Ein Traum wird wahr


Kapitel 2

Ein Traum wird wahr

 

Erschöpft schloss ich die Haustür auf. Meine Mutter kam mir sofort entgegen gestürmt und bombardierte mich mit Vorwürfen. „Wo warst du denn den ganzen Tag? Hättest du uns nicht wenigstens eine Nachricht hinterlassen können? Ich habe gefühlte Hundertmal versucht, dich auf dem Handy zu erreichen. Weißt du eigentlich, was wir uns für Sorgen gemacht haben?“

Ich stand da wie vom Donner gerührt und sah verblüfft meine total aufgelöste Mutter an. In der Tat hatte ich nicht damit gerechnet, dass mein stilles Verschwinden so einen Wirbel verursachen würde, etwas in meinem Herzen regte sich. Das erste Mal seit Jahren sprach ich sanft und weich mit meiner Mutter. „Das tut mir ehrlich leid. Daran habe ich wirklich nicht gedacht. Lass uns hinsetzen, ich erzähle euch in Ruhe von meinem Tag. Vielleicht versteht ihr dann, dass ich nicht daran gedacht habe, mich bei euch zu melden.“

Meine Mutter blinzelte überrascht ob dieser verständnisvollen Reaktion. Ihr schienen die Worte zu fehlen. Vielleicht wären wir ja über die Jahre besser miteinander klargekommen, wenn wir beide mehr Rücksicht auf einander genommen hätten. Ich habe immer nur meine Seite der Dinge gesehen, doch vielleicht hat sie sich nur immer um mich gesorgt.

Diese Sicht der Dinge war mir völlig neu, und so viel Neues an einem Tag war ziemlich viel auf einmal. Ich wollte einfach nur noch mit meiner fantastischen Neuigkeit hausieren gehen. „Wo ist Peter?“

„Einkaufen.“, erwiderte sie und schloss, immer noch perplex, die Küchentür hinter uns. „Warum fragst du?“

Jetzt konnte ich einfach nicht mehr an mir halten und platzte geradewegs damit heraus: „Ich komme grad aus München. Von einem Casting für DerTraum.“

Ihr klappte die Kinnlade herunter, und sie sah mich so an, als warte sie auf die Pointe für diesen schlechten Scherz. Als sie einsah, dass ich es ernst meinte, schüttelte sie langsam mit dem Kopf. „Dort warst du die ganze Zeit? Ganz allein?“

Ich nickte strahlend.

„Wie bist du nur auf diese Idee gekommen? Was ist denn los mit dir?“

„Ich bin in der zweiten Runde!“, unterbrach ich sie triumphierend.

Noch einmal schien ihr die Spucke wegzubleiben. Sie begann einige Sprechversuche, scheiterte jedoch immer kläglich. Dann fasste sie sich ans Herz und atmete ziemlich schnell. Ich fürchtete schon, sie bekäme einen Herzanfall, aber stattdessen wurde ihre Stimme schrill, und sie begann wie wild in der Küche auf und ab zu gehen. „Das ist ja unglaublich, Fay! Ich rufe sofort Jason, Lilly und Peter an. Sie müssen sofort hier herkommen. Sofort.“

Ich hatte noch nie jemanden in so kurzer Zeit so oft das Wort „sofort“ benutzen hören und beobachtete verblüfft, wie meine kühle Mutter hektisch Töpfe, Teller und Pfannen aus den Küchenschränken zerrte, ehe sie mit dem Kopf im Kühlschrank verschwand. „Wir haben nichts da! Was soll ich nur kochen??“

„Ganz ruhig. Peter ist doch einkaufen, er bringt sicher etwas mit. Jetzt mach doch nicht so einen Aufstand!“, versuchte ich gerührt, sie zu beruhigen. Ich hatte mit einer völlig anderen Reaktion gerechnet. Ihre freudige Erregung war viel zu viel für mich.

„Keinen Aufstand machen? Hörst du dir zu, was du da sagst? Dein ganzes Leben lang redest du von nichts anderem als vom Singen und jetzt…“

„Ich bin doch nur eine Runde weiter, Mutti.“, beschwichtigte ich sie schnell.

„Ja, sicher.“ Sie atmete durch; „Ich muss mich setzen.“

 

Eine halbe Stunde später saßen wir mit Peter, Jason und Lilly am großen Küchentisch und warteten darauf, dass die Tiefkühlpizza im Ofen fertig wurde. Niemand war mehr in der Lage, etwas zu kochen.

