Ein Funken Wahrheit

Stöhnend öffnete ich die Augen und hätte sie am liebsten gleich wieder geschlossen, als ich erkannte, wo ich war. Vorsichtig versuchte ich mich aufzurichten, bis ich schließlich in der Senkrechten saß und meine Umgebung betrachten konnte. Wie zur Hölle ich auch immer hier rauf gekommen war, runter kommen, würde um Einiges schwerer werden. Ich befand mich mitten auf der großen Eiche in unserem Garten. Diesen Baum konnte ich ja noch nie besonders leiden, da ich die Blätter immer höchst persönlich beseitigen durfte, doch jetzt verfluchte ich ihn regelrecht. Unser Grundstück war ziemlich leer und übersichtlich, warum ausgerechnet musste ich dann auf dieser verdammten Eiche gelandet sein?

Ich seufzte und wagte einen Blick nach unten. Rum meckern brachte doch sowieso nichts und erst recht nicht, wenn es in Gedanken stattfand, also musste ich wohl selbst eine Lösung finden. Noch nie hatte mir Höhe solch eine Angst eingejagt. Natürlich, ich war nie wirklich angetan von ihr gewesen, aber diese elendige, große Eiche musste es echt übertreiben. Viel zu weit ragte sie den Himmel hinauf und es schien, als würde ich direkt in der Baumkrone festsitzen. Meine Blicke konnten von hier oben nicht einmal den Boden erspähen. Nur eine kleine schwarze Fläche, die mich an unseren Schuppen erinnerte, der ziemlich in der Nähe der Eiche stehen musste. Vielleicht war das die einzige Möglichkeit von hier runter zu kommen. Eigentlich sollte mir das Ganze nicht sonderlich schwer fallen, aber ich hatte noch nicht die volle Kontrolle über meine Kräfte, von daher blieb mir wohl nichts anderes übrig, als die Variante eines jeden Normalen auszuprobieren. Der Ast auf dem ich mich befand, wirkte nicht besonders stabil und so beeilte ich mich plötzlich, von ihm weg zu kommen. Vielleicht wog ich keine hundert Kilo, aber der Ast machte den Eindruck, als würde ihm schon die Hälfte davon, zum brechen genügen.

Unsicher schwang ich ein Bein über das Holz und stützte mich mit zitternden Händen auf ihm ab. Die Blicke richtete ich nach unten und tastete vergebens nach einem Ast unter mir, auf dem ich halt finden könnte. Keuchend bewegte ich mich zum Baumstamm hin und hoffte dort etwas unter mir finden zu können. Nach langem Suchen, das meinen Armen eine Menge Kraft gekostet hatte, fand ich unter meinem linken Fuß endlich Halt. Ich hielt die Luft an, als ich mein Gewicht auf die Füße verlagerte und meine Arme damit entlastete. Nachdem ich richtigen Halt gefunden hatte, ließ ich meine Fingerspitzen von dem Ast über mir ab und umklammerte herzlichst den massiven Baumstamm. Kurz verharrte ich in dieser Position und versuchte wieder ganz ruhig zu werden. Doch um so länger ich dort stand, desto schneller begann mein Herz zu schlagen. Irgendwie musste ich noch viel weiter nach unten kommen. Nicht weit von mir befand sich ein weiterer, recht stabil erscheinender Ast, der mich noch näher an das Dach des Schuppens bringen würde. Ohne lange darüber nachzudenken, ging ich in die Hocke, setzte mich aufs Holz und sprang dann, die Hände am Baumstamm klammernd, auf den nächsten Ast unter mir. Da sich meine Angst nicht verringern und mein Herzschlag verlangsamen würde, suchte ich gleich nach der nächsten Stelle, die mich näher zum Boden bringen würde. Mein Herz blieb beinahe stehen, als ich erkannte, dass sich unter mir nichts außer dem Boden befand, der etliche Meter von mir entfernt war. Direkt auf die Erde zu springen konnte ich getrost ausschließen, immerhin wäre das brutaler Selbstmord, bei dieser Höhe. Doch das Dach gab es auch noch, vielleicht wäre das eine akzeptable Möglichkeit hier weg zu kommen.

