Eine Hoffnung

Liadans frohes, aufrichtiges und befreites Lachen war über die Ebene geklungen, als sie ihren Onkel an sich gedrückt hatte und war doch sofort wieder verstummt, als Lad ihre Mutter erwähnte. Fragend blickte sie ihren Onkel an.
Tanis musste über die Bekümmertheit der beiden Schwestern plötzlich auflachen. „Da kennt ihr eure Mutter aber schlecht. Besonders von dir hätte ich das nicht erwartet, Liadan í Amasa. Ihr ist nichts geschehen, meine Lieben und ihr werdet sie schon bald antreffen. Ich glaube am ehesten an einem Gewässer“, er lächelte und strich Liadan sanft über die Wange.
Die ließ sich das nicht zweimal sagen. Sie wandte sich um und rief Korathan: „Komm mein kleiner Bruder!“ Gehorsam trabte der Hengst heran und wartete, bis sie aufsaß. Die Fai blickte Lad auffordernd an, ehe sie Korathan auf den Hals klopfte und er nach einem Satz in schnellen Galopp verfiel. Ihr Weg führte sie in Richtung des Kristallsees.

Lad sah ihrer Schwester kopfschüttelnd nach. „Ich werde nie verstehen, warum sie es immer so eilig hat!“, meinte sie matt lächelnd zu Tanis.
Dieser hob leicht die Schultern. „Es ist wohl ihre Natur. Du scheinst verwundet zu sein“, er trat näher an sie heran, um ihren Arm zu betrachten. Sie wich einen Schritt zurück. Ihre Hand zuckte unwillkürlich zu der Stelle, an der sie den stechenden Schmerz verspürt hatte.
„Es ist alles in Ordnung. Es ist nur ein Kratzer“, sie wandte den Blick über die noch immer durch Magie leuchtende Ebene. Das Schlachtfeld war in Blut getränkt. Blut von Skalanern und Fai gleichermaßen und die Leichen beider Völker überzogen sie. Sie wusste, es war nicht einmal eine große Schlacht gewesen. Für ein Land von der Größe wie Skala war dies nur ein kleines Heer, ein Überfall gewesen. Für die Fai war es ebenso verheerend wie alles andere.
„Bitte geh zu einem der Heiler und lass es dir ansehen. Oft schmieren sie auch Gift an ihre Waffen. Ein Kratzer würde dann ausreichen“, Tanis folgte ihrem Blick, während er sprach, „Ein furchtbarer Anblick.“ Er wandte sich erneut ihr zu und sie nickte, um seine Bitte zu bestätigen.
Elenya trabte über das Feld auf sie zu und Lad strich sanft über die Nüstern der Stute. „Ich sollte Liadan langsam nachreiten, sonst hole ich sie nie wieder ein“, sie schwang sich auf den Pferderücken und nickte ihm zum Abschied zu.
„Wir sehen uns in Carrakas“, erwiderte er und sah ihr nach, als sie davonritt.

Lad trieb ihre Stute an. Das Licht des neuen Tages kroch über den Horizont, vertrieb die Schatten der Nacht und offenbarte, wie schmutzig sie waren, als sie am See ankam und neben der Wartenden vom Pferderücken sprang.
Sogleich eilte Liadan zum klaren Wasser des Sees und fuhr mit der Hand über die Oberfläche, um ein leises Plätschern mit ihren Fingerspitzen zu erzeugen. Über die Schulter blickte sie zu Lad: „Ich habe es dir schon erklärt: So wie Tanis zum Wolf wird, ich zum Adler und du zum Drachen, kann auch unsere Mutter sich verwandeln, da ihr Spirit stark ist und sie Vertrauen in diesen hat. Das ist ein uraltes Erbe unseres Volkes. Unserer Legende nach stammen wir aus dem Blut des ersten Drachen, der über die Insel flog. Der Naturgeist, der unsere Mutter beschützt, ist ein Otter.“
Lad ließ sich neben ihr nieder und nickte verstehend auf ihre Worte hin. Ein uraltes Erbe, ein Drache. Sie konnte es noch immer nicht glauben. Es erschien ihr verrückt. Sie kannte Gestaltwandler, wie Merenwen einer war, doch sie selbst hatte sich nie verwandeln können. Niemals. Während sie warteten, schloss sie die Augen. Eine Gänsehaut kroch über ihre Arme, als eine Erinnerung in ihr erblühte. Sie erinnerte sich an einen Vorfall im Wald. An ein Gefühl der Übelkeit, an Gestank und den heißen Atem einer Bestie im Nacken. Eine Stimme hatte ihr noch etwas ins Ohr geflüstert und dann... Dann war die Erinnerung fort und sie hatte sich auf dem Boden liegend, mit einer klaffenden Wunde wiedergefunden. Noch jetzt jagte ein eiskalter Schauer über ihren Rücken bei dem Gedanken.