Alle sahen mich erwartungsvoll an und ich wusste auf einmal nicht mehr, was ich ihnen sagen sollte. Mir fehlten die Worte. Der Tag lag hinter mir wie ein viel zu ferner, wunderschöner Traum.

„Jetzt erzähl schon!“, forderte Lilly gierig. Ihre Gleichgültigkeit mir gegenüber war kurzzeitig wie weggefegt. Ich hatte einen Fuß auf der Schwelle zu einer Welt, die uns beiden immer erstrebenswert erschienen war.

Also erzählte ich ihnen alles. Angefangen von der ewig dauernden Zugfahrt bis zu meiner Freundschaft mit Nicolás und schließlich dem Vorsingen vor der Jury.

„Da hast du aber ganz schön lange warten müssen bis du dich endlich unter Beweis stellen konntest.“, stellte Jason nach meinem Bericht fest. Ich war mir nicht sicher, ob er nur diesen Tag heute meinte oder mein gesamtes bisheriges Leben.

„Aber trotzdem hättest du viel eher zu hause sein müssen… oder nicht?“, fragte Peter mit einem zweideutigen Unterton und zwinkerte.

Ich wurde kaum rot. „Ich war mit Nicolás noch etwas essen und wir haben uns zu einem Treffen am Tag des zweiten Vorsingens verabredet, weil wir beide fremd in Berlin sind.“ Gedanklich fragte ich mich plötzlich, ob es der Fremde, der meine Blicke so auf sich gezogen hatte, auch bis in die zweite Runde geschafft hatte. Ob es das Schicksal so gut mit mir meinte?

„Erzähl uns doch mal mehr über diesen Nicolás. Dir muss man ja alles einzeln aus der Nase ziehen.“, forderte Lilly und es war das erste mal, dass ich wirklich das Gefühl hatte, dass sie mir zuhörte.

Ich zuckte unbehaglich mit den Schultern, da mir schwante, dass sich meine liebe Familie völlig auf dem Holzweg befand. „Da gibt es nicht viel zu erzählen. Wir haben über Gott und die Welt geredet. Er ist einfach ein verdammt lieber Kerl, der mir geholfen hat, mit meiner Aufregung klarzukommen.“

„Sieht er denn gut aus?“, fragte meine Mutter mit diesem typisch mütterlichen Grinsen, welches mir in dieser Situation gehörig auf die Nerven ging.

„Das ist völlig egal!“, erwiderte ich.

„Jetzt lasst sie doch damit in Ruhe.“, fuhr Peter ärgerlich dazwischen, als sowohl Lilly als auch meine Mutter die Münder zu erneuten Protesten und Fragen öffneten. Nie war ich ihm dankbarer gewesen. Ich spürte, dass mir der lange Tag langsam zu Kopf und in die Knochen stieg und wollte nur noch aus der Situation entkommen. „Entschuldigt mich, bitte. Aber ich bin einfach todmüde und will jetzt nur noch ins Bett.“

„Okay. Nimm dir deinen Schönheitsschlaf.“, sagte Lilly munter und zähneknirschend fragte ich mich, ob sie sich ein „… denn du kannst ihn gebrauchen“ verkniff.

„Das war ein großer Tag für dich, Schwesterherz. Du hast dir die Ruhe mehr als verdient.“, sagte Jason und zwinkerte mir aufmunternd zu.

Erleichtert bedankte ich mich und machte mich daran, die Küche zu verlassen, als Peter mich noch einmal zurück rief: „Fay? Wir sind sehr, sehr stolz auf dich.“

Das war zu viel. Mir schossen Tränen in die Augen, und ich wandte mich schnell ab, um die Treppe zu meinem Zimmer hinauf zu stürmen. Diesen Satz hatte ich mein Leben lang noch niemals zu hören bekommen.

In meinem Zimmer angekommen, wollte das altbekannte erdrückende Gefühl der Einsamkeit gerade wieder zuschlagen, da klingelte plötzlich mein Handy. Ich fuhr erschrocken zusammen, da das Geräusch meines Klingeltons peinlicherweise ein längst vergessener Ton für mich geworden war. Ich sah neugierig auf das Display. Die Nummer war mir unbekannt.

Die geborene Pessimisten, nahm ich mit vorsichtiger Stimme ab. „Ja, hallo?“

Ein herzliches, selbstbewusstes Lachen ertönte. Ich konnte es nicht gleich zuordnen, doch es war so ansteckend, dass ich einfach mitlachen musste.

