Ein Funken Wahrheit

Mit eiligen Schritten verließ ich das klare Wasser. Bis eben war es vollkommen ruhig gewesen, doch jetzt befanden sich hinter mir wellige Linien, die langsam über das Wasser, bis ans Ufer glitten. Der dichte Nebel wollte nicht verschwinden und verschlechterte die Sicht vor mir, aber das war kein Problem. Ich wusste wo ich war und ich kannte den Weg nun gut genug. Meine nackten Füße sprinteten über die unebenen Wurzeln und riefen in mir das Gefühl der Vertrautheit hervor. Eigenartig, wenn man bedenkt, dass es eigentlich sogar schmerzte, aber dieses Gefühl gab mir Sicherheit, die ich Zuhause irgendwie nicht mehr hatte. 

Als ich an der kleinen Holzhütte ankam, war mir bereits bewusst, dass ich zu früh war und so wartete ich ganz ruhig auf den kleinen, schwarzhaarigen Jungen. Den frischen Kieferduft atmete ich genüsslich ein, der schon die ganze Zeit in der Luft lag und schreckte plötzlich zusammen, als sich die Sträucher neben mir zu bewegen begannen und aus ihnen der blauäugige Junge sprang. Mit der gleichen verängstigten Miene, lief er auf das Parkett zu und stellte sich vor mich. Ich konnte nicht anders als zu schmunzeln, während ich seine Sommersprossen begutachtete, die ganz meiner Mutter zu gleichen schienen.

„Verschwinde hier.", flüsterte er und versuchte mich mit seiner leichten Handbewegung in die kleine Siedlung aus Holzhütten zu scheuchen. Nicht lange zögerte ich und ließ mich auf sein wildes Gefuchtel ein. Gespannt schlich ich hinter die Holzhütte, auf dessen Terrasse sich der kleine Junge befand und lugte an der Wand hervor, um erkennen zu können, vor wem er sich so fürchtete. Erst ertönten die dumpfen Schritte, dann schob Jemand die strahlend weiße Gardine beiseite und schließlich wurde die Tür von der unbekannten Person, mit voller Wucht aufgeschlagen. Ein breit gebauter Mann sprang aus dem Türrahmen und kam in Windeseile auf mich zu gelaufen. Dem Jungen hatte er keine Aufmerksamkeit geschenkt und ihn nur unachtsam zur Seite geschoben. Dunkle Adern traten unter seiner unreinen Haut hervor und er begann mich ganz einschüchternd anzustarren.

Eng kniff er die Augen zusammen und stemmt die Hände in die Hüfte, um den möglichst größten Einfluss zu ergattern. Unbemerkt lief ich einen Schritt zurück und stolperte über eine breite Wurzel, die mich zu Boden fallen ließ. Ich schloss gerade die Augen, als der Moment kommen sollte, wie sich das Holz in meinen zarten Rücken bohren würde, doch das Gefühl des Schmerzes blieb aus und ich viel plötzlich in seelenlose Dunkelheit. Die ungewöhnlich hohe Stimme des Mannes, folgte mir und seine aufgeregten Worte drangen in meine Ohren.

„Miss?"

„Geht es Ihnen gut?" Seine Worte wurden immer deutlicher und mit ihnen drang mir ein ewiges Hupen in die Ohren und laute Reifen begannen knapp neben mir zu quietschen. In der Morgendämmerung öffnete ich die Augen und starrte dem Mann aus meinem Traum, direkt in seine dunklen Augen. Unkontrolliert schleiften schwarze Reifen über die geteerte Straße und die Stoßstange eines Mercedes kam direkt auf mich zugerast. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, sprang ich von der kalten Straße auf, zog den Mann mit mir und brachte uns in Sicherheit, bevor der Wagen direkt in die Motorhaube des Fahrzeugs neben uns, krachte. Der Airbag breitete sich rasend schnell aus und rettete der Fahrerin das Leben. Noch bevor ich zum Wagen stürmen konnte, um der Frau behilflich zu sein, wurde die Autotür aufgeschlagen und eine Frau mittleren Alters, taumelte aus dem Auto. Unsicher stützte ich mich an der Laterne neben mir ab, als mich kurz ein Gefühl des Schwindels überkam.