Ich schätzte den Abstand zwischen mir und dem Dach ein und kam zu dem Entschluss, dass es nicht unmöglich war. Es war nicht sicher und es war bei weitem nicht einfach, aber meine einzige Möglichkeit. Entschlossen richtete ich mich auf und stütze mich am Stamm ab. Warum musste es auch so unheimlich heftig Regnen? Es war nicht nur das es meine Sicht, mehr als nur ein wenig, beeinflusste, nein er machte die Rinde ganz rutschig und erhöhte damit die Wahrscheinlichkeit, einfach abzurutschen und mit vollem Tempo im Gras zu landen. Egal sterben konnte ich nicht, so hatte ich Leandro zumindest damals verstanden. Erneut durfte ich nicht lange zögern und sprang einfach gegen meinen Verstand, vom Ast und glitt mit Gegenwind durch die Luft. Wie ein Vogel breitete ich meine Arme aus und hoffte mit dem Wedeln etwas bezwecken zu können, doch bis auf das Gefühl überhaupt etwas tun zu können, tat sich da nichts. Eiskalte Regentropfen strömten mir ins Gesicht und hätten meine Schminke vollkommen zerstört. Vielleicht hatte das nicht vorhandene Spiegelbild doch so seine Vorteile.

Mit einem lauten Rums kam ich auf dem Dach an und war heil froh, als ich die unebene Struktur unter meinen Fingerspitzen spürte. Während ich mir nicht die Mühe machte aufzustehen, tastete ich mit meiner Handfläche über das Dach, welches die Struktur, einer frisch geteerten Straße hatte und bekam einen Kirschkern zu fassen. Der Kirschbaum unseres Nachbarn hing schon viele Jahre über unser Grundstück und ab und zu vielen ein paar seiner Kirschen auf das Schuppendach. Ich erinnerte mich daran, wie ich früher mit Anne hier drauf gestanden hatte und wie wir versucht hatten, nach den Kirschen zu angeln. Ab und zu war es uns gelungen ein paar zu ergattern, doch den Aufwand waren sie nie wert gewesen. Versunken in Erinnerungen schob ich die Blätter beiseite und suchte nach unseren Handabdrücken. Wenn es im Sommer so richtig heiß wurde, dann konnten wir die warme Masse des Daches oberflächlich beeinflussen und hatten in unseren kindlichen Spielen, oft genug Finger und Handabdrücke hinterlassen. Sehnsuchtsvoll rappelte ich mich endgültig auf und öffnete die kleine Öffnung am Rand des Daches, durch der man mit einer Leichtigkeit rauf und wieder runter kam. Vorsichtig drehte ich mich um und kletterte die verrostete Leiter hinab, in den dunklen Schuppen. Ich war froh gewesen, dass mir das natürliche Tageslicht, trotz des wolkenverhangenen Himmels, den Weg geleuchtet hatte.

Gerade nahm ich den letzten Fuß von der Leiter, da flog die Klappe vom starken Wind zu und bescherte mir Finsternis. Zum Glück kannte ich das kleine Häuschen in und auswendig, sodass ich nicht lange zu überlegen brauchte, wo sich der Lichtschalter befand. Doch gerade als ich ihn betätigte, spürte ich einen kalten Hauch in meinem Nacken, der kombiniert mit dem Heulen des Windes, für meine Arme eine Gänsehaut bereit hielt.

„Tick, tack, die Zeit wird knapp.", flüsterte mir eine helle Stimme, leise ins Ohr. Schnell drehte ich mich um und blickte in Lynn's blaue, hellerleuchtete Augen. Erst jetzt, wo mir jemand Vertrautes gegenüberstand, begann sich mein Herzschlag zu regulieren und ich viel ihr erleichtert in die Arme.

„So war das eigentlich nicht geplant.", beklagte sie sich und wand sich aus der kribbelnden Umarmung.

„Ich denke ich bin es einfach gewöhnt erschreckt zu werden. Außerdem war mein Herzschlag schon viel zu schnell, der hätte kaum noch weiter in die Höhe schlagen können.", behauptete ich und machte mich auf den Weg zur Schuppentür. Doch dann viel mir auf, dass wir einen weiteren Ort gefunden hatten, wo sie und ich uns ungestört unterhalten konnten. Ohne Erklärungen und verständnislose Gesichter.

„Wie ist jetzt der Plan?"

„Welcher Plan?"

„Du hast doch wohl eine Idee wie du das wieder los wirst oder?"

„Wo von genau redest du?"

„Na von was wohl? Von deinen komischen Attacken, glaub mir ich war bei allen dabei."

