklich gut ignorieren, oder bekam davon wirklich nichts mit.

Wir spielten eine Weile und ließen ihn natürlich gewinnen, bis ich schließlich fragte:
„Wo wart ihr eigentlich den ganzen Tag? Und ich habe, falls es jemand gemerkt hat, eure Sachen mit ausgepackt." Ich verschränkte meine Arme vor der Brust und schaute meiner Mum kritisch entgegen.
„Das geht dich nichts an du sagst uns ja schließlich auch nicht alles!", sagte sie mit einem eiskalten Blick und setzte ihren grünen Spielstein, fünf Felder Vorwärts, wobei sie mich raus schmiss.
„Wir sollten aufhören es ist schon spät und morgen werden wir den Wald erkunden,... so jetzt zufrieden?", sagte sie angespannt und packte das Spielbrett ein. Etwas irritiert sah ich sie an. Wieso war sie so unfreundlich? So abweisend war meine Mum noch nie zu mir gewesen, im Gegenteil sie hatte mich immer Verhätschelt und in Schutz genommen. Jetzt tat sie genau das mit Tom und Mia. Wahrscheinlich war ich einfach zu alt geworden. Ich räumte das spiel ein, während Dad Tomi ins Bett brachte. Oh ne Abendbrot? So früh? Und keiner nörgelte herum schon schlafen gehen zu müssen? Nicht ein mal Mia? Was war mit ihnen los? So kannte ich meine Familie gar nicht. Natürlich erzählte ich ihnen nicht alles, aber es war doch nur eine einfache Frage. Eine Frage, um eine Konversation zwischen uns zustande zu bringen.

„Mum, ich gehe noch runter... auf den Friedhof?", fragte ich provokativ und wartete auf eine Antwort wie: Ja, aber nur kurz, oder: Nein! Was willst du denn auf dem Friedhof?! Aber stattdessen kam eine Antwort, die ich zu 100 Prozent ausgeschlossen hätte:
„Mach doch." Sie drehte sich weg von mir und lief in die Küche. Ich zuckte mit den Schultern und verließ unser Apartment mit einem Türknall. Ich wartete auf die Stimme meines Dad's: Alexandra, knall die Tür nicht so... aber nichts. Was war passiert? Wurden sie einer Gehirnwäschen unterzogen? Oder waren sie endlich auf den Gedanken gekommen, dass ich alt genug war, um Entscheidungen treffen zu können?... nein das war unmöglich!

Es hatte fast aufgehört zu regnen und sich ziemlich abgekühlt. Ich fror draußen ein wenig, hatte aber keine Lust wieder rein zu gehen, um mir eine Jacke zu holen. Ich lief eine Weile über den Friedhof. Ich mochte es wenn es draußen kühl und dunkel war. Ich gedankenversunken durch die Gegend spazieren konnte und keine nervigen Stimmen um mich herum hatte. Ich setzte mich schließlich unter eine alte Eiche die mitten auf dem Friedhof stand. Ich schaute mir die Gräber von Weitem an. Bei einem blieb mein Blick stehen, denn auf es schien Licht. Ich ließ den Namen: Alexandra Tiberius. Ich starrte das Grab eine Weile an, wahrscheinlich war es nicht außergewöhnlich. Den Namen trugen viele Leute und auch der Nachname stimmte nicht überein. Doch die Tatsache, dass auf es Licht viel, bereitete mir Sorge. Ich meine warum? Hier gab es so viele Gräber, warum dieses? Ich suchte nach dem Ursprung des Licht's und muss schließlich feststellen, dass das Licht aus meinem Fenster drang. Dort erblickte ich das Mädchen.

Ich blieb dieses Mal ruhig, denn sie war ja weit weg. Auch wenn sich das mit einem Blinzelschlag ändern könnte, aber... Für ein paar Sekunden veranstalteten wir einen Starr-Wettbewerb. Dann wand ich meine Blicke ab, denn ich vernahm seichte Schritte auf dem nassen Laub. Ich blickte in das erwartungsvolle Gesicht des Jungen. Mein Herz begann grundlos schneller zu schlagen und ich wurde wahnsinnig nervös. Er kam ein paar Schritte auf mich zu und setzte sich schließlich neben mich.