„Nein, habe ich Jemanden verletzt? Geht es ihnen gut?", schrie sie ganz panisch und kam mit zittrigen Beinen auf mich zu.

„Mir geht es gut.", sagte ich knapp und ließ den Arm des Mannes los.

„Wo zur Hölle haben sie ihren Fahrschein gemacht?", brüllte der Mann aufgebracht und musterte den Schaden seines Wagens. Ich warf dem kaputten Schrotthaufen ebenfalls einen Blick zu und muss zugeben, dass selbst ein Profi da nicht mehr viel machen konnte.

„Es tut mir so leid, ich habe nur kurz auf mein Handy gesehen und schon bin ich von der Spur abgekommen." Etwas Blut rann an ihrer Schläfe hinunter, doch das interessierte sie nicht besonders. Stattdessen wischte sie es nur kurz ab und fuhr sich dann schwer atmend durch die Haare. Der Geruch von Metall drang mir in die Nase und rief in mir die Angst hervor, die ich schon die ganze Zeit zu unterdrücken versuchte. Ich spürte förmlich das ich mich nicht mehr lange, vor dem ersten Mal Blut trinken, drücken konnte.

„Nur kurz auf ihr Handy ja? Stellen Sie sich mal vor sie hätten nicht nur den Wagen zu Schrott gefahren!" Während seine strengen Worte Aufmerksamkeit bei der besorgten Frau fanden, richtete er seine linke Hand auf mich und fuchtelte vor mir, wild damit herum.

„Ich weiß es tut mir unglaublich leid, ich weiß auch nicht was mit mir los ist.", seufzte sie und legte ihre Hände hinter den Kopf. Während ich ganz sprachlos neben den Beiden stand und dem Gespräch folgte, brüllte der Mann ganz außer sich vor Wut. Ich hatte fast Mitleid mit der etwas, zu klein geratenen Frau, die durch seine Worte immer mehr schrumpfte und fragte mich, wie ich aus dieser Situation wieder raus käme.

„Ich habe so viel mit meinem Job zu tun, dass ich manchmal neben der Spur bin."

„Natürlich der Job, damit können Sie ihre Unachtsamkeit aber nicht im Geringsten rechtfertigen!"

„Hören Sie, ich habe noch eine Menge zu tun, klären Sie das untereinander.", schlug ich vorsichtig vor und und machte kleine Schritte in die Richtung unseres Hauses, das auf der anderen Seite der Straße stand.

„Na na, Sie bleiben schön hier. Sie schulden mir noch einen Gefallen, immerhin habe ich sie von der Straße geholt, außerdem sind Sie Zeugin." Ich wollte gerade zu rechtfertigenden Worten ansetzen, da wurde unsere weiß gestrichene Haustür aufgeschlagen und aus ihr trat Leandro, nur mit einem flüchtig übergeworfenen Mantel. Hastig wollte ich ihn zurück winken, als er sich auf den Weg zu uns machte, doch da kam mir der Gedanke, dass er mir aus dieser Situation raus helfen würde. Ich konnte dem Mann kaum erklären, dass wir eigentlich quitt wären, immerhin hatte ich uns Beide vor dem rasenden Auto gerettet. Wenn ich das ansprechen würde, dann gäbe es nur unnötige Fragen, also wartete ich bis Leandro zu uns kam. Die perfekte Situation, damit er sich wieder wie sonst wer aufspielen konnte, aber na ja solange ich endlich ins Warme käme, würde ich auch seine arroganten Worte vertragen können.

„Gibt es ein Problem?" Und er legte gleich los. Mit geschwellter Brust trat er an uns heran und musterte mich von oben herab. Seufzend fuhr er sich durch die frisch gegelten Haare und stemmte die Hände in die Hüfte, während er seine Blicke nicht von mir abwandte. Und schon wieder tat er es, stand vor mir, als müsse er mir einen Vortrag über Manieren halten, als wäre ich seine kleine Schwester, die sich nicht zu benehmen wüsste.

„Nein, alles Bestens, du kannst gehen."

