Ein Moment in der Bibliothek

Ich werde die nächsten Tage nicht in meine Wohnung zurückkehren. Ich werde auch nicht so schnell erneut zu Lucius Malfoy gehen, sei unbesorgt.
Es tut mir leid, wie unser Gespräch gestern Abend verlaufen ist.
S.

Ungläubig starrte Ginny den Zettel an, den sie am Morgen auf dem Küchentisch vorgefunden hatte. Was wollte Snape damit bezwecken? Und glaubte er ernsthaft, seine Entschuldigung würde irgendetwas ändern? Sie würde ihm nie wieder vertrauen, da konnte er noch so ein fabelhaftes Frühstück für sie herrichten. Denn genau das hatte er an diesem Morgen getan. Als Ginny in die Küche gekommen war, hatten bereits ein warmes, frisches Ei sowie Kaffee, O-Saft, Brötchen und diverse Brotaufstriche auf die gewartet. Will er mich bestechen? Denkt er, er kann mich so leicht wieder einlullen? Merlin, das macht mich alles noch viel wütender!

Dennoch war sie ihm dankbar, dass er ihr Freiraum gelassen hatte und ihr die Zeit gab, ihr verändertes Verhältnis zu überdenken.

oOoOoOo

Lächelnd ließ Hermine die Feder über das Papier fliegen. Sie liebte diese neue Arbeit und konnte ihr Glück überhaupt nicht fassen. Sicher, es war langweilige, stupide Fleißarbeit, aber dennoch – es war genau das Richtige für sie. Umgeben von Büchern, in einem riesigen Saal voller ehrwürdiger Bücherregale, nur begleitet vom Schein einer Öllampe, konnte sie den ganzen Tag abseits der Malfoys verbringen.

Zumindest hoffte sie das. Es war erst gestern gewesen, als Malfoy senior sie aus der Küche abgeholt und in seine private Bibliothek geführt hatte. Nur zu gut klangen seine Worte noch in ihrem Kopf nach – wenn sie nicht zu seiner Zufriedenheit arbeitete, würde er sie von der Aufgabe wieder abziehen. Umso mehr Mühe gab sie sich bei dieser höchst willkommenen Abwechslung.

Sie hatte nicht schlecht gestaunt, als Lucius Malfoy sie durch die mächtige Tür in einen Raum mit abertausenden Büchern geführt hatte. Niemals hätte sie vermutet, dass ein einzelner Mensch so viele Bücher besitzen konnte – doch natürlich hatte die Familie Malfoy schon seit Generationen an dieser Familienbibliothek gearbeitet und so fanden sich hier diverse Werke, die nur noch schwer oder gar nicht erhältlich waren neben ganz alltäglich Standardwerken. Und sie, Hermine Granger, war die Glückliche, welche die gesamte Bibliothek untersuchen und jedes Buch mit Hilfe einer Karteikarte katalogisieren durfte. Sie konnte gar nicht begreifen, dass dies nie zuvor geschehen war, doch Malfoy hatte ihr erklärt, dass seine Vorfahren meist mehr Wert auf das Besitzen und weniger auf das Benutzen von Büchern gelegt hatten. Und so hatte es nie Bedarf gegeben. Doch er, Lucius Malfoy, habe beschlossen, dass Bildung wichtig sei, und dass er wissen wolle, welche Schätze sich in seinem Besitz befanden.

Zu diesem Zweck hatte er eine Reihe von Karteikarten verzaubert. Hermines Aufgabe bestand nun darin, sämtliche Titel zu erfassen, Autor und Datum zu notieren und mindestens fünf inhaltliche Stichwörter aufzuschreiben. Die Karteikarte wäre dann sowohl über Autor, als auch über Jahr und Titel sowie über die Stichwörter mittels Magie aufrufbar. Jede Karteikarte erfasste zudem das genaue Regal und die Regalreihe, in welcher sich das Buch befand, und aktualisierte es selbstständig, sobald es woanders hingestellt wurde. Eines musste Hermine ihrem Sklavenhalter lassen – er war klug und sein System würde, wenn es erst einmal fertig war, sehr viel Zeit sparen.

