Ein neuer Weg

Kayden viel auf, dass der scheinbar unbegründete Pfad, dem sie verfolgten, in dieselbe Richtung führte, die er zuvor mit seinem Bruder einschlug, als sie den Wald betraten.
Es schien ihm, dass der Wuchs eines jeden passierten Baumes, von jedem darauffolgenden noch übertroffen wurde. Er glaubte wahrhaftig, das jener, den er mit Less umrundete, der größte sei, den er je zu Gesicht bekam. Weit gefehlt.
Trotz der Fremden, die sie begleiteten und ihnen offensichtlich freund waren, blieb dem Jungen die Situation verworren. Allein der Umstand, sich im ›flüsternden Wald‹ aufzuhalten ... nein, durch eben diesen hindurchzuschreiten schien ihm unerfindlich. Seine Gedanken rasten.
Anhand des Himmels konnte er die eingeschlagene Richtung ihres Weges wie auch die Tageszeit abwägen. Hier hingegen vermochte er weder das eine noch das andere. Von einem dieser geheimnisvollen Schattenjäger wusste er, dass es früh am Morgen sein musste. Nachdem er versuchte den Mann auszuhorchen, wie er es anstelle, die Zeit bestimmen zu wollen, hatte dieser ihm lediglich ein Lächeln gezollt.
»Du wirst es bald selber herausbekommen«, hatte Rondal gut gelaunt gemeint und ihm aufmunternd die Schulter gedrückt.
Egal wie oft Kayden es versuchte, es gelang ihm nicht. Selten blieb ihm ein Blick auf den Himmel vergönnt, so dicht wuchs das Astwerk und die darüber thronenden Kronen dieser übergroßen Gewächse. Auch wenn der Wald verschlossener wirkte, die Bäume wuchtiger, das Gewerk dieser Giganten kräftiger und das Blätterdach satter, schien es hier am Fuße dieser riesigen Wunder der Natur seltsamerweise nicht viel dunkler zu werden.
Das fahle Licht der morgendlichen Sonne suchte sich einen steten Weg und dort wo wärmende Strahlen auf die Belaubung dieser ihm unnatürlich wachsenden Kolosse trafen, so schien es ihm, schimmerte es golden. War dies der Ursache, weshalb es hier unten nicht dunkler wurde als in jedem anderen Wald auch? Alles sah so natürlich aus, sogar der Grund, auf dem sie sich bewegten. Kleine Äste, Reisig, Moose und Rasen, all diese Dinge, die man auf dem Boden eines normalen Gehölzes so auffindet. Selbst Laute von Tieren glaubte er zu hören. Flatternde Geräusche von schlagenden Flügeln, tapsen und hopsen von vermutlich belanglosen Wildhasen, ja sogar das Klackern und nagen von jenen, die ihre morgendliche Mahlzeit verzehrten.

Die Augen hätten ihm vor Müdigkeit längst zufallen müssen. Zu seiner Verwunderung hingegen blieb er hellwach. Sein Vater erzählte eines Abends von solchen Tagen. Er erklärte, dass der Körper dann über einen gewissen Punkt hinweg sei und man nicht schlafen würde können. Was er damit meinte ... er wusste es nicht mehr. Er konnte sich nicht einmal erinnern, wohin die vielen Stunden der vergangenen Nacht entwichen sind.
Lediglich seine schmerzende Muskulatur und sein verletzt daliegender Bruder erinnerten ihn an eine gefühlte Ewigkeit der Flucht.