„Sie kennen ihn?", fragte der Autofahrer verblüfft, während er nach dem Arm der jungen Frau griff, damit sie nicht die Flucht ergreifen konnte.

„Ja ich kenne ihn und er mischt sich leider viel zu schnell in anderer Leute Angelegenheiten ein.", zischte ich und verschränkte die Arme vor der Brust, um irgendwie doch verdeutlichen zu können, dass ich in keinster Weise auf ihn angewiesen war. Das stimmte natürlich nicht, er musste doch nur ein bisschen seinen Scharm spielen lassen und schon würde sich die ganze Situation auflösen. Warum hatte er mir auch noch keine Hypnose beigebracht? Sicher nur, um weiterhin den Beschützer spielen zu können.

„Nur wenn diese Leute meine Hilfe brauchen." Verächtlich begann ich zu schnaufen, mein Grinsen konnte ich nicht mehr verstecken, Gott er dachte echt immer noch, er müsse mich vor allem beschützen, vielleicht sollte er sich mal ein Kind anschaffen, da könnte er den ganzen, lieben, langen Tag, den Beschützer spielen.

„Vielleicht wollen die Leute auch deine Hilfe nicht? Schon mal daran gedacht?"

„Sicher..."

„Ihre Streitigkeiten gehen mich nichts an und mittlerweile gehörig auf die Nerven, ich rufe jetzt die Polizei, die soll sich den Sachschaden anschauen und überlegen, ob sie einen Krankenwagen rufen.", unterbrach ihn der Mann, mit seiner immer noch unhöflichen Stimme und holte ein Telefon aus der Jackentasche.

„Ich denke das wird nicht nötig sein."

„Ich dafür schon. Immerhin lag ihre Freundin bewusstlos auf der Straße."

„Wir sind nicht zusammen.", riefen wir beide Synchron und schufen damit für kurze Zeit eine unangenehme Stille. Super, jetzt hatte Leandro die beste Vorlage dafür, mich ausfragen zu können.

„Legen Sie das Telefon zur Seite."

„Nein."

Mein Lachen konnte ich kaum verstecken, als ich sah wie gern sich der Mann Leandro's Worten widersetzte. Sein Blick wurde zu Stein und er versuchte vergebens seine Gedanken, dem Mann ihm gegenüber einzutrichtern.

„Geh, ich mach das hier."

„Das kannst du vergessen ich bleibe hier. Ich habe ja noch nicht mal um deine Hilfe gebeten."

„Los verschwinde mach dich nützlich, deck den Tisch oder was weiß ich.", knurrte er gleichgültig und winkte mich zur Seite.

„Was soll das denn? Ich bin nicht deine Hausfrau."

„Alex, schon schlimm genug das ich dir bereits am ersten Tag hier, aus der Klemme helfen muss, jetzt Stress mich nicht auch noch."

„Dir ist aber schon bewusst, dass ich nicht nach deiner Hilfe gefragt habe oder? Und das ich sie immer noch nicht brauche."

„Alex!", brüllte er nun mit Nachdruck und fuchtelte wild mit seiner noch freien Hand, vor meinen Augen herum. Ich ging, nicht weil ich mich nicht widersetzen konnte, nein ich ging einfach, weil mir so viel Stress am Morgen doch zu anstrengend. Seufzend machte ich mich auf den Heimweg und drehte mich nicht einmal mehr zu ihm um. Schon jetzt wusste ich, dass er mir mit dieser Art, tierisch auf die Nerven gehen würde, Hauptsache er würde sich irgendwann wieder einkriegen.

Stumm öffnete ich das quietschende Gartentor und verschwand im Haus. Angenehme Wärme strömte mir entgegen, als ich die Haustür öffnete und meine Schuhe ordnungsgemäß auf die Matte stellte. Es war eigenartig still im Haus, was mich wunderte. Streckend trotte ich in die hell erleuchte Küche und starrte die Uhr verwundert an. Es war gerade Mal sechs Uhr und erklärte wohl, die schummrigen Sichtverhältnisse Draußen und warum im Haus noch keine Bewegung war. Doch gleichzeitig war es verwunderlich, wieso Leandro überhaupt schon wach war und warum er der Meinung gewesen war, nach Draußen gehen zu müssen.