Aber zunächst hatte sie jede Menge Arbeit – und das freute sie, denn es bedeutete, dass sie abgeschieden vom Rest für sich alleine sein konnte. Die Gefahr, dass andere Todesser ihr hier auflauern würden oder dass Draco sie belästigte, erschien ihr deutlich geringer.

Von seinem Sessel aus beobachtete Lucius Malfoy die Arbeit seiner Sklavin. Er hatte Recht behalten damit, dass sie Freude daran haben würde. Es war bemerkenswert, wie sehr sie aufblühte zwischen all diesen alten Büchern. Plötzlich konnte er wieder die jugendliche Frau sehen, die sich voller Stolz im Kampf um Hogwarts allen Gefahren gestellt hatte. Die verschüchterte, traumatisierte Frau, die er gestern früh morgens vorgefunden hatte, hatte ihm nicht gefallen. Severus war offensichtlich nicht zärtlich gewesen und hatte sich mit Gewalt genommen, wofür er gezahlt hatte. Lucius verstand noch immer nicht, warum er das getan hatte, denn es war ihm nie zu Ohren gekommen, dass sein alter Weggefährte diese Art der Befriedigung schätzte.

Andererseits konnte er ihn doch verstehen. Je länger Hermine Granger in seinem Haushalt weilte, umso mehr entdeckte er ihre Schönheit. Sie hatte lebendige, intelligente Augen, war selbst als Sklavin noch stolz, und die kleinen Frechheiten, die sie sich ihm gegenüber erlaubte, zeugten von ziemlich viel Mut. Dazu kam der natürliche Körper einer jungen Frau. Dass sie ihm gegenüber so wenig Angst zeigte, hätte ihn beunruhigen sollen, doch das Gegenteil war der Fall: Er genoss es und machte sich viel mehr Sorgen, warum sie vor seinem Sohn so viel Angst hatte.

Eine plötzliche Bewegung ließ Lucius Malfoy aus seinen Betrachtungen aufschauen: Hermine hatte ihre Arbeit kurz unterbrochen, um vom Stuhl aufzustehen und sich zu strecken. Durch das enge, schwarze Minikleid konnte der Hausherr wunderbar beobachten, wie sich ihr Hintern kurz anspannte, wie sie ihren Rücken durchstreckte und das lockige Haar über die Schultern nach hinten warf. Er fühlte sich verzaubert.

Hermine erschrak, als sie plötzlich von zwei starken Armen umarmt wurde. Sie hatte sich gerade wieder setzen wollen, da wurde sie aufgehalten und an die warme Brust von Lucius Malfoy gezogen. Angespannt wartete sie, was folgen würde – die Bilder der vorvergangenen Nacht waren noch frisch vor ihren Augen. Doch zu ihrer Überraschung blieb es bei dieser Umarmung. Still drückte der ältere Mann sie an seine Brust, strich beinah unmerklich mit seiner einen Hand über ihren Oberarm und hielt sie doch die ganze Zeit fest umklammert.

Und plötzlich, ohne dass sie es aufhalten konnte, stiegen Tränen in ihr hoch. Es war kein stummes Weinen, wie sie es manchmal packte, wenn sie an Harry, Ginny oder Ron denken musste. Jetzt weinte sie laut, schluchzend und hemmungslos. Als hätte die Zärtlichkeit ihres Besitzers einen Damm gebrochen, ließ sie all ihrer Verzweiflung freien Lauf, weinte ihre Angst und ihre Wut über die vorletzte Nacht aus sich heraus.

Malfoy, der instinktiv verstand, was geschah, zog Hermine mit sich auf den Sessel, in dem er zuvor gesessen hatte, und drehte sie zu sich herum. Dankbar schlang Hermine ihre Arme um seinen Hals und vergrub das Gesicht an seiner Brust. Schluckend und nach Atem ringend versuchte sie, wieder die Kontrolle zu erhalten, doch zur Wut über Snape gesellte sich nun auch Wut über den Mann, der sie gerade in seinen Armen hielt.