»Was ist das Geheimnis dieses Waldes? Ich meine, was ist das hier alles?«
Kayden war von den gewaltigen Gewächsen und den unvermuteten Eindrücken so sehr abgelenkt, dass er nicht einmal die Zeit fand, Angesprochenen anzusehen, so wie es ihm seine Eltern beibrachten. So bemerkte er nicht, dass dieser den Kopf schüttelte und ein Lächeln nicht verkneifen konnte.
»Ich sehe nichts, was ich nicht im Rabengehölz oder in jeden anderen Wald auch sehen würde. Außer ... diesen riesigen Dingern.« Er zeigte mit ausgestrecktem Zeigefinger auf einen Baum seitlich voraus. »Ich sehe und höre weder Gespenster noch Monster, die nach uns trachten.«
»Ihr zwei habt einen aufreibenden Abend hinter euch und ich kann mir nur vage vorstellen, seit wie vielen Stunden du bereits auf den Beinen sein musst. Nun gut, wenn es dich beruhigt, will ich dir etwas über diesen Ort erzählen.« Er stockte und es war zu spüren, dass er nach den richtigen Worten suchte.
»Um Näheres über diesen Wald zu erfahren, solltest Du dich später mit Kremir unterhalten. Ich kann dir nur verraten, was ich weiß.«
Wissbegierig und mit wachen Augen wartete Kayden auf die bevorstehenden Erklärungen. Er rutschte auf seinem Sattel hin und her, so als suche er eine bequemere Haltung.
»Weißt du, wir Schattenjäger wissen wie und wo wir uns in diesem Wald bewegen können, ohne Gefahr zu laufen. Es gibt Wege, die andere nicht als solche erkennen würden.«
»Aber ...«
»Kayden, du kennst vermutlich unzählige Geschichten über diesen ...« Mit weit ausholenden Armen versuchte er die Gegend zu vereinnahmen. »... Wald.«
Angesprochener nickte eifrig und knabberte gespannt auf der Unterlippe. Die Neugierde stand ihm sprichwörtlich auf der Stirn geschrieben.
»Dann verrate ich dir ein Geheimnis.« Er sah hinüber zu seinem Zuhörer und vergewisserte sich, der Aufmerksamkeit des Jungen gewiss zu sein.
»Viele dieser Erzählungen stimmen ...« Rondal hob die Brauen und schüttelte dann den Kopf. »... andere wiederum nicht.«
Er gab dem Knaben nicht einmal den Hauch einer Möglichkeit aufzubegehren und spornte sein Pferd an. Er preschte voran und winkte ihm aufzuschließen. »Komm schon mein Junge. In einer Stunde sind wir hier raus und du kannst vom Falkner das wahre Geheimnis des Waldes erfahren.«

***

Trotz fortgeschrittener Tageszeit herrschte Tumult in der Burgenanlage, wenn auch absichtlich gedämpft, hatte man bedingten Respekt davor Bestlin zu vorzeitig wecken. Wachgänger rotteten sich auf dem Hof zusammen und lauschten schier unglaublich klingender Berichte. Der Wachhabende überlegte, ob er den Hauptmann und somit den Lord mit den neuesten Nachrichten behelligen sollte oder bis zum nächsten Morgen mit den Informationen vorhalten konnte. Beschloss er, diese zurückzuhalten, lief er Gefahr eines lautstarken Aufruhrs, anders wiederum ... er lenkte ein und nickte. »Gut gut. Ich sehe die Wichtigkeit eures Anliegens ein und da ein getreuer Fürsprecher euer Begehren bestätigt, will ich den Hauptmann informieren.«
»Ich komme mit. Der Hauptmann verlangt auch mein Wort.« Er wendete den Blick, drehte sich zu seinem neben ihm stehenden und hob mahnend die Hand. »Ihr, Bauer Klarich bleibt und wartet angemessen. Keine Proteste.«
Angesprochener schluckte und es war überdeutlich, dass er mit der Anweisung haderte. Sein Kiefer mahlte und seine Wangenmuskulatur hüpfte im Einklang mit jedweder Bewegung. Dennoch, er neigt im Einvernehmen das Haupt. »Lasst mich nicht zu lange warten«, presste er zwischen geschlossenen Zähnen hervor. Sein rechter Nasenflügel zuckte und in seinen Augen loderte es. Dieser Mann würde keinen Augenblick zögern einen womöglich entscheidenden Fehler zu begehen.
Auf dem Burghof war für jedermann spürbar, welch Spannungen sich entladen würden, käme es zu einer Auseinandersetzung mit dem Bauern und so war es nicht verwunderlich, dass man Abstand zu diesem hielt. Die meisten von ihnen kannten den Mann und dessen Stellung. Hinter vorgehaltener Hand mutmaßte man ferner den Stellenwert seiner Person, obgleich niemand sich laut dazu würde äußern wollen. Dem Anschein nach ist dieser lediglich ein einfacher Landarbeiter, ein Freibauer, dessen Auftreten und selbstsichere Art dennoch viele schreckten. Nicht einer wollte sich neben einen bis zum Bersten geladenen jemand aufhalten, der in der Lage schien Knochen mit seinen mächtigen Händen mühelos so in zwei zu brechen.
Serfem nickte und schielte in die Schatten der Torwacht. »Es wird nicht ewig dauern. Nur so lange, wie mein Bericht.«
Abermals knurrte Klarich. »Beweg dich endlich.«
Der Wachhabende war im Begriff die gebotene Frechheit entsprechend zu kommentieren und führte die Hand an den Griff seines Schwertes. Des Bauern begleitender Fürsprecher legte ihm die Seine auf die Schulter und schob ihn die Stufen zum Burgfried hinauf. »Komm und melde uns an. Die Sache ist dringlich.«
»Schade«, nuschelte der aufgebrachte Vater in sich hinein.