„Klasse. Hast du auch gesehen wie ich auf dieser verdammten Eiche gelandet bin? Oder hat dein Geisterauge nicht so weit gereicht?", fragte ich etwas zickig und griff nach der Klinke. Warum musste sie denn auch immer alles mitbekommen? Es genügte schon, dass ich mich ständig nach dem Grund dafür fragte. Ob ich Leandro um Hilfe bitten sollte. Eigentlich nicht, dafür war ich viel zu stur, andererseits war ich wohl auf seine Hilfe angewiesen, wenn einer eine Lösung finden würde, dann wohl er. Er war schließlich ein wandelndes Buch, was zumindest diesen ganzen übernatürlichen Quatsch anging.

„Nein. Also was wirst du tun?"

„Keine Ahnung. Darf ich vielleicht erst mal duschen gehen? Dort kommen mir für gewöhnlich die rettenden Ideen."

„Wirklich?"

„Was? Nein natürlich nicht. Ich habe nur keine Lust darüber nachzudenken. Ich habe genügend andere Sorgen."

„Wirst du ihn um Hilfe fragen?"

„Wen?"

„Na Leandro, wen sonst? Den Buchladenverkäufer?"

„Sag Mal hast du uns hinterher spioniert?"

„Ich? Was? Nein! Warum sollte ich, ich habe mir nur Berlin angesehen."

„Natürlich."

„Also wirst du?"

„Hm."

„Was soll das heißen?"

„Ja, mir bleibt ja wohl nichts anderes übrig oder?"

„Ich denke nicht."

„Na Klasse.", brummte ich und stürmte aus dem Schuppen. Das Licht hatte ich angelassen und wahrscheinlich würde ich dafür später eine Ansage von meiner Mum bekommen, doch das war mir in diesem Moment herzlich egal. Da mir die Dusche nicht sonderlich weiter helfen würde, stürmte ich direkt in Leandro's Zimmer, ohne mich vorher anzukündigen.

„Was ist?", rief er empört und verdunkelte seinen Computerdisplay, als hätte er gerade nach etwas verbotenen gesucht.

„Wir müssen reden."

„Und weiter? Vielleicht klopfst du nächstes Mal an, ich platze bei dir ja auch nicht ungefragt rein."

„Entschuldigung die Hoheit, ich wusste nicht das Sie hier illegale Dinge erledigen."

„Sehr witzig. Also was ist?"

„Du musst mir helfen.", sagte ich schnell und setzte mich auf sein ungemachtes Bett um wieder etwas von meinem Adrenalin loszuwerden. Ich kann nicht einmal genau sagen warum ich so nervös und aufgeregt war. Eigentlich sollte es mich kaum stören ihn um Hilfe zu bitten, aber irgendwie machte mich diese Ungewissheit verrückt. Vielleicht war es auch die Angst davor, zu erfahren welche Konsequenzen diese ganzen Schwindelanfälle mit sich brachten.

„Das ist ja mal was ganz Neues.", lachte er und drehte sich von seinem Bildschirm zu mir nach hinten um.

„Kannst du mal mit dieser Ironie aufhören?"

„Warum sollte ich?"

„Weil es mir vielleicht nicht gerade leicht fällt, gerade dich um Rat zu bitten?"

„Das ist ja nicht mein Problem.", murmelte er, drehte sich wieder weg von mir und platzierte seine Füße auf dem Schreibtisch."

„Sehr einfühlsam."

„Mir ist doch vorhin schwindelig geworden, richtig?"

„Hm."

„Das war nicht das erste Mal heute." Meine Worte verstummten und mit ihnen hüllte sich Stille um uns. Zögernd runzelte ich die Stirn, als er nach einer Weile immer noch nicht den Anschein machte, sich für meine Worte interessieren zu können.

„Hörst du mir überhaupt zu?"

„Ja ja."

„Perfekt wäre es, wenn du dich dann auch noch zu mir umdrehen könntest. Das hat etwas mit Respekt zu tun, aber das sagt dir wahrscheinlich nichts."

„Besser?", seufzte er und drehte sich widerwillig zu mir um. Erwartungsvoll blitzten mir seine blauen Augen entgegen, während er unruhig mit seinem Bein zu wackeln begann. Nervös lehnte ich mich nach vorne und stützte meine Arme auf den Oberschenkeln ab.

„Also?"

„Es war das dritte Mal und ich denke nicht, dass es am mangelnden Essen liegt."