„Warum?", fragte sie anklagend. Warum hatte er sie verkauft? Wie konnte ein Mensch so mit dem Körper eines anderen umgehen? Wütend ballte sie die Fäuste und schlug auf ihn ein. Lucius Malfoy ließ es geschehen. Er verstand, was in ihr vorging, und wollte ihr ein Ventil geben, um all die angestauten negativen Gefühle einmal raus zu lassen. Erst, als ihre Schläge anfingen, ihm weh zu tun, fing er ihre Fäuste auf und hielt sie fest.

„Hermine", flüsterte er, „komm, beruhige dich. Alles ist gut, es ist vorbei. Keiner bedroht dich mehr."

Die leisen, aber ernsten Worte ihres Besitzers ließen Hermine aufhorchen. Schlagartig wurde sie sich ihrer Situation bewusst: Sie hatte auf dem Schoß von Lucius Malfoy geweint, Trost bei ihm gesucht und ihn geschlagen. Und er hatte es zugelassen, sie getröstet und ihre Schläge hingenommen. Verwirrt blickte sie zu ihm auf und versuchte, ihre Tränen wegzublinzeln.

Der tränenverschleierte Blick, den Malfoy von Hermine bekam, ließ eine Sekunde sein Herz aussetzen. Mehrere Augenblicke konnte er nur wortlos zurückschauen, gefangen von ihren braunen, großen, fragenden Augen. Langsam senkte er seinen Kopf, brachte sein Gesicht ganz nah an ihres – und verharrte in dieser Position.

Ein ungläubiges Blinzeln der jungen Frau auf seinem Schoß brachte ihn schlagartig in die Realität zurück. Was bei Merlins Barte tu ich hier?, schrie er sich in Gedanken an. Noch ehe er eine Antwort auf die Frage finden konnte, löste er seine Arme von Hermines Rücken und schob sie von sich.

Hermine war dankbar dafür. Schnell stand sie auf und setzte sich auf ihren Stuhl am Tisch. Mit hastigen Bewegungen strich sie sich die Tränen von den Wangen. Sie hatte gerade in den Armen eines Todessers geweint. Sie hatte Trost bei einem Sklavenhalter gesucht! Bei Lucius Malfoy, der wie kein zweiter für alles stand, was sie ablehnte. Ein kurzer Moment der Zärtlichkeit hatte ausgereicht und sie hatte sich in ein schwaches, weinendes Mädchen verwandelt – vor den Augen einer giftigen Schlange. Was auch immer er aus diesem Augenblick der Schwäche ihrerseits machen würde, es war nicht gut. Verunsichert drehte sie sich um, suchte den Blickkontakt zum Hausherrn – und stellte überrascht fest, dass dieser nicht länger im Sessel saß.

Ein leises Türklicken verriet ihr, dass Lucius Malfoy die Bibliothek verlassen hatte. Erleichtert seufzte sie auf. Zumindest für den Augenblick war sie vollständig allein.

oOoOoOo

Das war knapp!, schalt Lucius Malfoy sich innerlich. Aufgeregt lief er in seinem Arbeitszimmer hin und her.

Was genau war knapp?, fragte er sich, plötzlich innehaltend. Was hatte ich da eben vor? Ich wollte doch nicht …

Doch er wusste, dass es zwecklos war, sich selbst zu belügen. Er war kurz davor gewesen, Hermine Granger zu küssen. Dieses unschuldige Starren, diese Hilflosigkeit, die geröteten Wangen, ihre in seine Brust gekrallten Arme – all das hatte wie ein Aphrodisiakum auf ihn gewirkt. Sein Beschützerinstinkt war erwacht und mit ihm das Verlangen nach dem Körper einer jungen Frau.

Shit.

