Ein Tag mit dir


„Du bist echt ein tapferes kleines Kerlchen. Du verdienst ein Eis!“

 

„Halt bitte deine Klappe, Tommy!“

„Nein, ich meine das ernst. Ich lade dich auf ein Eis ein.“

 

Ohne auf meine Antwort zu warten startete Tommy seinen Wagen und fuhr davon. Um ehrlich zu sein war ich wirklich tapfer. Die Wunde musste zu meinem Staunen mit ein paar Stichen genäht werden. Ein Eis verdiente ich mir somit wirklich, also ließ ich mich darauf ein. Tommy benahm sich ziemlich süß im Wartezimmer. Seit dem er im Auto die Hand auf mich legte, nahm er sie kaum mehr von mir. Während wir warteten bis ich endlich dran kam, streichelte er meinen Oberarm auf und ab, komischerweise ließ ich ihn machen. Es fühlte sich gut an, ich mochte seine Berührungen wirklich. Immer wieder zwinkerte oder lächelte er mir aufmunternd zu. In allen anderen Situationen hätte ich seine Gesten anders gedeutet, als Spaß oder Necken. Doch heute meinte er es nicht so, er sorgte sich wirklich und wollte mich aufmuntern, das wusste ich.

 

Wir hielten an einem kleinen Café mitten im Nirgendwo. Keine Menschenseele war hier zu sehen, womöglich weil nicht alle um halb 11 Uhr Vormittags Eis essen gehen. An einem kleinen Marmortisch nahmen wir Platz und stöberten in der Eiskarte. Ich entschied mich für einen Erdbeer-Becher, Tommy wählte einen Bananen-Split. Als ich den ersten Löffel verschlang hellte sich meine Stimmung schlagartig auf, welche Wunder Eis nur bewirken konnten! Ich war ziemlich froh, dass Tommy mich hierher schleppte, denn es machte Spaß mit ihm Zeit zu verbringen.

 

In einem Moment als er gerade in sein Eis vertieft war, spannte ich meinen Löffel mit Schlagsahne darauf. Ich zielte und oh Wunder ich traf ihn mitten im Gesicht. Das weiße Zeug rann ihm die Nase hinab und langsam, seeehr langsam und bedrohlich hob er seinen Blick.

 

„Das hast du jetzt gerade nicht getan oder?“

 

„Du siehst süß aus“, kicherte ich, während er noch immer still blieb und die Sahne sich auf seinem Gesicht verteilte.

 

„Danke, das bin ich auch. Willst du ablecken?“

 

Ich lachte und verdrehte die Augen. Der Mensch besaß echt die Gabe tolle Momente zu zerstören.

 

„Ich nehme alles zurück“, brachte ich lachend heraus und sah ihm dabei zu wie er sich sauber machte.

 

Zwei Milkshakes später wurde mir klar, was Tommy im Schilde führte. Er wollte mich ablenken und das gelang ihm erstaunlicherweise wirklich gut. Wir quatschten Stunden über Gott und die Welt, es machte mir wirklich Spaß Zeit mit ihm zu verbringen. Das tollste an ihm fand ich, dass er wirklich mitfühlend handelte. Er war stets an meiner Seite, fragte jedoch kein einziges Mal wie ich mir die Wunde zufügte oder warum ich heute Morgen wie Monster aussah. Tommy schien ziemlich verständnisvoll zu sein, das bewunderte ich nun an ihm. Er war nicht neugierig oder aufdringlich, nein er verbrachte einfach so einen netten Tag mit mir. Erst kurz nach 13Uhr verließen wir das Café und machten uns auf den Heimweg.

 

„Und wie verbringst du den restlichen Tag noch?“

 

„Hm, keine Ahnung wahrscheinlich werde ich nur zuhause herumliegen und du?“, antwortete ich ehrlich.

 

„Ich gehe jetzt mal eine große Runde mit Killer.“

 

Killer, dieser Name. Ich musste immer noch schmunzeln, wenn ich an dieses braune süße Ding dachte. Eigentlich wollte ich auch nicht alleine sein und Tommy schien eine wirklich gute Gesellschaft zu sein. Also fragte ich ihn etwas, womit ich selbst nicht rechnete.

 

„Kann ich mitkommen?“

 

Verwundert zog er die Augenbrauen hoch und begann dann leicht zu lächeln.


„Klar, kannst du.“

 

-

 

Wir stoppten an einem ziemlich modernen Wohnhaus mit gläserner Fassade. Ich staunte nicht schlecht, hier wohnte Tommy also. Die Wohnung hier musste einen Haufen Geld kosten. Genau so schick sah sie auch von ihnen aus, die Einrichtung war wirklich stilvoll, aber dennoch nicht übertrieben für einen jungen Studenten. Im Wohnzimmer stand ein riesiges braunes Ledersofa, welches ich sofort bewunderte. Ich ließ mich auf der weichen Polsterung fallen und begutachtete weiterhin seine Wohnung, während Tommy sich um Killer kümmerte. Es gab ein riesiges Fenster, wodurch man eine tolle Aussicht hatte, genau davor stand ein alter Schreibtisch aus Holz. Links davon befand sich ein Bücherregal, welches auch schön war, jedoch noch lange nicht so wie meines. Mir fiel sofort auf, dass in der gesamten Wohnung kein einziges Bild zu finden war. Tommy besaß anscheinend kein einziges Familienfoto und wenn doch, dann wollte er es wohl nicht täglich sehen.