Leise schlich ich die Treppe noch oben und wollte mich wieder in mein Bett legen, um wenigstens die wenigen Minuten in Frieden verbringen zu können, bevor er mich mit Fragen durchlöchern würde. Doch da hörte ich die piepsige Stimme meiner Schwester, die ganz fröhlich irgendetwas vor sich her brabbelte. Bevor ich mich auf den Weg zu ihr machte, verschwand ich zu erst im Bad, um meine verdreckten Hände und das Gesicht zu reinigen.

Schmunzelnd öffnete ich dann ihre Zimmertür und schaute direkt in funkelnde Augen. Da ich meine Mutter nicht wecken wollte, hielt ich mir den Finger vor den Mund und brachte Mia damit zum verstummen. Ich suchte ihr ein paar Sachen zum anziehen raus und verschwand dann mit ihr, an der Hand, im Bad.

Nachdem ich ihr geholfen hatte sich fertig zu machen, nahm ich sie mit nach unten in die Küche und ließ mir von ihr beim Tischdecken helfen.

„Mia trägst du die Teller rüber?" Nickend kam sie auf mich zu gesprungen und hielt mir ihre kleinen Patschehändchen hin, damit ich auf ihnen den Stapel von Plastiktellern platzieren konnte. So lange wie ich denken kann, gab es bei uns im Haushalt noch nie Geschirr, das nicht aus Plastik bestand. Zu Recht vielleicht, sonst wären schon einige Scherben auf den weißen Fliesen gelandet.

„Aber sei vorsichtig, ja?" Trällernd nahm sie die fünf Teller entgegen und brachte sie dann in den Nebenraum. Obwohl unsere Küche genügend Platz für einen Tisch und Stühle geboten hätte, bestand mein Vater damals darauf, dass Esszimmer getrennt von der Küche zu halten. Er hatte gemeint, es habe so mehr Stil, doch mittlerweile sehe ich darin eher die Platzverschwendung.

Flink huschte Mia zwischen dem hellen Esszimmer neben an und der Küche hin und her, während sie die von mir bereit gestellten Sachen entgegen nahm. Ihre sonst eher verhaltende Motivation, nutzte ich dieses Mal gnadenlos aus und begann mit ihr ein Spiel aus dem Tischdecken zu machen. Während ich die nächstens Sachen runter holte, schnappte sie sich schnell die bereits für sie hingestellten und verschwand in den Nebenraum.

Wenn sie wieder kam funkelte sie mich ganz lachend an und forderte mich dazu auf, nach den verschwundenen Sachen zu fragen und jedes Mal kam die gleiche Antwort:

„Ich weiß nicht, vielleicht hat das ein Troll geklaut?" Nachdem Mia auch die letzten Tassen rüber getragen hatte, griff sie nach meiner Hand und zog mich mit sich ins Esszimmer.

„Schau Mal, die Trolle haben den Tisch gedeckt.", quietschte sie lachend und sprang mir in die Arme.

„Da haben wir aber Glück. Gehst du jetzt die Mama wecken?" Flink sprang sie von meinen Armen und rannte nach oben in das Zimmer meiner Mutter. Ich hatte bereits gehört wie Leandro reingekommen war und konnte gut darauf verzichten, Mia bei der Diskussion zusehen zu lassen. Am Ende würde sie nur irgendwelche Worte aufschnappen und sie bei meiner Mutter aus plappern. Schon jetzt konnte ich mir gut vorstellen, mit welchen Fragen mich Leandro konfrontieren würde. Noch tat ich so, als hätte ich seine Anwesenheit nicht bemerkt und kontrollierte den Fortschritt der Brötchen im Ofen. Stur zwang ich mich zu Boden zu starren, als ich die Kaffeemaschine ansteuerte und Kaffee aufsetzte. Doch ich konnte ihn nicht Ewigkeiten ignorieren.

„Ist was?", fragte ich, als er nach fünf Minuten immer noch an der Wand lehnte und mir beim herum Wuseln in der Küche zusah.

