Ein unschönes Erwachen

Seit drei Jahren bin ich nun hier und warte... warte und warte, aber worauf eigentlich? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur, dass, wenn sie so weiter machen ich nicht mehr lange mitmachen werde. Mitmachen kann.

Ich liege in meinem Zimmer und starre an die Decke, dass mache ich die ganze Zeit, damit sie nicht merken, dass ich wach bin. Ich vermisse es draußen zu sein. Drei Jahre in Dunkelheit, drei Jahre, an die ich fast keine Erinnerung habe. Warum ich hier bin? Nun angeblich habe ich vor drei Jahren meine Mutter umgebracht. Aber das ist eine Lüge, denn ich weiß, dass es mein Stiefvater war. Ich habe ihn gesehen.

Sie haben sich gestritten, worüber das weiß ich nicht mehr, ich war etwa 10 Jahre alt als es geschah. Ich war in meinem Zimmer, denn ich durfte es nach 21.00 Uhr nicht mehr verlassen. Aber ich war zu neugierig, wollte wissen, was passierte. Daher sah ich durch das Schlüsselloch. Die beiden standen im Flur, direkt vor meiner Tür. Mein Vater schrie wütend auf meine Mutter ein und meine Mutter fing an zu weinen, sie schien völlig verzweifelt und fing an zu kreischen, als mein Stiefvater hinter sich griff. Damals wusste ich noch nicht was sie für ein Problem hatte, denn er hielt ja nur meine konfiszierte Spielzeugpistole in der Hand. Aber sie schrie und irgendetwas stimmte nicht. Mein Vater zielte auf ihre Brust und schoss. Überall war Blut und jemand schrie. Ich weiß nicht mehr ob ich es war, aber mein Stiefvater kam in mein Zimmer. Er drückte mir die Waffe in die Hand und schrie: „Was hast du getan?! Du hast deine Mutter erschossen!“ Danach weiß ich nichts mehr....

Vielleicht hatte er mich bewusstlos geschlagen oder ich bin ohnmächtig geworden, ich weiß es nicht und es bringt mir auch nichts darüber nachzudenken. Nicht, solange ich hier in diesem Raum bin. Gefesselt. Alleine. Ohne zu wissen was los ist oder zu wissen wo genau ich bin....

Das einzige was ich über meinen Standtort weiß ist das ich im St. Katherin´s Irrenhaus bin.

Keine Ahnung wie Bob mich hergebracht hat. Bob, so heißt er, mein Stiefvater. Übrigens ist er ein sehr berühmter Wissenschaftler. Meine Mutter hieß Natalia und mein Name... ich glaube ich heiße Magrit, aber hier nennen sie mich nur Angel. Ich habe keine Ahnung warum, aber wenigsten kann ich ihre Gespräche belauschen und erfahre so ab und zu, was in der Welt passiert. Nicht, dass ich mir Hoffnungen mache, jemals von hier fort zu kommen.

Ich höre sie kommen und halte den Atem an. Normalerweise sagen sie nicht viel, sondern geben mir einfach gleich eine Spritze. Aber heute ist irgendwas anders. Als die Tür aufgeht und jemand das Licht einschaltet, bin ich die ersten Minuten geblendet. Panik beschleicht mich, was ist hier los? Das machen sie nie! Normalerweise lassen sie das Licht aus!

Ich versuche nicht zusammen zu zucken, als mich jemand an der Schulter berührt. Ich unterdrücke einen Schrei, rühre mich aber immer noch nicht. Langsam kann ich wieder etwas sehen.

Über mir ist das Gesicht der Schwester die mir immer mein Essen bringt.

Sie ist freundlich und hat wundervoll glänzende Haare, die sie aber in letzter Zeit immer hochsteckt. Ich finde ja, dass das schrecklich aussieht. Aber das sind im Moment meine kleinste Sorge. Die Schwester lächelt erleichtert, als sie sieht das ich wach bin. Ich sehe sie nur ausdruckslos an und warte darauf, dass sie mir mein Essen und Trinken einflößt. Aber das tut sie nicht.

Sie hält mich mit ihrem Griff aufrecht und sieht mich einfach nur an. Ich sehe mich um und merke, dass sie weder eine Spritze noch Essen oder Trinken dabeihat. Langsam mache ich mir Sorgen. Aber was ist, wenn ich endlich raus darf? Was wenn sie hier ist, um mich rauszulassen? Mich zu befreien? Meine Hoffnung steigt mit jeder Sekunde, in der sie mich einfach nur ansieht. Die Tür geht erneut auf und meine Hoffnung zerfällt mit einem Schlag...