***

Gemeinsam betraten der Wachhabende, der Thulene und einer seiner Soldaten den Saal, in welchem bereits der Hauptmann ungeduldig vor dem massiven Tisch auf und ab marschierte. Immer wieder starrte dieser erwartungsvoll er auf die sich endlich öffnende Tür. »Was zum Teufel war an meinem Befehl nicht zu verstehen, Serfem?« Mit ausladenden Schritten trat er heran, griff dem Wachhabenden an die Schultern, drehte ihn herum und schubste ihn hinaus. »Verschwinde und sorge dafür, dass der Bauer sich weiterhin ruhig verhält. Er sieht aus, als wolle er jemandem an die Gurgel.«
An die beiden Verbliebenen gerichtet deutete er hinüber zum Tisch und den davor stehenden Stühlen. »Bericht.«
Serfem zögerte. Erst als das Geräusch einer sich schließenden Tür erklang, räusperte er sich. »Der Jäger ist auf nach Holmfirth und ich habe unsere Männer zum Bauern gebracht.«
»Weiter, weiter. Was verdammt ist dort passiert.«
»Wir waren spät. Vogelfreie oder Marodierende waren zuerst dort. Als wir kamen, brannte die Scheune schon.«
Er berichtete seinem Hauptmann wie er und seine Leute wenn doch zu spät so aber dennoch zur rechten Zeit auf den Hof stürmten. Unter Verlusten gelang es ihnen, den Rest des Hofes als auch die Bauernfamilie vor dem sicheren Tod zu bewahren. Wäre Klarich oder auch nur seine Frau getötet worden, hätte dies eine unverkennbare Katastrophe für die bevorstehende Ernte bedeutet. Alle hiesig ansässigen Landarbeiter waren auf diesen Hof und dem Bauern als Instrukteur angewiesen. Jegliche Koordinationen liefen bei ihm zusammen, Vorarbeiter leisten ihm Bericht. Hinter vorgehaltener Hand kursierte das Gerücht, sie würden arbeiten, weil er ›er‹ ist. Gemeinhin schaute das Volk zu diesem Mann auf und nahm sein Wort für bare Münze.
Die Soldaten des Lords mussten den Zweien unter allen Umständen zur Seite stehen und aus jenem Grund teilte er seine Kräfte auf. Die Hälfte derer durchkämmten das Umland, während die Übrigen die schatzenden Angreifer zurückschlugen.
Der Hauptmann wirkte weder betrübt noch erschrocken, ihm schien der Vorfall obendrein recht angenehm. »Was ist aus den Jungen geworden. Aus diesem ... Veyed?«, verlangte er zu erfahren.
Der noch vor dem Portal stehende Soldat meldete sich zu Wort und trat vor. »Hauptmann. Ich war bei dem Suchtrupp und kann berichten.«
Er sah auf und wechselte fragende Blicke mit dem Thulenen, der lediglich nickte.
»Nun denn. Endlich jemand der verständliche Sätze bilden kann. Sprich.«
»Wir eilten den beiden Bälgern hinterher. In diesem Wald, nahe des Steinbruches ...«
»Du meinst das Rabengehölz.«
»Ja, Hauptmann. Unsere Hunde hatten Witterung aufgenommen, doch wurden wir feige aus einem Hinterhalt angegriffen. Diese Bastarde wussten, dass wir sie suchen würden, und konnten ihrer Spur erst wieder folgen, nachdem wir diese Hurensöhne umgelegt haben.«
»Verdammt Mann, kommt zum Punkt«, brauste der Hauptmann ungehalten und deutlich lauter als beabsichtigt auf. Erschrocken sah er hinauf zu jener Stelle, an welcher sich die Tür zu Kammer Bestlins befand.
»Die zwei flohen hinter der Baumgrenze dieses verfluchten Waldes.«
Die Gesichtszüge des Hauptmanns erschlafften und der Mund öffnete sich vor Unglauben. Seine Finger tippen den Gegenüberliegenden an die Kuppen. Er sah von dem Soldaten hinüber zu Serfem hinauf ins Dunkle. »Bist Du dir sicher, dass sie in den Wald ... den ›flüsternden Wald‹ geflohen sind?« Er neigte lauernd den Kopf und verengte sein rechtes Auge.
