Ein Funken Wahrheit

Schleppend überwand sich das Messer, mir den Gefallen zu tun und in die Luft zu gleiten. Ein Lächeln huschte über meine Lippen, das ich nicht vermeiden konnte. Wacklig begab es sich in die Höhe und visierte mit mehreren Schlenkern den Baum an. Es war nicht einmal annähernd so zackig wie Leandro's und flog mit eigenartigen Kurven, vorsichtig auf den Baum zu. Kurz davor verlor ich die Kontrolle über das Teil und die Spitze streifte die Rinde nur etwas, ehe es zu Boden fiel.

„Nicht schlecht für den Anfang.", rief mir Leandro entgegen, schritt auf das Messer zu und hob es vom Boden auf. Das Andere zog er mit einer Leichtigkeit aus der Rinde und gab sie mir Beide.

„Na los, versuch es nochmal."

„Wenn du meinst und wie kriege ich so eine Zielsicherheit hin? Und die Geschwindigkeit?"

„Du bewegst deine Hände nur langsam, wenn du es vom Boden holen willst. Die Zielsicherheit und auch Geschwindigkeit, kannst du nur mit einer kurzen Bewegung erzielen. Halte dir die Flugbahn, des Messers, direkt vor Augen und dann genügt eine kräftige und ruckartige Bewegung, um die Klinge direkt in das Holz zu befördern."

Angetrieben von Ehrgeiz und Stolz, ließ ich mich auf einen weiteren Versuch ein. Erneut legte ich all meine Energie in dieses Messer, bis es sich schließlich in die Luft bewegte. Dort ließ ich es nicht lange verharren. Stattdessen rief ich mir die Fluglinie in Erinnerung und ließ es schließlich ohne lange zu zögern, direkt auf den Baum zu preschen. Knapp neben Leandro's Einstrich, bohrte sich die Spitze des Messer's in die Rinde, bis nur noch der Griff hervorschimmerte. Gerade als ich mich dem zweiten Messer zu wenden wollte, begann der Baum plötzlich laut zu knarren und spaltete sich in zwei Teile. Wie angewurzelt starrte ich dem fallendem Baum entgegen und hielt die Luft an, als die Baumspitze direkt vor meinen Füßen landete,... nun gut ein Teil der Baumkrone.

„Scheiße.", brachte ich erstaunt hervor und schluckte.

„Ist das normal?"

„Keine Ahnung.", entgegnete mir Leandro mit großen Augen und zog mich weg von dem Teil. Vorsichtig wagte er sich an den entzweiten Baum heran und griff sich die Messer, die kurz darauf wieder hinter seinem Gürtel verschwanden.

„Ich hoffe doch wohl." Angeberisch grinste ich ihm entgegen und stemmte meine Hände in die Hüfte.

„Du brauchst gar nicht so schauen.", fluchte Leandro laut und rückte seine Hose zurecht.

„Warum?"

„Ich habe die Vorarbeit geleistet."

„Ja natürlich, so wird es gewesen sein."

„Ist ja gut. Ich muss mir wohl eingestehen, dass du mittlerweile schon besser bist als ich.", murmelte er leise vor sich hin und entfernte sich immer weiter vom Baum.

„Na super."

„Lass uns zurück gehen.", schlug er unsicher vor und wollte sich gerade auf den Heimweg machen, als ich ihn wieder zurück zog.

„Wie zurück? Wenn wir schon dabei sind,... dann kannst du mir auch noch etwas Anderes zeigen.", schlug ich hastig vor und ließ wieder von ihm ab.

„Woher die plötzliche Motivation?" Das war eine gute Frage. Sein Versuch hatte wohl funktioniert, die düsteren Gedanken an meinen Vater waren verschwunden und stattdessen überkam mich immer mehr Wissensdurst. Auch die Wut war verschwunden und anstatt ihrer kam ein leichtes Gefühl der Glückseligkeit zum Vorschein.

„Weiß nicht, aber was willst du denn dort machen?"

„Ach mir würde schon was einfallen, ich muss mich von ner großen Menge verabschieden, außerdem..."