In der Tür stehen drei Männer, die nicht unbedingt beruhigend wirken. Einer von ihnen hält eine weiße Weste in den Händen. Eine Zwangsjacke. Die anderen Beiden tragen Waffen, die schon im Voraus auf mich gerichtet sind. Dabei kann ich mich nicht einmal einen Millimeter weit bewegen. Ich stöhne auf und die Schwester dreht sich erschrocken zur Tür um. Als sie die Männer sieht, ruft sie schockiert: „Was sollen diese Waffen?! Wollen sie mich und dieses arme Mädchen erschießen?!“

Die Männer sehen sie eine Zeit lang wütend an und schauen dann alle gleichzeitig zu mir. Der Mann mit der weißen Weste meint mürrisch: „Sie vergessen wohl, was dieses kleine Biest getan hat! Ihre eigene Mutter hat sie umgebracht! Dafür hätte man sie umbringen sollen!“ Mich ärgern solche Sätze nicht mehr. Für alle bin ich krank oder verwirrt. Manche sagen sogar ich sei vom Teufel besessen. Aber das einzige das mich ärgert ist, dass die Schwester ein kleines Stück von mir wegrutscht. Aber wie hätte sie auch sonst reagieren sollen? Auch für sie bin ich krank.

 Sie dreht sich wieder zu mir um und sieht die unausgesprochene Frage in meinen Augen. Ausgesprochen hätte ich sie sowieso nicht, denn ich habe das Gefühl, dass ich das Sprechen mit der Weile verlernt habe. Das ist natürlich nicht möglich, aber es ist mir unangenehm zu sprechen. Seit ich hier bin habe ich nur einmal gesprochen und das war an meinem ersten Tag hier. Als man mich nach meinen Namen fragte. Danach nie wieder, zunächst durfte ich nicht sprechen, aus `Beruhigungsgründen´. Später hieß es, ich sei zu manipulativ, als dass es mir gestattet sein sollte mit den Angestellten zu reden.

Laut antwortet sie mir: „Dein Vater hat uns gesagt wir sollen mit deiner Therapie anfangen. Das du nun bereit dazu wärst.“ Ich knirsche aufgeregt mit den Zähnen, als sie meinen Stiefvater erwähnt. Sie deutet das falsch und zeigt hinter sich auf die Weste: „Die brauchen wir nur so lange, bis wir sicher sein können, dass du uns und Mrs. Marry nicht verletzt.”

Zu ihrem Erstaunen nicke ich und stehe auf. Sofort werden wieder die Waffen auf mich gerichtet. Die Schwester hebt warnend die Hand und nimmt den Männern die Weste ab. Sie kommt langsam auf mich zu und ich lasse bereitwillig zu, dass sie mir die Weste anzieht.

Als sich die Männer überzeugt haben, dass alle Gurte fest sind, nehmen sie mich und die Schwester in die Mitte und gehen mit uns nach rechts. Vor mir erstreckt sich ein langer Korridor, von dem ganz viele Zellen abgehen. Man kann zwar nicht hineinsehen, aber ich kann hören wie dort drinnen Leute schreien, wimmern oder mit sich selber sprechen. Als wir ganz am Ende des Korridors ankommen, gehen wir nach links und dann eine Treppe hoch. Wir kommen wieder an zahllosen Türen vorbei. Dies scheinen aber die Zimmer der Bediensteten zu sein, denn es sind schmuckvoll verzierte Holztüren.

Vor der letzten Tür rechts bleiben wir stehen. Die Schwester klopft an und eine Frauenstimme von innen ruft: „Herein!“ Ich denke das dies Mrs. Marry zu sein scheint. Die Männer prüfen noch einmal meine Weste und machen dann die Tür auf. Als ich sie sehe muss ich mir das Lachen verkneifen, denn sie hat rote, kurze, lockige Haare. Sie sind eindeutig gefärbt und das nicht einmal gut. Vereinzelt kann ich noch graue Strähnen erkennen. Dazu hat sie lauter Falten im Gesicht und ist total rot angelaufen.