Eine Tür knarzte und Schritte halten ungewöhnlich laut auf dem hölzernen Wendelgang. »Du, Soldat. Verschwinde und sieh nach dem Bauern. Gib ihm Gutes zu essen und zu trinken. Sage ihm, dass der Lord selbst berät.«
Erschrocken hastete der Hauptmann als auch Serfem aus ihrer sitzenden Position und sahen hinauf.
»So. Das ach so einfache Unterfangen mir diesen Jungen zu bringen, ist also gescheitert.«
»Lord.«
»Schweig! Der Tumult da draußen ist nicht zu überhören«, donnerte Bestlin und trat auf die Zwei zu. Seine Augen verengten sich und suchten in den Zügen Serfems nach unausgesprochenen Informationen. Er nickte und sein Blick klärte sich, als er auf der Tischkante platz nahm. Er trug lediglich einen dünnen Überwurf aus Leinen, den er sich vor der Brust mit drei kleinen Schlaufen geschlossen hielt.
»Du bist also einer der noch gebliebenen Getreuen«, stellte er nüchtern fest und erwartete keinerlei Antwort. Er grummelte. »Es war nicht Alric oder irgendwelche geheimnisvolle Schattenwesen?«
Der Hauptmann verzog die Brauen und sah von seinem Lord hinüber zu dem Thulenen, der schlicht mit den Schultern zuckte.
»Dachte ich es mir. Kaum das ich Alric in die eine Richtung entbiete, lauert der Feind auf der anderen.« Wuchtig hieb er mit der rechten Faust auf die Tischplatte. »Was verdammt noch eins, ist ... mit ... meinem ... Jungen? Ihr solltet ihn mir bringen, heute Nacht.«
»Lord. Im Rabengehölz war noch mehr als nur dieser Hinterhalt«, räumte Serfem ein.
Augenpaare neigten sich in seine Richtung und musterten ihn. Er wusste, dass ihr Vorhaben gewagt war und der kleinste Fehler alles Vorherige zunichtemachen konnte. Dennoch, es war von langer Hand geplant und die Ereignisse nicht weiter hinauszuzögern.
Als er sicher war, beider ungeteilter Aufmerksamkeit zu genießen, befeuchtete er seine Lippen und führte fort. »Zwei der Soldaten wurden von Greifvögeln attackiert. Es sollen ein riesiger Adler und ein Falke gewesen sein.«
Sie ließen ihn sprechen und hatten keinen Einwand vorbereitet. Sie erfuhren, dass die Vögel nicht zufällig ins Geschehen einschritten. Der Angriff war für einfache, wenn auch Jagdvögel zu koordiniert und der erklärende Soldat schwor auf Mark und Bein, dass er in ihren Augen etwas gesehen habe, was es so nicht geben dürfe. Obendrein schien das fahle Licht des Mondes über dem Haupt des Adlers wie eine Krone zu glimmen.
»Wer kann bezeugen, dass die Brüder in diesen Geisterwald flohen?«
Der Thulene war zu sehr in Gedanken, damit beschäftigt, keine verräterischen Details ausversehen zu nennen. Alric hatte ihn gewarnt. Bestlin konnte Blicke und Worte gebrauchen, die einen Strauchen ließen.
»All jene, die den schwarzen Pfeilen davor zum Opfer vielen, und weitere drei meiner Männer. Zwei von ihnen verließen gerade das Rabengehölz, als die Knaben hinter der Baumreihe verschwanden.«
Die Brauen des Lords schoben sich vor und seine Stimme nahm einen lauernden Ton an. »Ihr seid ihnen gefolgt?«