„Ist ja gut, nur noch eine Sache?", bettelte ich und griff nach seinen Händen. Erwartungsvoll schaute ich ihn in die Augen und hoffte er könnte meine Bitte nicht ablehnen.

„Hm, aber nur noch eine Sache!" Ich nickte und ließ seine Hände wieder los, als ich versuchte meine Haare aus dem Gesicht zu streifen.

„Und was soll es dieses Mal sein?"

„Keine Ahnung, also ich hätte nichts dagegen dieses renn- Dingsda zu üben."

„Ich dachte das hast du raus?"

„Ja geht so."

Nach und nach verriet er mehr und mehr Tricks, die es immer leichter machten. Zusammen rasten wir durch den Wald und machten uns einen Spaß daraus, ein Wettrennen zu veranstalten. Auch wenn er versuchte Alles zu geben, gewann ich viele unserer Rennen. Doch sein verschmitztes Grinsen, ließ mich zweifeln, ob er mich nicht gewinnen ließ.

Ein paar Mal durfte ich Messerwerfen üben und spaltete nicht gleich den ganzen Baum in zwei Hälften. Das Üben machte mich immer glücklicher, sodass ich zum Ende hin, mein Lächeln gar nicht mehr verstecken musste. Albern torkelten wir durch den Wald und vergaßen die Zeit. Nachdem wir plötzlich am Meer gelandet waren, wagte ich doch einen knappen Blick auf seine Uhr.

„Siebzehn Uhr.", brachte ich erschrocken hervor und schlug den Heimweg ein.

„Ach verdammt! Du hast mich abgelenkt."

„Ich? Wer wollte denn noch ein Rennen, um seinen Stolz zu behalten?"

„Du bist trotzdem schuld.", murmelte er Augen rollend und verschwand in Windeseile im finsteren Wald. Ich tat es ihm gleich und so stürmten wir direkt auf die Anlage der Penulatas zu.

Ich quälte mich dieses mal nicht weniger schwer die Treppen runter und war heil froh, als wir unten ohne weitere Unfälle ankamen. Lachend schlenderten wir durch die langen Fluren, wobei ich zwei kleine Mädchen aus versehen anrempelte.

„Sorry.", murmelte ich vor mich hin und ließ mich nicht lange aufhalten.

„Sag mal geht's noch?", hallte eine piepsige Stimme die leeren Flure entlang und brachte mich zum Stehen.

„Wie bitte?"

„Spinnst du? Du hast mich fast zum Fallen gebracht.", zischte das blonde Mädchen empört und kam auf uns zu stolziert. Verärgerte, braune Augen funkelten mich böse an. Die Andere machte es nach und so standen uns schließlich zwei kleine Gören vor der Nase, die uns die letzten Nerven rauben wollten.

„Sag mal wie redest du mit mir? Hast du keinen Anstand?"

„Ich schon, du aber anscheinend nicht. Immerhin konnte ich keine Entschuldigung hören."

„Dann bist du wohl taub.", lachte ich und zog Leandro weiter. Ein Klirrendes Geräusch riss mich aus dem Kopfschütteln und brachte uns zum Stehen. Ein Blumentopf aus Ton war gerade, vor unseren Füßen, zu Boden geschmettert. Der Pflanze konnte es herzlich egal sein, immerhin war sie schon völlig vertrocknet. Die ganze Erde lag nun verstreut auf dem Boden und verursachte ein riesiges Chaos.

Ich drehte mich zu den kichernden Mädchen um und hielt die Luft einen Moment lang an.

„Was fällt euch ein!", rief ich fassungslos und stürmte wütend auf die Beiden zu. Wer hatte denen nur Manieren beigebracht? Zumindest konnte das nur Jemand ohne Ahnung gewesen sein.

„Ups, wie sieht's jetzt mit einer Entschuldigung aus?"

„Von euch wäre das eher angebracht."

„Niemals du bist in mich rein gerannt."