Wir schwiegen eine Weile und sagten uns nicht einmal hallo. Ich schaute das Mädchen wieder an. Sie war immer noch mit Blut beschmiert, das sah ich selbst von hier.
„Warum schaust du immer zu deinem Fenster?" Ich runzelte die Stirn. „Siehst du sie nicht? Sie beobachtet mich schon die ganze Zeit wie ich hier bin,... egal vergiss es ich hab nichts gesagt." Ich wollte keines Fall's verrückt wirken, aber das tat ich sicher schon so. Ich, die Dinge sah, die nicht existierten und er, der ausflippte, weil er einen Menschen sah, passte doch oder?
„ Wen.", hackte er leicht irritiert nach.
„Egal, ignoriere mich! Ich rede oft viel zu viel und... ist egal." Ich schaute wieder zum Fenster, doch sie war weg! anderen allgemein? Mich wunderte das nicht, das kannte ich ja von ihr. Ob sie Angst vor ihm hatte? Vor Fremden generell? Aber dann dürfte sie nie vor meinen Augen auftauchen. Wie war sie unbemerkt in mein Zimmer gelangt? Meine Mum hatte sich bestimmt nicht einmal dafür interessiert.

„Ist ja auch egal, vergiss es", meinte ich als als er mir keine Antwort gab und die Stille zwischen uns langsam unangenehm wurde.
„Wie soll ich vergessen? Du wirst dir das sicher nicht ausgedacht haben.", sagte er aufgeregt und seine Augen begannen zu funkeln. Was erhoffte er sich von meiner Antwort? „Nein, das nicht, aber warum,... warum willst du das denn so genau wissen? Und woher weißt du eigentlich das es mein Zimmer ist?" Ich zitterte etwas, da es Draußen immer kälter geworden war. Der Junge schien das mitbekommen zu haben, denn er reichte mir seine Jacke und ich nahm sie erfreut entgegen.

„Du hast recht ist egal, wer bist du eigentlich?"
„Jetzt ist es dir wieder egal, also verstehen muss ich das nicht oder?", erkundigte ich mich und ging damit seiner Frage aus dem Weg.
„Nein, du redest ja auch ein wenig eigenartig, oder? Also ich denke das passt schon irgendwie, oder?" Er biss sich auf die Lippe und kratzte sich verlegen am Hinterkopf. Ich lachte und nickte ihm zu.
„Und dein Name ist?", fügte er schnell hinzu, so als hätte er es eilig.
„Warum, bist du eigentlich vorhin so abgedreht, weil du einen Menschen gesehen hast?", fragte ich und ging damit provokativ seiner Frage erneut aus dem Weg. „Ähm, es... also,... es ist nicht so gewöhnlich, dass hier Menschen her kommen. Also,... überhaupt Leute. Es ist nämlich ziemlich verlassen hier. Eigentlich sollte das eine Art Scherz sein." Zuckersüß lächelte er mir entgegen, dann aber zog er seine Mundwinkel wieder viel zu weit nach unten und fragte ernst:
„Wie heißt du?" „Warum ist dir das so wichtig?"
„Ach nur so,... ich meine ich kenne,... also wir haben doch schon ein wenig mit einander geredet und ich weiß gar nicht wie ich dich ansprechen soll?"

Wir schauten uns in die Augen, er kam immer näher, aber ich zog meinen Kopf hektisch zurück.
„Also?", fragte er ungeduldig und grinste mir entgegen.
„Alexandra." Er schluckte. Seine Augen waren weit aufgerissen und er betrachtete mich nun irgendwie anders, als wäre ich gefährlich.
„Du?"
„Ich bin... nein, das geht nicht. Das ist echt unmögl..." In diesem Moment wurde das schwarze Tor zum Friedhof geöffnet und der Kutschfahrer trat auf uns zu. „Kommst du? Es ist Zeit, bring deine Freundin auf ihr Zimmer und komm dann rein es ist doch viel zu kalt." Sein Blick war ernst und er schaute mir misstrauisch entgegen. Was? Was sollte das? Erst erfuhr ich seinen Namen nicht vom Kutschfahrer, dann von ihm selbst auch nicht und jetzt? Jetzt wurden wir wieder gestört! War sein Name etwa so besonders, das man erst an einem ganz bestimmten Ort dafür sein musste?

„Sie ist nicht meine Freundin", antwortete er empört und riss mir die Jacke von meinen Schultern. Er stand energisch auf und lief in schnellen Schritten zu seinem Vater. Er sagte nicht einmal ein Wort so wie "bye" oder so, nichts. Stimmt, ist sehr peinlich wenn man mit einem Mädchen unter einem Baum bei Nacht sitzt,... okay vielleicht ein kleines bisschen, aber auch nur ein kleines Bisschen..., wenn man den Friedhof weg lässt. Ich blieb etwas irritiert zurück. Eine Weile blieb ich sitzen und starrte nur gerade aus, dann aber warf ich einen Blick zu meinem Fenster und dort erblickte ich sie erneut. Anscheinend fürchtete sie sich wirklich vor ihm, aber warum? Vielleicht kannten sie sich ja?

