Ein Jahr später

Ich sitze mit Sophie zusammen in der Straßenbahn. Neben ihr steht der Kinderwagen. Darin liegt Leon, unser Sohn. Wir sind gerade auf dem Weg in die Stadt, um neue Sachen für unser Kind zu kaufen. Sophie schaut abwechselnd nach Leon und aus dem Fenster. Deshalb erlaube ich mir, meine Gedanken ein wenig schweifen zu lassen.

Nach ihrem Anruf haben wir uns schließlich doch getroffen. Ich kann mich noch gut an den Abend erinnern, als wir stundenlang alle Möglichkeiten durchgegangen sind. Letztendlich haben wir uns dazu entschieden, es miteinander zu versuchen – Leon zuliebe. Er soll in einer einigermaßen heilen Familie aufwachsen. Wir sind zusammen in eine Wohnung gezogen und haben all die Dinge gekauft, die man für ein Baby so braucht: Ein Kinderbett, einen Wickeltisch... Und dann, vor mittlerweile gut drei Monaten, kam Leon zur Welt. Sophie war sehr glücklich darüber, dass sie ihn nicht alleine aufziehen muss.
Nun bestreiten wir gemeinsam den Alltag. Doch neben den wenigen Momenten, in denen alles zu passen und es keine Probleme zu geben scheint, sind da die vielen Situationen, in denen eben nicht alles passt. Zum Beispiel, wenn Sophie schon am Morgen mit Kopfschmerzen aufwacht und ich ihr bei vielem helfen soll – und das zum Teil bei Dingen, die ich noch nie gemacht habe. Oder wenn wir nachts aufwachen, weil das Baby schreit. Meist bleibe ich dann liegen und schlafe auch relativ schnell wieder ein. Doch dann beschwert sich Sophie am nächsten Morgen immer wieder, dass ich mich nachts auch mal um Leon kümmern soll.
Manchmal denke ich, dass ich das ganze sowieso nur für Leon mache. Sophie kann so anstrengend sein… Unter anderen Bedingungen würde ich niemals mit ihr zusammen leben. Doch es ist nun einmal so. Und deshalb werden wir vermutlich den Rest unseres Lebens zusammen verbringen – auch wenn das vielleicht keine so schöne Vorstellung ist.

Plötzlich beginnt Leon zu schreien. Aus meinen Gedanken aufgeschreckt schaue ich zu ihm. Was hat er nur? Hektisch beginne ich, den Kinderwagen mit meinen Blicken abzusuchen. Doch da hebt Sophie auch schon den Schnuller vom Boden auf, pustet ihn ab und schiebt ihn Leon wieder in den Mund. Der beruhigt sich sofort wieder und nuckelt nun friedlich.

Wenn ich so darüber nachdenke, bereue ich nichts von diesem Abend. Es war schön mit Sophie zusammen. Und in diesem einen Moment – da bin ich mir immer noch ganz sicher – hat sich das alles richtig angefühlt.

„Hier hat es angefangen“, meint Sophie dann, als wir die Haltestelle „Liebigstraße“ erreichen. Offensichtlich hat sie auch gerade an jenen Abend denken müssen. Ich sehe sie an. In ihrem Gesicht steht ein kleines Lächeln. Deshalb lächle ich zurück.
'Zwei Haltestellen reichen, um ein Kind zu zeugen', denke ich, 'Das habe ich nun verstanden.'

Comments

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    Du greifst da ein Thema auf, das sich so oder ähnlich immer wieder gerade abspielt... Was mich persönlich interessiert hätte: Warum trafen sich die beiden nach der ersten Nacht nicht mehr? Du schreibst flüssig und klar, die Wortwahl ist gekonnt, wie ich es von dir kenne. 5/5

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