Eine Grenze ziehen

Ausdruckslos starrte Snape von der Plattform des Astronomieturms auf die Ländereien von Hogwarts, ließ den kalten Novemberwind durch sein schwarzes Gewand streifen und versuchte, seine Gedanken zu fokussieren. Er hatte das Gefühl, dass ihm Informationen fehlten. Warum hatte Dumbledore ihn nicht ebenfalls in sein ganzes Wissen über die Horcruxe eingeweiht? Er hatte von ihrer Existenz stets erst erfahren, nachdem sie zerstört worden waren. Das Tagebuch. Der Ring. Das Amulett. Diese drei waren sicher zerstört. Laut Dumbledore war auch Quirrell ein Horcrux gewesen, ein lebender Mensch, der als Gefäß für ein Stück der Seele von Voldemort diente. Selbst ihm schauderte bei dem Gedanken daran.

Doch er wusste, es hatte sieben Stück gegeben. Ganz sicher war auch die Schlange, die den Dunklen Lord stets begleitete, auch ein Horcrux, so viel Wert, wie er auf ihre ständige Begleitung legte. Es fehlten in seiner Rechnung also noch zwei, von denen er weder wusste, was sie waren, noch ob sie bereits zerstört waren. Ob Hermine Granger mehr wusste? Sie hatte immerhin das letzte Jahr damit verbracht, mit Potter und Weasley nach diesen Artefakten zu jagen - er selbst hatte ihnen eine Waffe zum Zerstören geliefert. Dennoch wusste er zu wenig, um einen festen Plan stricken zu können. Für den Augenblick blieb ihm nichts anderes übrig als anzunehmen, dass außer Nagini keine Horcruxe mehr existierten.

Doch selbst wenn dem so war, stand er vor einem Problem. Er wusste, dass die Horcruxe zerstört werden mussten, bevor Voldemort getötet wurde. Doch sobald er die Schlange angreifen würde, wüsste Voldemort, was sein Ziel war. Er wäre tot, ehe er irgendetwas ausrichten konnte. Es war gut, dass er nun eine Verbündete hatte, immerhin hatte er seit Wochen darauf hingearbeitet, sie ins Vertrauen zu ziehen. Dennoch, jetzt, wo er das erreicht hatte, war er plötzlich unschlüssig, wie er sie einsetzen sollte. Am einfachsten wäre es, wenn er ihr einen Zauberstab hätte besorgen können, so dass sie die Schlange töten konnte, während er selbst Voldemort anvisierte. Doch seit seiner schlechten Erfahrung mit Ollivander traute der Dunkle Lord keinem Zauberstabmacher mehr, entsprechend standen sie alle unter seiner Beobachtung. Kein Zauberstab konnte erstanden werden, ohne dass er davon erfuhr.

Auch unabhängig von diesem Problem war es notwendig, dass er erneut mit Hermine Granger redete. Er musste sicher stellen, dass wirklich keine weiteren Horcruxe mehr existierten. Er war auf ihr Wissen angewiesen. Die alt bekannte Müdigkeit kroch wieder in ihm hoch, während er überlegte, ob er direkt am nächsten Wochenende in die Manor zurückkehren sollte. Ungeduldig mit sich selbst rief er sich zur Ordnung: Er hatte keine Zeit für Selbstmitleid und Zögern. Irgendein Grund würde ihm schon einfallen, die Familie Malfoy erneut zu besuchen, und dann würde er sich in aller Ruhe mit Hermine unterhalten.

oOoOoOo

Mit müden Augen stand Hermine in der Küche und wusch die letzten Überreste des Frühstücks ab. Sie hatte in der letzten Nacht kaum geschlafen, so viel war ihr durch den Kopf gegangen. Die ganze Kraft, die sie aus dem Wochenende gezogen hatte, schien über Nacht verschwunden zu sein, sie fühlte sich leer und ausgelaugt. Nur der Gedanke, den größten Teil des Tages alleine in der Bibliothek verbringen zu können, hielt sie davon ab, auf der Stelle einzuschlafen.

"Bist du hier fertig?"