In dem Raum befinden sich sonst nur Bücher, ein Stuhl und ein Sofa. Auf dem Stuhl hat Mrs. Marry bereits Platz genommen und bedeutet mir jetzt, mich auf das Sofa zu setzen. Ich kann echt nur hoffen, dass das hier jetzt nicht so ein dummes Frage-Antwort Spiel wird. Denn das Sprechen fällt mir wirklich nicht leicht.

Die Männer ziehen sich bis ganz an die Wand zurück, verschwinden aber nicht und sie senken auch erst die Waffen, als Marry es ihnen bedeutet. Die Schwester begrüßt Mrs. Marry freundlich und setzt sich dann neben mich.

Marry mustert mich als erstes ziemlich genau und rümpft dann angewidert die Nase: „Wann hat sie das letzte Mal geduscht?“

„Ähm...wie?“, fragt die Schwester verwundert.

„Ich habe gefragt wann sie das letzte Mal geduscht oder gebadet hat!“

Die Schwester senkt betreten den Kopf und flüstert irgendetwas unverständliches. Marry schüttelt nur den Kopf und sagt: „Bevor sie das nächste Mal herkommt möchte ich das sie duscht, sich die Haare kämmt und sich die Zähne putzt. Ihren Mundgeruch rieche ich ja bis hier!“

Mit jeder Minute kann ich diese Frau weniger leiden. Trotzdem bleibe ich ruhig und sage nichts. Marry sieht mich erstaunt an und flüstert: „Das ist interessant, sie zeigt keinerlei der Aggressionen, von denen ihr Vater uns berichtet hat.“

Als ich höre was sie sagt, spanne ich mich automatisch an und kämpfe gegen die Wut an die in mir kocht. Ich hoffe, es hat keiner bemerkt aber wieder einmal werden meine Hoffnungen zerschlagen als Marry barsch fragt: „Was haben sie für ein Problem mit ihrem Vater?“

Ich schüttelte nur den Kopf, ich will nicht darüber reden. Vor allem nicht mit ihr! Das geht sie nichts an, vor allem nicht, solange sie mich wie ein kleines Kinf behandelt!

Sie fragte noch einmal diesmal aber lauter: „Was haben sie für ein Problem mit Bob?!“

Diese Frau hatte echt Mut mich anzubrüllen, aber ich ließ mich nicht von ihr provozieren. Dieser Fehler würde ich nicht machen. Anstatt sie anzuschreien sehe ich ihr tief in die Augen und sage klar und deutlich: „Sagen sie ihm er ist so gut wie tot.“ Okay, da bin ich wohl doch etwas zu weit gegangen, aber er hätte es verdient, für das, was er mir hier angetan hat. Ich erwarte regelrecht schon, dass die beiden Männer sich auf mich stürzen, aber niemand regt sich. Sie sehen mich einfach nur an, oder eher gesagt, sie starren mich an.

Plötzlich kam ich mir wahrlich vor wie eine Verrückte. Ich wollte so gerne raus. Aber bevor ich mich auch nur regen konnte, schrie Marry man solle mich bloß wegbringen. Und sie bringen mich auch weg. Wieder in meine kleine Zelle. Sie stoßen mich hinein und die Schwester zieht mir die Weste so schnell sie kann aus. Dabei schafft sie es mich nicht einmal anzusehen. Danach setze ich mich wieder auf mein Bett und werde in völliger Dunkelheit zurückgelassen.

Jeden Tag bringt mir die Schwester mein Essen, aber jedes Mal ohne mich auch nur anzusehen. Sie gibt es mir auch nicht mehr in die Hand, sondern stellt es am Eingang ab. Ich bin alleine und die ganze Zeit eingesperrt. Ich fange schon nach zwei Wochen an, das Schlafmittel zu vermissen.

Mittlerweile darf ich fast jeden Tag duschen und auch meine Zähne putzen gehen. Ich verstehe nicht warum sie alle so geschockt waren. Ist ihnen denn nicht klar, was für ein Ungeheuer ich bin? Oder es zumindest sein sollte? Wer weiß, was Bob ihnen alles erzählt hat.

Es vergeht noch einmal fast ein Monat bevor sie wiederkommen.

Die Weste haben sie natürlich auch wieder dabei. Die Prozedur ist wieder die gleiche, der gleiche Weg, die gleiche Unfreundlichkeit. Immer wieder die gleiche Frage: „Was haben sie für ein Problem mit Bob?!“ Und immer wieder verweigere ich die Antwort. Sie kommen nun immer regelmäßig, jede zweite Woche...