„Willst du nicht wissen wie es ausgegangen ist?" Zögernd drehte ich mich zu ihm und schwang mich auf die Arbeitstheke.

„Rück raus damit."

„Vielleicht noch mit einem Bitte? Oder einem Danke für die Rettung deines Arsches?"

„Danke für die Einmischung in mein Leben, ich habe weder nach deiner Hilfe gefragt noch sie gebraucht, also tue jetzt bitte nicht so, als hättest du mich vor dem Fall in einen Brunnen

gerettet."

„Gerne." Ich seufzte und vergrub mein Gesicht in den Händen, während ich mit den Beinen zu wackeln begann.

„Also?"

„Die Klären das gerade mit der Polizei."

„Was? Und dafür hast du fast anderthalb Stunden gebraucht?"

„Ja.", sagte er knapp, stieß sich von der Wand weg und kam auf mich zu stolziert.

„Aber du bist mir noch eine Rechenschaft schuldig." Ich begann zu lachen und richtete mich auf.

„Sicher nicht."

„Alex ich höre."

„Ich weiß nicht wo von du redest."

„Natürlich."

„Nein, wirklich keine Ahnung.", lachte ich, sprang von der Theke und streifte ihn im Vorbeigehen.

„Was hast du da Draußen gemacht?"

„Das geht dich nicht im Geringsten etwas an, verstanden?", zischte ich und versuchte seinen Blicken zu entkommen.

„Du sahst aus, als wärst du in einer Schlammschlacht gelandet."

„Na und? Und wenn ich mit Matsch überflutet wäre, was geht dich das noch an?"

„Komm her."

„Was?"

„Du hast noch ein bisschen Schlamm an der Wange." zögernd lief ich auf ihn zu und ließ seine Hand über mein Gesicht streifen. Die ganze Zeit über hielt ich den Atem an. Diese Situation war mir mehr als peinlich, nicht nur, dass es mir vor ihm peinlich war, nein ich konnte es fast nicht ertragen, dass ich dieses Mal wirklich auf ihn angewiesen war.

„Danke.", murmelte ich leise und empfing mit einem freundlichen Grinsen Tom und meine Mum, die verschlafen die Treppe runter getrottet kamen.

„Der Tisch ist schon gedeckt und die Brötchen...", verkündete ich stolz, doch unterbrach mich noch im selben Moment und stürzte auf die Brötchen zu. Gerade so schaffte ich es den Ofen auszuschalten, um sie nicht ganz verbrennen zu lassen.

„Die sind auch fertig." Zusammen mit Brötchen und Kaffee folgten mir alle ins Esszimmer und setzten sich. Die Gespräche waren in vollem Gange, nur Leandro starrte nachdenklich seinen Teller an und zwang sich mehr dazu, dass Essen in seinen Mund zu schieben. Ich verbrachte mehr mit Reden, als mit Essen, sodass es kaum auffiel, dass ich erstens, viel zu wenig aß und zweitens mich aufgrund meines nicht vorhandenen Hungers, auch dazu überwinden musste.

„Was zur Hölle war das?", rissen mich sanfte Töne aus dem Gespräch, die trotzdem von Besorgnis umgeben waren.

„Und ja.", brachte ich meinen begonnenen Satz zu Ende und trank einen Schluck meines Kaffees, um meinen abrupt beendeten Satz, nicht allzu eigenartig wirken zu lassen. In der linken Ecke stand Lynn und kam mich nachdenklichen Gesicht auf mich zu.

„War das eine Vision oder ein Traum?" Ich musterte sie nur verwirrt von ihrem plötzlichen Auftauchen und zuckte mit den Schultern. Doch das Zucken hatte ich wohl etwas zu offensichtlich gemacht, sodass mich Leandro nun mit hochgezogener Augenbraue, verwundert musterte.„Gymnastik Übungen? Würden dir bestimmt nicht schaden.", versuchte ich mich raus zureden und begann meine Arme durch die Luft zu schwingen, um meine Aussage zu unterstützen. Lynn interessierte sich in keinster Weise für meine Bemühungen, nicht als verrückt erklärt zu werden und so begann sie immer mehr Fragen zu stellen und Vermutungen in den Raum zu rufen. Irgendwann war ich von ihren Fragen so genervt, dass ich meine Hand hob und sie weg winkte.

