Ein Funken Wahrheit

Ich spürte seine Nervosität, die mich immer sicherer werden ließ. Unruhig wanderten seine Blicke zwischen Mum, Tom und mir hin und her. Seine Hände waren zittrig und unbewusst zuckte seine eine Mundwinkelseite immer wieder nach oben.

„Dad?"

Sein Räuspern unterbrach für einen kurzen Moment die Stille und ließ alle abschweifenden Gedanken in diesem Raum verschwinden.

„Ich habe ihn verloren." Ich musste schmunzeln, ich merkte genau wie er versuchte sich aus all dem zu winden, mit der Angst etwas falsches sagen zu können. Als wären seine Augen plötzlich überall, hatte ich gar keine Chance mehr seinen Blicken ausweichen zu können. Ich versuchte ruhig zu bleiben, schließlich gab es nichts was ich ihm verheimlichen musste, richtig?

Er ließ mich keine Sekunde aus den Augen, sodass ich das Gefühl bekam, er wolle all meine Geheimnisse in Erfahrung bringen. Egal was er versuchte mit mir anzustellen, es funktionierte. Meine Füße wurden immer schwerer und schließlich hatte ich den Eindruck, als könnte ich mich nicht mehr von der Stelle bewegen. Die Blicke wurden immer unangenehmer und irgendwann konnte ich unsere Pläne und wahren Gedanken nicht mehr verheimlichen. Als würde ich einen Schalter in meinem Kopf betätigen, stellte ich mich stur und weigerte mich, ihn weiterhin in meinen Gedanken herumspuken zu lassen. Ich war selbst erschrocken, dass es zu funktionieren schien. Immerhin starte er mich plötzlich ganz perplex an und versuchte dann seine Antworten in den Gedanken meiner Mutter zu finden. Seine Unsicherheit verschwand und schließlich war auch er sich seiner Sache sicher.

„Alex, im Schwimmbad, weißt du das etwa nicht mehr?"

„Dad und das ist die Wahrheit?"

„Natürlich Liebling"

„Dad, du bist es wirklich, wie konnte ich daran auch nur eine Sekunde lang zweifeln?", lachte ich gespielt erleichtert und umarmte ihn. Mein Pan war weitaus besser aufgegangen als erhofft. Nun lag ich hier so nah neben ihm, dass es ein Leichtes werden würde ihm das Messer in den Hals zu rammen.

Leandro, der meinen Plan noch nicht ganz verstanden hatte, war immer noch fleißig dabei, die Stricke meiner Mum zu lösen und bekam daher meine hilfesuchenden Blicke gar nicht mit. Ich wollte einen Blick von ihm, der mir zu verstehen gab, ich würde mit meiner Vermutung richtig liegen. Ein Blick, der mir versicherte, er würde voll und ganz hinter mir stehen, egal für was ich mich entschied und ein einfacher Blick der mir Mut machte.

Das war nicht mein Vater, nein das konnte er niemals sein. Hätte er nicht sofort Mum und meine Geschwister bereit? Anstatt sich mit mir in den Armen zu halten? Ja das hätte er getan, ganz sicher. Zögernd blickte ich in das erschöpfte Gesicht meiner Mutter. Sie hatte das nicht verdient, sie alle hatten das nicht verdient und erst recht nicht mein Vater. Ich wagte mich gar nicht darüber nachzudenken, was der Graf wohl mit ihm angestellt haben musste. Mit zugekniffenen Augen schaute ich in die liebevollen Augen meiner Mutter. Sie waren so milchig trüb, so bedrückt und ungewohnt. Ob sie mit angesehen hatte, was mit Vater passiert war? Egal für was ich mich entscheiden würde, sie würde mir alles verzeihen. Das wusste ich genau, aber könnten das auch Mia und Tom? Wenn sie überhaupt verstanden was hier vor sich ging.

Es half alles nichts, wenn ich es ein für alle Mal beenden wollte, durfte ich mich jetzt nicht von Gefühlen leiten lassen, nein ich musste auf Fakten vertrauen. Auf Fakten und mir selbst, dem, was ich mit eigenen Augen gesehen hatte und wie ich es interpretierte. Jetzt blieb nur noch die Frage offen, wie ich unbemerkt an das Messer herankommen sollte.

„Papa, bitte mach mich endlich los.", rief ihm Tom entgegen. Erst jetzt viel meine Aufmerksamkeit auf Tom und Mia. Die völlig fertig, mit zahlreichen Schrammen und Kratzern in der Ecke saßen. Blaue Flecken zierten ihre Gesichter und ihre Augen wanderten nervös durch den Raum, als hätten sie gerade etwas traumatisches erlebt.

„Natürlich ich komme Tomi.", sagte er verständnisvoll und lief auf die beiden zu. Nach kurzem überlegen tat ich es ihm gleich und lief auf Mia zu, um sie aus den Fesseln zu befreien. Wie sollte ich nur so nah an ihn heran kommen, ohne das er verstand was ich vor hatte? Leandro und ich hockten so nah neben einander, dass ich die Gelegenheit nutzte und ihm mein Verdacht möglichst leise mitteilte:

„Das ist nicht mein Vater."

„Was? Wie?" Ich schüttelte nur leicht den Kopf und legte den Finger vor dem Mund, damit er verstand, dass wir jetzt nicht darüber reden konnten.