Fast ein halbes Jahr nachdem ich das erste Mal wieder gesprochen habe, kommt Marry zu mir. Ihr Besuch ist sehr unerwartet und ich esse gerade...

 Sie kommt langsam in mein Zimmer und sieht sich als erstes misstrauisch um. Als sie sicher ist, dass ich sie nicht verletzen kann. Kommt sie ganz zu mir und sagt: „Dein Vater ist hier und möchte dich sehen also zieh dir etwas Ordentliches an und komm.“

Das mit dem anziehen meint sie wohl ironisch, denn ich habe ja gar nichts außer der Irrenhauskutte. Eigentlich will ich ihn ja auch gar nicht sehen, aber ich weiß ja nicht einmal mehr wie er aussieht.

Wie ich bereits ahnte ist auch wieder die Jacke von der Partie. Natürlich würden sie mich nie ohne zu ihm lassen. Aber was soll ich schon machen, so abgemagert wie ich bin und so schwach, kann ich mich schlecht dagegen wehren.

Dieses Mal begleiten uns gleich fünf Männer, alle bewaffnet. Wir gehen wieder hoch zum `Therapiezimmer´. Den Weg kenne ich ja bereits auswendig. Aber wir gehen nicht wie ich gedacht habe ins `Therapiezimmer´, nein, wir biegen in den Raum davor ab. Ich habe eigentlich erwartet, das er dort drinnen sitzt und bereits wartet, aber das tut er nicht. Wir sind alleine. Ich setze mich wie gewohnt auf einen Stuhl. Der Raum sieht fast genauso aus wie das `Therapiezimmer', nur, dass es in diesem Raum eine große Glasscheibe an der Wand gibt.

Marry sagt wie zu sich selbst:

„Er ist hinter dem Spiegel da und beobachtet uns. Er wollte dich zwar sehen, aber er wollte nicht, dass du ihn siehst und dadurch beunruhigt bist.“

Ich nicke nur, um ihr zu zeigen, dass ich verstanden habe. Danach stehe ich auf und gehe genau auf den Spiegel zu. Ich stelle mich direkt davor. Fast kann ich seine Anwesenheit schon spüren. Ich höre wie alle den Atem anhalten und erschrocken die Luft einziehen, als es plötzlich an der Tür klopft.

Ich höre nur eine vertraute Männerstimme sagen, dass er ein Geburtstagsgeschenk für mich habe und das er wolle, dass man es mir gebe. Ich halte angespannt die Luft an, bis die Tür wieder zugeschlossen wird. Und er wieder weg ist.

Ich drehe mich langsam wieder um und will mir mein Geschenk ansehen, aber Marry versteckt es hinter ihrem Rücken, dass einzige was ich sehen kann ist die Verpackung. Es ist genauso eingepackt wie meine anderen Geburtstagsgeschenke, die ich als Kind von ihm bekommen habe.

Ich runzle nur die Stirn und zucke gelangweilt mit den Schultern, dann drehe mich wieder um. Ich habe ganz vergessen, dass ich heute Geburtstag habe.

Ich muss noch etwa eine halbe Stunde hierbleiben, bis sie mich wieder runterbringen dürfen. Als wir uns gerade auf den Weg machen, ruft mich Marry zurück: „Angel!“

Ich bleibe wie angewurzelt stehen und drehe mich langsam um, ich will ja schließlich niemanden erschrecken.

Marry kommt auf mich zu und flüstert mir zu: „Wenn sie das Geschenk haben wollen, müssen sie mir nur sagen was sie gegen ihren Vater haben!“

Ich antworte nur: „Ich bin nicht die Mörderin meiner Mutter.“

Sie runzelt die Stirn und tritt von mir zurück. Dann gibt sie den Männern einen Wink und wir gehen weiter. Hinter mir höre ich noch seine Stimme fragen: „Warum nennen sie sie Angel?“

„Weil sie so aussieht.“

Stimmt das? Sehe ich echt so aus? Das wäre eine Erklärung dafür, warum sie bei meiner ersten Sitzung so geschockt gewesen sind.

Und mein Entschluss steht weiterhin fest, es geht sie nichts an, warum ich ihn tot sehen will.

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beta
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