Ein Funken Wahrheit

"Jetzt schau mich nicht so an.", entgegnete er mir unfreundlich und legte seine Hände auf den Tisch.
"Was?", fragte ich verdutzte und runzelte die Stirn. Ich sollte ihn nicht so ansehen? Verstand er überhaupt, dass das eine komplett andere Welt für mich war?
"Ich werd`dich schon nicht aussaugen.", grinste er mir entgegen, doch in diesem Moment war mir ganz und gar nicht zum Lachen.
„Diese Amulette sind das wertvollste, was es auf der Welt gibt..."
"Warte mal!", rief ich und unterbrach ihn damit unhöflich.
"Was ist?"
"Dir ist aber schon bewusst, dass das alles hier völlig neu für mich ist, oder?"
"Ja, aber... es ist keine Zeit dafür zu warten bis du es begreifst."
"Mag sein davon habe ich keine Ahnung, aber könntest du vielleicht mal versuchen zu verstehen, dass dieses ganze Zeug unter Umständen verwirrend für mich ist?"
"Na gut was hast du nicht verstanden?"
"So gut wie alles.", lachte ich und lehnte mich lässig in den Stuhl.
Nachdenkliche Falten bildeten sich in seinem Gesicht und dem unsicheren Kratzen am Hinterkopf nach zu urteilen, konnte er meine Aussage nicht einordnen.
"Man das war ein Spaß, ich glaube ich brauche einfach eine Pause."
"Ja vielleicht hast du Recht. Lass uns doch nach Draußen gehen, der Regen hat bestimmt schon aufgehört.", sagte er und lächelte mir entgegen.
"Nach Draußen? Ich denke wir dürfen uns dort nicht unterhalten?"
"Ja, aber... erklär ich dir gleich.", rief er begeistert und sprang voller Tatendrang auf. Im gleichen Moment wurde die Tür aufgestoßen und Laureen kam hereingeplatzt.
"Ihr müsst gehen."
"Willst du uns jetzt rausschmeißen oder was?", fragte er empört und verschränkte die Arme vor der Brust.
"Ja ihr seid schon Ewigkeiten hier drin, es gibt auch noch andere Leute die sich hier aufhalten möchten.", sprach sie mit erhobenen Kopf und Arroganz.
"Ich werd´mich hier ganz bestimmt nicht raus werfen lassen!" Langsam stand ich auf und stellte mich neben ihn. Ich wusste das keiner von ihnen nachgeben würde, also mischte ich mich ein:
"Wir waren eh gerade fertig."
"Aber...", setzte er an, doch mein Ellbogenstoß in seine Rippen brachte ihn zum Verstummen.
"Na dann.", sagte sie und holte aus ihrer braunen Umhängetasche zwei kleine Reagenzgläser mit einer blauen Flüssigkeit heraus.
Ich sah das der Junge mit diesem Beschluss in keinster Weise zufrieden war. Er rollte mehrere Male mit den Augen, atmete genervt aus und presste seine Lippen aufeinander um einen Streit vermeiden zu können.

Zweifelnd widmete ich meine Aufmerksam der blauen Flüssigkeit. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass wir das trinken sollten.
"Hier.", meinte sie und reichte uns die Reagenzgläser. Der Junge nahm sie ohne Zweifel entgegen und reichte mir das linke. Er entfernte den Stöpsel aus dem Glas und trank mit einem Mal die paar Milliliter aus. Also gesund konnte das bestimmt nicht sein.
"Na los!", rief mir Laureen ungeduldig zu und lehnte sich mit einem genervten Stöhnen gegen den Türrahmen.
"Was ist denn da drin?", fragte ich unsicher und entfernte den Stöpsel. Bestialischer Knoblauchgeruch stieg mir in die Nase und veranlasste mich dazu, husten zu müssen.
Meine Gesichtszüge entglitten mir für einen Moment doch, dann biss ich die Zähne zusammen und versuchte den Gestank zu ertragen.
"Nichts besonderes und keine Sorge die Farbe kommt nur vom Färbungsmittel um die ganzen Sachen auseinander halten zu können.", sprach er ruhig und nickte mir bestätigend zu.
"Das ist aber keine Antwort auf meine Frage."
"Jetzt diskutier hier nicht ewig rum sonder trink, die nächsten Leute warten...", quengelte Laureen. Ich atmete einmal tief ein, hielt mir die Nase mit der linken Hand zu und trank das Zeug. Ich schüttelte mich, als ich die Finger von meiner Nase nahm und begann zu husten, als hätte ich den Qualm mehrere Zigaretten einatmen müssen. Ich musste ein paar Mal stark blinzeln, damit das Verschwommene vor meinen Augen wieder verschwand.