Serfem wendete den Blick, nicht jedoch den Kopf. Seine Lieder schlossen sich für einen kurzen Moment und lediglich seine Augen hefteten sich auf seinen Gegenüber. Er versuchte emotionslos zu klingen aber bestimmt. Er wusste um die Gefahr, die außerhalb seiner Deckung lauerte, konnte ungeachtet dessen mit derartiger Arroganz nichts anfangen. Gleichwohl, sie machte ihn wütend. »Wenn ihr wagemutig genug seid ...« Er deutete mit ausgestrecktem Arm in die Richtung, in welcher sich besagter Wald befand. »... überlegen sich die Leute unter Umständen euch dorthin und vielleicht auch weiter zu folgen.«
Bestlins Augen weiteten sich, stand auf und warf zerrüttet die Arme in die Luft. »Verfluchter Wald! Verfluchte Bastarde! Sie sind krepiert und mir geht nicht nur der Junge verloren. Ein Jammer verdammt.«
»Wer sagt, dass sie ums Leben gekommen sein müssen? Die Männer da unten, und wie unser thulenische Freund hier selbst bestätigte ...« Der Hauptmann deutete mit der Linken in Richtung des Hofes. »... erzählen doch lautstark, wie einige deiner Leute und zwei unserer besten Hunde von Pfeilen gespickt zu Boden gingen.«
Serfem nickte und erlaubte sich ein boshaftes Lächeln. »Ja, es stimmt. Jedoch wird sich niemand in diesen Wald begeben noch dazu aus welchem schwarze Pfeile geflogen kommen.« Zum Beweis zog er ein abgebrochenes stück Etwas aus einer Tasche an seinem Gürtel. Er warf dieses dem Hauptmann vor die Füße, wo es klappernd zum Ruhen kam.
Es war ein nahezu meisterhaft gerundetes schwarzes Stück mit rabenschwarzen Federn bestückt.
»Was ist das?«
»Ein Teil jener tödlichen Geschosse. Wer und wie sie hergestellt werden, geschweige denn von wem gebraucht ... ich weiß es nicht, mein Lord.«
Bestlin sah auf, verschränkte die Arme und atmete schwer aus. Er schritt hinüber zum Portal und zurück zum Tisch. Vor dem schwarzen Abbruchstück blieb er stehen. Frustriert trat er zu und schickte es in die Schatten des Saales. Er begann erklärend zu sinnieren.
»Es können nur diese Schattenjäger gewesen sein. Ich dachte, sie wären ein Ammenmärchen. Auch wenn uns die Bälger des Bauern abhandengekommen sind, ihn und sein Weib konnten wir retten. Dennoch, dieser Mann ist für unsere Sache viel zu wichtig, als das wir ihn einfach davon jagen können.«
Weiter führte er an, dass, auch wenn dieser Klarich ebenso wie seine Bälger verschwinden würde, niemand auf die Schnelle seinen Platz einnehmen könne. Die Ernten stünden unmittelbar bevor und die göttliche Herrscherin verlangte in diesem Jahr höhere Abgaben. Die Erträge standen auf Messers Schneide und sie seien auf den Sachverstand dieses Mannes wie dem Einfluss auf die Arbeiter und Handlanger mehr als nur angewiesen.
»Auch wenn wir es nicht vermögen, ihm seine Söhne zurückzubringen, so können wir doch versuchen an seinem Stolz zu appellieren.«
»Was habt ihr vor, mein Lord?«
Angesprochener drehte sich herum und ein verschmitztes Lächeln umspielte seine Lippen. »Schickt Klarich mit meiner Einwilligung zurück zu seinem Weib. Er soll annehmen, dass wir an eine Mitschuld am Verlust seiner Söhne glauben. Wir gewähren ihm Reputation.«
Ungläubig sah der Hauptmann drein. »In welcher Höhe?«
»Auch wenn es mir widerstrebt. Wir werden diesen verdammten Weiler, der es einst war, wieder aufbauen. Klarich soll und wird den Wiederaufbau beaufsichtigen und koordinieren. Im Gegenzug erwarte ich noch nie da gewesene Ernteerträge.«
An Serfem gewandt hob er einen mahnenden Finger. »Und du Thulene heuchelst ein seltsames Spiel. Deine Wortgewandtheit ... Ich behalte dich im Auge.

