Ein Schiff und eine Mannschaft

Alvaró folgte der vermummten Gestalt durch die verregneten Gassen bis zu einer Kneipe am Hafenkai. Hinter der Tür aus morschem Holz war es schummrig und rauchverhangen. Einige wenige Gäste drängten sich um Tische in den dunklen Ecken und rauchten Pfeifen, während sie sich gedämpft unterhielten. Ein Wirt mit einem unangenehmen Gesicht putzte Tonkrüge mit einem schmutzigen Lappen hinter einem abgewetzten Tresen, doch niemand beachtete die beiden Neuankömmlinge.
Der Fremde wies Alvaró an, sich an einen der Tische zu setzen. Dann ging er zum Tresen und wechselte ein paar Worte mit dem Wirt, bevor er sich zu ihm setzte. Sie schwiegen sich an, bis der Wirt mit zwei dampfenden Schüsseln an ihren Tisch kam. Nachdem er die Schüsseln abgestellt hatte und wieder zu seinem Tresen zurück gegangen war, ergriff der Unbekannte das Wort:
"Ich brauche jemanden, der etwas für mich nach Norden bringt. Jemanden mit einem Schiff."
Alvaró sah ihn verwundert an.
"Es gibt nördlich von hier keinen Hafen mehr, den man mit einem Schiff anlaufen könnte." sagte er erstaunt. Sein Gegenüber legte daraufhin ein zusammengefaltetes Stück Schafsfell auf den Tisch, und schob es zu Alvaró hinüber. Dieser entfaltete das Vlies und sah, dass auf die Haut an der Innenseite eine Seekarte gemalt worden war, welche die nördlichen Gewässer zeigte. Doch anders als bei den meisten anderen Seekarten endete diese nicht am Geistermeer sondern zeigte eine große Landmasse weit jenseits der großen See.
"Es gibt Länder im Norden, die in diesem Teil der Welt niemand kennt. Länder in denen der ewige Winter regiert. Und an der Küste dieser Länder gibt es eine Stadt," er deutete auf einen schwarzen Punkt auf der Karte, "Dort gibt es einen Mann, dem ich dringend etwas zukommen lassen muss. Doch ohne Schiff ist mir das unmöglich. Und da kommst du ins Spiel."
Alvaró erwiederte nichts. Er hatte ein mulmiges Gefühl.
"Es geht um dieses kleine Kästchen..." Der Fremde zog etwas unter seinem Mantel hervor und stellte es auf die Seekarte. Es war eine kleine, längliche Kiste aus schwarzem Holz, die mit aufwändigen Schnitzereien verziert war.
"Diese Kiste muss besagten Mann so bald wie möglich erreichen. Aber zuerst muss ich noch eine Frage stellen: Hast du ein Schiff?"
Alvaró schüttelte den Kopf. Er war nun in einer Situation in der es keinen Sinn mehr machte zu lügen.
"Dann betrachte dies als deine Anzahlung," er stellte einen prall gefüllten Beutel mit Goldmünzen auf den Tisch, "kauf dir davon ein neues Schiff und heuere eine Mannschaft an. Den Rest des Geldes wird dir mein Kontaktmann im Norden geben, wenn du ihm das Kästchen überreichst."
"Von wie viel Geld sprechen wir hier?" fragte Alvaró, der sein Glück kaum fassen konnte.
"Genug um zwei neue Schiffe zu kaufen. Mein Kontaktmann wird sich dir zu erkennen geben, wenn er deine Ankunft in der Stadt bemerkt."
Mit diesen Worten stand der Fremde auf und ging ohne ein weiteres Wort durch die morsche Holztür. Die Suppenschüssel blieb unangetastet stehen.

In den nächsten Wochen war Alvaró das Gespräch der gesamten Stadt. Es war lange nicht mehr vorgekommen, dass hier in diesem Kaff jemand, noch dazu ein Fremder, so viel Wirbel um eine Seereise gemacht hatte. Alvaró hatte ein neues Schiff bauen lassen, eine schlanke Galeere mit geteertem Rumpf und doppeltem Deck. Sie allein hatte bereits ein Vermögen gekostet. Der Rest der Anzahlung, die der Fremde ihm gegeben hatte, gab er für die Beschaffung von Ausrüstung und Vorräten aus. Um die Heuer für seine neue Mannschaft musste er sich keine Sorgen machen. Schnell standen Glücksritter, abgehalfterte Seeräuber und Abenteuerlustige aus dem ganzen Norden bei ihm an und brannten darauf, diesen tristen Flecken Erde zu verlassen, und sei es nur für einen Hungerlohn.

Comments

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    Endlich ein neues Kapitel, dieser tollen geschichte ^^

  • Author Portrait

    Eine sehr spannende, gute Geschichte. Freu mich auf die Fortsetzung!

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Fairy Dust

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