„Ihr seid ganz schön frech." Beschwerte ich mich und stemmte die Hände in die Hüften, um wenigstens etwas Autorität vortäuschen zu können. Das die Andere eigentlich nur ein Mitläufer war, ignorierte ich, immerhin hätte sie ihre Freundin stoppen können.

„Du hast uns gar nichts zu sagen." Gerade als ich versuchte mich dagegen zu währen, kam Melonie, wie gerufen, um die Ecke gedüst und musterte uns mit hochgezogener Augenbraue.

„Was ist hier los."

„Nichts.", meldete sich Leandro zu Wort und sammelte die Scherben vom Boden auf.

„Ach jetzt kannst du dich einmischen ja?"

„Das böse Mädchen, hat uns in die Blume geschubst. Wir wollten sie nicht kaputt machen.", ergriff die schlankere das Wort und lief mit zusammengekniffenen Augen auf Melonie zu.

„Wir wollten das nicht.", riefen sie im Chor und vielen Melonie in die Arme. Mir klappte die Kinnlade runter. Sie logen nicht zum Ersten mal, das stand fest! Wie konnte man nur so dreist sein? Und Melonie schien ihnen auch noch zu glauben, immerhin warf sie uns mahnende Blicke zu.

„Was reden die da? Ich habe nichts gemacht...", fing ich an, doch Melonie unterbracht mich. Bestimmend stemmte sie die Hände in die Hüfte und stellte sich mir gegenüber, um ihre Autorität auf mich auszuüben. Sie ist die Leitung, reiß dich zusammen. Erinnerte ich mich und presste die Lippen aufeinander, um ungewollte Worte vermeiden zu können.

„Ist das war Mädchen?" Nachdem sie sich kurze Blicke zugeworfen hatten, nickten sie und wandten sich wieder zu uns.

„Ihr werdet das hier sauber machen.", befahl sie und ging mit den Mädchen an den Händen fort.

„Was? Das kannst du vergessen.", schrie ich und hoffte damit irgendetwas bezwecken zu können, aber Melonies's Entschluss stand fest. Sie bog um die Ecke und konnte mich nun sicherlich nicht mehr hören.

„Melonie!"

„Alex, lass es sein. Das bringt doch nichts."

„Ach jetzt hast du deine Sprache wieder gefunden, ja? Du hättest mich auch verteidigen können.", zischte ich und half schließlich die Scherben aufzusammeln.

„Ich kann die Hexen sowieso nicht leiden, mit denen zu diskutieren, ist aussichtslos."

„Na klar, vielen Dank für deine Unterstützung."

„Hey, sei mir nicht böse, aber könntest du hier weiter machen? Ich hab' noch was zu erledigen." Bevor ich auch nur antworten konnte, war er längst verschwunden. Feiges Huhn und so Jemand nennt sich meinen Freund, was Besseres hätte ich kaum kriegen können. Kopfschüttelnd entfernte ich den Rest der Scherben und verbrachte dann eine dreiviertel Stunde damit, etwas zum Auffegen zu finden. Jetzt wo ich mich nach Gesellschaft sehnte, schienen alle wie verschollen. Nicht einmal Laureen lief mir über den Weg. Irgendwann traf ich auf einen bärtigen Mann, der mich zu Handfeger und Müllschippe führte und mir schließlich sogar beim sauber machen half. Da ich gerade keine Lust auf Smalltalk hatte, bedankte ich mich nur kurz und verschwand dann in unserem Zimmer.

Dort angekommen warf ich einen kurzen Blick auf mein Handy, doch das Akku hatte sich längst verabschiedet und ich rief mir in Erinnerung, welche Vorteile eine Armbanduhr doch hatte. Und was sollte ich jetzt machen? Leandro hatte mich ohne erklärende Worte alleine gelassen und Hunger verspürte ich erst gar nicht. Nachdenklich verließ ich das Zimmer wieder und machte mich auf den Weg in eine unbekannte Richtung. Bisher kannte ich nur die rechte Seite von unserem Zimmer aus und wurde so neugierig auf die Andere.