„Alles okay bei dir Alexandra?"

„Ja, ja... da war nur ne Fliege"

„Ja genau.", lachte Tom und schob sich das letzte große Stück seines Brotes in den Mund.

„Ist heute nicht ein schöner Tag? Die Sonne scheint sogar.", begann meine Mutter und nippte an ihren immer noch dampfenden Kaffee. Zweifelnd kniff ich die Augen zusammen, denn ich konnte erahnen, dass sie etwas von mir wollte. Das tat sie immer, wenn sie plötzlich über das Wetter zu reden begann.

„Was willst du Mum?"

„Nichts ich dachte nur ihr könntet heute in die Stadt fahren."

„Ihr?"

„Na Leandro und du. Er braucht doch noch ein paar Schulsachen."

„Ach Mum das ist doch nicht dein ernst oder?"

„Warum?"

„Heute ist der erste Tag Zuhause, kann ich den nicht einfach in Ruhe verbringen?"

„Ihr könnt auch gerne Morgen einkaufen gehen, wenn ihr dann Mia und Tom mitschleppen wollt."

„Hä warum sollten wir die mitnehmen?"

„Weil ich Morgen bei Oma und Opa bin? Das habe ich dir doch schon vor dem Urlaub gesagt."

„Richtig, vor dem Urlaub. Dann gehen wir halt Samstag, wo ist da das Problem?"

„Nirgends, aber da wird die Hölle los sein. Immerhin gibt es fast fünfzig Prozent auf alles." Ich seufzte und zwang mich dazu, dass letzte Bisschen meines Brotes zu verschlingen.

„Na gut, aber die Bücher musst du doch noch bestellen oder?"

„Ja, aber ein Paar haben sie vielleicht schon und den Rest können wir ja ein anderes Mal abholen."

Na super, dieser Tag konnte ja kaum noch gut werden. Wie kam sie überhaupt auf die Idee, dass er neue Sachen bräuchte? Ich dachte Leandro hätte ihr eingetrichtert, er sei ihr Sohn. Schwer atmend konnte ich mich zu einem „Ja" durchringen und stand vom Tisch auf. Schleunigst leerte ich den letzten Schluck meines Kaffees und verschwand dann nach oben in mein Zimmer. Nachdenklich starrte ich mein Handy an, das ich achtlos auf den Nachttisch gelegt hatte und steckte es dann nach kurzer Überlegung in meine Tasche. Zudem steckte ich mein Portmonee, Schlüssel und das Trinken von Gestern ein, mehr sollten wir kaum brauchen. Schnell verschwand ich noch im Bad, bevor ich wieder nach unten stürmte. Ich konnte mir gut vorstellen in der Stadt ein paar meiner Freunde zu treffen und darauf konnte ich heute gut verzichten.

Eigentlich lebten wir schon in der Stadt, es waren nur ein paar Busstationen und wir befanden uns direkt in der City, vielleicht hatten wir uns die Formulierung, in die Stadt zu fahren, nur angewöhnt, weil es hier außergewöhnlich ruhig für Berlin war.

„Kommst du?", brüllte ich durch den Flur und zog mir meinen Mantel, kombiniert mit einem blauen Schal, über. Gewohnheitsmäßig wollte ich mein Aussehen im Spiegel prüfen,... doch natürlich befand sich da Nichts außer der Umgebung hinter mir. Zusammen mit meiner Mutter, kam Leandro um die Ecke und musterte mich.

„Na los, ich will heute noch ankommen."

„Ihr könnt auch erst gegen Mittag gehen." Ich begann zu lachen, ich wusste genau worauf meine Mutter hinauswollte. Am liebsten hätte sie es doch gehabt, dass ich ihn all meinen Freunden vorstelle.

„Ne Mum, lass mal jetzt sind die Geschäfte vielleicht noch nicht so voll." Zögernd kam Leandro zu mir und warf sich seine dünne Jacke über.