Plötzlich jagte ein kleiner Schatten unter der Oberfläche auf das Ufer zu und ein Otter preschte aus dem Wasser, landete mit einem Platschen am Ufer und wurde von einer schmunzelnden Liadan begrüßt: „Mutter.“
Lad fuhr erschrocken zusammen und öffnete die Augen. Sie sah gerade noch, wie von dem kleinen Wesen ein warmes Licht ausging und es allmählich die Gestalt von Nyal annahm. Anmutig stand die Fai mit ihren langen blonden Haaren und leuchtenden, grauen Augen vor ihnen. An ihren Leib schmiegte sich die Robe, die sie am Vorabend trug, nur war der Saum und ein Ärmel zerfetzt und ihre Haare zerzauster. Sie sah aus, als wäre sie gerade noch rechtzeitig entkommen.
Mit einem erleichterten Lachen streckte die Arme aus und zog ihre beiden Kinder an sich.
„Da seid ihr ja! Endlich habe ich euch wieder!“, rief sie überglücklich, ehe sich ihre feinen Züge verzogen, da sie die Nase rümpfte, „Und ihr stinkt wie die Gobelins im Schlamm!“ Mit diesen Worten schuppste sie ihre überraschten Töchter schwungvoll ins Wasser.
Überrumpelt schluckte Lad ein wenig Seewasser und hustete, als sie aufstand. Sie streifte die Rüstungsteile ab, öffnete den Harnisch und warf ihn Nyal zu, die ihn geschickt fing und neben sich legte. Auch ihre Waffen legte sie ab.
Vom Gewicht befreit, watete Lad ins tiefere Wasser. Um sie und Liadan verfärbte sich das Wasser rot und braun, wusch allen groben Dreck von ihren Leibern.
Liadan nutzte die Gelegenheit, um gleiche eine ganze Runde zu schwimmen, wobei sie sich das verkrustete Blut von Haut und Haaren wusch.
„Wir befinden uns in größter Gefahr“, sprach Nyal mit besorgter Stimme, „Drei der magischen Waffen sind nun an diesem Ort hier versammelt. Die des Lichts Eglesiel und Orcomhiel und ein Dolch der Dunkelheit, Brythir. Wenn sich nun auch noch das letzte Schwert finden würde, dann müsst ihr aufbrechen und dieses Land verlassen. Sie müssen zerstört werden, bevor die Skalaner erfahren, das wir sie besitzen. Ich hörte in Skala, dass es einen Druiden gibt, der als Eremit am Rande des Landes in einer Berghöhle lebt. Er soll als Einziger in der Lage sein, die Waffen zu vereinen und mit Hilfe derer, die ihre volle Macht entfalten können, zu vernichten. Wir sind in dem Vorteil, dass ihr beide diese Waffen ohne Schwierigkeiten handhaben könnt.“
Lad lauschte Nyals Worten, während sie ihre Kleider auswrang und zu Elenya ging, um die Waffen an deren Sattel zu befestigen. Zweifelnd nagte sie an ihrer Unterlippe und vermied es, einen direkten Blickkontakt aufzunehmen. Sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Was, wenn auch auf Seiten der Skalaner sogenannte Auserwählte waren? Es ging in der Prophezeiung, die ihnen Tanis erzählt hatte, um zwei Personen, doch hatte sie bereits bei seinen Worten den Verdacht gehegt, dass das nicht alles gewesen war. Sie schienen alle viel zu fixiert darauf, dass Liadan und sie selbst die waren, die alles ins Lot bringen konnten.