„Sondern? Wahrscheinlich am mangelnden Blut, wir sollten heute Abend losziehen und das hinter uns bringen." Hinter uns? So weit ich weiß sind wir zwei einzelne, unabhängige Personen. Was musste er dann bitte hinter sich bringen? Er war schließlich gewohnt daran, für mich war das was ganz Neues, das ich am liebsten für immer umgehen wollte.

„Ich denke auch nicht das es das fehlende Blut ist."

„Wie kommst du darauf?"

„Weil das, was danach mit mir passiert, kaum einer Mangelerscheinung zuzuschreiben ist."

„Hä, was redest du da?"

„Es ist nicht nur der Schwindel. Das erste Mal passierte es in der Nacht. Ich habe nur einen Spaziergang gemacht und..."

„Bitte was? In der Nacht? Was machst du bitteschön Draußen bei Nacht?", unterbrach er mich empört und plötzlich galt seine komplette Aufmerksamkeit nur mir.

„Ich konnte nicht mehr schlafen und habe mich raus geschlichen, nichts weltbewegendes."

„Jetzt wink das mal nicht so einfach ab. Dir hätte wer weiß was passieren können."

„Können wir diese Disskusion auf ein anderes Mal verschieben? Es war ein normaler Spaziergang nichts worüber man sich aufregen sollte."

„Ich kann das trotzdem nicht befürworten."

„Musst du ja auch nicht und ein Glück hast du darüber auch keine Entscheidungsgewalt, immerhin bist du weder mein Vater, noch mein Bruder oder sonst wer."

„Alex ich...", begann er, doch ich unterbrach ihn schleunigst. Was auch immer in seinem Hirn vor sich ging, es interessierte mich in diesem Augenblick nicht im Geringsten. Ich hatte ganz andere Sorgen und wirklich keine Lust mich schon wieder wegen so etwas nebensächlichen zu streiten.

„Kann ich jetzt weiter erzählen?"

„Hm."

„Jedenfalls bin ich direkt im Wald umgekippt und..."

„Warte im Wald? Was hast du dort denn bitte gemacht?"

„Nichts wichtiges, ich habe nur die Abkürzung nach Hause genommen. Doch so weit kam ich nicht, als ich nach meinem Bewusstseinsverlust wieder die Augen öffnete, befand ich mich plötzlich direkt auf der Straße und wurde beinahe um genietet."

„Das hast du dort also gemacht, warum erzählst du mir das erst jetzt?"

„Weil ich mir nicht viel dabei gedacht habe. Das zweite Mal war mit dir, als du mich aufgefangen hast, aber da kam ich nicht so weit das Bewusstsein zu verlieren."

„Und das dritte Mal?"

„Gerade eben. Ich bin nach Hause gelaufen und plötzlich hat es mich einfach umgehauen."

„Komm Alex dramatisiere das mal bitte nicht so, Schwindel kann bei Blutmangel ganz schnell auftreten." Wie bitte? Dramatisiere das nicht so? In welcher Welt lebte er denn bitte? Also wenn das nicht außergewöhnlich war, dann frage ich mich, was ihn überhaupt noch schockieren kann.

„Ich dramatisiere hier gar nichts. Verdammt Leandro ich bin von einem Wald, okay vielleicht ein Stück weiter, plötzlich mitten auf der Straße aufgewacht. Und eben durfte ich wie Tarzan durch die Baumkronen schwingen."

„Was?"

„Ich bin vor ein paar Minuten in der Baumkrone unserer alten Eiche aufgewacht, ganz oben. Weißt was es für ein Akt war, dort wieder runter zu kommen? Eben nicht. Also wenn du das für normal empfindest, dann ist das Übernatürliche ziemlich sehr, unnormal." Stille. Nichts außer Stille erfüllte den Raum. Währenddessen überlegte ich ob sein Stirnrunzeln von seiner Abwesenheit oder vom grübeln kam. Vielleicht hatte ich wieder ein Mal so schnell gesprochen, dass er zwischendurch den Faden verloren hatte.

„Also ist das jetzt normal oder eher nicht?"

„Was ist schon normal?"

„Man hör auf mit diesen philosophischen Fragen und beantworte mir gefälligst meine. Ich halte es kaum aus, in Ungewissheit gelassen zu werden, wenn du längst eine Vermutung hast."

„Wer sagt das ich eine Vermutung habe?"

„Niemand, aber ich hoffe es. Du hast keine Ahnung wie beschissen es ist, nicht zu wissen, wann ich das nächste Mal in Ohnmacht falle und an welchen ausgefallenen Ort ich dieses Mal meine Augen aufschlagen werde."

