Ein wichtiger Entschluss

Die letzten Tage waren für Hermine vergangen wie in Trance. Obwohl sie das Gefühl hatte, endlich aus einem Traum aufgewacht zu sein, war die Realität dennoch verschwommen. Wie hatte sie so viele Wochen lang über das, was Draco getan hatte, hinwegsehen können? Sie hatte ihm aktiv geholfen, nur um am Ende beim wichtigsten Schritt nachlässig zu werden und damit das Leben ihres besten Freundes zu gefährden. Und wozu?

Wie Draco es ausgedrückt hatte: Sie hatten miteinander geschlafen, mehr war da nicht gewesen. War es nie. Was auch immer sie sich eingebildet hatte, es hatte nie existiert. Auch dieser gute Draco, den sie damals nach dem Quidditch-Spiel getroffen hatte, war nie echt gewesen. Es erschien ihr inzwischen, als wäre dieser kleine, geheime Kuss in einem anderen Leben geschehen. Damals hatten sie bereits auf anderen Seiten gestanden, aber es hatte noch keine Rolle gespielt. Der Krieg war noch nicht so akut, so bedrohlich direkt vor ihrer Haustür gelandet.

Hatte sie sich am Ende nur selbst belogen? Hatte sie ihre Gefühle für Draco absichtlich genährt, um sich selbst weißmachen zu können, dass es auch auf der anderen Seite gute Menschen gab? Hatte sie nur fliehen wollen vor der Realität, vor der Erkenntnis, dass es tatsächlich böse Menschen gab, die an einer von Todessern gefüllten Welt interessiert waren?

Sie presste sich tiefer in den Sessel, in dem sie saß. Seit ihrem Gespräch mit Draco – mit Malfoy! – hatte sie den Raum der Wünsche nicht mehr aufgesucht, sondern sich wieder in eine hintere Ecke der Bibliothek verzogen, wenn sie das Gefühl hatte, sie müsste alleine sein. Dieser Tag hätte nicht schlechter verlaufen können. Als sie Ron im Krankenflügel hatte besuchen wollen, war Lavender schon da gewesen. Sie saß so selbstverständlich an seinem Bett und hielt seine Hand, ließ sich nicht abbringen davon, dass er zu schlafen schien, sondern weilte einfach geduldig und stumm an seiner Seite.

Hermine war nicht reingegangen, denn sie hatte geahnt, dass Lavender nicht erfreut reagiert hätte. Womit sie Recht behalten sollte, denn als Lavender schließlich ihre Stellung am Bett aufgab und sie am Eingang entdeckte, explodierte sie wie eine Bombe.

„Was willst du hier?", hatte Lavender gefaucht, offensichtlich gerade so fähig, ihre Stimme gesenkt zu halten, um Ron nicht zu wecken: „Du hast ihn die ganzen letzten Wochen ignoriert und jetzt plötzlich kommst du hier an? Jetzt, wo er wieder interessant geworden ist?"

„Interessant?", hatte Hermine nur völlig entgeistert entgegnen können: „Interessant? Er ist vergiftet worden, du hohle Birne, das macht ihn nicht interessant!"

„So? Nun, was auch immer! Er ist mein Freund, okay? Also halte dich fern von ihm. Überhaupt, du hast ihn und Harry völlig im Stich gelassen. Was ist denn plötzlich so interessant geworden, dass du keine Zeit mehr hast für deine beiden angeblich besten Freunde? Hast du einen Lover gefunden, für den du immer und jeder Zeit die Beine breit machen musst, damit du ihn nicht sofort wieder verlierst? Jemanden wie Ron kannst du ja nicht kriegen, dich würde kein anständiger Mann nehmen. Lass mich raten, er ist vermutlich nicht mal Gryffindor und ihr trefft euch nur heimlich, weil es ihm peinlich ist? Mh, habe ich Recht?"