Verträumt drängelte ich mich durch die Massen und versuchte dabei den Blickkontakt zu vermeiden. Immerhin wollte ich in diesen Massen nicht alle Aufmerksamkeit auf mich ziehen, schließlich sollten sie nicht merken, dass ich nicht so war wie sie. Warum waren die Gänge plötzlich so sehr gefüllt? Kamen sie Alle von der Arbeit oder hatte ich ein geheimes Treffen verpasst? Mein Blick blieb an einem kurzhaarigen Mann kleben. Verwirrt starrte ich in seine grünen Augen und rannte dabei direkt in einen weiteren Mann.

„Alles gut?", fragte er zuvorkommend und half mir das Gleichgewicht zu finden.

„Ja ja.Tuschhuldigung.", murmelte ich kleinlaut und drängte mich an ihm vorbei. Ich wollte wirklich jeder Aufmerksamkeit aus dem Weg gehen, wenn ich hier schon ungefragt herumschnüffelte. Ich spürte die kritischen Blicke auf mir und richtete meine Augen daher stur zu Boden.

Um nicht mit noch Jemanden zusammenzustoßen, verlangsamte ich mein Tempo und sah dabei zu, wie mich mehrere Gruppen überholten. Die Luft um uns wurde stickiger und der Flur unübersichtlich. Die Fülle gab mir das Gefühl, eingeengt und fehl am Platze zu sein. Plötzlich zog eine kleine Gasse, rechts von mir, meine Aufmerksamkeit auf sich. Um aus den Massen fliehen zu können, zwängte ich mich an zwei Frauen vorbei und lehnte schließlich, erleichtert an der Gassen Wand. Hier war der Trubel längst vorüber und ich atmete ruhig auf. Die Luft war kühler und die Enge verschwunden.

Eine Weile lehnte ich einfach an der kalten Wand und betrachtete die vorbeilaufenden Wesen. Verwundert rief ich mir die Gesichter der Männer in Erinnerung. Sie waren die Ersten gewesen, denen ich hier über den Weg gelaufen war und ich hatte mich schon gefragt, ob es überhaupt männliche Wesen dieser Art gab.

Schmunzelnd ließ ich meine Blicke über den unruhigen Flur gleiten, wobei eine Frau besonders aus der Menge stach. Verzweifelt rief sich einen Namen, den ich hier nicht verstehen konnte. Ob sie Jemanden verloren hatte? Hektisch drehte sie sich und lief nervös im Kreis.

„Amanda.", brüllte sie erleichtert und viel einem kleinen Mädchen in die Arme. Doch ihre Erleichterung hielt nicht lange an. Finstere Falten legten sich auf ihre Stirn und ihre sanfte Stimme verwandelte sich plötzlich zu etwas Erschreckenden. Vor Aller Augen machte sie die Kleine zur Schnecke und hielt ihr eine Predigt, dass sich so etwas nicht gehörte. Schließlich scheuchte sie das Mädchen völlig genervt zu mir und noch viel weiter den Flur entlang.

Unbemerkt starrte ich sie immer noch an, als sie ohne das Mädchen zurück kam und mich wütend anblaffte. Ich gab mir keine Mühe ihr überhaupt zu antworten, sondern verschwand den leeren Gang entlang.

Verwundert blieb ich am Ende stehen und ließ meine Blicke den Boden entlang schweifen. Wohin war das kleine Mädchen verschwunden? Einen Moment suchte ich den ganzen Gang, nach einer Tür oder etwas ähnlichen, ab, doch blieb erfolglos. Gerade als ich mich auf den Rückweg machen wollte, entdeckte ich eine kleine Tür am Boden der Wand. Sie verschmolz förmlich mit der weißen Wand, sodass man sie kaum erkannte. Neugierig lief ich auf sie zu und wollte wissen was sich hinter ihr befand, doch da merkte ich, dass sie mir nur knapp bis zur Hüfte ging.

„Als wäre sie nur für Kinder gemacht worden.", murmelte ich leise vor mich hin, während ich nach dem Griff angelte und die weiße Tür zur Seite schob.


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