„Nicolás hier. Sag nicht, du hast mich nach unseren schönen gemeinsamen Stunden schon vergessen!“, kam es dann aus dem Lachen heraus, und da war mir plötzlich, als zerbräche die dunkle Wand vor mir in tausend Teile. Hinter ihr befand sich nichts als Sonnenschein. Alle Bilder dieses Tages kehrten mit jeder seiner Silben wieder zu mir zurück. Ich hing an seinen Lippen wie eine Ertrinkende an einem Rettungsring.

Erleichtert warf ich mich bäuchlings, das Handy noch immer fest ans Ohr gedrückt, auf mein Bett und fragte fröhlich: „Woher hast du denn meine Nummer?“

„Ich habe gerade dein Facebook-Profil gestalked. Süßes Foto übrigens. Findest du es nicht waghalsig, wenn jeder an deine Handynummer rankommt?“

Kurz war ich sprachlos über so viel Einfallsreichtum und eine Sekunde später tief gerührt, dass er sich die Mühe gemacht hatte, um mit mir sprechen zu können. Zugegebenermaßen hatte ich in diesen Minuten tierisches Herzklopfen, aber das lag nur daran, dass ich so viel Aufmerksamkeit von einem Mann einfach nicht gewöhnt gewesen bin. „Bis jetzt hat mich noch keiner gestalked.“

„Dann bin ich der Erste? Ich konnte den Gedanken daran einfach nicht ertragen, dich erst in einer Woche wieder zu sprechen.“, sagte er. Ich hörte ihm an, dass er wieder schelmisch grinste, freute mich aber dennoch über seine Worte. „Ich freu mich so, deine Stimme zu hören! Es ist so seltsam, wieder zu hause zu sein.“

„Das geht mir genauso.“, erwiderte er, jetzt ganz ernst. „Als gehöre man gar nicht mehr dahin.“

Ich nickte, obwohl er mich gar nicht sehen konnte und wunderte mich darüber, dass mich ein Fremder so gut verstand. Vielleicht waren alle Vollblutmusiker ja irgendwie miteinander seelenverwandt, wenn es so etwas wie Seelenverwandtschaft überhaupt gibt.

„Ich kann es kaum erwarten. Ich habe überhaupt keine Lust, am Montag zur Arbeit zu gehen.“, gab ich dann freiheraus zu. Nicolás lachte und fügte dann gehässig hinzu: „Tja, ich kann meine Vorlesungen einfach schwänzen und irgendwann wiederholen, sollte es mit DerTraum nicht so klappen wie ich mir das denke.“

Ich schüttelte lächelnd mit dem Kopf. „So so, wie du dir das denkst. Und wie denkst du es dir, wenn ich fragen darf?“

Wir telefonierten bis tief in die Nacht hinein. Meine Müdigkeit war wie weggefegt. Es war so leicht, mit ihm zu reden; so unkompliziert, ich selbst zu sein. Es war so leicht, bei ihm meine ganzen Sorgen zu vergessen, denn weit in meinem Hinterkopf lauerte die Angst vor dem Schritt, den ich nächste Woche einfach tun musste – meinen Job kündigen.

Und was, wenn es bei mir mit DerTraum nicht so klappte, wie ich es mir vorstellte? Was stellte ich mir eigentlich vor? Und würde ich mit meinem mittelmäßigen Realschulabschluss dann wieder so eine wunderbare Arbeit finden? Aber wie hieß es doch so schön: wer Freiheiten aufgibt, um sicher zu sein, verdient weder Freiheit noch Sicherheit. Ich musste den Sprung ins kalte Wasser einfach wagen.

„Du hast Angst, oder?“, fragte Nicolás plötzlich sanft in meine Gedanken hinein. Ich erschrak darüber, wie schnell es ihm gelang, in mich hinein zu sehen, während ich noch nicht einmal vor ihm stand.

