Ein Funken Wahrheit

„Setz dich."

„Du kannst doch nicht einfach gehen ohne mir Bescheid zu sagen. Ich habe dich gesucht."

„Komm mal runter, mir war schon klar das du mich hier finden würdest, außerdem habe ich Melonie gesagt wo ich bin."

„Wo warst du überhaupt?"

„Ich bin auf Rick getroffen, er hat mir einige interessante Dinge erzählt."

„Wie bist du da hingekommen? Er wird dich dort bestimmt nicht eingeschleust haben.", brummte er und setzte sich neben mich auf den Baumstamm. Langsam lehnte ich meinen Kopf nach hinten und betrachtete den Sternenklaren Himmel. Draußen war es bereits stockfinster, aber meine Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit. Nur kalt war es. Fürchterlich kalt. Eisiger Wind wehte durch unsere Haare und brachte mich zum zittern. Ich hätte nach seiner Jacke gefragt, aber ich war Diejenige gewesen, die ihn hier her gelockt hatte, also musste ich jetzt auch die Konsequenzen dafür tragen.

„Tja das passiert halt, wenn man es nicht für nötig hält, sich um seine Freundin zu kümmern."

„Was soll das jetzt schon wieder für eine Anspielung sein?", zischte er und stöhnte genervt auf. Schon wieder? Er hatte mich doch ohne jegliche Erklärungen vor dem Scherbenhaufen sitzen lassen.

„Du hättest mir ruhig sagen können was du machst und wann du gedenkst zurück zu kommen."

„Ich habe doch gesagt, dass ich anfange mich zu verabschieden."

„Schon klar und lässt mich vor dem Scherbenhaufen zurück."

„Ist ja gut.", brummte er und stützte seine Ellenbogen auf die Knie, um seinen Kopf letztendlich in die Handflächen legen zu können.

„Egal ich wollte sowieso mit dir über etwas anderes sprechen.", begann ich und starrte ihn an, um sicher zu gehen, dass er mir auch zuhörte.

„Ach ja? Was hat er dir erzählt."

„Das vor dem du mich beschützen wolltest."

„Und das wäre?"

„Das System."

„Na blendend und lass mich raten, er hat dir auch erzählt warum wir Vampire noch viel grausamer sind, hab ich nicht Recht?" Ich schüttelte den Kopf. Nein den besten Part hat er ihm überlassen, was ich auch nur befürworten konnte. Immerhin sollte sich Leandro am besten damit auskennen und nicht Rick, der hatte schon genügend Probleme am Hals.

„Ne, eben nicht. Das mit den Vampiren sollst du mir gefälligst erklären. Ist nicht sein Gebiet, weißt du?" Ich weiß nicht wieso, aber ihn auf diese Weise zu ärgern machte mir Spaß. Vielleicht lag es daran, das ich nicht wollte, dass er mich vor Allem zu beschützen versuchte. Ich war kein kleines Kind mehr, das sich nicht zu wehren wusste. Einiges konnte ich ganz gut verkraften. Außerdem konnte ich an den meisten Sachen, doch sowieso nichts ändern. Dafür war ich viel zu unbedeutend.

„Typisch er drückt sich immer vor den schwierigen Sachen."

„Du doch auch."

„Das ist was anderes, er kennt dich nicht mal."

„Ja bei dir ist das etwas anderes, weil... du Leandro bist oder wie?"

„Vergiss es!", knurrte er, zog sein Handy aus der Jackentasche und begann auf dem Display herumzutippen.

„Na dann fang mal an, vom Schweigen wird's nicht besser."

„Er hat dir von den Kindern erzählt, richtig?"

„Hm."

„Bei uns ist das ähnlich, nur das es nicht unsere eigenen sind."

„Wie meinst du das?"

„Nun ja... also das Quertier krallt sich ab und zu ein paar Menschenkinder und nimmt sie bei sich auf. Natürlich werden diese hypnotisiert und bieten Jedem dort ihr Blut freiwillig an."

„Warum Kinder? Warum keine Erwachsenen?"

„Das klingt jetzt vielleicht eigenartig..."

„Eigenartiger kann es kaum werden.", unterbrach ich schnell und rückte etwas näher an ihn heran, um auf sein erleuchtetes Display zu starren, das mich schon die ganze Zeit blendete.