„Aber ich habe einen Plan.", hauchte ich, als ich den letzte Knoten von diesem Gewurstelt entwirrt hatte.

Leandro und ich wurden beinahe gleichzeitig fertig, sodass wir aufstanden und uns vielversprechende Blicke zuwarfen. Unauffällig zog ich das Messer aus meinem Stiefel und verstaute es stattdessen in meinem Ärmel.

„Endlich war auch Tom befreit und viel meiner Mutter in die Arme, der vor Erleichterung eine Träne die Wangen hinunter kullerte. Ich wünschte mir wir könnten einfach durch diese Tür spazieren und meinen Vater mitnehmen, meinen richtigen Vater, aber es war noch lange nicht vorbei. Enttäuschender Weise würden sie das auch bald verstehen. Ich fühlte mich allerdings sicherer zu wissen, dass nun auch Leandro Bescheid wusste und im Notfall sicherlich helfen würde.

„Oh Gott Mum, ich bin so froh, dass es euch gut geht.", fing ich an und schloss die beiden in die Arme.

„Alexandra, renn' nie wieder weg, versprich mir das.", flüsterte sie mir ins Ohr und drückte mich näher an sich. Auch Mia wartete nicht lange auf ihre Umarmung, schnell schlüpfte sie unter unseren Händen hindurch und klammerte sich an Mum's Hüfte.

„Wo bist du überhaupt gewesen?", fragte sie neugierig und nahm Mia auf den Arm.

„Ich? Also...", während ich noch über eine möglichst plausible Antwort nachdachte, meldete sich Dad zu Wort:

„Ja Alex, das würde mich auch blendend interessieren." Oh ja das konnte ich ohne Zweifel glauben, natürlich war es für ihn ein Rätsel, warum er uns nicht durchgehend beobachten konnte. Ich spürte die kalte Klinge immer noch an meinem Handgelenk und versuchte angestrengt darüber nachzudenken, wie ich wieder so nah an ihn heran kommen könnte.

„Leandro und ich haben uns an einem... geheimen Ort getroffen, um... na ja allein sein zu können.", log ich und hoffte das Niemand weiter nachfragen würde. Doch natürlich tat mir keiner den Gefallen.

„Und wo genau?"

„Ist das jetzt wirklich wichtig Dad? Lasst uns abhauen, wer weiß wann er wieder kommen wird."

„Da hat sie Recht.", stimmte Leandro mit ein und kam auf mich zu gelaufen. Vorsichtig stupste er mir in die Seite, um meine ungeteilte Aufmerksamkeit zu bekommen. Bestätigend nickte er mir zu und machte eine leichte Kopfbewegung zu meinem Vater hin. Schwer atmend nickte ich und ging auf ihn zu.

„Ja, das ist jetzt sehr wichtig. Ich lasse dich so nicht davon kommen. Du hast dich gegen jeden Willen deiner Mutter gesträubt und ein riesiges Geheimnis draus gemacht, mit wem du dich im Wald triffst. "

„Dad, so war das nicht gemeint, ich wollte nur... nicht zu spät kommen, dass wäre doch beim ersten Date peinlich geworden.", versuchte ich mich raus zureden und legte meine Hand, beruhigend auf seine Schulter. Leandro warf ich einen strengen Blick zu, worauf hin er zu mir getrottet kam und wir symbolisch unsere Hände in einander verschränkten. Ich war verdammt froh, dass wir uns vor dieser Rettungsaktion wieder vertragen hatten, ansonsten wäre das äußerst peinlich geworden.

„Mein liebes Fräulein...", fing er an, doch Mum unterbrach ihn mit ihren warnenden Blicken. Er liebte es mich Fräulein zu nennen, wenn ich etwas angestellt hatte und meine Mum liebte es, wenn sie ihn zurechtweisen konnte.

Sie konnte dieses Wort auf den Tod nicht ausstehen und mittlerweile reichte sogar nur noch ein strafender Blick, damit mein Vater den Mund hielt. Unzufrieden verstummte er und begann sich auf den Weg zu machen. Wenn sie entführt wurden,... wovon ich einfach ausging, dann dürfte er keine Ahnung haben, in welche Richtung wir gehen müssten. Doch so unüberlegt wie er war, steuerte er zielstrebig die Tür an und wollte nach rechts laufen, also in die Richtung, aus der wir gekommen waren.

„Dad, sei bitte nicht sauer auf mich.", fing ich an und folgte ihm schnell, ohne auf die anderen Rücksicht zu nehmen.

„Bin ich nicht.", zischte er und verschnellerte seine Schritte. Ich versuchte mein Grinsen so gut es ging vor ihm zu verstecken, denn ich hoffte unser Gespräch würde auf eine weitere Umarmung hinauslaufen.

„Doch, das merk ich doch."

„Ja na gut ich bin wütend, aber nicht auf dich.", fing er an und blieb stehen. Das war meine Chance, jetzt müsste ich ihn nur noch in den Arm nehmen und das scheiß Teil irgendwo in seinen Hals rammen, dass sollte wohl nicht so schwer sein. Richtig?

„Ach Dad." Mit den Armen nach vorne gestreckt, lief ich auf ihn zu und umschlang seinen Rücken. Ich hatte Glück, dass er nicht besonders breit war, sodass meine Hände sich ohne große Probleme berühren konnten und es somit ein Leichtes sein sollte, dass Messer aus meinem Ärmel zu befördern. Diese Umarmung würde nicht lange dauern, deshalb zögerte ich nicht lange und griff nach dem kalten Messer.

Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich schon wieder das Recht bekam, über Leben und Tod entscheiden zu dürfen. Ich hatte die Macht ihn umzubringen, sein Leben zu opfern, um das meiner Familie retten zu können. Leandro war mir nicht von der Seite gewichen und starrte nun mit großen Augen das Messer an.

„Na los.", flüsterte er so leise, dass ich beinahe nur von seinen Lippen lesen konnte. Ich hätte wahrscheinlich schon längst zugestochen, wäre da nicht die Vorstellung, meine Geschwister und Mum zu traumatisieren. Ob sie es mir jemals verzeihen könnten? Was wenn ich mich doch irrte? Wenn das vielleicht sogar eine Falle des Grafen's war, damit ich meinen Vater eigenhändig umbrachte?

...verdammt, ich hatte jetzt keine Zeit darüber nachzudenken. Entschlossen umklammerte ich den kalten Griff des Messers und war bereit zuzustechen. Ich bemühte mich eine schnelle und unerwartete Bewegung zu machen, damit er mir nicht zuvor kommen könnte, doch meine Entschlossenheit versiegte und so konnte ich nur eine gradlinige, zögernde Bewegung zu seinem Hals hin machen.

Kurz bevor die Messerspitze seinen Hals gestreift hätte, packte er plötzlich völlig gelangweilt meine Hand und schob sie so, dass die Klinge sich in meinen Hals bohrte. Mein Herz begann elendig schnell zu schlagen und ich spürte die aufsteigende Hitze in mir. Ein fetter Kloß hatte sich bereits in meinem Hals gebildet, der meine Stimme völlig zum erliegen brachte. Mein Atem stockte, als sich alle Muskeln anspannten und ich das Gefühl bekam, regungslos ausgeliefert zu sein. Schnell wurde mir bewusst, dass Niemand in diesem Raum mir helfen konnte, dafür war er viel zu mächtig.

„Alex.", rief eine besorgte Stimme hinter mir.

„Ach Gott, wie niedlich, macht sich dein Freund Sorgen?"

„Lass sie gehen.", forderte Leandro, stellte sich neben mich und hob drohend den Finger in die Luft. Verdammt wie dumm war er eigentlich? Sah er nicht, dass mein Leben gerade am seidenen Faden hing? Es brauchte eine kurze Bewegung und ich wäre tot. Mausetot!

„Und wenn nicht? Was willst du schon tun? Dachtet ihr wirklich ihr könntet mich zu zweit töten?", schrie er lachend und ließ endlich das Messer unter meiner Kehle zu Boden fallen. Erleichtert atmete ich auf und machte einen Schritt zurück. Doch meine Erleichterung blieb nicht lange, denn schon einen Augenblick später, zog mich der Graf wieder zu sich. Ich spürte seinen warmen Atem im Gesicht und seine spitzen Fingernägel die sich mehr und mehr in meine Haut bohrten.

Er hatte ganz Recht mit dem was er sagte. Was wollte Leandro schon tun? Wenn es nicht mal eine ganze Horde Vampire schaffen könnte, wie sollte dann ein einzelner Vampirschüler jemals etwas gegen ihn ausrichten können?

„Aber Alexandra, wolltest du wirklich deinen eigenen Vater zur Strecke bringen?" Da war es schon wieder, es war ganz eigenartig wie er meinen Namen aussprach. Mit so viel Leidenschaft und Sehnsucht, als würde er mit ihm weitaus mehr verbinden, als ein kleines, schüchternes und feiges Mädchen, das irrsinniger Weise versuchte, das Leben ihrer Familie zu retten.

„Du bist nicht mein Vater, du bist Jemand den ich zu tiefst verabscheue!", schrie ich ihm voller Wut entgegen. Ich erinnerte mich an die Menschen, die er tiefgefroren hielt, nur damit er sein Festmal hatte. Was war mit deren Angehörigen? Hatte er sie zusehen lassen, wie er ihre Liebsten zu Qualen folterte? Oder hatte er sie zu seiner Sammlung hinzugefügt?

„Ach ja? Wer bin ich dann, wenn nicht dein Vater?"

„Du bist der Graf, du bist der, der all die unschuldigen Menschen unter Qualen gefangen hält, nur damit du ein ordentliches Abendrot hast und du bist der Mensch, der meine Familie und alle anderen in diesem Wald terrorisierst."

„Ach Alexandra, du verletzt mich zu tiefst."

„Dann sind wir jetzt wohl Quitt, lass sie gehen.", forderte ich und stellte mich auf Zehenspitzen, um ungefähr mit ihm auf Augenhöhe zu sein.

„Alex, lass uns gehen, was soll das denn? Siehst du nicht, dass das dein Vater ist?", mischte sich Mum aufgebracht ein und kam mit Mia und Tom an der Hand auf uns zu. Was? War sie wirklich so blind? Oder hatte sie nicht mitbekommen, wie er mich mit dem Messer bedroht hatte?

„Nein Mum, dass ist nicht Dad. Er würde mir niemals ein Messer unter die Kehle halten."