Ich war so verblüfft, dass ich nur ehrlich sein konnte: „Ja klar. Wenn man bedenkt, was alles schief gehen könnte.“

„Angst zu haben ist nie falsch, aber du musst auch den Mut für etwas Neues haben. Wer weiß, vielleicht verpasst du sonst die Chance deines Lebens. Selbst, wenn du nicht gewinnst, könntest du entdeckt werden oder es passiert dir etwas anderes Tolles. Das ist eine einmalige Chance für dich, Süße.“

Ich war gerührt, wie sehr er eine seiner Konkurrentinnen überzeugen wollte, dass sie das Richtige tat. „Ich werde gleich am Montag mit meiner Chefin reden.“

„Gut so, Tiger! Zeig es ihnen.“

Ich musste wieder lachen. Unser Gespräch zog sich noch eine halbe Stunde hin, bis wir es schafften, uns voneinander zu verabschieden. Ich glaube, ich war für ihn genauso die erste und vorerst einzige Verbindung zu DerTraum wie er für mich.

 

Überraschenderweise hielt ich gleich Montag mein Wort und machte mich ohne Umschweife sofort auf den Weg, um mit meiner Chefin zu sprechen. In meinem Magen regte sich ein nervöses Flattern.

Als ich an die Tür ihres Büros klopfte und gleich darauf eintrat, war sie nicht gerade bester Laune. Vor ihr stapelten sich die Papiere in die Höhe. Sie hatte ihre Lesebrille auf der Nase und die Augen auf einen dicken Ordner vor sich geheftet. „Gut, dass Sie kommen. Ich brauche dringend Ihre Hilfe!“

Mein Herz sank in die Hose und kurz überlegte ich ernsthaft, wieder den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen und alles hinzuschmeißen. Oder feige ohne ein Wort einfach nicht mehr zur Arbeit zu kommen. Doch dann musste ich daran denken, was Marlies Müller schon alles für mich getan hatte – wie sie in der Ausbildung zusammen mit mir Buchhaltung gebüffelt hatte – und verwarf diesen dummen Gedanken sofort.

„Das kann ich gerne noch für Sie erledigen, doch danach muss ich dringend mit Ihnen sprechen.“

Sofort flog ihr Kopf bei dieser entschlossenen Rede meinerseits nach oben. Sie lehnte sich zurück, nahm ihre Brille ab und bedeutete mir mit einer knappen Geste, mich auf den Stuhl ihr gegenüber zu setzen. „Was haben Sie auf dem Herzen?“

Es war typisch für sie, dass sie sofort zum Kern des Problems vordringen wollte, weil sie der Ansicht war, dass ein Mensch nur dann wirklich gute Arbeit leisten konnte, wenn alle Unklarheiten beseitigt waren.

„Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wo ich anfangen soll und ich fürchte mich vor Ihrer Reaktion.“

„Also bitte, nun ist aber Schluss. Habe ich Ihnen je Grund dazu gegeben, sich vor mir zu fürchten?“

Ehrlich gesagt, fürchtete ich ihre Launen schon seit Beginn meiner Ausbildung, doch ich hielt es für klüger, das an diesem Punkt des Gespräches lieber nicht zu erwähnen.

Ich atmete schwer aus und ein, dann brachte ich es hinter mich. Das war fast noch schwerer als das Vorsingen vor der Jury! „Ich war Samstag zu einem Casting von DerTraum und bin in die nächste Runde gekommen, deshalb bräuchte ich eine Freistellung auf unbestimmte Zeit oder eine Kündigung im beidseitigen Einvernehmen.“

Sie sah mich nicht einmal an. Lange Zeit reagierte sie gar nicht und putzte nur seelenruhig ihre Brille an einem Zipfel ihrer Bluse. Ich begann mich schon zu fragen, ob sie überhaupt verstanden hatte, was ich gesagt hatte, da begann sie endlich zu sprechen und mir wurde klar, dass sie sich Bedenkzeit gegönnt hatte. „Nun, das nenne ich mal direkt. Und obwohl Sie immer hervorragende Arbeit geleistet haben, habe ich Sie nie zuvor so direkt und entschlossen wie gerade eben erlebt, was mir zeigt, dass der Weg, den Sie eingeschlagen haben, Ihnen schon jetzt gut tut.“

Das war nicht gerade eine aufschlussreiche Antwort auf meine Frage und ich starrte sie unsicher über den Tisch hinweg weiter an und wartete darauf, dass sie noch etwas sagte. Sie tat es mir gleich.