Unfähig zu einer schnellen Reaktion wandte Hermine ihren Kopf langsam zur Küchentür, wo Lucius Malfoy mit verschränkten Armen im Rahmen lehnte und sie aufmerksam musterte.

"Fast, nur noch das Geschirr abtrocknen und wegstellen."

"Das können Hauselfen genausogut", erwiderte er, ehe er mit einem Schnippen eines der vielen Geschöpfe herbei rief, um ihm den Befehl zum Aufräumen zu geben. Verwirrt blickte Hermine ihn an.

"Ich brauche dich heute Vormittag für sinnvollere Aufgaben als das da", erklärte Malfoy schlicht, dann deutete er ihr mit einem Handwinken, dass sie ihm folgen sollte. Rasch band Hermine ihre Schürze ab, hängte sie an einen Haken und folgte ihm. Seine kryptische Aussage hatte die Müdigkeit vertrieben und nun war sie ebenso neugierig wie angespannt. Es war das erste Mal seit ihrer Begegnung am Sonntagabend, dass sie alleine mit Malfoy war. Sie wusste, dass es unsinnig war, dennoch schlug ihr Herz unwillkürlich schneller bei der Erinnerung an das, was geschehen war. Sein Verhalten ihr gegenüber hatte sich nicht geändert, ebensowenig das ihre im Umgang mit ihm, dennoch war sich Hermine sicher, dass ihre Beziehung nicht mehr dieselbe war wie zuvor.

Überrascht stellte sie fest, dass er sie die Gänge entlang zum Badezimmer der Familie führte und dort durch eine Seitentür in einen ihr bisher unbekannten Raum: Schwüle Hitze schlug ihr entgegen, während sie mit aufmerksamen Augen die Fliesen an den Wänden und das riesige, im Boden eingelassene Becken musterte. Mit fragendem Blick drehte sie sich zu Malfoy um.

"Ich gedenke, ein Bad zu nehmen, und mir steht der Sinn danach, dabei deine Gesellschaft zu haben", legte er mit sorgfältig emotionslosem Tonfall dar, "du wirst mir den Rücken waschen und massieren, die Haare spülen und ... dann werden wir sehen, wonach mir noch ist. Zieh dich aus, leg deine Sachen in die Ecke und spüle dich dort an der Seite unter der Dusche ab, ehe du zu mir ins Wasser kommst."

Ohne auf ihr Einverständnis oder eine sonstige Erwiderung zu warten, entkleidete Lucius Malfoy sich, stapelte all seine Sachen ordentlich auf einem Stuhl in der Ecke und griff dann nach einem am Beckenrand liegenden Eimer, um heißes Wasser zu schöpfen, dass er großzügig über seinen nackten Körper goss. Wieder und wieder spülte er sich auf diese Weise ab, bis er einen letzten Eimer über seinem Kopf ausschüttete, sich mit einer Hand durch die nun nassen Haare fuhr und den Eimer endlich bei Seite stellte. Während er anschließend langsam in das tiefe Becken glitt, erwachte Hermine aus ihrer faszinierten Starre. Rasch kam sie seinen Aufforderungen nach, dann trat sie vorsichtig mit einem Fuß auf die erste Stufe in das Becken hinein.

"Nur keine falsche Scheu, kleine Löwin, komm zu mir", neckte er sie, während er ihr eine Hand einladend hinhielt. Sie warf ihm einen finsteren Blick ob der neckischen Worte zu, doch sie kam seinem Befehl ohne weiteres Zögern nach. Sie spürte, dass sie keine Angst mehr vor diesem Mann hatte, dass er ihr nichts antun würde, solange sie alleine waren. Und sie wusste, dass sie neugierig war. Auf sich selbst, auf eine Erklärung für ihr gemeinsames Erlebnis am Sonntagabend. Gleichzeitig war ihr bewusst, dass sie trotz allem ein gefährliches Spiel trieb. Spätestens seit ihrem Gespräch mit Snape war sie wieder zu einer echten Feindin aller Todesser geworden, einer Rebellin, die danach strebte, die Welt von Voldemort zu zerstören. Und dieser Mann hier, so sanft er sich ihr gegenüber auch zeigte, war ein Todesser. Sollte er jemals mitbekommen, dass sie aktiv am Sturz des Dunklen Lords arbeitete, war es um sie geschehen.