Hermine hätte sie am liebsten geschlagen, doch ihre hässlichen Worte waren so nahe an der Wahrheit, dass sie einfach nur mit offenem Mund hatte starren können. Lavender war triumphierend davon stolziert und nun saß sie selbst hier in der Bibliothek und fühlte sich elender als je zuvor. Es war ja richtig, dass sie Harry und Ron ein wenig aus den Augen verloren hatte.

„Hermine?", erklang da die leise Stimme von Harry.

Sie zwang die aufsteigenden Tränen hinunter und winkte ihm zu: „Hier hinten."

„Hey", begrüßte er sie mit sorgenvollem Tonfall: „Was machst du denn hier?"

„Was schon? Lesen und lernen natürlich. Ist es so komisch, mich in der Bibliothek zu treffen?", gab sie unwirsch zurück. Sie wollte nicht, dass Harry sich Sorgen um sie machte. Sie brauchte jetzt keinen einfühlsamen Freund an ihrer Seite, sonst würde sie nur anfangen zu weinen. Und das wollte sie gerade nicht.

„Das nicht, aber ...", setzte er an, doch ihr finsterer Blick ließ ihn sofort wieder verstummen. Mit einer unbeholfenen Geste versuchte er, seinen Pony zu glätten, während er gleichzeitig neben ihr auf einem Stuhl Platz nahm. Schweigend saßen sie nebeneinander.

„Ron hat eben nach dir gefragt", sagte er schließlich leise.

„Er war wach?", fragte sie überrascht zurück.

„Natürlich, ist er doch immer. Er langweilt sich zu Tode im Krankenflügel."

Mit zusammengezogenen Augenbrauen schaute Hermine ihn an: „Ich war da. Aber Lavender auch, deswegen bin ich nicht rein. Sie war so schon wütend genug, dass ich überhaupt da war. Sie ... wurde ziemlich ... unfreundlich."

Zu ihrem Entsetzen kicherte Harry neben ihr: „Ja, wenn Lavender da ist, schläft Ron immer. Ich habe ihm deswegen heute den Kopf gewaschen."

Genervt von Harrys merkwürdigem Verhalten legte Hermine ihr Buch auf dem Tisch ab und wandte sich ihm vollends zu: „Was ist daran zu lustig? Kannst du mich bitte aufklären?"

Offensichtlich darum bemüht, ein ernstes Gesicht zu machen, nickte Harry: „Naja, weißt du noch, dass ich meinte, dass Ron sich mit Lavender nicht mehr so sicher ist? Er stellt sich schlafend, weil er nicht mit ihr reden will. Ich glaube, er will Schluss machen, aber er traut sich nicht. Ich hab ihm deswegen heute auch den Kopf gewaschen. Lavender hat nämlich plötzlich angefangen, ständig mit mir über Rons Gefühlsleben reden zu wollen", erklärte er mit einem Schaudern: „Echt uncool. Ich will das alles gar nicht wissen, was sie mir erzählt."

Hermines Herzschlag beschleunigte sich. Also war die Beziehung zwischen Lavender und Ron tatsächlich kurz vor dem Aus. Unwillkürlich musste sie an den Moment zu Schuljahresbeginn zurückdenken. Weinend hatte sie im Schloss gesessen, weil Lavender und Ron so glücklich miteinander waren, und ausgerechnet Malfoy hatte sie so vorgefunden. Da hatte alles begonnen. Von dem Tag an waren sie sich immer wieder über den Weg gelaufen. Er hatte sein Netz aus Lügen und Zuckerwatte um sie gesponnen, bis sie ihm geholfen hatte, ein tödliches Gift während Slughorns Feier in dessen Büro zu schmuggeln.

„Weiß du", erwiderte sie, nachdem sie ihre Gedanken wieder in die Gegenwart gezwungen hatte: „Lavender hatte nicht mit allem Unrecht, was sie zu mir gesagt hatte. Ich habe euch schon irgendwie alleine gelassen. Ich hätte wirklich, wirklich zu Weihnachten mitkommen sollen. Es war so ein dummer Fehler, das nicht zu tun."