„Okay es ist ungewöhnlich und vielleicht habe ich eine Vermutung oder einen Ansatzpunkt. Bist du jetzt beruhigt?"

„Weiß ich nicht, kommt auf deine Vermutung an, ist sie denn besorgniserregend?"

„Das kann man sehen wie man will, am besten prüfen wir das zuerst, bevor wir hier falsche Behauptungen aufstellen." Bevor ich mich zu Wort melden konnte, wurde unser Gespräch von dem aufschlagen der Tür unterbrochen und meine Mutter streckte ihren Kopf um die Ecke.

„Mum!", platzte es verwundert aus mir heraus und ich sprang vom Bett, als hätte ich etwas zu verstecken. Bis auf das Gespräch, von dem sie besten Falls nichts mitbekommen hatte, musste ich doch eigentlich nichts vor ihr verbergen, warum aber dann erschrak ich mich so? Vielleicht lag es einfach daran, dass ich viel zu sehr in unser Gespräch versunken gewesen war, dass ich das um uns herum vergessen hatte. Leandro schien es nicht sonderlich anders ergangen zu sein. Immerhin stand er plötzlich ebenfalls, fast neben mir und musterte meine Mutter ganz erschrocken und unverhofft.

„Kannst du nicht einmal anklopfen?"

„Jetzt zier dich nicht so, du platzt ja schließlich auch überall hinein." Empört suchte ich den Blickkontakt zu Leandro, der aber nickte nur meiner Mutter zu und untergrub auch noch meine Autorität.

„Das stimmt, du kannst ja nicht einmal selbst anklopfen."

„Vielen Dank, weißt du eigentlich unterstützt man einander, Bruder." Mein letztes Wort betonte ich ganz besonders auffällig und warf ihm tötende Blicke zu, die ihn jedoch nicht in irgendeiner Weise zu interessieren schienen.

„Also Mum was willst du?"

„Ich wollte nur wissen was ihr zum Abendbrot wollt."

„Keine Ahnung wie wär's mit Pizza oder so etwas, du brauchst dir da keine große Mühe machen, wir haben keine Ansprüche."

„Wie siehst du eigentlich aus?" Verlegen schaute ich meinen Körper nach unten hinab an und bemerkte erst jetzt meine triefend nasse und verdreckte Kleidung.

„Ich bin ausgerutscht und in eine Pfütze gefallen."

„Hm na gut ich lass' mir etwas einfallen. Leandro ist das auch für dich in Ordnung." Fast unsicher suchte er Blickkontakt zu mir, den ich gnadenlos ausnutzte und ihm ziemlich verständlich vermittelte, dass er jetzt bloß nicht auf die Idee kommen sollte, irgendetwas gegen meine Worte zu äußern.

„Das passt schon, mach dir mal keine Gedanken.", sagte er lächelnd und mit seiner Erlaubnis verschwand sie aus dem Raum. Auch wenn er es schon eine ziemlich lange Zeit tat, so viel es mir immer noch schwer, nicht die Stirn zu runzeln, wenn er meine Mutter einfach duzte. Ich war nicht verklemmt was so etwas anging, aber er durfte sie schon von Anfang an duzen. Irgendwie befremdete mich das. Wahrscheinlich lag es immer noch daran, dass ich mich nicht mit dem Gedanken anfreunden konnte, ihn nun als meinen neuen Bruder, in der Familie begrüßen zu dürfen.

„Also was genau ist jetzt der Plan?"

„Nachts, wenn sie schlafen schleichen wir uns raus und suchen nach dem, was meine Vermutung unterstützen würde."

„Würdest du mich jetzt auch netter Weise aufklären, wie zur Hölle deine Vermutung aussieht? Dann wäre ich nach her beim suchen bestimmt auch produktiver."

„Das erfährst du schon früh genug.

„Muss das ausgerechnet heute Abend sein? Immerhin soll ich Morgen auf meine Geschwister aufpassen, nicht das wir zu spät nach Hause kommen. Ich will meiner Mutter ungern erklären was wir die ganze Nacht getrieben haben."

„Getrieben? Ich hoffe doch wohl nichts." Peinlich berührt schloss ich die Augen, biss mir auf die Zunge und drehte mich von ihm weg.

„Schon klar, dass du das nur so interpretieren kannst."

„Wenn du meinst."

„Also was machen wir jetzt?"