„Siehst du schlecht? Das ist Erek, dein Vater und ich habe keine Ahnung von welchem Messer du sprichst. Du musst schlecht geträumt haben." Mit großen und fassungslosen Augen starrte ich sie an. Warum war mir nicht aufgefallen, dass sie bereits unter Hypnose standen? Wann war er dazu gekommen?

„Mum hier..." Zögernd zeigte ich auf den Boden wo einst das Messer gelegen hatte, doch jetzt war es weg. Einfach verschwunden.

„Mum, bitte vertrau mir.", bettelte ich und blickte zu Leandro der mir Unterstützung leisten sollte. Ich würde keine Sekunde länger zögern ihr zu verraten, woher mein Wissen kommt, aber... falls er ihn umgebracht haben sollte, will ich, dass sie meinen Vater so in Erinnerung hält wie sie ihn jetzt sieht.

„Alex du redest Schwachsinn." Sah sie nicht was hier vor sich ging oder wollte sie es einfach nicht sehen? Müsste sie nicht spätestens jetzt begriffen haben, dass das Alles hier mehr als ungewöhnlich war? Na gut gegen die Hypnose konnte sie wohl kaum etwas tun.

„Miss, wenn ich mich da einmischen darf. Sie sollten ihrer Tochter vertrauen, ich weiß selbst nicht woher sie all diese Informationen nimmt, aber bisher lag sie immer richtig." Dankend nickte ich ihm zu und hoffte meine Mutter würde sich nicht länger daran aufhalten. Sofort schweiften meine Blicke wieder zum Grafen rüber, damit ich ihn und sein Vorhaben im Auge behielt.

„Was geht dich das an? Warum bist du überhaupt hier."

„Mum lass ihn in Ruhe, er hat mir geholfen. Außerdem sollten wir hier jetzt schleunigst verschwinden, bevor er sich das anders überlegt.", schlug ich überzeugt vor und machte eine kleine Kopfbewegung zum Grafen hin. Belustigt verfolgte er das Geschehen und malte sich wohl möglich aus, was er mit uns anstellen könnte."

„Aber Liebling, wer hat denn gesagt, dass ich euch gehen lasse?" Mit zusammengekniffenen und finsteren Augen schaute ich ihm böse entgegen und hoffte ihn auf irgendeine Weise damit einschüchtern zu können, auch wenn das natürlich völliger Unsinn war. Er hatte die Hypnose gebrochen und Mum's starre Augen wurden aufmerksam.

„Lauft.", brüllte ich nur und zog mich noch näher an ihn heran, damit er nicht so schnell handeln konnte. Kaum zögerlich, schnappte sie sich Mia und rannte mit Tom an der Hand auf die Tür zu. Eine kleine Handbewegung des Grafen's genügte und mit einem Mal viel die Tür schwungvoll ins Schloss. Erschrocken stoppten sie vor der Tür und drehten sich verwundert zu uns um.

„Wie hat er das gemacht?", schrie sie panisch und stellte sich schützend vor Tom und Mia. Jetzt musste sie mir glauben und jetzt würde sie wohl alles dafür tun, um ihre Kinder vor ihm beschützen zu können.

„Wenn ich sie gehen lasse, was kriege ich denn dann?", lachte er und schlang seinen Arm um mich, sodass ich mich kaum bewegen konnte.

„Was willst du denn für sie haben?"

„Dich." Mich? Mich wollte er haben? Wofür? Als Sklavin, als Dienstmädchen, was fehlte ihm noch in seiner Sammlung? Oder wollte er mich, weil ich ihn an Jemanden erinnerte? Wollte er mich auch einfrieren und zu seinen Trophäen stellen? Aber warum das alles? Warum ließ er uns nicht einfach die Drecksarbeit machen? Hätte er uns nicht auftragen können, alle Amulette für ihn zu besorgen? War nicht das was er wollte?

„Nimm mich, du kannst alles mit mir anstellen, nur lass' meine Kinder in Frieden!", schrie Mum außer sich vor Sorge. Ich bewunderte sie für ihre Selbstlosigkeit. Natürlich war es für eine Mutter wohl das Schlimmste, die eigenen Kinder sterben oder gefangen zu sehen, aber sich selbst dafür zu opfern? Vielleicht aber wusste sie auch nicht, zu was er im Stande war. Ich bezweifelte stark, ob ich es überhaupt selbst wusste.

„Nein, dich will ich nicht, du bist genauso normal wie all die anderen." lachte er mit seiner tiefen und schweren Stimme, die uns alle zum erschaudern brachte.

„Und warum will du mich? Bin ich nicht auch so normal wie alle anderen?"

„Normal? Du? Nicht im Geringsten. Du bist faszinierend."

„Und was soll mit mir passieren? Soll ich auch wie all die anderen Mädchen eingefroren werden?"

„Oh ja darüber habe ich nachgedacht, aber dafür bist du mir zu schade."

„Und was dann? Wofür willst du mich haben?"

„Du könntest bei mir wohnen und mir in meinem Schloss Gesellschaft leisten. Du musst wissen, es kann ganz schön einsam dort werden, wenn all meine Bediensteten in Urlaub sind."

„Du willst das ich nur bei dir wohne und sonst nichts?"

„Freiwillig natürlich."

„Freiwillig also? Nun gut, fangen wir damit an, das du mich los lässt, dass versteh ich zumindest unter Freiwilligkeit.", schlug ich vor und riss mich von ihm los, als er den Druck an meinem Handgelenk lockerte.