„Kinderblut ist eben leckerer, das ist das Gleiche als würde man das von Hexen oder Werwölfen trinken. Es hat fast eine berauschende Wirkung und kann unter Umständen auch süchtig machen. Die Kinder können sich glücklich schätzen, wenn sie hypnotisiert werden und dabei keine Schmerzen erleiden müssen, aber leider sind nicht alle Vampire so „nett". Ihre Schreie haben auch etwas für sich und lassen das Blut Trinken zu etwas ganz Besonderen werden."

„Was? Ist ja ekelhaft! Wieso nehmen sich hier alle das Recht, sich über die Schwächsten hermachen zu dürfen? Und dann sind es nicht mal ihre Eigenen, so etwas ekelhaftes!", brüllte ich außer mir vor Wut. Ich konnte gut nachvollziehen warum er es mir nicht erzählt hatte, trotzdem war ich froh das ich es jetzt wusste. Dann würde ich ihm nicht auf die Nerven gehen, warum er mir ihr Versteck noch nicht gezeigt hatte.

„Ja das ist wohl einer der Gründe warum ich die Vampire, von hier, für gewöhnlich meide. Ich habe keine Lust ihnen erklären zu müssen, warum wir damals abgehauen sind und ich nie zurück kam. Das Problem ist ja auch, dass man es nicht mal leugnen kann. Kaum ein Vampir kann sich für das Blut von Erwachsenen entscheiden, wenn ihn als Alternative, dass von Kindern angeboten wird. Es riecht viel besser,... es ist einfach besser. Und die Bosse im Quartier nutzen die Gier der Anderen, für ihre Geschäfte aus. Einfach widerlich, wenn man bedenkt das wir nicht mal auf Kinderblut angewiesen sind, aber mir hört dort sowieso keiner zu."

„Wo bekommen sie die eigentlich her?"

„Das Verschwinden von Kindern, kann nur selten irgendwelchen Perversen zugeschrieben werden. Die Meisten tauchen nie wieder auf, einfach weil sie die haben."

„Unglaublich und was passiert mit ihnen, wenn sie Erwachsene sind?"

„Ich weiß nicht was sie gefunden haben, aber irgendetwas lässt sie viel langsamer als gewöhnlich altern. So können sie länger von Nutzen sein. Manche bringen sie zurück, aber die Meisten versklaven sie dort, um sich die Finger nicht selbst schmutzig machen zu müssen oder um gute Unterhaltung zu bekommen."

„Und ich dachte schon schlimmer als die Penulatas es machen, kann es nicht mehr werden,... da habe ich mich wohl getäuscht.", hauchte ich und und blickte verträumt in den finsteren Wald. Jeder in seiner eigenen Welt versunken, saßen wir einfach schweigend neben einander und genossen die Stille um uns. Ich weiß nicht ob er sich genauso vor dem morgigen Tag graulte wie ich. Es war nicht einmal die Beerdigung meines Vaters, aber ich wusste genau, dass ich sie unmöglich ohne Tränen überstehen konnte.

„Ich weiß das du nicht darüber reden willst, aber... ich muss dich noch einmal fragen. Was hat dein Vater getan, dass du ihn so sehr verachten willst? Das du ihn als Monster bezeichnest?" Ich spürte wie ich nervöser wurde, entweder er würde mich volllappen, dass er nicht darüber reden will oder er würde einfach schweigen. Ich konnte ihn ja verstehen, trotzdem hatte ich das Gefühl, dass es fast meine Pflicht war ihn dazu zu drängen, über den Grund zu sprechen.

„Du hast mich also angelogen?"

„Was?", fragte ich verwirrt und wurde noch irritierte, als er zu lachen begann.

„Du hast mir damals gesagt, du hättest nicht gelauscht, also doch gelogen."

„Ach so.", brummte ich und schmunzelte so lange mit ihm, bis er das Lachen verlor und seine Ernste Miene wieder die Überhand gewann.

„Er hatte es verdient. Er hat meine Mutter und meine Schwester Lynn, im Stich gelassen. Sie einfach ihrem Schicksal überlassen." Er machte eine Pause und sah so aus, als würde er jeden Moment weitersprechen, doch nachdem eine Weile Nichts passiert war, fragte ich:

„Was genau meinst du damit?" Ich überlegte ob ich seine Hand nehmen sollte, aber letztendlich ließ ich es doch bleiben. Er machte auf mich nicht den Eindruck, als wolle er Mitleid, dafür war er einfach nicht der Typ.