"So ist es brav", murmelte Malfoy lächelnd, während er Hermine in seine Arme zog. Ohne seine Zärtlichkeit zu erwidern, ließ Hermine ihn für einige Momente in dieser Position verharren, ehe sie sich wieder aus seinen Armen befreite: "Ich soll Euch den Rücken waschen, Herr?", fragte sie betont demütig nach, was ihm ein leises Lachen entlockte. Er reichte ihr einen Schwamm, drehte sich um und nickte: "Ja, das sollst du. Schön hart, leg deine ganze Kraft rein."

Während sie mit beiden Händen den Schwamm ergriff, ihn in das Wasser eintunkte und anschließend mit aller Kraft den breiten Rücken des Mannes vor ihr schrubbte, gab sich Hermine weiter ihren Gedanken hin. Sie konnte nicht abstreiten, dass sie die neue Intimität mit diesem Mann genoss. Das spielerische Necken, die offene, beinahe schon gewohnte Nähe und Nacktheit vor ihm, all das ließ ihre Seele zur Ruhe kommen. Während jeder Gedanke an Severus Snape sie nur erneut in einen Strudel aus Hoffnung auf eine bessere Zukunft und panischen Erinnerungen an seine Gewalttat riss, brachte Lucius Malfoy das alles zum Stillstand, als seien die wenigen Augenblicke, die sie mit ihm alleine verbrachte, Oasen der Ruhe und des Friedens. Sie war sich sicher, dass es ihm ähnlich erging, umso mehr schmerzte es, dass sie über kurz oder lang wieder kämpfend auf zwei unterschiedlichen Seiten stehen würden. Doch das lag noch in ungewisser Ferne und bis dahin, so sagte sie sich entschlossen, würde sie diese Verschnaufpausen genießen.

"Hermine", schnurrte der ältere Mann zufrieden, "das machst du sehr gut. Bei Merlin, ich hätte schon viel früher auf diese Idee kommen sollen."

Stumm vor sich hin lächelnd legte Hermine den Schwamm bei Seite und widmete sich stattdessen dem Haar ihres Herrn. Da sie kein Shampoo oder irgendwelche magischen Waschutensilien entdecken konnte, griff sie einfach nach einem am Rand liegenden Eimer, füllte ihn mit dem heißen Wasser und ließ es langsam über seinen Kopf laufen. Dann stellte sie ihn wieder bei Seite, um mit beiden Händen seine Kopfhaut massieren zu können. Das wohlige Brummen bestätigte ihr, dass sie es genau richtig machte.

"Hast du den Sonntagabend inzwischen verdaut?", erkundigte Malfoy sich plötzlich, gerade als Hermine den Eimer wieder zur Seite stellte. Überrascht über diese direkte Frage blieb sie für einen Moment stumm, sammelte ihre Gedanken und versuchte, ihre Gefühle in Worte zu fassen: "Ja und nein. Ich weiß nicht, ob Ihr Euch dessen bewusst wart, aber ich habe mich noch nie in meiner ganzen Zeit hier so verstanden gefühlt wie an jenem Abend. Oder vielleicht sogar mein ganzes Leben. Und trotzdem verstehe ich nicht, wie ... wie ich das überhaupt so zulassen konnte."

Sie unterbrach sich selbst, um sich aus dem Wasser zu ziehen, ein Handtuch aus einem Regal an der Wand zu ergreifen und um sich zu wickeln. Obwohl - oder gerade weil? - sie über Sex sprachen, war sie sich ihrer Nacktheit plötzlich nur zu bewusst. Unangenehm bewusst. Sie verharrte am Beckenrand während sie weiter sprach: "Ich weiß nicht, ob Ihr das verstehen könnt, aber ... Ihr seid der letzte Mann, dem ich mich so öffnen sollte. Und trotzdem hab ich das getan. Ich kann mich nicht mal dafür schämen, weil ich nicht das Gefühl habe, was falsch gemacht zu haben, aber ... ich verstehe eben nicht, was genau eigentlich passiert ist."