„Schließ- die Tür auf."

„Erst wenn du mir versprochen hast, dass du eine Ewigkeit bleiben wirst, bis zu meinem Tod. Ohne Tricks und Schummelleien." Lächelnd streckte er mir seine Hand hin und wartete darauf, dass ich einschlug. Ich spürte die Spannung in diesem Raum. Könnte ich ihm vertrauen? Würde er wirklich meine Familie in Ruhe lassen?... Nein natürlich konnte ich ihm nicht vertrauen, aber welche Wahl hatte ich schon. Die Tür war zu und einen anderen Ausweg gab es nicht.

Und selbst wenn wir versuchen würden zu fliehen, wäre es sinnlos, irgendjemand würde zwangsläufig auf der Strecke bleiben.

„Alexandra, dass ist mein erstes und letztes Angebot, wenn du schlau bist nimmst du es an." Zögernd blickte ich ihm entgegen, dass wäre wohl das selbst loseste was ich jemals in meinem Leben tun würde, aber war ich überhaupt so selbstlos? Ich schaute zu Mum, die betete ich würde mich hinter meiner Angst verstecken. Leandro, der das Gleiche tat, aber Niemand traute sich etwas zu sagen.

Grünbrauen Augen blitzten mir hoffnungsvoll entgegen.

„Schau mich nicht so an, ich bin kein Monster, Liebling. Jeder hat Gründe warum er so ist wie er nun mal ist und ich habe gelernt, dass Angriff die beste Verteidigung ist."

„Schwachsinn, wärst du nicht so grausam, hättest du vielleicht mehr Freude.", entgegnete ich kalt und hoffte er würde endlich seine Hand runter nehmen, damit ich nicht einmal mehr die Chance hatte auf den Deal einzugehen. Ich wollte nicht in Gefangenschaft leben, ich wollte nicht selbstlos sein. Alle retten und dafür ein einsames Leben im Nirgendwo führen. Ich wollte frei und ohne Verantwortung leben. Auch wenn ich mir wahrscheinlich für immer Vorwürfe machen würde, konnte ich auf den Deal nicht eingehen. Ich konnte mein Leben einfach nicht für das anderer opfern. Ich musste wohl damit leben, dass diese Einstellung mich zu einem schlechten Menschen machen würde.

„Tochter, ich frage dich ein letztes Mal, kommst du zu mir oder soll ich euch alle einfrieren?", lachte er, doch einen Hauch von Ernst und Angst, konnte ich trotz des Versuches, es übertönen zu können, heraushören. Ich war gerade davor zu schreien, dass ich nicht seine Tochter sei, dann aber blickte ich in die ängstlichen Gesichter von Tom und Mia. Unbeholfen wagten sie kurze Blicke hinter den Beinen meiner Mutter hervor und hofften, niemand würde sie entdecken.

Und dann schaute ich in ihre Augen. Glasig vor Angst um ihre Kinder. Eine Mutter sollte niemals sehen, wie ihre Kinder sterben.

Ich musste auf diesen Deal eingehen, ich durfte ihn nicht ablehnen. Ich weiß nicht woher meine Entschlossenheit kam, aber ich trat noch näher an ihn heran, reichte ihm meine Hand und blickte überzeugt in seine Augen.

„Ja ich stimmte dem Deal zu und ich verspreche mich an seine Regeln zu halten.", brachte ich knapp über meine bebenden Lippen hervor und war fast erleichtert, als ich realisierte, dass es nun kein Zurück mehr gab.

Sein Grinsen wurde breiter und er zog mich in seine Arme. Ein vorher nie dagewesene Kraft, presste mich an ihn, sodass ich Angst bekam ersticken zu können. Hilfesuchend schaute ich mich nach Leandro um und hoffte er hätte eine rettende Idee, die mich aus dieser ausweglosen Lage befreien könnte. Hatte er sich etwa verpisst? Mich und meine Familie alleine gelassen, um sich selbst den Arsch zu retten? Ich fasse es nicht, wie konnte man nur so feige sein?

Ich wagte einen letzten Blick zu Mum, die mich mit großen Augen anstarrte und einen hysterischen Schrei losließ. Ob sie wusste, dass das ein versprechen fürs Leben war?

Mein Gedankengang war noch nicht einmal zu Ende gewesen, da wurde sein fester Griff lockerer und er ganz schwer in meinen Armen. Erschrocken und Fluchtgedanken nah, schritt ich zurück und sah zu, wie er unsanft zu Boden viel. Hinter ihm stand Leandro der seine blutverschmierte Hand geschockt betrachtete.

Stöhnend wandte sich der Graf auf dem Boden hin und her. Erst da entdeckte ich das silberne Messer in seinem Hals. Blut rann an ihm herunter und blieb schließlich dickflüssig an seinem Schlüsselbein kleben. Der Körper, der einst meinem Vater gehört hatte, verschwand und stattdessen verwandelte sich die Person vor unseren Füßen langsam in den abscheulichen Grafen.

Er musste furchtbare Qualen durchlebt haben. Seine Augen begannen sich feuerrot zu färben und seine Augen kniff er energisch zu.