„Hier, vielleicht findet ihr ja noch ein paar andere schöne Dinge.", sagte Mum schmunzelnd und drückte mir zwei Fünfziger in die Hand.

„Bis später Mum." Mit diesen Worten verließen wir das Haus und machten uns auf den Weg zur nächsten Haltestelle. Dafür das dieser Herbst ein goldener werden sollte, war es verdammt kalt und doch ziemlich bewölkt. Keine Ahnung wie meine Mutter auf die Sonne gekommen war, hier schien sie zumindest nicht.

„Ich dachte du hättest meiner Mutter erzählt, du wärst mein Bruder und Mitglied der Familie?"

„Ja und? Habe ich auch."

„Und warum sagt sie dann wir sollen Schulbücher holen?"

„Alex, weil ich ihr gesagt habe, dass ich schon mehrere Jahre in England gewohnt habe. Offiziell bin ich damals abgehauen und eben in England gelandet."

„Umständlicher ging es nicht oder? Sie kann dir niemals geglaubt haben, dass du alleine nach England gegangen bist."

„Ich hatte Hilfe."

„Hm.", brummte ich und beschleunigte meine Schritte. Der nächste Bus würde bald kommen und ich wollte ihn ungern verpassen.

„Alex?"

„Hm?"

„Es tut mir leid." Von diesem Stimmungswechsel war ich so verblüfft, dass ich nicht anders konnte, als stehen zu bleiben. Was sollte das denn? Es tut ihm leid? Ja und? Was erwartete er jetzt von mir? „Und weiter?"

„Ich hätte nicht so reagieren sollen."

„Bei was?"

„Alex, mach es mir nicht noch schwerer, als es schon ohnehin ist."

„Ich weiß es trotzdem nicht."

„Bei Allem.", flüsterte er nun und schaute mir direkt in die Augen. Ich versuchte den Blickkontakt zu vermeiden, denn seine Nähe brachte mein Herz unweigerlich dazu, schneller zu schlagen. Doch das sollte es nicht, nein nicht nachdem ich alles gesehen hatte. Schnell schloss ich die Augen, um wieder denken zu können, doch als ich sie öffnete, stand er mir bereits so nah, dass es gar unmöglich war, nicht in diese wunderschönen Augen zu starren. Ich zögerte, ja ich zögerte sogar sehr lange, doch dann wurde mir bewusst, dass ich ihn nicht wegstoßen würde. Nein nicht wenn er mich küssen würde und das störte mich. Ich wusste ich sollte es tun, doch genauso gut wusste ich, dass ich es nicht tun würde.

Sein Kopf kam kam näher und seine Augen begannen zwischen meinen Augen und meinem Mund hin und her zu wandern. Es ist ein Fehler! Auch diese Gedanken konnte mich nicht da zubringen ihn wegzustoßen. Mein Herzschlag war alles was ich hören konnte, dass Kribbeln in meinem Bauch machte sich bemerkbar und ich spürte wie ich unheimlich nervös wurde. Gut das ich jetzt nichts sagen musste, denn dann wäre ich daran gnadenlos gescheitert. Das Kribbeln wurde immer stärker und ich hatte fast das Gefühl, nicht mehr atmen zu können.

Gerade als sich unsere Lippen fast trafen, schreckte uns ein lautes Klingeln auf und katapultierte mich gnadenlos in die Realität zurück. Erschrocken machte ich einen Schritt zurück prallte beinahe in eine Radfahrerin rein. Sie schaffte es knapp an mir vorbei zu fahren und warf mir dafür fast tötende Blicke zu. Erst jetzt bemerkte ich, dass wir die ganze Zeit auf dem Radweg gelaufen waren und es ein Wunder war, dass wir noch so unbeschadet waren. Die Leute hier nahmen nämlich meistens keine Rücksicht und fuhren als hätten sie Scheuklappen um. Okay jetzt würde ich es garantiert nicht mehr schaffen ihn anzuschauen. Nein nicht nach dieser Situation! Eigentlich sollte ich der Radfahrerin danken, immerhin hatte sie mich vor einen riesigen Fehler bewahrt. In schnellen Schritten stürmte ich die lange Straße entlang und hoffte er würde mir ohne Fragen folgen. Warum waren wir überhaupt auf dem Fahrradweg gelaufen?