„Die Werwölfe und Vampire hatten einen Angriff auf den Grafen geplant. Allen dämmerte es, dass es nicht lange dauern würde und er hätte die absolute Macht. Also wollten sie losziehen und ihn zur Strecke bringen, bevor man ihn nicht mehr aufhalten konnte. Doch meine Mutter war mit mir Schwanger und lag in den Wehen. Bei den Vampiren ist es eine Art Tradition, bei der Geburt eines angesehenen Stammbaums dabei zu sein.

Na ja und wie es kommen musste, war es genau der Zeitpunkt des Angriffs. Die Vampire haben die Werwölfe im Stich gelassen und sie ins Messer laufen lassen. Bis auf ein paar Wenige, ist Niemand zurückgekehrt. Die Überlebenden schworen Rache, sie wollten meine Familie und mich töten. Ich kann es ihnen ja nicht einmal verdenken, aber langsam sollten sie einsehen, dass wir es mehr als nur bereuen. Sie hielten ihr Versprechen und so kamen sie eines Tages, nahmen meine Mutter und Lynn mit, um sie zu verbrennen. Nathalie half mir, da sie die Rache als keine Lösung sah. Dank ihr stehe ich hier überhaupt. Meiner Mutter nahmen sie das Amulett weg und ließen letztendlich Beide in der Sonne verbrennen. Mein Vater wusste was sie vor hatten und er wusste, dass sie ihn genauso töten wollten. Also ließ er seine Familie im Stich und haute ab. Ich kann nicht nachvollziehen wie man nur so grausam sein kann, so verräterisch gegenüber seiner eigenen Familie. Nachdem all' das vorbei war. Kam er zurück und wollte sich um mich kümmern. Ich konnte es nicht verweigern, also ließ ich ihn einfach und zeigte ihm meistens die kalte Schulter. " Ich versuchte ihn aufmunternd anzulächeln, doch es ging mir nur schwer über die Lippen und wirkte bestimmt nicht sonderlich überzeugend.

Eine Weile noch lagen wir uns in den Armen und genossen die klare Sternen Nacht. Doch als ich die Kälte um mich herum schließlich nicht mehr aushielt, machten wir uns auf den Rückweg und verschwanden ohne jegliche Worte in unsere Betten. Ich hatte keine Ahnung was ich auf seine Worte antworten sollte. Sie klangen hart, aber seine Wut und Verachtung konnte ich nur zu gut nachvollziehen. Egal was ich gesagt hätte, es hätte Nichts von dem ungeschehen oder rückgängig gemacht.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war Leandro schon längst aus dem Zimmer verschwunden. Doch seine Uhr hatte er für mich liegen gelassen, die mir verriet, dass ich noch genügend Zeit bis zur Beerdigung hatte. Müde streckte ich mich und schwang mich schließlich aus dem warmen Bett. Ich suchte die schwarzen Sachen für die Beerdigung, welche mir Melonie am Tag zuvor gegeben hatte, zusammen und verschwand schleunigst im Badezimmer. Da ich über den Flur flitzen musste, war ich ganz angetan davon, dass ich Niemanden über den Weg gelaufen war. Nachdem ich die Tür hinter mir abgeschlossen hatte, ließ ich warmes Wasser in die Wanne ein. Zögernd legte ich das Amulett um meinen Hals ab und setzte mich in die angenehm, temperierte Badewannen. Ich ließ etwas Zeit verstreichen, wobei ich das Wasser vor mir einfach nur anstarrte und in Gedanken versank.

Um mich irgendwann doch dazu aufraffen zu können, das Wasser wieder zu verlassen, tauchte ich kurzerhand komplett unter. Das warme Wasser strömte über mein Gesicht und hüllte meinen kompletten Körper in angenehme Wärme. Da ich nicht gerade gut im Luft anhalten war, musste ich mich schleunigst von diesem angenehmen Gefühl verabschieden und tauchte wieder auf. Gemütlich strich ich meine Haare nach hinten und rieb das letzte Bisschen schlaf aus meinen Augen.

Mein Herz setzte für einen Moment aus und mein Atem stockte, als mir plötzlich zwei grüne Augen entgegen blitzten.

„Verfolgst du mich jetzt schon bis ins Bad?", fragte ich empört, hetzte aus der Wanne und wickelte meinen nassen Körper in ein Handtuch.