Dann geschah etwas, bei dem ich das Gefühl hatte, als Außenstehende mir selbst zuzusehen, weil ich etwas tat, was ich nicht bewusst vorgehabt hatte und sogar als unklug empfand. Ich erhob mich, stützte mich entschlossen auf dem Tisch ab und sagte geradeheraus mit fester Stimme: „Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis und für die jahrelange Hilfe. Ich habe gerade das Gefühl, Sie im Stich zu lassen, was sich schrecklich anfühlt, aber ich möchte kündigen. Ich muss das tun. Hier und jetzt. Und ich kann nicht einfach in dieses Leben zurück. Für mich ist auf einmal alles anders.“

Schockiert über meine eigenen Worte, klappte ich den Mund wieder zu, während sie mir schweigend eine Kündigung ausstellte und sie mir, still lächelnd, über den Schreibtisch zuschob. „Und Sie müssen kein schlechtes Gewissen haben.“

Ich sah sie schockiert an. Das war viel zu leicht gewesen! Vielleicht war ich hier doch entbehrlicher als ich gedacht hatte. Sie lachte, als sie meine säuerliche Miene sah. „Ich habe nur nicht reagiert, weil ich wollte, dass Sie von allein kündigen. Ich kann Ihnen diese Entscheidung nicht abnehmen, halte sie aber für richtig, wenn ich den Ausdruck in Ihren Augen sehe, wenn Sie jetzt hier bei mir Ihr Recht einfordern. Ich glaube nicht, dass Sie das je zuvor in Ihrem Leben schon getan haben.“

Ich schluckte und steckte die Kündigung mit gemischten Gefühlen in meine Tasche. „Und das ist wirklich okay? Sie kommen klar?“

„Ich habe schließlich noch Mindy und Paul, oder nicht? In der Tat, habe ich ohnehin gerade überlegt, ob ich nicht wieder einen Lehrling ausbilden sollte. Vielleicht gelingt mir ja noch einmal ein ähnlicher Glücksgriff.“

Ich schluckte. Das schlechte Gewissen wollte nicht verschwinden. „Ich kann heute bleiben und Ihnen mit dem Papierstapel helfen.“

„Es war zu erwarten, dass Sie das anbieten.“, erwiderte sie vergnügt. „Danke, aber nein, danke. Um Eins möchte ich Sie allerdings doch noch bitten.“

„Natürlich.“, sagte ich sofort und sie schob mir ein leeres Blatt Papier über den Tisch zu. „Ein Autogramm, bitte!“

Ich sah sie entgeistert an. Wollte sie mich auf den Arm nehmen, weil sie das alles so lächerlich fand? Doch als sie nach einer gefühlten Ewigkeit immer noch nur geduldig abwartend zu mir zurück starrte, blieb mir nichts anderes übrig, als mir einen Stift zu nehmen und ihn zittrig auf dem Papier anzusetzen. Als ich fertig war, sah ich mit klopfendem Herzen auf meinen eigenen Namen herab, der plötzlich so exotisch wirkte, in diesen geschwungenen Lettern.

„Na bitte.“ Damit schnappte sie sich das Papier und pinnte es kurzerhand an ihre Pinnwand. Ich schluckte. „Jetzt hab ich das Erste. Dann bleibt mir nichts anderes mehr, als Ihnen viel Glück für Ihre Zukunft zu wünschen.“

„Ich danke Ihnen von Herzen.“

 

Am nächsten Tag saß ich in meinem Zimmer und versuchte, mich krampfhaft auf die zweite Runde vorzubereiten. Dieses Mal hatte ich mir den Badfinger-Song Without you ausgesucht, in der Cover-Version von Mariah Carey. Ehrlich gesagt, war ich kein großer Fan von ihr, doch dieses Lied hatte es mir bereits angetan, als ich kaum acht Jahre alt gewesen bin.

Ich weiß noch, dass wir gerade alle an der See im Urlaub gewesen sind, als es im Radio rauf und runter gespielt worden ist. Die ersten Klaviertöne hatten mich gleich genauso bezaubert wie das Meer und so verband ich sie bis heute mit den tosenden, dunklen Wellen von damals.

Aber so sehr ich auch versuchte, Gefühl in meine Stimme zu bringen, so merkte ich doch, dass es einfach nicht gelingen wollte. Das Lied war so anspruchsvoll, dass ich mich konzentrieren musste, alle Töne zu treffen und sie vor allem halten zu können.

Außerdem wusste ich nicht einmal, wie es sich anfühlte, nicht mehr ohne jemanden leben zu wollen. Ich kannte das Gefühl nicht, jemanden zu brauchen, weil ich mir früh beigebracht hatte, nur mich selbst zu brauchen. Ich wollte etwas Flehendes in meiner Stimme haben, wie Mariah bei diesem Song, doch ich wusste nicht, worum ich flehen sollte und ich wurde immer niedergeschlagener.