Harry stand auf und setzte sich neben sie auf die Armlehne des Sessels, um ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter legen zu können: „Mach dir keine Vorwürfe, Hermine. Rückblickend sind wir immer schlauer. Und es war ja nun wahrlich auch nicht so, als ob Ron dir sonderlich viel Interesse entgegen gebracht hätte. Das beruht immer auf Gegenseitigkeit."

Sie legte ihre Hand auf seine, doch ihr Lächeln war gequält: „Das ist lieb von dir. Aber du hattest ja fast am meisten drunter zu leiden. Weißt du noch, im vierten Jahr, als du dich mit Ron wegen des Trimagischen Turniers gestritten hattest? Ihr habt ewig nicht miteinander geredet, das war furchtbar für mich. Was soll man als Freund tun, wenn die beiden besten Freunde miteinander streiten?"

„Erinnere mich bloß nicht daran!", seufzte Harry: „Ehrlich, Ron kann manchmal so stur und blind sein. Das war echt nicht fair von ihm, was er mir damals an den Kopf geworfen hat."

Hermine nickte nur, doch ein anderes Thema drängte sich in den Vordergrund. Sie konnte nicht länger darüber schweigen, sie durfte es nicht. Vorsichtig fragte sie: „Was denkst du, wer steckt hinter diesem Giftanschlag?"

Augenblicklich wurde Harry ernst: „Wenn wir davon ausgehen, dass er sich wirklich nicht gegen Ron gerichtet hat ... Slughorn meinte, die Flasche sei wohl als Geschenk für Dumbledore gedacht gewesen, aber irgendwie hätte er sie vergessen. Ein weiterer Mordversuch gegen Dumbledore also. Ich bin mir sicher, dass da Malfoy hinter steckt, egal, was du mir erzählst, Hermine."

Tief seufzte Hermine. Natürlich hatte er immer noch Draco im Verdacht, ganz, wie sie es gehofft hatte. Warum nur spürte sie trotzdem das Bedürfnis, ihn zu verteidigen? Sie wusste doch, dass Draco – nein, Malfoy! – der Täter war, wieso wollte sie ihn immer noch in Schutz nehmen? Sie konnte doch nur froh sein, wenn er endlich unschädlich gemacht wurde.

„Ich weiß, dass du mir eh nicht glaubst", sagte Harry leise: „Du denkst, ich spinne nur rum, weil ich Malfoy nicht mag. Aber die ganzen Beweise, die wir haben. Was wir im Sommer gesehen haben. Sein merkwürdiges Verhalten dieses Jahr. Ich bin mir ganz sicher, dass er ein Todesser ist und dass er versucht, Dumbledore zu töten. Ich weiß es einfach."

Beruhigend legte sie ihm eine Hand aufs Knie: „Ich verstehe dich, Harry. Besser, als du denkst. Ich verurteile dich auch nicht für deine Vermutungen. Ich denke nur ... du solltest das lieber für dich behalten, ehe du nicht handfeste Beweise hast. Wenn Malfoy mitbekommt, dass du ihn verdächtigst, wird er nur vorsichtiger. Und dann findest du gar nichts mehr."

Überrascht sprang Harry auf und stellte sich vor sie: „Du verdächtigst ihn also auch? Warum hast du ihn dann vorher immer verteidigt?"

Unwillkürlich errötete sie. Sie verdächtigte ihn nicht, sie wusste, dass er schuldig war. Nur dass sie vorher zu blind gewesen war, das klar zu sehen und die wichtigen Menschen darüber zu informieren. Bedacht wählte sie ihre Worte: „Damit du vorsichtig bist. Und genau darüber nachdenkst, was du tust und sagst."