Er rang mit sich selbst, keinen Schrei loszulassen, doch letztendlich gewann der Schmerz und er brüllte das ganze Gewölbe zusammen. Ich betrachtete seinen sich windenden Körper und schreckte vor dieser Grausamkeit zurück. Hatte er so einen Tod überhaupt verdient? Eigentlich sah er nicht besonders furchteinflößend aus. Er war vielleicht recht hoch gewachsen, dafür aber sehr schmächtig und zierlich. Seine Haut war bereits faltig und unter seinen Augen lagen dunkle Schatten.

Untätig starrten wir ihn alle an, bis er schließlich aufhörte zu atmen und das Blut nicht mehr floss. Seine Augen begannen glasig zu werden und alles was ihn je ausgemacht hatte, verschwand mit einem Mal.

Bedrohliche Schritte weckten uns aus der Starre und ließen uns unruhig werden. Panisch griff Mum an die Türklinke und versuchte sie herunterzudrücken. Doch auch nach etlichen Versuchen blieb sie erfolglos.

„Was jetzt?", quietschte sie besorgt und lief wie eine Verrückte durch den Raum.

Als hätte sie alles mitbekommen, tauchte das Geistermädchen im richtigen Moment auf. Flink krabbelte sie auf den Tisch in der Ecke und deutete auf einem Lüftungsschacht darüber. So schnell wie sie aufgetaucht war, verschwand sie auch wieder. Nicht einmal ein Wimpernschlag war vergangen, ehe sie sich in Luft aufgelöst hatte.

Ich zögerte nicht lange, bis ich mich auch auf den Tisch schwang und an dem Lüftungsschacht herumwerkelte. Einen Knappen Meter über dem Tisch hing es, sodass ich das Gitter bequem einschlagen konnte. Die schweren Schritte wurden immer lauter und schneller, als wäre die Person gleich nebenan. Ich wusste nicht wer es war, ich hatte nur das Gefühl, dass diese Person uns unnötige Schwierigkeiten bereiten würde. Also überlegte ich nicht lange und hievte mich in den kleinen Schacht. Der Rest machte es mir nach, nur Leandro ließ sich viel zu lange Zeit.

„Leandro, was machst du denn da solange?"

„Warte ich hab's gleich.", schnaufte er nur und kam dann einen Augenblick später auch zu uns rein gekrabbelt. Vorsichtig befestigte er das Gitter wieder, um alle Spuren zu verwischen.

„Was hast du denn da unten gesucht?", flüsterte ich über die anderen Köpfe hinweg.

„Ich habe mir die geklauten Amulette wieder geholt. Eins der Werwölfe, zwei von den Penulatas und unseres, die anderen konnte ich leider nicht finden."

„Werwölfe?", fragte Mum verwirrt, doch noch bevor Jemand von uns antworten konnte, wurde die Tür wütend aufgeschlagen und nur ein verzweifeltes Stöhnen war zu hören. Wer machte sich denn bitte um den Grafen Sorgen? Hatte ich etwas verpasst? Ich dachte alle in diesem kleinen, verlassenen Örtchen würden ihn loswerden wollen?

Mit großen Augen blickte Leandro uns alle an und hielt sich angestrengt den Finger vor den Mund. Genervt winkte ich ab. Was dachte er denn? Das ich lauthals losbrülle? Schleichend krabbelten wir den immer dünner werdenden Gang entlang. Die Luft war stickig und machte es viel schwerer sich durch diesen dünnen Schacht zu quälen, zumal ich volle und enge Ort üblicher Weise mied. Aber jetzt hatten wir keine Zeit für Ängste und Sorgen.

Schlucken und sich durchkämpfen, richtig?

Wir brauchten nicht lange, bis wir das Ende des Schachts erreichten. Mit den Füßen zuerst, robbte ich an das goldene, verschnörkelte Gitter heran und stieß es mit voller Wucht zu Boden. Das schwere Gitter viel mit voller Geschwindigkeit zu Boden und hinterließ ein lautes Scheppern. Beschämt zog ich die Schultern hoch und blickte in Leandro's strafendes Gesicht.

Vorsichtig ließ ich meine Beine den steilen Abhang, aus Stein, hinunterbaumeln und sprang schließlich ohne über die folgenden Konsequenzen nachzudenken. Trotz der ziemlich großen Höhe, war der Aufprall sanfter als erwartet und ich kam ungewohnt gut auf meinen Füßen auf. Trotzdem zog sich in mir alles zusammen und genau in diesem Moment viel mir mein knurrender Magen auf. Keine Ahnung wie lange ich bewusstlos gewesen war, aber meine letzte Mahlzeit muss wohl etliche Stunden her sein.

Ich machte Platz, damit auch der Rest springe konnte. Tom und Mia fing ich weniger elegant auf und Mum und Leandro kamen ebenfalls unversehrt unten an. Ich versuchte mich zu orientieren, aber der kalte, graue und triste Gang sah nicht allzu anders aus, als der, von wo wir gekommen waren. Obwohl es hier keine Fenster gab, waren die Gänge schummrig beleuchtet und die Fackeln erloschen. Ich prüfte die Decke nach Lampen ab, doch auch dort blieb ich erfolglos. Da der Gang nur in eine Richtung verlief, schlug ich diese wie selbstverständlich ein und hoffte, dass die anderen dachten, dass wenigstens irgendwer hier einen Plan hatte.