Ich stand auf, klopfte meine Hose ab und wollte mich in mein Zimmer begeben. Ohne Essen? Ich bemerkte das ich gar keinen Hunger verspürte und entschied mich daher gegen ein Abendbrot. Als ich auf meine teure und mit mit Gold verzierte Uhr starrte, bemerkte ich, dass es bereits 19 Uhr war. Normalerweise ging ich um diese Zeit natürlich nicht schlafen, aber mir viel nichts besseres ein. Außerdem verspürte ich einen gewissen Hauch von Müdigkeit, der mich träge werden ließ.

Das war ja ein toller Abgang gewesen! Na gut er hatte auch nicht „Hey", oder so etwas in der Art gesagt. Vielleicht war es einfach nicht sein Ding, aber genervt konnte er von mir kaum sein. Immerhin war er zu mir gekommen, oder? Dachte ich mir stolz und drückte die Türklinke zur Eingangstür hinunter. Ich drückte, doch die Tür schien zu klemmen. Ich schmiss mich gegen, doch sie rührte sich nicht.
„Was ist das für ein Scheiß?", beklagte ich mich wütend und trat volle Kanne gegen die Tür. Sie öffnete sich einen Spalt und ich viel zu Boden. Ich rollte mit den Augen und stand wieder auf. Panisch blickte ich um mich und atmete tief aus, als ich erkannte, dass ich alleine war. Ich ging hoch, blieb aber mitten auf der Treppe stehen, weil ich ein Gespräch hörte. Ich wusste es konnte nur der Junge und sein Vater sein. Ich wollte nicht lauschen, aber... ich konnte einfach nicht anders.

„Bist du völlig verrückt geworden?, du kannst dich doch nicht mit jeder beliebigen treffen wie es dir gerade so passt!"
„Das geht dich gar nichts an und wie lange ist es wohl her, das ich mit einem anderen Mädchen Kontakt hatte? Und ich rede nicht von Melonie und Laureen." „Oh verkauf mich bloß nicht für blöd! Glaubst du wirklich ich hätte deine ganzen Liebschaften nicht mitbekommen?"
„Du kannst mich mal!"
„Rede nicht so mit mir!"
„Du brauchst auch Abenteuer, außerdem werden mir Laureen und Melodie langsam zu anstrengend. Ein wenig Abwechslung könntest du auch mal vertragen!"
„Was willst du mir damit sagen? He?"
„Vergiss es. Ich mach, was mir gefällt, verstanden?"
„Ach mir ist es ziemlich egal mit wem du dich rumtreibst, aber ich würde ungern auffliegen. Von daher halte dich von ihr fern! Die beiden müssen dir eben reichen! Du kannst ja schließlich wählen. Du musst unseren Ruf nicht auch noch komplett zerstören!"
„Denkst du echt nur daran? Ich glaube sie ist anders! Sie sieht ständig ein Mädchen, vielleicht ist das ja Emy?"
„Jetzt sei nicht albern, weißt du wie man solche Leute nennt? Geistlich gestört und Emy lebt nicht mehr gib es endlich auf."

Na toll. Jetzt denkt er ich hätte eine Schraube locker. Also besser konnte es wirklich nicht mehr laufen. Aber nach dem Urlaub würde ich sie sowieso nicht mehr wieder sehen. Also konnte es mir recht egal sein. Aber ich spürte, dass es das nicht war. Mir wurde bewusst, ich interessierte mich auffällig dafür, was der Junge von mir hielt.
„Stimmt das würde dich auch nicht interessieren, dann würde ich nur die Bestätigung für meinen Verdacht bekommen."
„Geh jetzt und triff dich nicht mehr mit ihr!"
„Du kannst mir nichts vorschreiben ich bin schließlich alt genug. Du bist nicht mein Vater sondern ein Monster."
„Oh da sieht du etwas gewaltig falsch, mein Lieber! Ich habe immer noch das Sorgerecht für dich und alt genug bist du beim Weitem noch nicht!"
„Doch, in Menschenjahren schon." Was? Menschenjahre, was meinte er damit? „Triff dich nicht mit ihr und hau jetzt ab! Du kannst draußen schlafen!", schrie er so laut, dass vermutlich ganz England etwas davon mitbekam. Ich hörte wie eine Tür zugeschmissen wurde und schreckte auf.

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