Laureen griff wieder in ihre Tasche und holte die zwei Augenbinden von vorhin heraus. Ich hing mir meine Tasche um und sie begann uns über die Brücke zu führen. Ich war erleichtert, als der Boden unter meinen Füßen wieder etwas nachgab und ich wusste, dass wir uns im Wald befanden.
Der Geruch von nassem Gras und Moos stieg mir in die Nase und zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen. Eisiger Wind strömte meinem Gesicht entgegen und ich konnte den Schrei eines großen Vogels über mir hören.
Die Dunkelheit um mich herum verschwand und ich blickte in die Augen Laureens. Sie widmete mir nicht lange ihre Aufmerksamkeit und verschwand schließlich mit einem lauten Platscher im Wasser. Ich wartete darauf, dass er nach meiner Hand griff und mich wieder durch den Wald nach Hause zog. Doch stattdessen lief er ruhig vor und schien keinen Grund zu kennen sich beeilen zu müssen. Mit einem Stirnrunzeln folgte ich ihm und begann leise in sein Ohr zu flüstern:
"Dürfen wir reden?"
"Ja klar, das was wir getrunken haben beschützt uns vor dem Grafen. Für drei Stunden kann er nicht sehen wo wir uns aufhalten. Drei Stunden sind lang, aber trotzdem sollten wir hier nicht rumstehen bis sie vorbei sind, also komm ich will dir noch etwas zeigen."
Kaum hatte er mich an die Flüssigkeit erinnert, bemerkte ich den ekelhaften knoblauchgeschmack in meinem Mund wieder. Ich überlegte einige Zeit ob ich ihn das fragen sollte, aber nachdem wir schon eine Weile gelaufen waren und kein Gespräch zustande gekommen war, versuchte ich es:
"Das Zeug hat ja ekelhaft nach Knoblauch gestunken, warum?"
"Der Knoblauch ist nur dafür da um den wirklich ekelhaften Geschmack davon zu überdecken, frag mich nicht woraus die Hexen das herstellen!"
"Und warum können sie das nicht mit Erdbeere oder so etwas überdecken?", hackte ich neugierig nach.
"Weil Knoblauch das Einzige starke ist, was den Geschmack überdecken kann."
"Aber... ist das nicht schädlich für Vampire?" Das Grinsen in seinem Gesicht wurde immer breiter und gab mir zu verstehen, dass ich auf einen Mythos reingefallen war.
"So ein Schwachsinn! Ich weiß echt nicht wer sich so einen Scheiß immer ausdenkt. Als ob Knoblauch uns schwächen könnte!", lachte er und beschleunigte seine Schritte.
"Ich hätte mir eine Jacke mitnehmen sollen.", murmelte ich, als ich das erste Frösteln bemerkte. Der kalte Wind fühlte sich beißend auf meiner Haut an und bescherte mir eine Gänsehaut.
"Hier nimm meine.", sagte er plötzlich und reichte mir seine dunkle Jacke. Ich war etwas erschrocken, denn mit dieser Reaktion hätte ich nicht gerechnet, weder das er mir seine Jacke anbot, noch das er mein Gemurmel überhaupt verstanden hatte. Ich stieß seine Jacke weg und sagte:
"Nein dann frierst du ja."
"Ach Quatsch ich kann meine Körpertemperatur selbst regeln, so ist mir nie zu warm oder zu kalt." Angeber!
"Jetzt nimm schon.", drängte er und warf mir die Jacke zu. Widerwillig zog ich sie mir über und spürte gleich, dass mir etwas wärmer wurde. Plötzlich blieb er stehen und griff vorsichtig nach meiner Hand.
Ich runzelte fragend die Stirn und legte den Kopf schief um darauf aufmerksam zu machen eine Begründung zu bekommen. Seine Mundwinkel zogen sich nach oben, formten sich zu einem Lächeln und seine eisigen Finger umklammerten nun auch meine rechte Hand.
Meine und seine Finger verschränkten sich in einander und schließlich zog er mich näher an sich heran.