***

Am Horizont verfärbte sich der Himmel orange Rot, als die Sonne begann, den Mond von seiner Position zu vertreiben. Nicht mehr lange und der Alltag würde erneut zu entrichten sein. Für Klarich und Alna hingegen ein schmerzlicher neuer Morgen.
Auch wenn Lord Bestlin bedingt einer Täuschung Reputation abgetrotzt wurde und der Wunsch dem Wiederaufbau des Handelsweilers einen immensen Schritt näherzukommen, schnürte ihm das Herz. Sein Vetter, die Schattenjäger, seine Jungen und deren Flucht. Dieser Tag musste schon vor langer Zeit geplant worden sein und Alric, so entschied er, hatte sein Zutun geleistet.
Sich und seine Gefühle glaubte er stets im Griff und lernte bereits vor ungezählten Jahren, diese anderen vorzuenthalten. Bis zum gestrigen Tag vertraute er gar fest auf seine eigene gesponnene Lüge. Er hatte alle von Grund auf hintergangen. Nicht nur Alna und seine Söhne, dass schlimmste für ihn war die Erkenntnis, dass er sich selbst so tiefgründig belog, dass sein Innerstes sich vollends auf sein Lügengerüst stützte.

Fernab des Tores zu Bestlins Burg betrachteten er und Serfem die aufgehende Sonne.
Hinter den Hügeln begann das Gebiet, auf welchem er uneingeschränkten Einfluss genoss. Das gesamte Areal, das weithin fruchtbarste des Landes, könnte ein eigenes Königreich gewesen sein. Die Berengars hätten dazu lediglich die Unabhängigkeit erklären müssen. Gleichwohl entschieden sie sich einst, dies nicht zu tun und Agrea den beiden größten Adelsgeschlechtern zu überlassen. Es genügte ihnen die Fäden des Handels und einen ausreichenden Teil strategischer Militärführung in Händen zu halten. Der Bauer vermutete, dass sie über weit mehr Macht innerhalb der Landesführung verfügten als gemeinhin bekannt.
»Ich werde kommen und euch benachrichtigen, sobald mir Kunde über deine Jungen vorliegt«, entriss ihm der Thulene seiner Gedanken.
Klarich schwieg, sah dem Fremdling jedoch lange ins Gesicht. Wieso stand er überhaupt hier ... mit ihm und betrachtete den Sonnenaufgang?
Dieser Mann sollte der Feind sein, war es aber nicht.
Dieser Mann verkörperte all das Übel, welches die sieben Königsländer je vergiftete und unterjochte. Dennoch verspürte er keinen Zorn.
Dieser Mann war der Fremde. Der Eindringling und gehörte alldem ungeachtet dazu.
Dieser Mann verhielt sich anders, als die vielen Übrigen seines Volkes oder jener, die mit ihnen kamen.
Sein Kiefer mahlte und seine Wangen zuckten, als er versuchte diesen Mann als Person, als Mensch einer ihm fremden Nation einzuschätzen.
Er hob den Kopf und bestieg das geschenkte Pferd. »Ich nehm dich beim Wort, auch wenn das bedeutet, mich mit dem Gedanken abfinden zu müssen, meine Vorurteile gegenüber deinesgleichen neu zu sortieren.«
»Geh zu deinem Eheweib und entrichte ihr Grüße. Sobald Bestlins Geheiß verfasst ist, werde ich persönlich dafür sorge tragen, dass Arbeiter und Material zu euch gelangen.«
Der Bauer nickte und schenkte dem Thulenen ein fragwürdiges Schmunzeln.
»Habe ich etwas Falsches gesagt?«
Das Lächeln auf Klarichs Zügen verstärkte sich und er verneinte. »Der Bastard hatte recht, du verfügst über eine gespaltene Zunge.« Er klatschte dem Pferd auf die Flanke und ritt in Richtung Sonnenaufgang.