Wenn wir nur die Wand von der wir gekommen waren, finden würden, dann wäre das Alles hier weitaus nicht so kompliziert. Ich atmete die kühle Luft ein, die von den steinernen Wänden abgegeben wurde und blieb erst wieder an einer Kreuzung stehen. Sie verlief in alle Richtungen und ich bekam das Gefühl, dass es die Selbe war, von der wir vorhin gekommen waren. Jetzt blieb nur noch die Frage offen, aus welcher dieser drei Richtungen wir gekommen waren.

„Leandro weißt du noch aus welcher Richtung wir gekommen sind?", fragte ich kleinlaut und hoffte alle könnten darüber hinwegsehen, dass auch ich die Orientierung längst verloren hatte.

Er nahm die linke Abzweigung und lief sie ein paar Meter runter, bis er wieder stehen blieb und zu uns zurück kam."

„Wir müssen gerade aus.", stellte er flüsternd fest und lief vor.

„Woher..."

„Wir sind vorhin rechts abgebogen und dieser Gang führt zu der Eisentür und dem Grafen, der nun hoffentlich immer noch in der Ecke herumgammelt.", sagte er stolz und lief in einem schnellen Tempo vor, sodass Mum und meine Geschwister Probleme bekamen ihm folgen zu können. Zum Glück war dieser Gang nicht allzu lang und wir kamen schneller als gedacht zur Sackgasse.

„War wohl doch nicht richtig?", meldete sich Mum und wollte mit Mia auf dem Arm gleich wieder umdrehen.

„Nein Mum, wir sind schon richtig." Sorgsam zog ich sie an ihrem grünen Pulli wieder zu uns zurück und trat näher an die kalte Backsteinwand heran.

„Okay und wie machen wir das jetzt?"

„Ich würde sagen ich springe mit Tom und du mit deiner Mum und dem kleinen Mäuschen dort."

Nickend nahm ich meine Mum an die Hand und hievte mir Mia auf meinen rechten Arm. Oh Gott wie sollte ich mit ihrem Gewicht jemals über die Treppe springen? Egal irgendwie musste ich es schaffen, meiner Mum konnte ich es jeden Falls kaum zumuten, immerhin musste sie sich erst mal dazu durchringen, wie eine verrückt Gewordene, durch eine Wand springen zu wollen.

„Okay Mum, auch wenn sich das völlig Irre anhört, es funktioniert. Du bekommst deine Antworten später, aber jetzt müssen wir hier erst mal weg. Denn ich glaube nicht, dass unser Verfolger so gut auf uns zu sprechen sein wird."

„Schön wenn du meinst und wo genau willst du lang? Ich sehe hier jedenfalls nur eine idiotische Sackgasse." Ich musste mir verkneifen, sie auf ihre Wortwahl hinzuweisen. Immerhin waren Mia und Tom auch dabei, aber das war wohl auch nicht mein Recht, zumal sonst sie Diejenige gewesen war, die mich auf meine schlechte Sprach hingewiesen hatte.

„Na ja die Sackgasse hat ein kleines Schlupfloch. Hinter dieser Wand befindet sich das Gemälde des Grafen's und das... ist so eine Art, übernatürliches Portal. Es funktioniert und hin und zurück, nur dass man zurück nirgendwo anders, als im Flur des Hotels landen kann." Ich machte mir keine großen Hoffnungen, dass meine Mum mir auch nur eine Sekunde lang glauben würde.

Ihr Gesicht sprach Bände. Mit kritisch hochgezogener Augenbraue und zweifelndem Kneistern der Augen, musterte sie mich und fragte sich gerade wohl, ob ich nicht völlig den Verstand verloren hatte.

„Okay Alex ich muss zugeben, dass was dein... was der Graf mit der Tür angestellt hat ist mir ein Rätsel, aber deshalb werde ich noch lange nicht gegen eine Wand springen."

Die dumpfen Schritte, die wir eine Weile schon nicht mehr gehört hatten, waren ganz leise zu hören und hinterließen ein dumpfes Schallen in den leeren Gängen. Er musste uns gehört haben und jetzt würde er uns die Köpfe abreißen wollen.

„Mum was soll schon passieren? Mehr als das wir falsch liegen kann schließlich kaum passieren. Hörst du das? Er hat uns bereits gehört und er ist auf dem Weg. Also entweder du springst über deinen eigenen Schatten uns versuchst das Unmögliche oder er holt uns ein. Wer weiß was er mit uns vor hat, wer er überhaupt ist."

Ich sah in ihren Augen, dass sie diese Möglichkeit für einen Augenblick in Betracht zog. Doch dann erinnerte sie sich wohl wieder daran dass es völlig unmöglich erschien und sie schüttelte entschlossen den Kopf.

„Miss, ich bin dort mit ihrer Tochter zusammen durch gesprungen, sonst wären wir gar nicht hier. Ich kann es nicht verantworten ihre Tochter hier zulassen. Also entweder sie kommen mit oder wir gehen alleine.", sagte Leandro hart und nahm mich an die Hand. Was sprach er eigentlich so hochsprachlich und vornehm? Wollte er die Gelegenheit gleich nutzen und sich bei meiner Mutter einschleimen? Ich hatte kaum Hoffnung, dass seine Wort überhaupt etwas bezweckt hätten, aber wie durch ein Wunder ließ sie sich zögernd umstimmen und war auf einmal bereit, gegen alle ihre Prinzipien zu verstoßen.