Ich hatte gekündigt! Hatte einen Schlussstrich unter mein bisheriges Leben gezogen, oder nicht? Ich wusste, was ich wollte! Und ich wollte es nur noch so und nicht mehr anders! Auf keinen Fall wollte ich mehr zu den Menschen gehören, die sich einen Leckerbissen vom Leben zeigen ließen und dann niemals das ganze Kuchenstück bekamen.

Und plötzlich wusste ich genau, welche Emotionen ich in das Lied hinein geben musste – genau diese! Okay, ich hatte keinen Menschen, den ich mehr wollte als mein eigenes Leben, aber dafür hatte ich ein solches Ziel, auch das war schon einmal mehr als die meisten Menschen hatten. Ich strotzte nur so vor Entschlossenheit. Jetzt oder nie!

Zufrieden ging ich zum Fenster hinüber, um in den nächtlichen Himmel zu sehen. Er war sternenübersät. Vielleicht gab es ja wirklich Hoffnung und alle Türen standen mir offen. Vielleicht gab es sogar diese eine große Liebe für mich.

Ich dachte an all meine kurzen Beziehungen zurück - die Längste davon hatte gerade einmal ein halbes Jahr gedauert, war aber auch gleichzeitig die intensivste gewesen. Und das bei einer Fernbeziehung. Auch wir hatten uns – wie Frau Müller und ich heute – im gegenseitigen Einvernehmen getrennt. Ich weiß nicht, wem es mehr das Herz zerrissen hat. Er hat die Entfernung irgendwann nicht mehr ertragen, während ich gelernt hatte, mit diesem bittersüßen Schmerz zu leben. Ich wäre für ihn durch die Hölle gegangen und zurück. Aber er war nicht stark genug gewesen, zu jung für diese Art von fester Bindung und tiefen Gefühlen, die wir schon für einander empfunden hatten.

Vielleicht hätte ich kurz nach der Trennung auch gesagt, dass ich nicht mehr ohne ihn leben kann, doch ich hatte überlebt. Es war der schlimmste Schmerz in meinem Leben gewesen, doch er hatte mich gelehrt, dass man auch den schlimmsten Schmerz überleben kann, wenn man nur wollte. Auch hier hatte die Musik mich gehalten. Ich hatte mich von meiner Lieblingsband auffangen und davon tragen lassen und hatte ihr allein mein Herz gegeben, damit es niemals wieder zerstört werden konnte.

Jetzt merkte ich allerdings, dass ich wieder bereit war, dieses Wagnis erneut einzugehen. DerTraum hatte mir jetzt schon mehr Mut gegeben als ich in meinem ganzen bisherigen Leben besessen hatte.

Just in dem Moment als ich diesen Gedanken hegte, bekam ich eine SMS von Nicolás. Was machst du grade? Ich überleg mir schon mal einen Künstlernamen für mich. Fällt dir einer ein? Liebe Grüße vom Gewinner von DerTraum

Ich grinste und tippte kichernd zurück: Hm, wie wäre es mit „charmantes Schlitzohr“? Ich denke gerade darüber nach, wie ich es dir schonend beibringe, wenn ich gewonnen habe. Grüße vom Megastar.

Immer wieder von neuem verwundert über mich selbst, wenn ich mit Nicolás sprach, schickte ich die SMS ab. Könnte ich mit jedem so unbeschwert reden und ich selbst sein, wäre mein Leben bis jetzt ganz anders verlaufen. Andererseits hätte ich Nicolás dann vielleicht nie kennengelernt.

Als ich mich ins Bett legte, beschloss ich, am nächsten Tag einkaufen zu gehen, um mich komplett neu einzukleiden. Dazu brauchte ich aber gute Beratung, und ich hatte ohnehin keine Lust, allein einkaufen zu gehen. Das hätte viel mehr zu der alten Fay gepasst.

Also rief ich kurzerhand eine alte Schulkameradin an. Sie war so ein Mensch, bei dem man sich, selbst wenn man sich Jahre nicht mehr gemeldet hatte, immer wieder melden konnte, ohne dass es Vorwürfe oder Unklarheiten gab.

Ich wählte ohne Weiteres ihre Nummer, mit der Folge, dass ich schon am zweiten Tag in Folge bis in die Nacht hinein an meinem Handy hing. Mein neues Leben gefiel mir schon jetzt ausgesprochen gut!

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beta
Fairy Dust

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