Er war der letzte, der es sich leisten konnte, einer Sklavin gegenüber nachsichtig zu sein. Insbesondere dieser Sklavin. Sie war Hermine Granger. Bis vor wenigen Wochen war sie nach Harry Potter die größte Bedrohung für den Dunklen Lord gewesen. Jede Form der Großzügigkeit ihr gegenüber würde verdächtig wirken.

Schaut mich Draco deswegen neuerdings so misstrauisch und hasserfüllt an?, schoss es ihm durch den Kopf. Er hatte keine Ahnung, was sein Sohn über Voldemort dachte. Er hatte damals den Auftrag erhalten, Dumbledore zu töten und das nicht durchgeführt. Danach war er reizbar und aggressiv geworden.

Nachdenklich setzte Lucius Malfoy sich an seinen Schreibtisch. Wenn er genauer darüber nachdachte, war Draco seit Dumbledores Tod wie verändert. Als kenne er nur noch Hass, Verachtung und Misstrauen. Und seit Hermine Granger in ihrem Haus lebte, schien sich sein Hass insbesondere gegen sie zu richten. Doch warum? Er selbst hatte keinen Grund, sie zu hassen. Ja, sie war ein Schlammblut und eine ehemalige Feindin des Dunklen Lords. Doch jetzt war sie eine Sklavin und sollte damit höchstens Verachtung und Belustigung hervorrufen. Warum also dieser Hass?

Ich sollte ihn am besten direkt fragen. Es ist viel zu lange her, dass ich ein anständiges Gespräch mit meinem Sohn geführt habe!

Doch sofort verwarf er den Gedanken wieder. Wenn er jetzt plötzlich als guter Vater daher kam, würde Draco nur misstrauisch werden. Er war schon nach dem Vorfall im Badezimmer misstrauisch gewesen und hatte seine Autorität in Frage gestellt. Er konnte es sich nicht leisten, dass Draco irgendetwas mitbekam.

Lucius Malfoy musste sich eingestehen, dass er nicht frei in seinem eigenen Haus war. Seine Frau hatte sich nie den Todessern anschließen wollen und sich im Laufe der Jahre mehr und mehr von ihm abgewendet. Spätestens seit Hermine Granger aufgetaucht war, hatte sie ihm zudem auch Eifersucht entgegengeschleudert. Und er wusste nicht, was sein eigener Sohn alles an andere weitergab. Konnte er es sich wirklich leisten, so sorglos zu leben? Er hatte keine Ahnung, welcher seiner Familienangehörigen und Freunde wo stand. Er wusste nicht, wer ehrlich zu ihm war und wer nur darauf wartete, ihn ins Messer laufen zu lassen.

Er hasste sich dafür, sich so geändert zu haben. Früher war er selbstbewusst gewesen und sich seiner Position direkt an der Seite des Dunklen Lords ganz sicher. Damals hatte es ihm egal sein können, ob ihn jemand belog oder betrog, denn Voldemort war sich seiner Loyalität zu hundert Prozent sicher gewesen und nichts, was irgendjemand hätte sagen können, hätte Gewicht gegen ihn, gegen Lucius Malfoy haben können. Und jetzt? Heute musste er aufpassen, zu wem er was sagte und sich immer fragen, wer ehrlich zu ihm war. Und er musste sich eingesehen, dass es vermutlich niemand war.

Außer Hermine Granger. Ausgerechnet Granger war die einzige Person auf der Welt, die keinen Grund hatte, ihn anzulügen.

Und plötzlich wurde Lucius Malfoy bewusst, warum er die junge Frau in letzter Zeit so gerne um sich gehabt hatte.

Comments

  • Author Portrait

    Ich habe riesen Respekt vor dir Thoronis. Dieses Fanfic aber auch die anderen welche ich gelesen habe sind genial geschrieben. Ich fiebere regelrecht mit möchte immer wissen wie es nun weitergeht und es bleibt immer spannend weil es plötzlich wendungen in der Geschichte gibt die man nicht erwartet.

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Fairy Dust

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