„Kannst du dich nicht wenigstens bemerkbar machen?", zischte ich und legte meine Hände aufs Gesicht, um meinen Scharm verbergen zu können. Ich runzelte die Stirn, als sie mir nach gewisser Zeit immer noch nicht geantwortet hatte. Verlegen musterte ich sie, wobei mir auffiel, dass etwas ganz und gar nicht stimmen konnte. Sie hatte dunkle Schatten unter den Augen und ihr Gesicht war ganz zu geschwollen, als hätte sie sich mehrere Stunden lange, die Seele aus dem Leib geweint. Ihre Augenlider waren schwer und ihr viel es sichtlich nicht leicht die Augen überhaupt offen zu halten. Sie hatte eine schlappe Haltung eingenommen und lehnte nun ganz lässig an der Zimmertür.

„Hey? Was ist los?", fragte ich nun in einem ganz verständnisvollen Ton und hoffte sie würde sich mir öffnen.

„N... Mir fehlt immer noch dein Name."

„Lynn."

„Lynn? Du bist Lynn?", fragte ich erschrocken und verschränkte die Arme vor der Brust. Wenn sie die Lynn war, für die ich sie hielt, dann verstand ich endlich was ich mit ihr überhaupt zu tun hatte. Das Gesicht zu Boden gerichtet nickte sie nur schwach und stöhnte einmal leise auf.

„Dann bist du seine Schwester oder?"

„Ja. Ich wollte das du es weißt. Nicht das du dich wunderst warum ich bei der Beerdigung unseres Vaters zusehe."

„Verstehe. Soll ich es Leandro sagen? Ich könnte ihm sagen, dass wenigstens du da bist?" Energisch begann sie den Kopf zu schütteln und stieß sich von der Wand weg, um näher an mich heran zu treten.

„Nein. Gerade jetzt würde es ihn nur unnötig verwirren, außerdem will ich bei der Beerdigung dabei sein."

„Okay, aber denkst du nicht, dass es für Leandro besser wäre, wenn er die Wahrheit wüsste?"

„Sicher nur nicht jetzt. Nun ist es eh zu spät, es würde nur alles durcheinander bringen."

„Aber ich darf es ihm bald sagen?" Sie nickte nur, stolzierte langsam auf die Badewanne zu und löste den Stöpsel, damit das Wasser ablaufen konnte.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich meinen Vater irgendwann überleben würde. Nun gut überleben tue ich ihn nicht wirklich, aber jetzt muss ich bei seiner Beerdigung zusehen. Das ist nicht fair, er hat es nicht verdient."

„Was ist wirklich passiert? Er hat euch nicht im Stich gelassen oder?" Sie grinste kurz, schüttelte dann sachte den Kopf und verschwand schließlich mit einem Mal. Einerseits erleichtert, andererseits verärgert zog ich mich an. Auch wenn es sie nicht besonders gestört hatte, hatte ich mich in diesem Moment sehr unbehaglich gefühlt, man platzt einfach nicht ungefragt in Badezimmer rein, vor allem dann nicht, wenn man nackt in der Badewanne liegt!

Vorsichtig testete ich den Föhn, den ich in einen der Schubfächer gefunden hatte und trocknete damit meine Haare. Wie gewohnt stellte ich mich vor den Spiegel und versuchte die Tatsache zu ignorieren, dass ich mich sowieso nicht sehen konnte.

Ebenfalls versuchte ich zu ignorieren, dass ich immer noch, nur die halbe Wahrheit kannte. Sie hatte mich einfach mit der halben Wahrheit alleine gelassen. Was konnte ich schon damit anfangen, dass es ein Missverständnis war? Das hätte ich mir selbst erschließen können, nachdem ich ihren Namen erfahren hatte. Sie schien eine Menge über mich zu wissen, also wusste sie bestimmt auch, dass ich unglaublich neugierig war und das mir ihre halben Antworten nicht im Geringsten genügten. Ich hatte ja noch nicht einmal die Sicherheit zu wissen, wann sie wieder kommen würde, immerhin tauchte sie nur dann auf, wenn sie etwas von mir wollte.

Na ja vielleicht würde sich auf der Beerdigung eine Gelegenheit ergeben, die es zu ließ, sie danach zu fragen.

