Ein Funken Wahrheit

Er sah mich beruhigend an und kniete sich neben mich.
„Was hat dich erschreckt?" Ich schüttelte den Kopf und zeigte mit meiner Hand zitternd auf die Wand über dem Kühlschrank. Der Junge stand auf und ging zur Wand. Er ließ es laut vor: „LASS MICH IN RUHE, VERSCHWINDE!!!", kurze Zeit herrschte Stille, aber dann unterbrach er sie.
„Wer schreibt das denn dahin, mach dir nichts draus sicher nur ein Streich von irgend welchen Kindern"
„Hier ist doch niemand, es war sicher...." Ich verschluckte den Rest meines Satzes und sagte statt dessen:
„Ich weiß was da drauf steht, du musst mir das nicht vorlesen." Er sah mich verwirrt an.

Ja ich konnte auch unfreundlich sein! Auch wenn das jetzt wahrscheinlich nicht der richtige Moment dafür war.
„Sieht aus wie Blut", stellt er fest, während er mit dem Finger über das Geschriebene ging und es verschmierte. Seine Fingerkuppe, die nun mit Blut beschmiert war, führte er langsam unter seine Nase.
„Ja es ist Blut und es ist frisch. Wer war nur hier?" Diese Frage hatte ich mir auch schon gestellt, aber weitergeholfen hatte das sicherlich nicht. Ich stand auf und wischte mir den Dreck von der Jeans. Ich lief ein paar Schritte auf ihn zu, wobei meine Schuhe ein knallendes Geräusch, bei jeden meiner Schritte hinterließen. Er ging weiter und ich folgte ihm. Wir gingen die Treppe hoch und er blieb vor meiner Tür stehen. Er sagte nichts und ging weiter. Doch in seiner Bewegung stoppte er.
„Warum hattest du eigentlich geschrien?" Ich schaute verlegen auf den Boden, wenn ich mir die Sache recht überlege, ... wird er mir das nicht so richtig glauben.
„Ist egal, nicht wichtig, ...", stotterte ich herum.
„Ich denke schon, das das von Bedeutung ist!" Er schaute in meine Augen und es schien, als könnte ich ihm nicht ausweichen.
„Wer ist Emy?", fragte ich stattdessen.
„Antworte nicht mit einer Gegenfrage!", befahl er mir, wobei er seine Augen zusammen kniff und sie damit düster wirken ließ.

Ich schluckte.
„Das Mädchen war wieder da und hatte mich mit einem Messer bedroht.", sagte ich schnell und schaute wieder auf den Boden. Was seine Reaktion darauf wohl sein würde? Für ein paar Minuten standen wir uns gegenüber und schwiegen einfach.
„Und wer ist jetzt Emy?", fragte ich erneut und versuchte seine Blicke zu fangen. „Ist egal, ähm.. ich muss dann auch los." Er lief weiter und nun war ich wieder alleine. Besser hätte es nicht laufen können! Er wusste was mich verschreckt hatte, auch wenn er mir das sicher nicht glaubte und ich hatte immer noch keine Ahnung wer Emy war. Ich ging in mein Zimmer und legte mich wieder ins Bett. An seinem Vokabular sollte er noch ein wenig arbeiten. Er hätte wenigstens Nacht oder mach dir keine Sorgen, sagen können. Aber nichts. Irgendwie waren unsere
„Gespräche" nicht wirklich unterhaltsam. Und ich war wieder die Dumme! Seinen Namen wusste ich immer noch nicht und langsam bekam ich das Gefühl, er wollte ihn mir nicht sagen. Außerdem hatte er mich so hilflos gesehen, erneut! Es war verdammt schwer diese Hilflosigkeit, diese Angst zu verstecken. Ich musste mich wirklich ändern!

Ich zog mir die Decke wieder über den Kopf, als ich aus dem Fenster sah. Draußen war es dunkel, aber ich schien völlig ausgeschlafen zu sein. Ich griff, noch halb im Schlaf versunken, nach meinem Handy. Ich schaltete es ein und war sofort geblendet. Ich drehte die Helligkeit ganz runter um etwas erkennen zu können und bemerkte schließlich, das es erst 6:00 Uhr war. Ich legte mein Handy mit einem lauten Rums wieder auf den Nachttisch und zog mir die Decke erneut über den Kopf, was meine Haare noch mehr zerzauste. Aber irgendetwas war anders als sonst. Ich schmiss meine Decke wieder nach hinten, wo bei ein kalter Luftstrom mir ins Gesicht stieß. Ich schaute mich im Zimmer um und erschrak. An den herunter gekommenen Wänden hingen mit Bleistift gezeichnete Bilder. Bilder vom Grafen aus der Empfangshalle... und Bilder von mir, wo ich auf dem Boden lag,.. Tod. Ich atmete einmal tief durch, um nicht in einem völlig hysterischen Schreikrampf zu enden, der auch noch die anderen Wecken würde. Von Sekunde zu Sekunde, wurde ich wacher und überlegte angestrengt, was ich tun könnte. Verängstigt zu Boden zu rutschen, viel jedenfalls schon einmal aus. Dies hatte ich gestern getan und hatte das dringende Bedürfnis, das nicht zu wiederholen. Dies schien der erste Schritt in Richtung Tapferkeit zu sein,... zumindest ein sehr kleiner.

Ich schaute erneut auf mein Handy, da ich die Zeit in meinem Kopf wieder verdrängt hatte, was so früh am Morgen nicht ungewöhnlich war. Ich hatte eine knappe halbe Stunde, bis Mia aufwachen würde, wenn überhaupt. Ich beschloss die Bilder von den Wänden zu reißen, was ich danach mit ihnen tun würde, war mir in diesem Moment relativ egal. Wichtig war, das ich etwas tat! Ich hatte alle Bilder eingesammelt, stand nun vor dem Fenster und betrachtete den Friedhof, dort wo ich gesessen hatte und jetzt viel mir auf, das gestern hier das Mädchen gestanden hatte. Mein Herz schlug schneller, aber ich ignorierte es und schloss die Augen. Ich atmete tief aus und öffnete sie langsam. Es hatte funktioniert, ich war wieder ruhig und lächelte schließlich. Plötzlich hörte ich dumpfe Schritte die immer näher kamen. Dazu die unerwartete Stimme meiner Mutter:
„Alexandra? Bist du wach?" Ihre Schritte wurden lauter und ich wurde nervöser, bezüglich was ich mit den Bilder anstellen sollte. Als ich sah, wie sie die Türklinke hinunter gedrückte wurde, bekam ich Panik, klemmte die Bilder schnell unter mein Bett und eine Sekunde später öffnete sich die Tür.



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