Ein Stückchen Frieden

Nachdem Lachlan durch die andauernde Belastung wieder schweren Husten bekam, war es eine Wohltat für ihn und eine Beruhigung für mich, dass er einen Großteil des Tages nun draußen bei Bruder William verbrachte. Es half seiner angeschlagenen Lunge, inmitten all der duftenden Kräuter zu arbeiten.

 

Da es allerdings nicht unbegrenzt Arbeit dort zu erledigen gab, war es eben ich, der anderorts eingeteilt wurde zum Helfen.

Manche Arbeiten gingen mir leicht, ja fast mit Freuden von der Hand. So liebte ich es, die Kapelle aufzuräumen, die kostbaren, handgeschriebenen Gesangsbücher einzusammeln, die alle einen wunderbaren Duft ausstrahlten, nach warmem Leder und altem Pergament, und die kostbaren Altargegenstände zu polieren.

Es betrübte mich, dass ich nach einem Vierteljahr in diesen Mauern noch immer kein einziges der Worte, die in den Büchern standen, lesen konnte. Doch um meine und Lachlans Ausbildung kümmerte sich niemand, obwohl man dies meinen Eltern versichert hatte. Doch ich hatte mir vorgenommen, diesbezüglich lieber nicht zu fragen. Meine Haut hatte in der vergangenen kurzen Zeit bereits genug Spuren erhalten. So ergab ich mich in meine Arbeit.

Andere Tätigkeiten waren wesentlich unerfreulicher als das Aufräumen, Bodenwischen und Polieren.

Als der bullenstarke Bruder Antonius mich einst bat, ihm beim Ausbluten des Schlachtviehs zu helfen, hatte ich noch den kindischen Gedanken im Kopf, dass dies vielleicht spannend sein könnte.

Einige Zeit später war ich von den Schultern bis zu den Füßen besudelt mit fast heißem Blut, welches aus der pulsierenden Ader eines Keilers schoss, dem man bei lebendigem Leibe den Hals und den Bauch aufschnitt.

Ich hielt diesem Anblick nicht stand und erbrach mich heftig in den nächsten herumstehenden Eimer, wofür ich hämisches Lachen und milde bedauernde Worte von den Mönchen erntete, die für das Schlachten zuständig waren.

Dieses Fleisch landete – einer Kostbarkeit gleich – am selben Abend auf dem Teller des Abendmahls. Ich habe es nicht gegessen, wie man sich vielleicht vorstellen kann. Ich wurde den Anblick des armen Tieres nicht los, welches man nicht einmal hatte sterben lassen, bevor man ihm die Eingeweide herausriss. Für Lachlan war dies allerdings umso besser, denn ich schob ihm meine Fleischportion zu.

Nach dem Essen, wieder in unserer Kammer, lachte Lachlan mich aus, als ich ihm erzählte, dass ich den Eimer und einen Teil des Bodens des Schlachthauses vollgekotzt hatte. Er hätte sicher ebenso reagiert, das wussten er und ich gleichermaßen, deswegen nahm ich es ihm nicht übel. Doch an ruhig schlafen war für mich in dieser Nacht nicht zu denken.

 

Lachlan ging in seinen Aufgaben im Kräutergarten vollends auf und ich genoss es, dass er abends immer so gut nach Blumen duftete. Ich war sicher weniger erfreulich für seine Nase, wenn man mich vom Schlachthaus in die Küche schickte, wo ich den Abfall entsorgen sollte und mich anschließend zur Reinigung der Latrinen weiterschob.

 

In mir keimte der Gedanke, dass es eine Art Schikane gegen mich war, dass man mich diese stinkenden Aufgaben erledigen ließ, aber ich war stur.

Ich hatte mir vorgenommen, dass ich mich nicht beklagen würde. Denn ich wollte so wenig wie möglich die Aufmerksamkeit auf mich und damit auch auf Lachlan ziehen.

Was nicht bedeutete, dass es mich nicht ankotzte, dass man mir diesen Schuh zuschob.

 

Ich freute mich am meisten auf die Sonntage. Nach der morgendlichen Messe galt für alle Mönche, mit Ausnahme derer, die für die Küche eingeteilt waren, Arbeitsverbot. Somit auch für Lachlan und mich.

Ich verbrachte diese Tage, nun, wo der Sommer vollends da war, sehr gern ebenfalls im Kräutergarten.

Bruder William traf man selten irgendwo anders an und so saßen wir an den Sonntagen zusammen in der Sonne, flochten Blumen zu Kränzen oder Bruder William erklärte uns die Wirkung der angepflanzten Kräuter.

Wenn ich mich zurückerinnere, war das der erste wirkliche Unterricht, den Lachlan und ich hatten, auch wenn wir das Gelernte nicht aufschrieben.

 

»Ich bin gerne hier im Garten. Du auch, Henry?« Lachlan lachte und warf mir seinen Blumenkranz auf den Kopf. Sein Gesicht hatte etwas Farbe bekommen und sein Husten war über die Tage hier draußen viel besser geworden.

Ich nickte auf seine Frage und ließ den albernen Kranz einfach auf meinem Haar liegen. Der Garten war schön. Neben den duftenden Blumenbeeten und den aromatischen Kräutern war das kleine Stück Rasen wie eine Oase der Ruhe und des Friedens inmitten des unruhigen Klosters.

Wer hätte gedacht, dass Männer, die die meiste Zeit mit Beten verbrachten, allgemein so unruhig sein konnten. Immer hörte man irgendwo Stimmen, oft sogar welche, die herumbrüllten. Ich hatte mir das Leben in einem Kloster freilich anders vorgestellt. Irgendwie... gelehrsamer.

Doch diese Orte, wie die Bibliothek und das Scriptorium, hatten Lachlan und ich bisher nur ein einziges Mal gesehen, an dem Tag, als wir dort ankamen.

Es scherte sich niemand wirklich um uns.

»Wenn ich hier draußen bin, kann ich ganz normal atmen. Dann ist der Hals völlig frei.«

Ich lächelte meinen Bruder an und zerstrubbelte ihm die blonden Haare.

»Dann stell dich gut an, damit du hier weiterarbeiten kannst, Trottelchen.«

 

Ich gönnte es ihm, dass er an diesem Ort frei atmen konnte und genoß den Frieden, den ich wiederum an den Sonntagen hier erlebte.

Denn Frieden, das war etwas, auf das ich ziemlich bald würde verzichten müssen.

Comments

  • Author Portrait

    Schön, dass Lachlan es nun etwas besser hat, Henry ist aber noch immer ein armer Kerl, das mit dem Keiler ist schon ziemlich hart ;-( aber natürlich toll geschrieben! Du bist wirklich sehr begabt Phobos!

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