***

Wärmende Sonnenstrahlen bahnten sich Weg zu ihnen herb und erhellten das nahe Umfeld mehr und mehr. Stetig kleiner wachsende Bäume deuteten darauf hin, dass sich der Waldesrand näherte. Der Tag versprach heiter und angenehm warm zu werden, zogen nur vereinzelt Wolken hoch oben am Firmament ihre Bahnen. Rondal war für Kaydens Geschmack unangebracht gelaunt, konnte es ihm jedoch kaum verdenken. Als der Mann von seiner eigenen Familie getrennt wurde, lag deutlich länger zurück als bei ihm und Veyed.
Er rang mit sich und versuchte Haltung und Fassung zu wahren. Die Muskulatur seines Kinns verzog sich und lies es tanzen, Tränen sammelten sich in seinen Augen.
»Wir sind da. Dort, schau.« Rondal beugte sich zu ihm herüber und zeigte mit ausgestrecktem Arm nach vorn.
Was er sah, bekam er eigentlich überall zu sehen. Weite ausdehnende Wiesen- und Getreideflächen. Freilaufende Kühe, die munter frisches Grün zupften und genussvoll kauten. Hm, von wegen Genuss. Gras schmeckte schlicht und ergreifend grauenvoll, das konnte er aus eigenen Erfahrungen beurteilen.
Er schaute zurück zu Veyed, der nach wie vor ohne Bewusstsein auf der Bahre ruhte. Er musste trotz der widrigen Umstände schmunzeln, hatte sich sein Bruder vor Lachen den Bauch halten müssen, als sie es Ma' und Pa' beichteten. Hoch am Himmel bemerkte er aus dem Augenwinkel sich abwärts windende Bewegungen. Es waren Vögel von derlei Art, wie er sie noch nie zu sehen bekam. Onkel Alric erzählte einst von diesen und erklärte, dass diese in ihrem Heimatland ausgerottet seien.
Er verfolgte ihren Flug und sein Blick heftete sich an eine Mühle. Deren ausladenden Flügel drehten sich gemächlich im fahlen Wind und die beiden Vögel ließen sich auf dessen Dach nieder. Eisige Nadeln bohrten sich in seinen Rücken.
Es war ihm, als entschwinde sein Geist und er begann, im Sattel, zu wanken. Er spürte, wie ihm zusehn unwohl wurde und sein Blick verrückte.
Das Gebäude, diese Mühle, vergrößerte sich ... raste sozusagen auf ihn zu, ohne dass er sich dieser auch nur einen Schritt nährte. Argwöhnisch weiteten sich seine Lider und ihm schien, als könne er die Tiere mit ausgestreckten Fingern berühren, so nah fühlte er sich ihnen. Das größere der beiden, unverkennbar ein Adler, beobachtete ihn aus eisblauen Augen. Er erhob sich, spreizte die Flügel und nickte.
Kayden wollte es nicht beschwören, aber er schätzte dessen Spannweite auf nahezu drei Ellen. Sein kleinerer Begleiter schien ein Falke zu sein, das einst auf Wappen geführte Leittier der sieben Königreiche.
Es war ein schönes Tier, ein stolzes dazu und er fand es auf unbeschreibliche Art imposanter als den Adler. Er dachte den Gedanken nicht einmal zu Ende, als sich eben jener in die Lüfte erhob und laut krächzte. Er nickte und nuschelte vor sich hin, ohne das Rondal, der neben ihm stand, etwas verstand. »Dasselbe Geräusch wie im Rabengehölz.«
»Was sagst du?«
Er erhielt keine Antwort und sah in die gleiche Richtung wie ihr jüngster Begleiter. »Ein Adler und ein Falke. Sie kommen, um euch willkommen zu heißen.«
Kayden hörte jedoch nicht hin und hatte nur Augen für die gefiederte Schönheit. Mit einem nahezu schneeweißen Federkleid saß es thronend auf dem Dach und dessen Kopf verfolgte den Flug seines viel größeren Begleiters. Unterbrochen wurde sein silbrig weiß schimmerndes Wesen lediglich auf der Brust. Bräunliche Punkte standen im Kontrast zu dem ansonsten erhabenen Aussehen.
Rondal betrachtete ihn verwundert und stupste ihn die Schulter. »Hey Junge. Aufwachen. Nicht mehr lange und du kannst dich in einem gemütlichen Bett ausruhen.«
Sein gegenwärtiger Fernblick entschwand ihm und er kniff die Augen zusammen. Er schüttelte den Kopf und grinste. »Verzeihung.«

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beta
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