„Ach, Hermine", murmelte Harry: „Du bist einfach zu gut, um wahr zu sein. Es tut mir leid, wie oft ich dich deswegen angefahren habe."

Gequält lächelte sie ihn an. Je freundlicher Harry zu ihr war, umso unwohler fühlte sie sich. Warum verriet sie nicht einfach, was sie über Malfoy wusste? Was hielt sie davon ab? Sie schuldete ihm nichts, immerhin hatte er von Anfang an auf der anderen Seite gearbeitet und sie nur ausgenutzt. Wieder seufzte sie.

„Du, Harry, ich glaube, ich muss mal mit Dumbledore sprechen", sagte sie leise, beinahe mehr zu sich selbst, doch Harry hatte sie gehört.

„Was meinst du damit? Was willst du mit Dumbledore?"

Unwohl zog sie die Schultern hoch: „Es gibt da etwas, wofür ich seinen guten Rat brauche. Er kann Dinge so viel besser einschätzen als du oder ich oder jede andere von uns. Er hat immerhin schon einige Jahre mehr als wir aufm Buckel."

„Du weißt irgendetwas, oder?"

Überrascht schaute Hermine zu ihm hoch. Sein Tonfall hatte ruhig geklungen, doch die Art, wie sich seine Hände zu Fäusten geballt hatten, versprach nichts Gutes. Rasch erhob sie sich aus dem Sessel, um auf Augenhöhe mit ihm zu sein: „Ja, da hast du Recht. Und ich will es Dumbledore sagen, damit er entscheidet, was wir mit dem Wissen machen."

„Wenn du etwas gegen Malfoy in der Hand hast, wieso sagst du es dann mir nicht?", verlangte er zu wissen: „War das der eigentliche Grund, dass du ihn verteidigt hast?"

Getroffen trat Hermine einen Schritt von ihm weg: „Was willst du damit andeuten? Harry, wenn ich irgendetwas über Malfoy wüsste, was unser Leben direkt bedrohen würde, denkst du, ich würde schweigen? Denkst du, ich würde riskieren, dass Ron beinahe sein Leben verliert, wenn ich sowas wüsste?"

Kurz sah Harry so aus, als wolle er genau das sagen, doch dann entspannte er sich, seine Schultern sanken nach unten und er blickte zu Boden: „Nein, natürlich nicht. Ich weiß doch, dass du keinen von uns in Gefahr bringen willst. Aber wenn du etwas weißt, wieso kannst du da nicht mit mir drüber reden?"

„Und dann? Willst du deinen Zauberstab zücken und Malfoy zum Duell auffordern? Du bist ein Hitzkopf! Ich brauch jemanden, der rational und vor allem mit ruhigem Gemüt die Fakten beurteilen kann!", erwiderte sie selbstbewusst. Irgendwo in ihrem Innersten war sie über sich selbst entsetzt, mit welcher Sicherheit sie ihrem besten Freund Halbwahrheiten auftischte. Natürlich hätte sie Malfoy schon längst an Dumbledore gemeldet, wenn sie eine akute Gefahr gewittert hätte. Aber es wäre wohl rückblickend einfach die bessere Entscheidung gewesen, sofort alle Verbindungen zu ihm abzubrechen, nachdem er ihr das Mal gezeigt hatte. Statt zu versuchen, irgendwelche nicht vorhandenen guten Seiten in ihm zu suchen, hätte sie verantwortungsvoll handeln sollen.

Aber das würde sie nun nachholen. Es war noch niemand gestorben, auch wenn das eher Glück war, und sie würde dafür sorgen, dass es in der Zukunft keine Risiken mehr geben würde. Zumindest Malfoy würde sie unschädlich machen.

„Vertrau mir, Harry", sagte sie fest und ergriff seine Hand: „Nach dem Gespräch mit Dumbledore weiß ich, was zu tun ist, und dann werde ich dir alles erzählen. Versprochen."

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