Ein Sturm auf See

Dunkle Wellen schlugen gegen den Rumpf des Schiffes, warfen es hin und her wie ein hölzernes Spielzeug. Fahle Schemen tanzten auf den Gischtkronen, Alvaró erkannte höhnische Fratzen, die ihn angrinsten. Er hielt das Heckruder fest umklammert, seine Knöchel traten weiß hervor, und seine Handfläche blutete bereits aus vielen kleinen Wunden. Als eine besonders große Welle das Schiff traf, hörte er das Bersten von Holz und spürte wie es ihn von den Füßen riss. Er hielt das Ruder noch immer in der Hand, doch er spürte wie er gegen die Reling schlug. Das Ruder war abgebrochen. Er versuchte sich auf die Füße zu stemmen, doch auf dem glitschigen Boden glitt er sofort aus und prallte hart mit dem Gesicht gegen die Planken. Eine Welle traf frontal auf das Schiff und hob den Bug gefährlich an. Alvaró verlor den Halt und rutschte nach hinten über das Heck. Als er über die Reling fiel, riss diese ihm die Haut am Arm auf und brach ihm beim Aufprall den Knochen. Einen Moment fühlte sich Alvaró, als wäre er schwerelos. Dann tauchte er kopfüber in die schäumende See ein.

Alvaró schlug ruckartig die Augen auf. Sein ganzer Körper war mit eiskaltem Schweiß bedeckt und fühlte sich erfroren an. Panisch betastete er seinen Arm bis ihm aufging, dass er nur geträumt hatte und in seiner Kajüte sicher im Bett lag. Schwer atmend befreite er sich aus den Fellen, die ihn im Schlaf vor der Kälte schützen sollten und richtete sich auf. Es herrschte Zwielicht in dem beengten Zimmer, die graue Stunde kurz vor Sonnenaufgang war angebrochen. Linkisch versuchte Alvaró in seine Kleidung zu steigen, was kein leichtes Unterfangen war, da seine Glieder noch immer taub waren von der Kälte.
Als es ihm schließlich gelungen war sich anzukleiden, trat er durch die Tür, die seine Kajüte vom restlichen Unterdeck abtrennte. Im Rumpf des Schiffes lagen die meisten Mitglieder seiner Mannschaft noch zusammengerollt schlafend in ihren Fellen. Nur einige wenige waren bereits wach und grüßten ihn knapp. Alvaró schlängelte sich zwischen den Schlafenden hindurch, bis zu der hölzernen Leiter, die auf das Deck des Schiffes führte. Als er den Kopf aus der Luke steckte, wehte ihm ein schneidender Wind um die Ohren. Weiße Flocken fielen vom Himmel, es hatte leicht zu schneien begonnen. 
Das ist nicht gut, dachte Alvaró. Im Winter die nördlichen Meere zu befahren war ein potentiell tödliches Unterfangen. Der Seegang war zwar milder als im Herbst, doch es trieben oft Eisschollen über das Wasser, und die Temperaturen konnten so tief fallen, dass man selbst unter Deck erfror. Gedankenverloren blickte er über die See, auf die Sonne die sich hinter dem Horizont erhob. Ein Gefühl von Unendlichkeit befiel ihn und er fühlte sich ein wenig besser. Bald wäre er auf dem Weg nachhause.
Er drehte sich von der Reling weg und wollte wieder unter Deck gehen, doch blickte plötzlich auf das unter Schatten verborgene Gesicht des Fremden. Dieser stellte sich neben ihn an die Reling und schwieg eine Weile. Dann fragte er mit gefährlich ruhiger Stimme: "Du hast die Kiste geöffnet?"
Alvaró schüttelte den Kopf.
"Ich wollte es, aber hab es mir anders überlegt."
"Gut, dabei sollte es auch bleiben. Diese Kiste muss das Festland im Norden erreichen. Um jeden Preis und möglichst ungeöffnet."
"Was ist so wichtig an diesem Kästchen?"
"Das musst du nicht wissen. Du musst nur wissen, dass du gut bezahlt wirst. Und dass es jetzt zu spät ist, um noch einen Rückzieher zu machen."
"Wie meinst du das?"
Alvaró drehte sich zu dem Fremden und versuchte etwas im Schatten unter seiner Kapuze auszumachen. Er glaubte die Andeutung eines Lächelns zu sehen.
"Erledige einfach deine Aufgabe" raunte der Fremde geheimnisvoll, dann zog er seinen Mantel enger um sich und ging von Bord.

Es hatte aufgehört zu schneien, doch der Wind war stärker geworden. Erbarmungslos drückte er von Norden her. Perfekte Bedingungen für eine Fahrt nach Süden. Wenn sie Glück hatten, dann würden sie bis an das Knochengebirge kommen, ohne die Holme ins Wasser tauchen zu müssen. Alvaró schaute auf die Stadt, die an ihm vorbeizog, während der heftige Wind die Galeere über das Wasser trug. Nebel hing über den niedrigen und windschiefen Schindeldächern und die Häuser drängten sich eng zusammen. Die Stadt sah dreckig und öde aus. Er würde ihr keine Tränen hinterher weinen. Aus der Kajüte hatte er das Bündel mit der kleinen schwarzen Kiste geholt. Er murmelte einen Fluch und warf es über die Reling. Ein leises Platschen war das letzte, was er davon hörte.
Gegen Mittag verschwanden die letzten Häuser hinter dem Horizont. Die Küste begann nun sanft anzusteigen und sich langsam zu einer steilen Felswand aufzutürmen. Am Horizont zogen sich dunkle Wolken zusammen. Alvaró zog das Ruder nach Steuerbord um Abstand zwischen das Schiff und die Steilküste zu bringen. Als er den Abstand für groß genug hielt, befahl er die Segel einzuholen. Sie würden den Sturm hier abwarten und weitersegeln wenn sich die Wolken lichteten.
Das Unwetter erreichte sie im Abendrot. Zuerst ging Schneeregen auf das Schiff nieder und verwandelte das Deck in eine einzige Pfütze. Dann begann ein heftiger Wind von Nordosten her zu wehen und hohe Wellen gegen das Schiff zu treiben. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich bereits die gesamte Mannschaft unter das Deck zurückgezogen. Alvaró saß in seiner Kajüte und grübelte darüber nach, was er tun würde, wenn er heimkam. Seine Rückkehr in einem der Freudenhäuser feiern? Er hatte vom Gold des Fremden noch genug übrig um sich die Gunst einer der teuren Kurtisanen aus der Oberstadt von Argos erkaufen zu können.
Plötzlich neigte sich das Schiff gefährlich zur Seite, als es von einer besonders heftigen Welle getroffen wurde. Der Wellengang wurde immer stärker und das Schiff begann hin und her zu schaukeln wie Alvaró es noch nie erlebt hatte. Er war zur See gefahren seit er sich erinnern konnte, und ein schaukelndes Deck unter seinen Füßen hatte ihm schon lange nichts mehr ausgemacht. Doch nun hatte er ein flaues Gefühl im Magen. Er verließ seine Kajüte, kletterte die Leiter nach oben und spähte durch die Luke. Die Nacht war pechschwarz un der Wind heulte wie ein gepeinigter Hund. Alvarò zog die Luke über seinem Kopf wieder zu und begab sich zurück in seine Kajüte. Das würde eine lange Nacht werden.

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