Seine Schritte kamen näher.

„Was holen wir jetzt genau?", fragte er ganz belanglos und holte mich ein. Was wir jetzt holen? Das war seine erste Frage? Ich schüttelte den Kopf, ich hätte wahrscheinlich alles, außer dem erwartet. Aber gut dieses Spiel konnte ich auch spielen, tun wir doch einfach mal so, als wäre das nie passiert, als hätte ich mir das eingebildet oder geträumt.

„Hefter und Bücher.", sagte ich knapp und stellte mich unter das Dach der Bushaltestelle. Den Bus hatten wir jetzt verpasst, ein Glück fuhren die Busse bereits alle zehn Minuten.

„So jetzt sind wir ungestört.", sagte er und stellte sich neben mich. Fast unerwartet begann mein Herz wieder zu pochen und ich dachte daran, wie er mich gleich in aller Öffentlichkeit küssen würde. Doch das Kribbeln und der schnelle Herzschlag, verschwanden und stattdessen begann ich einen Hauch von Wut zu verspüren.

„Dann kannst du mir ja jetzt erklären, was du alleine, um sechs Uhr, auf der Straße gemacht hast. Ja und warum du auf der Straße gelegen hast."

„Das ist jetzt nicht dein Ernst oder?"

„Warum?"

„Pff, weil dich das nichts angeht."

„Natürlich, ich habe dir schließlich geholfen, also schuldest du mir ne Erklärung." Ich begann zu lachen, er hatte anscheinend immer noch nicht gerafft, dass er sich in meine Angelegenheit eingemischt hatte, dass ich nicht um seine Hilfe gebeten hatte.

„In welcher Welt lebst du eigentlich? Es ist mein Leben und deshalb geht dich das nichts an, außerdem habe ich verdammt nochmal nicht nach deiner Hilfe gefragt."

„Sie aber gebraucht."

„Oh Gott Leandro, wie kann man nur so stur sein? Ich wäre mit dieser Situation auch bestens alleine zurecht gekommen."

„Wie auch immer, also was hast du bewusstlos, um sechs Uhr, in den Straßen Berlins gemacht?" Ich schüttelte den Kopf und hielt mir den Zeigefinger vor den Mund, als eine ältere Dame sich zu uns gesellte.

„Du musst ja nicht die ganze Nachbarschaft über mein Verschwinden informieren."

„Ach, jetzt hör doch auf und zier dich nicht so. Das interessiert sie doch sowieso nicht."

„Hör auf jetzt."

„Hör du mal auf dich so aufzuspielen."

„Leandro, sei jetzt still!", fuhr ich ihn an und drehte mich weg, in der Hoffnung er würde endlich nachgeben. Herrliches Schweigen herrschte nun zwischen uns und ich nutzte die Gelegenheit, um die ältere Dame mustern zu können. Sie trug eine roserne Bluse, mit lila Blümchen und hatte ihre grauen Haare zu einem Dutt hochgesteckt, der sie strenger machte, als sie wirklich war. Freundlich schmunzelte sie mich an und studierte den Fahrplan. Ihr Gesicht war mit einer Menge von falten übersät, die sie ziemlich alt wirken ließen. Nach einer Weile drehte sie sich zu mir um und kam auf mich zugelaufen. Ihre freundlichen grünen Augen begannen sich plötzlich zu verfärben und wurden gefährlich orange. Starke Pigmentierungen sammelten sich um die orangene Regenbogenhaut und verliehen der alten, gebrechlich wirkenden Dame, einen hinterlistigen Touch.

Ihre Mundwinkel zog sie ohne Vorwarnung gefährlich weit hoch und ihre spitzen Eckzähne traten zum Vorschein, die sie liebend gern in meine Haut gebohrt hätte. Verwundert lief ich rückwärts, bis ich gegen Leandro stieß, der mich sicherlich verwirrt musterte. Sah er sie nicht?

Plötzlich ging mir ein Licht auf. Orangene Augen, warum war ich da nicht früher drauf gekommen? Sie war ein verdammter Werwolf!



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beta
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