Eine Frage der Mentalität


Vielleicht hat sich diese Frage der ein oder andere schon gestellt. Vielleicht bin ich hier mit auch der einzige in unserer Runde: Wieso sind die Haikus ausgerechnet in Japan entstanden?

Die Frage ergibt sich spätestens dann, wenn man sich vergegenwärtigt das Lautsprachen, wie das japanisch, im ganz fernöstlichen Raum existieren. Bedenkt man nur auch, dass das Chinesisch, welches die Grundlage des japanischen ist, fragt man sich noch mehr, warum denn niemand in dem riesigen China auf die Idee kam Haikus zu schreiben.

Aber bevor wir uns den Mutmaßungen ergeben und uns ganz in einem Gewirr aus Fragen verstricken, sollten wir den Faden aufnehmen und seine scharlachrote Wendung verfolgen.

Zu aller erst sollte man sich vor Augen führen, dass es im asiatischen Raum ebenso kulturelle und mentale Differenzen zwischen den einzelnen Völkern und Ethnien gibt, wie bei uns in Europa. Oder würde hier jemand behaupten das ein Brite und ein Franzose in ihrer Mentalität gleich sind? Wohl kaum, so dürfen wir diesen Fehler bei Chinesen und Japanern ebenso wenig begehen.

Die Japaner haben unter anderem einen Feibel für Natur und die kleinen Dinge des Lebens. Diese beiden Aspekte ihrer Mentalität sind Grundlage der Haikus; doch wieso?

Beschäftigen wir uns zunächst mit dem Begriff "Natur".
Im Westen wird "Natur" als das nicht vom Menschen geschaffene und vom Menschen zu ergründend und beherrschende erachtet.

Doch wie sieht es im Land der aufgehenden Sonne aus?
Japan als buddhistisches Land, bezieht seinen Naturbegriff unter anderem auf die Lehren Buddhas zurück. Und hier liegt schon der Kern der Abweichung zu unserem Naturbegriff, der in großen Teilen von Bibel und Aufklärung geprägt wurde.
Der Buddhismus bezieht sich, im Gegensatz zum Christentum oder anderen Religionen, nicht auf einen oder mehrere Götter, sondern auf die Lehren eines lebenden und in seiner Existenz bewiesenen Mannes. Eine Person ohne göttlichen Segen oder ähnlichem. Der Buddhismus bezieht seine Kraft aus Logik und 84.000 philosophischen Schriften. Diese Stellen wenn wir so wollen eine Säule des Buddhismus da. Die wesentlich entscheidendere Säule und damit die Quintessenz des Buddhismus ist der Gedanke, dass Wahrheit und Wirklichkeit nur in einer Erfahrung außerhalb allen Faßbarens existiert. Dem sogenannten Nirwanna (auch als Erwachen oder Befreiung bezeichnet). Nach Ansicht dieser Haltung sind alle anderen Gedanken und Haltungen "leer" (sunyata). Dieser Regel folgend würden auch andere Religionen akzeptiert und ggf. Mit der eigenen Geisteswelt in Einklang gebracht. Ein Beispiel hierfür ist der Shintoismus aus Japan, welcher neben dem Buddhismus Co-existiert. Genauso gleichgestellt, wie in der Religion, ist der Buddhismus in der Beziehung Mensch und Natur. Der Mensch als Herrscher der Natur ist hier undenkbar. Es gilt nicht herauszufinden was die Welt im innersten zusammenhält und wie jedes Zahnrad der Natur sich dreht, sondern es geht darum von der Natur zu lernen und sich ihr anzupassen. Beschäftigt man sich nun zusätzlich mit den Schriften des Buddha stellt man fest, dass Natur als solche selten Erwähnung findet. Dafür findet man den Begriff der Buddha-Natur, welcher keinesfalls mit dem christlichen Gottes Natur gleichgesetzt werden darf. Denn hierbei geht es nicht um eine Schöpfung durch eine göttliche Kraft, sondern um die Erleuchtung. Es geht also andersherum gesagt um die Natur des Erleuchtenden, also seiner Art und Weise. Diese Möglichkeit erleuchtet zu werden, wird im Buddhismus allen tierischen Lebewesen zugesprochen. Der Zen-Buddhismus geht sogar noch einen Schritt weiter und spricht ausnahmslos allen Lebewesen (auch Pflanzen, Pilze, etc), Flüssen, Wolken und sogar Steinen zu.
Und dieser Zen-Buddhismus fand in Japan seine Blüte und war eine maßgebliche Grundlage bei der Entstehung der Haiku-Gedichte.

Dementsprechend folgen Haikus dem Prinzip der Budda-Natur: Eine Erkenntnis - wie diese auszusehen hat ist wohl so verschieden, wie es Haikus gibt.

Die Mentalität im kleinen das beachtenswerte zu finden, liegt nicht nur dem Zen-Buddhismus zugrunde. Den hierzu müssen wir uns die Stellung Japans als das kleine Inselreich vor dem großen Kontinent Asien, mit der schon seit Jahrtausenden existierenden Großmacht China, vergewissern. Japan und damit die Japaner definieren sich nicht als Großmacht, sondern als klein. Und was liegt da näher als dem kleinen, was man selbst verkörpert, seine Aufmerksamkeit zu schenken? Dabei dürfen wir nicht den Fehler machen "klein" mit "unwichtig" zu assoziieren. Denn hier schlägt wieder die Stunde des Zen: Da allem Erleuchtung zu Teil werden kann, ist alles von gleichem Wert und damit ist das kleine so wertvoll wie das große.

In Anbetracht dieses Wissens können wir nun die Geschichte der Haikus im nächsten Kapitel und ihre Eigenheiten in den folgenden besser verstehen.


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