Während ihrer stockenden Worte hatte sich Lucius Malfoy langsam umgedreht, seine verschränkten Arme auf dem Beckenrand abgelegt und sie mit wachsamen Augen angeschaut. Jetzt legte er sein Kinn auf seine Hände, ehe er erwiderte: "Die menschliche Seele ist viel tiefer als die meisten von uns glauben. Für dich ist dieser Satz aus meinem Mund vermutlich unerwartet, aber gerade weil ich viele Jahre Erfahrung mit ... du würdest es wohl die dunkle Seite der Magie nennen ... jedenfalls, gerade deswegen weiß ich viele Dinge, die man von mir nicht erwartet. Ich habe dir am Sonntag die Fähigkeit, dich selbst und deinen Körper zu kontrollieren, weggenommen und du bist darauf angesprungen wie ein ausgehungertes Tier. Das ist alles, was ich dir als Erklärung zu diesem Thema sagen werde, den Rest musst du schon selbst rausfinden."

Kurz verzog Hermine genervt das Gesicht - Was war es nur mit den älteren Männern und ihrem Hang, sie alles selbst rausfinden zu lassen, statt einfach Klartext zu reden? -, doch sie sagte nichts dazu. Obwohl sie sich ein klärendes Gespräch gewünscht hatte, war ihr mit einem Mal bewusst geworden, dass sie sich genau damit auf eine Nähe zu diesem Mann einlassen würde, die sie nicht wollte. Es war nicht richtig, Lucius Malfoy an ihren Gefühlen teilhaben zu lassen und gar bei ihm Erklärungen zu suchen. Sie konnte bei ihm Ruhe und Geborgenheit finden, aber auf mehr durfte sie sich nicht einlassen, insbesondere nicht nach ihrem Gespräch mit Snape.

Entschlossen erhob sie sich: "Falls Ihr meine Hilfe nicht weiter benötigt, würde ich mich jetzt meiner Aufgabe in der Bibliothek zuwenden."

Sie konnte sehen, wie Malfoy ob ihres plötzlichen Stimmungswechsels überrascht war, doch da er ihr nicht widersprach, wandte Hermine sich um und ging entschlossenen Schrittes auf die Ecke mit ihrer Kleidung zu. Ein leises Plätschern in ihrem Rücken verriet ihr, dass dem Hausherrn offensichtlich die Lust am längeren Verweilen im Bad vergangen war, doch sie zwang sich, nicht zu ihm zurück zu blicken. Sie musste die Grenze ziehen, wenn sie bei klarem Verstand bleiben wollte.

Sie hatte gerade ihr Kleid übergezogen, als sich plötzlich zwei starke Arme um sie schlossen.

"Ist das jetzt eine offizielle Abweisung?", flüsterte Malfoy ihr fragend zu, während er sie enger an sich zog. Hermine schluckte, doch an ihrem Entschluss konnte er nichts ändern: "Ihr seid mein Herr, ich bin Eure Sklavin. Solange die Welt so aussieht, wie sie im Moment ist, wird das immer so sein."

"Ist das wirklich alles?"

"Mr. Malfoy", gab Hermine zurück, während sie sich in seinen Armen umdrehte, um ihm direkt in die Augen schauen zu können: "Ihr gebt mir das Gefühl von Geborgenheit und Respekt. Und Verständnis. Trotzdem werde ich niemals vergessen können, wer Ihr seid. Und Ihr solltet es auch nicht, und sei es nur Eurer Familie zu Liebe. Wir wissen alle, warum Snape hier war. Ich stehe auf der Seite von Harry, auf der Seite von Dumbledore. Daran wird sich niemals etwas ändern. Ich werde auch für immer eine muggelgeborene Hexe bleiben. Es wäre Euer Tod, wenn Ihr die Grenze überschreitet. Und der von Eurer Familie. Und ich kann die Grenze nicht überschreiten, weil Ihr jenem Mann zu Treue verpflichtet seid, der für alles steht, was ich bekämpfe und verachte. Mehr als Trost und Vergessen für einen Moment kann ich Euch nicht bieten."

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Fairy Dust

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