„Heute Abend, es sei denn du möchtest noch länger unbewusst durch die Welt torkeln."

„Na gut, aber wir müssen pünktlich zurück sein."

„Kriegen wir schon hin und jetzt geh dich duschen. Ich habe ja nichts gegen Natürlichkeit, aber der Schlamm in deinem Gesicht unterstreicht nicht unbedingt deine Schönheit." Nickend wollte ich mich gerade von dannen machen, da viel mir seine Wortwahl auf. Schönheit, fand er mich schön? Wahrscheinlich hätte ich ihn nicht mehr drauf angesprochen, wenn er mich eben nicht so aufgezogen hätte. Ach Quatsch, das hätte ich so oder so getan, einfach aus Neugierde.

„Du findest mich schön?"

„Ja. Kommt das so überraschend?", lachte er und warf sich wieder auf seinen Computerstuhl.

„Weiß nicht, vielleicht.", murmelte ich schmunzelnd und verließ den Raum. Nachdenklich steuerte ich das Badezimmer an und begann mir erst Mal unter der Dusche den Matsch vom Gesicht zu schrubben. Peinlich, warum hatte er nie etwas im Gesicht? Wenn ich so recht überlege, konnte er sich doch selbst auch nicht im Spiegel sehen. Warum war er dann einfach makellos? Sicher nur, um sein Verhalten ausgleichen zu können. Nach dem Duschen zog ich mich an und versuchte irgendwie meine Haare zu bändigen. Eigenartig wie sich mein Klamottenstyle innerhalb von ein paar Wochen verändert hatte. Statt knappen Rock und Top, trug ich nur noch Jeans mit einem Pulli, damit ich mir die Jacke sparen konnte, die sonst mein ständiger Begleiter gewesen war. Anstatt von einer Menge Schmuck, zierte jetzt nur noch eine praktische Armbanduhr mein Handgelenk und ich gab mich mit einem einfachen Silberkettchen zufrieden. Das Schminken hatte ich längst aufgegeben, auch wenn ich einem weiteren Versuch nicht widerstehen konnte. Als würde es durch irgendein Wunder doch funktionieren, versuchte ich durch die Innenkamera meines Handys ein Spiegelbild zu Gesicht zu bekommen, doch logischer Weise blieb ich auch dort erfolglos. Ich konnte nicht anders als mir wenigstens etwas Maskara halb blind rauf zu schmieren und zu hoffen, dass ich wenigstens ansatzweise meine Wimpern getroffen hatte. Bestimmt machte es keinen Unterschied, aber ich versuchte mir einfach einzureden, dass ich dadurch wieder etwas Autorität zurück bekommen würde.

Nach dem Abendessen, bei dem uns meine Mutter wirklich mit Pizza versorgt hatte, ging jeder seiner Wege und ich versuchte mir meine Aufregung einfach nicht anmerken zu lassen. Es war wohl doch ganz gut gewesen, dass das mit dem Schminken nicht geklappt hatte, dann musste ich mir keine blöden Ausreden für meine Mutter ausdenken. Ungeduldig brütete ich etwas über meinen Hausaufgaben, bis sich endlich die Schlafzimmertür meiner Mutter schloss. Nachdem eine Stunde in Stille vergangen war, lief ich zu Leandro und verließ zusammen mit ihm das Haus. Der Regen hatte aufgehört und auch der Wind hatte sich größten Teils verabschiedet. Trotzdem war es alles andere als warm. Genüsslich zog ich die kalte Abendluft ein und bemerkte wie rein sie auf einmal war. Anstatt von Autogasen verschmutzt, war die Luft nun so angenehm sauber, dass ich plötzlich das Gefühl hatte, auf dem Land zu sein.

Wir liefen die Straße bis zur Bushaltestelle hinauf und ich fragte mich immer noch, welche Vermutung sich in seinem Kopf befand und womit er sie unterstützen würde. Doch lange konnte er mich nicht mehr im Ungewissen lassen, da er sich nicht im Geringsten hier auskannte, wartete ich förmlich auf seine dunkle Stimme, die mich nach dem aufschlussreichen Ort fragen würde. Vielleicht war die Bibliothek sein Ziel? Wo auch immer er mich hinschleppen wollte, bei ihm fühlte ich mich sicher. Natürlich wusste ich, dass es nicht so sein sollte, aber ich hatte das Gefühl, dass nur er mir diese Sicherheit geben konnte.



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beta
Fairy Dust

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