„Shit!", brüllte ich, als sich ein paar meiner fast trockenen Haarsträhnen, im Ende des Föhns verfingen. Panisch, sie raus reißen zu müssen, schaltete ich ihn aus und versuchte die Strähne halbwegs unbeschadet zu befreien. Ob ich wollte oder nicht, letztendlich blieb mir nichts anderes übrig, als das letzte Stück gewaltsam abzureißen. Die Haare hatten sich bereits so oft um die eine strebe des Föhns, herum gewickelt, dass es einen Entfesselungskünstler benötigte, um sie ohne Reißen daraus zu bekommen.

Ich hatte nicht besonders Lust darauf, dass ganze Spektakel noch einmal durchleben zu müssen und ersparte mir daher das restliche Föhnen. Da es auch heute sicherlich nicht Windstill sein würde, knotete ich meine Haare einfach irgendwie zusammen und hoffte sie würden den Tag überstehen. Außerdem hatte ich die Hoffnung so etwas älter zu wirken, wenn ich mir schon keine Schminke ins Gesicht klatschen konnte. Ein letztes Mal versuchte ich mein Glück und musterte den Spiegel ganz genau, doch auch dieses Mal gab er kein Bild von mir wieder. Ich hoffe ich habe keine Pickel! Na ja bei dem düsteren Wetter, würde das doch sowieso Niemand mitbekommen, aber spätestens in Berlin, dürfte ich mir einen Vortrag von meiner besten Freundin anhören.

Wie dem auch sei, heute war kein Platz für diese Gedanken, es gab Wichtigeres womit ich meine Gehirnzellen quälen musste. Ich strich die Kleidung glatt und verließ schließlich das Zimmer. Gedankenversuchen trotte ich zum Zimmer zurück, um dort meine Schlafkleidung abzulegen und meine Tasche mit dem Nötigsten auszustatten. Mein Handy nahm ich schon aus Prinzip mit und stopfte den Rest des noch übrig gebliebenen Platzes mit belanglosen Dingen wie, Desinfektionsmittel und Lipgloss, zu. Ich schwang mir die Tasche über und verließ das Zimmer. Unschlüssig steuerte ich über die langen Flure, die Küche an. Auch wenn ich nicht das Geringste Gefühl von Hunger verspürte, musste ich langsam etwas essen. Trotz meiner zehn Stunden Schlaf, fühlte ich mich völlig schlapp und kraftlos. Wie sollte es auch anders sein? Immerhin hatte ich seid Tagen nichts Richtiges mehr gegessen. Ob sie mich anstarren würden? Wer auch immer dort sein würde, sie würden sich mit Sicherheit über meine Anwesenheit wundern, immerhin hatte ich seinen Vater nie richtig kennengelernt. Ich wusste schon jetzt, dass ich mich dort fehl am Platze fühlen würde, aber ihm zu Liebe kam ich mit.

„Du hast ja schon deine Sachen für die Beerdigung an.", riss mich plötzlich eine dunkle Stimme aus den Gedanken und brachte mich zum Stehen.

„Du doch auch.", verteidigte ich mich vor ihm und setzte mich schließlich einen Stuhl weiter weg.

„Hast du Kaffee?" Nickend sprang Leandro von seinem Stuhl auf, schnappte sich eine Tasse aus dem Schrank, goss dort etwas Kaffee ein und stellte mir die Brühe vor die Nase.

„Danke."

„Willst du etwas essen?"

„Wollen nicht unbedingt, aber müssen. Kann ich einfach Brot haben?"

„Ich glaub wir müssten noch ein paar Brötchen von gestern haben.", murmelte er nachdenklich und durchsuchte alle Schränke. Schließlich aber wurde er fündig und setzte es mir, samt Teller vor.

„Willst etwas drauf haben?"

„Keine Ahnung habt ihr Käse?" Ohne eine Antwort von sich zu geben, machte er sich an einen kleinen Schrank, der sich nicht sonderlich von den anderen schlichten, braunen, abhob und holte dort eine Packung Käse raus.

„Milch?"

„Hm." Er griff ein weiteres Mal in den Mini- Kühlschrank und stellte mir eine Packung Milch auf den Tisch.

„Gibt es auch Zucker?"

„Keine Ahnung nicht das ich wüsste."

„Egal, ich kann ihn auch ohne trinken." Mit diesen Worten setzte er sich wieder und begann lustlos an seinem trockenen Brot herumzukauern.

„Willst du auch Käse?" Er schüttelte nur den Kopf und trank dann einen kleinen Schluck seines Kaffees.

