Ein neuer Weg 1/3

Kayden viel auf, dass der scheinbar unbegründete Pfad, dem sie verfolgten, in dieselbe Richtung führte, die er zuvor mit seinem Bruder einschlug, als sie den Wald betraten.
Es schien ihm, dass der Wuchs eines jeden passierten Baumes, von jedem darauffolgenden noch übertroffen wurde. Er glaubte wahrhaftig, dass jener, den er mit Less umrundete, der Größte sei, den er je zu Gesicht bekam. Weit gefehlt.
Trotz der Fremden, die sie begleiteten und ihnen offensichtlich freund waren, blieb dem Jungen die Situation verworren. Allein der Umstand, sich im ›flüsternden Wald‹ aufzuhalten ... nein, durch eben diesen hindurchzuschreiten schien ihm unerfindlich. Seine Gedanken rasten.
Anhand des Himmels konnte er die eingeschlagene Richtung ihres Weges wie auch die Tageszeit abwägen. Hier hingegen vermochte er weder das eine noch das andere. Von einem dieser geheimnisvollen Schattenjäger wusste er, dass es früh am Morgen sein musste. Nachdem er versuchte, den Mann auszuhorchen, wie er es anstelle, die Zeit bestimmen zu wollen, hatte dieser ihm lediglich ein Lächeln gezollt.
»Du wirst es bald selber herausbekommen«, hatte Rondal gut gelaunt gemeint und ihm aufmunternd die Schulter gedrückt.
Egal wie oft Kayden es versuchte, es gelang ihm nicht. Selten blieb ihm ein Blick auf den Himmel vergönnt, so dicht wuchs das Astwerk und die darüber thronenden Kronen dieser übergroßen Gewächse. Auch wenn der Wald verschlossener wirkte, die Bäume wuchtiger, das Gewerk dieser Giganten kräftiger und das Blätterdach satter, schien es hier am Fuße dieser riesigen Wunder der Natur seltsamerweise nicht viel dunkler zu werden.
Das fahle Licht der morgendlichen Sonne suchte sich einen steten Weg und dort wo wärmende Strahlen auf die Belaubung dieser ihm unnatürlich wachsenden Kolosse trafen, so schien es ihm, schimmerte es golden. War dies der Ursache, weshalb es hier unten nicht dunkler wurde als in jedem anderen Wald auch? Alles sah so natürlich aus, sogar der Grund, auf dem sie sich bewegten. Kleine Äste, Reisig, Moose und Rasen, all diese Dinge, die man auf dem Boden eines normalen Gehölzes so auffindet. Selbst Laute von Tieren glaubte er zu hören. Flatternde Geräusche von schlagenden Flügeln, tapsen und hopsen von vermutlich belanglosen Wildhasen, ja sogar das Klackern und nagen von jenen, die ihre morgendliche Mahlzeit verzehrten.

Die Augen hätten ihm vor Müdigkeit längst zufallen müssen. Zu seiner Verwunderung hingegen blieb er hellwach. Sein Vater erzählte eines Abends von solchen Tagen. Er erklärte, dass der Körper dann über einen gewissen Punkt hinweg sei und man nicht schlafen würde können. Was er damit meinte ... er wusste es nicht mehr. Er konnte sich nicht einmal erinnern, wohin die vielen Stunden der vergangenen Nacht entwichen sind.
Lediglich seine schmerzende Muskulatur und sein verletzt daliegender Bruder erinnerten ihn an eine gefühlte Ewigkeit der Flucht.