Sie hatte noch nie an das Übernatürliche geglaubt, ihr waren Fakten und Wissenschaft die unserem Verstand nicht zu hoch waren, deutlich lieber als Mythen und Spekulationen.

„Und Mum es ist wichtig, dass du so hoch wie möglich springst. Du darfst auf keinen Fall zögern, ansonsten schaffst du's nicht über das Geländer."

Die Angst stand ihr ins Gesicht geschrieben und ich konnte es Tom und ihr wohl kaum verdenken. Ich hatte wohl den leichtesten Part von allen. Immerhin war ich schon mehrere Male gesprungen und das hin und zurück. Trotzdem hatte ich Bange sie würden zu lange zögern und es nicht über das Geländer schaffen.

„Okay das hört sich alles andere als leicht an, aber wir haben wohl wirklich keine andere Wahl. Alex tu mir bitte den Gefallen und gib mir Mia.", forderte sie und hielt mir ihre ausgestreckten Arme hin, damit ich ihr Mia gab. Ich war mit diesem Vorschlag eigentlich nicht zufrieden, aber wenn sie sich schon auf diesen Sprung einließ, dann könnte ich ihr Mia bestimmt nicht vorenthalten. Widerwillig schwang ich Mia auf ihre Arme und griff nach ihrer noch freien Hand.

„So und du Großer kommst zu mir." Grinsend hielt Leandro meinem Bruder seine Hand hin und wartete, dass er sie entgegen nahm.

„Nö nicht mit dir.", rief er mürrisch und verschränkte stur die Arme vor der Brust.

„Was soll das heißen?"

„Ich will nicht mit dir durch diese Wand springen, ich vertrau dir nicht."

„Tom!", brüllten Mum und ich gleichzeitig, als wir hörten wie die Schritte näher kamen.

„Komm schon, die Mädels sind nicht so mutig, wir müssen denen erst mal zeigen wie echte Männer das machen.", schmunzelte er und griff nach Tom's Hand. Schwachsinn, das hatte überhaupt nichts mit dem Geschlecht zu tun. Aber ich mischte mich nicht ein, denn seine Worte schienen Früchte zu tragen.

Tom brauchte nicht lange, bis er von Leandro's Worten überzeugt war und willigte schließlich selbstbewusst ein.

Mit Anlauf ließen wir sie durch die Wand springen, wobei Mum's verkrampfte Hand sich erst wieder lockerte, als sie erkannte, dass ihr Kind nicht gerade gegen eine Wand gesprungen war.

„Okay Mum, jetzt wir. Du hast gesehen, dass es funktioniert, als gibt es keinen Grund zur Sorge.", versuchte ich sie zu beruhigen und machte mich auf den Sprung bereit.

Bei drei sprangen wir gleichzeitig ab, doch schon im Flug, spürte ich, dass sie etwas weiter zurück lag. Erinnerungen flogen sachte an mir vorbei und ich versuchte sie krampfhaft zu ignorieren, damit ich die Landung nicht verpasste. Im Augenwinkel erkannte ich die Familie wieder, der ich bei meinem ersten Flug auch begegnet war.

Vielleicht war das der Moment an dem ich mich an einen Zusammenhang erinnern könnte. Ich wagte einen knappen Blick dort hin, doch schon im nächsten Moment verließ mich die Kühle der dunklen Gänge und mein Körper wurde in angenehme Wärme gehüllt. Mit rudernden Armen kam ich knapp über dem Geländer an und landete mit einem lauten Rums auf den Treppenstufen. Erleichterung machte sich in breit, als ich bemerkte dass Leandro und Tom unversehrt vor mir standen und mir hoch halfen.

Erleichtert viel mir Tom in die Arme. Seine kalten und verschwitzten Finger bohrten sich in mein Hüfte. Was er wohl alles mit ihnen angestellt hatte? Ob er sie wohl gequält hatte? Ich senkte den Kopf und blickte in Tom's zerkratztes Gesicht. Blaue Flecke schimmerten unter seiner dunklen Haut hervor und blutige Schrammen lagen auf seinen Wangen.

Sachte löste ich mich aus seiner Umarmung und wandte mich zu Leandro um, der seine Erleichterung kaum verstecken konnte.

Mit einem lauten Grummeln machte sich mein unerträglicher Hunger wieder bemerkbar und ich spürte wie er an mir zu nagen begann.

Ein Schrei riss mich aus meinem Selbstmitleid und ließ mich für einen Moment erstarren. Verzweifelt versuchte sich eine Hand am Geländer festzukrallen, die immer wieder kurz davor war abzurutschen. Ich warf Leandro einen auffordernden Blick zu, aber der schien in Schockstarre versetzt zu sein.

„Alex!"

Ich löste mich aus dieser Starre und rannte auf Mum zu, die krampfhaft versuchte Mia über das Geländer zu befördern.

„Hier nimm deine Schwester.", forderte sie mich auf und hievte sie mit mir zusammen auf den sicheren Boden. Ich wandte mich nur einen Augenblick von ihr ab, um Mia sicher Leandro zu übergeben. Doch als ich mich wieder zu ihr wagte, klammerten ihre schmalen Finger nicht mehr am Geländer und meinen Mum war wie aus Zauberhand verschwunden.


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