„Ist das nicht zu trocken?"

„Ne."

„Willst du dir nicht wenigstens Butter rauf machen?"

„Nein mir geht es Bestens.", beteuerte er energisch und wandte seine Blicke von mir ab.

„Aber das muss doch stauben!" Ich hörte wie er schwer ausatmete und versuchte nicht gleich etwas unkontrolliertes über den Tisch zu brüllen, doch so ganz, gelang es ihm nicht.

„Es ist doch mein Brot, wenn ich es so essen will, dann esse ich es eben so und wenn ich mir noch ein Brötchen rauf lege, ist das doch meine Sache!"

„Was ist denn jetzt schon wieder los? Ich habe doch nur gefragt."

„Ja und ich geantwortet."

„Aber wie, du musst mich ja nicht gleich zur Schnecke machen, es war nur eine einfache Frage.", zischte ich böse und biss das Erste Mal von meinem Brötchen ab.

„Ich habe ganz normal geantwortet."

„Na dann hättest du dich mal hören sollen!"

„Du redest doch auch nicht ruhig."

„Ja wenn du mich hier so anblaffst!"

„Was? Ich... ach vergiss es."

„Jetzt sei doch nicht beleidigt."

„Soll ich gehen?", fragte er plötzlich mit weit aufgerissenen Augen, war schon halb im Stehen und fuchtelte wild mit seiner Hand vor meinen Augen herum.

„Nein jetzt bleib hier, das bringt doch nichts.", gab ich nach und zog ihm am Ärmel wieder auf den Stuhl. Während ich mich erneut dazu überwand, von der ersten Hälfte meines Brötchen abzubeißen, erinnerte ich mich an das, was uns bevorstand. Ich seufzte. Heute konnte ich ihm wohl kaum einen Vorwurf für seine Laune machen, immerhin war es die Beerdigung seines Vaters, da hatte er bestimmte andere Sorgen, als den Belag seines Brotes.

„Hey war nicht so gemeint, lass uns heute nicht streiten."

„Ja ich bin einfach nicht gut drauf."

„Verständlich."

„Was soll das schon wieder heißen? Ich brauche kein Mitleid, nur damit das klar ist.", schrie er plötzlich wie aus dem Nichts, trank den Rest seines Kaffees aus und verschwand mit einem Mal von meiner Bildfläche. Erneut erinnerte ich mich an den Grund seiner Laune und nahm mir vor, ihn heute einfach so zu ertragen. Er hatte es schon schwer genug, da brauchte er heute sicherlich nicht noch einen Streit.

Andererseits war es ziemlich egoistisch von ihm. Er konnte sich wohl kaum vorstellen wie es mir dabei ging. Das ich nicht gerade in Jubelgeschrei ausbrechen würde, war wohl offensichtlich. Er hatte wenigstens die Chance sich feierlich von seinem Vater zu verabschieden. Ich hingegen hatte Nichts. Nur die Hoffnung er würde mir ebenfalls als Geist begegnen. Es war nicht mehr als nur Hoffnung, aber es war genug, um ein ansätzliches Lächeln zustande zu bekommen. Ich nahm einen vorsichtigen Schluck meines heißen Kaffees und betrachtete dann das Brötchen auf meinem Teller, mit einer Menge von Skepsis.

Mir wurde ganz schlecht bei dem Gedanken daran, ihn heute und wer weiß wie lange noch, anlügen zu müssen. Auch wenn er sich vorgenommen hatte, seinem Vater heute ganz ohne Reue gegenüber zu treten, war ich mir fast sicher, dass er das nicht ganz schaffen würde. Dafür saß seine Reue schon viel zu tief. Warum musste ich ihn anlügen, ich konnte es einfach nicht. Ich würde mir ewig Vorwürfe machen ihm das verschwiegen zu haben. Er würde sich letztendlich Vorwürfe machen, wie er seinen Vater behandelt hatte. Das war unvermeidlich, aber ich könnte ihn wenigstens heute dazu bringen das abzulegen, doch ich durfte nicht, ich hatte es ihr fest versprochen.

„Wir müssen los." Ich schreckte zusammen, als er plötzlich unerwartet wieder vor mir stand und mit seinen Blicken auf die Uhr gerichtet, mich dazu drängte, mein mittlerweile gerade mal angebissenes Brot, liegen zu lassen und aufzuspringen.



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beta
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