»Was ist das Geheimnis dieses Waldes? Ich meine, was ist das hier alles?«
Kayden war von den gewaltigen Gewächsen und den unvermuteten Eindrücken so sehr abgelenkt, dass er nicht einmal die Zeit fand, Angesprochenen anzusehen, so wie es ihm seine Eltern beibrachten. So bemerkte er nicht, dass dieser den Kopf schüttelte und ein Lächeln nicht verkneifen konnte.
»Ich sehe nichts, was ich nicht im Rabengehölz oder in jeden anderen Wald auch sehen würde. Außer ... diesen riesigen Dingern.« Er zeigte mit ausgestrecktem Zeigefinger auf einen Baum seitlich voraus. »Ich sehe und höre weder Gespenster noch Monster, die nach uns trachten.«
»Ihr zwei habt einen aufreibenden Abend hinter euch und ich kann mir nur vage vorstellen, seit wie vielen Stunden du bereits auf den Beinen sein musst. Nun gut, wenn es dich beruhigt, will ich dir etwas über diesen Ort erzählen.« Er stockte und es war zu spüren, dass er nach den richtigen Worten suchte.
»Um Näheres über diesen Wald zu erfahren, solltest Du dich später mit Kremir unterhalten. Ich kann dir nur verraten, was ich weiß.«
Wissbegierig und mit wachen Augen wartete Kayden auf die bevorstehenden Erklärungen. Er rutschte auf seinem Sattel hin und her, so als suche er eine bequemere Haltung.
»Weißt du, wir Schattenjäger wissen wie und wo wir uns in diesem Wald bewegen können, ohne Gefahr zu laufen. Es gibt Wege, die andere nicht als solche erkennen würden.«
»Aber ...«
»Kayden, du kennst vermutlich unzählige Geschichten über diesen ...« Mit weit ausholenden Armen versuchte er die Gegend zu vereinnahmen. »... Wald.«
Angesprochener nickte eifrig und knabberte gespannt auf der Unterlippe. Die Neugierde stand ihm sprichwörtlich auf der Stirn geschrieben.
»Dann verrate ich dir ein Geheimnis.« Er sah hinüber zu seinem Zuhörer und vergewisserte sich, der Aufmerksamkeit des Jungen gewiss zu sein.
»Viele dieser Erzählungen stimmen ...« Rondal hob die Brauen und schüttelte dann den Kopf. »... andere wiederum nicht.«
Er gab dem Knaben nicht einmal den Hauch einer Möglichkeit aufzubegehren und spornte sein Pferd an. Er preschte voran und winkte ihm aufzuschließen. »Komm schon mein Junge. In einer Stunde sind wir hier raus und du kannst vom Falkner das wahre Geheimnis des Waldes erfahren.«

***

Trotz fortgeschrittener Tageszeit herrschte Tumult in der Burgenanlage, wenn auch absichtlich gedämpft, hatte man bedingten Respekt davor Bestlin zu vorzeitig wecken. Wachgänger rotteten sich auf dem Hof zusammen und lauschten schier unglaublich klingender Berichte. Der Wachhabende überlegte, ob er den Hauptmann und somit den Lord mit den neuesten Nachrichten behelligen sollte oder bis zum nächsten Morgen mit den Informationen vorhalten konnte. Beschloss er, diese zurückzuhalten, lief er Gefahr eines lautstarken Aufruhrs, anders wiederum ... er lenkte ein und nickte. »Gut gut. Ich sehe die Wichtigkeit eures Anliegens ein und da ein getreuer Fürsprecher euer Begehren bestätigt, will ich den Hauptmann informieren.«
»Ich komme mit. Der Hauptmann verlangt auch mein Wort.« Er wendete den Blick, drehte sich zu seinem neben ihm stehenden und hob mahnend die Hand. »Ihr, Bauer Klarich bleibt und wartet angemessen. Keine Proteste.«
Angesprochener schluckte und es war überdeutlich, dass er mit der Anweisung haderte. Sein Kiefer mahlte und seine Wangenmuskulatur hüpfte im Einklang mit jedweder Bewegung. Dennoch, er neigt im Einvernehmen das Haupt. »Lasst mich nicht zu lange warten«, presste er zwischen geschlossenen Zähnen hervor. Sein rechter Nasenflügel zuckte und in seinen Augen loderte es. Dieser Mann würde keinen Augenblick zögern einen womöglich entscheidenden Fehler zu begehen.
Auf dem Burghof war für jedermann spürbar, welch Spannungen sich entladen würden, käme es zu einer Auseinandersetzung mit dem Bauern und so war es nicht verwunderlich, dass man Abstand zu diesem hielt. Die meisten von ihnen kannten den Mann und dessen Stellung. Hinter vorgehaltener Hand mutmaßte man ferner den Stellenwert seiner Person, obgleich niemand sich laut dazu würde äußern wollen. Dem Anschein nach ist dieser lediglich ein einfacher Landarbeiter, ein Freibauer, dessen Auftreten und selbstsichere Art dennoch viele schreckten. Nicht einer wollte sich neben einen bis zum Bersten geladenen jemand aufhalten, der in der Lage schien Knochen mit seinen mächtigen Händen mühelos so in zwei zu brechen.
Serfem nickte und schielte in die Schatten der Torwacht. »Es wird nicht ewig dauern. Nur so lange, wie mein Bericht.«
Abermals knurrte Klarich. »Beweg dich endlich.«
Der Wachhabende war im Begriff die gebotene Frechheit entsprechend zu kommentieren und führte die Hand an den Griff seines Schwertes. Des Bauern begleitender Fürsprecher legte ihm die Seine auf die Schulter und schob ihn die Stufen zum Burgfried hinauf. »Komm und melde uns an. Die Sache ist dringlich.«
»Schade«, nuschelte der aufgebrachte Vater in sich hinein.

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