 

„Bereit, Madame?“

 

Ich nickte und Tommy überreichte mir Killer’s Leine, welcher mich sofort ansprang und abschleckte. Es störte mich nicht, denn früher wünschte ich mir nichts sehnlicher als einen eigenen Hund. Die Leine wurde anscheinend nicht benötigt, denn kaum erreichten wir den Park ließ Tommy ihn los. Mit einem einzigen Pfiff lockte er Killer wieder zu sich, er schien wirklich gut abgerichtet zu sein, nicht so wie damals am Strand.

 

Während Killer über das Gras neben den angelegten Teich lief, schlenderten Tommy und ich nebeneinander her. Das Lächeln auf meinen Lippen schien nie enden zu wollen, ich fühlte mich richtig wohl heute. Wer hätte gedacht, dass ich einen der tollsten Tage seit langem mit ihm verbringen würde. Langsam aber doch, sah ich ihn nicht mehr nur als heißen Typen meiner Uni sondern wirklich als Freund.

 

„Danke für den Tag heute! Ich hatte echt Spaß.“

 

Er zwinkerte, mal wieder wem wunderte es, und legte einen Arm um meine Schultern.

 

„Keine Ursache. Es war auch ganz erträglich mit dir.“

 

Ich wollte ihn gerade gegen die Brust boxen als er schnell nach meiner Hand griff und dies verhinderte. Erst schüttelte er sanft den Kopf und schnalzte schimpfend mit der Zunge, doch als ich den Kopf anhob trafen sich unsere Blicke. Ich verlor mich wieder in seinen Augen und wollte diesen Blickkontakt nie wieder beenden. Als ich das Gefühl bekam er würde immer näher kommen, wich ich nicht zurück, nein. Ich schloss die Augen und wartete.

 

Es geschah nichts.

 

Verwirrt und vielleicht auch ein wenig enttäuscht öffnete ich sie wieder und erwischte Tommy dabei wie er meine Lippen anstarrte. Ich wartete ob noch etwas von ihm kam, doch wieder nichts. Er sah mir wieder in die Augen und lächelte leicht, danach deutete er mir mit einer Kopfbewegung weiterzugehen.

 

Was war passiert? Warum tat er es nicht? Nicht, dass ich es mir wünschte... Vielleicht doch, ich wusste es nicht. Es wäre einfach der perfekte Moment gewesen, doch er wagte es nicht. Also würde ich wohl oder übel davon ausgehen müssen, dass es nie seine Absicht war. Erschreckenderweise enttäuschte mich das ein wenig.

 

Mir war natürlich bewusst, dass es eine blöde Idee wäre Tommy zu küssen. Wir sind kaum richtige Freunde, aber niemals würde mehr daraus werden. Man konnte wirklich Spaß mit ihm haben und das war genau das, was ich jetzt brauchte. Wenn wir uns nähergekommen wären, würde das vielleicht ein Hindernis unserer Freundschaft darstellen und das wäre wirklich zu schade. Meine Laune hellte sich schlagartig wieder auf und ich fragte mich ob ich nicht wirklich an Stimmungsschwankungen litt.

 

Während ich so in meinen Gedanken versank, bemerkte ich gar nicht, dass wir uns bereits wieder auf dem Parkplatz vor Tommy’s Wohnung befanden. Er brachte Killer gerade im Kofferraum unter und kam dann zu mir um mir die Wagentüre aufzuhalten. Ein kleiner Gentleman war er schon, dachte ich mir.

 

„Ich bring dich mal wieder zurück!“

 

Gesagt, getan.

 

Vor meinem Wohngebäude blieb er stehen, ließ den Motor aber laufen. Mit seinem Zeigefinger klopfte er sanft auf das Lenkrad und sein Gesichtsausdruck verriet mir, dass er womöglich gerade nachdachte.

 

„Also, danke nochmal. Das war echt nett von dir, du hast was gut bei mir“, verabschiedete ich mich.

„Kein Problem. Wir sehen uns. Und hey, wenn du was brauchst, kannst du mich ruhig anrufen!“

Ha-ha. Guter Witz. Sollte ich ihm eine Brieftaube schicken?

 

„Ich hab deine Nummer nicht, Tommy“, antwortete ich ihm leicht lachend.

 

Er grinste und zwinkerte mir zu.

 

„Doch“, sagte er und fuhr plötzlich los.

 

Ein wenig irritiert blieb ich draußen stehen und sah seinem Wagen nach. Wir tauschten die Nummern nie aus also woher sollte ich...

Als ich meine Hände in meine Westentasche legte, spürte ich etwas. Ich nahm es heraus und sah ein kleines Zettelchen. Als ich es öffnete musste ich unwillkürlich grinsen.

Nun, anscheinend war ich doch im Besitz seiner Nummer.

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