Ich wechselte die Blicke zwischen seinem Mund und seinen Augen hin und her.
Ich war mir unsicher was als nächstes passieren würde und spürte schnell den rasenden Herzschlag in meiner Brust. Seine Hände wichen aus meinen und umklammerten plötzlich meine Hüfte.
Ich wusste erst nicht wo ich meine Hände hin machen sollte, doch dann legte ich sie einfach auf seine Schultern und begann tief in seine Augen zu starren. Auf einmal schlossen sie sich und unsere Lippen trafen aufeinander.
Der Wind sauste an uns vorbei und strich meine Haare aus dem Gesicht. Leichter Regen ließ sich auf unsere warmen Gesichter nieder und kühlte sie.
Auch wenn ich das für unmöglich gehalten hatte, beschleunigte sich meine Herzschlag immer weiter und ich bekam die Angst es würde jede Sekunde zerspringen. Vorsichtig lösten sich unsere Lippen von einander und ich befreite mich aus dieser Enge.
"Alles gut?", fragte er besorgt und begann nervös auf seiner Unterlippe herumzukauern.
"Ja, klar ich dachte nur wir haben noch einiges zu besprechen und du wolltest mir etwas zeigen."
"Da hast du wohl recht, außerdem wird es bald schon wieder dunkel." Dunkel? Hatten wir uns nicht erst vor einer oder zwei Stunden getroffen?
"Na komm.", sagte er und griff nach meiner Hand. Zusammen liefen quer durch den Wald über eine Wiese. Unsere Hände hatten sich in einander verschränkt und schon jetzt hatten meine Finger seine Kälte angenommen. Es dauerte nicht lange, bis das Gras unter unseren Füßen immer platter wurde und wir uns schließlich auf einem Trampelpfad befanden.
"Wo gehen wir hin?", fragte ich ungeduldig nachdem wir schon zwanzig Minuten gelaufen waren.
"Wirst du ja sehen."
"Sind wir denn wenigstens bald...", ich verstummte, als mir plötzlich ein leises Rauschen in die Ohren drang. Je mehr wir liefen desto stärker wurde der Wind und desto lauter wurde das Rauschen. Als der Boden langsam sandig wurde, dämmerte es mir wo wir uns wohl befanden.
Der Wind wurde immer kräftiger und eisiger, doch so lange unsere Hände in einander verschränkt waren, machte mir das nichts aus. Der leichte Regen hatte aufgehört und stattdessen bildete ich mir einen, einen Hauch von Sonnenstrahl am grauen Himmel erblicken zu können.
Die Bäume links und recht von uns wurden vereinzelter und schließlich war die Landschaft nur noch von grauen Steinen und etwas Sand geziert. Mein Lächeln wurde breiter, als ich endlich das Meer und seine Meter hohen Wellen erblicken konnte.
"Ich wusste gar nicht das wir hier so nah am Meer sind.", rief ich erstaunt und rannte näher an das Meer heran. Ich schrie auf, als mein linker Fuß plötzlich am Rand einer riesigen Klippe stand und kalte Finger meine Hüfte umklammerten.
"Vorsichtig Prinzessin.", flüsterte er mir leise ins Ohr und zog mich etwas weiter weg vom Abgrund. Ich kicherte leise in seine Jacke, als ich seinen Atem an meinem Ohr spürte.
"Weißt du was ich komisch finde?"
"Keine Ahnung sag es mir."
"Trotz unseres Kusses kenn ich immer noch nicht deinen Namen. Wir haben heute viel Zeit mit einander verbracht und trotzdem kann ich immer nur von dem Jungen sprechen." Neugierig drehte ich meinen Kopf zur Seite und schaute mit großen Augen, gespannt in seine.
"Stimmt, das habe ich einfach verdrängt. Sorry."
"Also?", hackte ich nach und wandte mich schließlich völlig zu ihm um.
"Schau mich nicht so an, du siehst so aus als würdest du jetzt etwas ganz besonderes erwarten."
"Na ja vielleicht tue ich das auch? Immerhin hast du dir echt Zeit gelassen ihn mir zu verraten."


Comments

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    Huhu :) Wieder ein tolles Kapitel:) Ich an Alex stelle würde auch nicht so einfach, irgendeine Flüssigkeit trinken, wo ich nicht weiß was es ist :/ Nun bin ich aber auch echt gespannt auf den Namen. Liebe Grüße, Fiamma^^

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