„Tanis erwartet uns sicher bereits in Carrakas. Das ist immerhin die nächste Stadt von hier und es gibt viel zu bereden.“, Liadan schüttelte die nassen Haare und schwang sich auf Korathans Rücken, „Ich reite voraus und bereite alles vor.“
Damit wendete sie ihren Hengst und stürmte davon über die Ebene, die sich in der Sonne erwärmte.
„Ist sie schon immer so?“, Lad wandte sich Nyal zu, die ihr half, die Rüstung am Sattel festzumachen. „So stürmisch? Rastlos? Sie war schon als Kind der reinste Wildfang. Ich wusste nicht, dass das nicht ausheilen würde. Nun warte ich auf den Tag, an dem sie zur Ruhe kommt und vielleicht auch mal einen netten Fai mit Nachhause bringt“, Nyal grinste von einem Ohr zum Anderen.
Lad half ihr auf Elenyas Rücken, um so gemählich nach Carrakas zu gelangen. Sie führte die Stute einen anderen Weg entlang. Fern vom Schlachtfeld, um der Frau und auch sich selbst den erneuten Anblick all dieser Toten zu ersparen. Das Blut hatte der See zum größten Teil aus ihrer Kleidung gewaschen und sie hatte ihren Arm untersucht. Die Wunde verheilte bereits. Ein Besuch bei einem Heiler würde nicht nötig sein.
Die Hälfte des Weges lag hinter ihnen, als Nyal den Blick auf ihre Jüngste richtete. Die dunklen Haare erinnerten sie schmerzhaft an Khirani und wenn sie sie länger betrachtete, dann waren auch manche ihrer Bewegung, die Art wie sie ging, ähnlich wie die ihres Vaters, obwohl Lad ihn nie kennenlernte. Nyal entging dies nicht.
„Du bist so still im Vergleich zu ihr. Ist alles in Ordnung?“, erkundigte sich Nyal mit besorgter Stimme, „Nysander ist auch in Sicherheit, falls du dich das fragst. Es ist niemandem auf dem Fest etwas geschehen. Die Wachen reagierten schnell und der Palast birgt viele Fluchtwege, die ich noch aus meinen eigenen Kindertagen in Erinnerung hatte. Wir konnten alle in Sicherheit bringen.“
Lad führte mit der einen Hand Elenya am Halfter, in der anderen trug sie ihre Stiefel. Das Gefühl von Gras unter ihren bloßen Zehen empfand sie als wesentlich angenehmer, als das von durchtränkten Stiefeln. Ein schüchternes Lächeln schenkte sie der blonden Frau, als sie angesprochen wurde.
„Ich bin eben etwas nachdenklich, verzeih bitte“, sie wandte ihren Blick wieder ab. Gestern noch hatte sie sich gefreut Nyal kennenzulernen. Ihrer leiblichen Mutter ins Gesicht zu sehen und war stürmisch gewesen durch ein Gefühl unbändiger Freude, das nun verklungen war. Ein anderes Gefühl hatte diesen Platz eingenommen. Vielleicht war einfach zu viel passiert, doch sie fühlte sich wie in einem bösen Traum gefangen. Wenn alle davon ausgingen, dass sie eine Retterin dieses Volkes war, dann wollte sie auf der Stelle aufwachen. War das Familie? Musste sie diesen Weg gehen? Sie wollte weder den Krieg sehen, noch Teil davon sein. Sie hatte sich hinreißen lassen, als Gefahr bestand, um jemanden zu schützen, den sie besser kennenlernen wollte.
Diese Frau auf ihrem Pferd hatte sie geboren und vielleicht hatten sich ihre Eltern gefreut, als sie geboren wurde und feststellten, dass Liadan Orcomhiel führen konnte. Es hieß immerhin, dass eine Hoffnung für das Ende eines viel zu langen Krieges bestand. Doch diente sie nur einem höheren Zweck? War das ihr Schicksal? Sie wusste es nicht. Sie verstand auch nicht, warum sie hergegeben wurde und nicht auch Liadan.

~*~

Es dauerte nicht lange, bis sie Carrakas erreicht hatten und vor Liadans Baumhaus zum Stehen kamen.
Tanis wartete dort bereits auf sie. Irgendwie hatte er es geschafft, in saubere Sachen zu schlüpfen. Lad vermutete, dass er einen Diener hatte oder zumindest jemanden in Carrakas, der seinem König gerne frische Kleidung organisierte. Galant half er Nyal vom Pferd herunter. „Es ist wunderbar, dich heil zu sehen, meine Liebe. Ich wusste, du würdest dich an all die Verstecke erinnern, die wir als Kinder aufgesucht haben, um uns vor den Lehrstunden zu drücken“, schmunzelte er und hackte sie unter, die ein Kichern nicht unterdrücken konnte. Gemeinsam schritten sie die Treppe zum Baumhaus hinauf.
Oben angekommen öffnete sich die Schlafzimmertür mit einem leisen Knarren und Liadan trat in den gemütlichen Wohnraum. Sie schien guter Dinge zu sein und trug, im Unterschied zu Lad, bereits frische Gewänder. Ihre silbernen Augen glitten kurz musternd durch die Runde, ehe sie sich einer großen Karte zuwandte, die ausgerollt auf dem Tisch lag. Vorsichtig strich sie mit den Fingerspitzen über das vergilbte Pergament und fuhr alte Runen nach, die für Stadt- und Gewässernamen standen. Nach einiger Zeit, in der sie den Lageplan eingehend studiert hatte, erhob sie ihre Stimme: „Wir müssten nach Skala und dort den Magier finden, von dem du sprachst. Es ist gefährlich, denn es liegt nahe dem Ort, wo die Schwerter geschmiedet wurden. Sie müssen vereint und zerstört werden, damit sie kein Unheil mehr anrichten können.“, kurz blickte sie auf von der Karte und sah Lad direkt an, „Wir müssten mit einem Schiff den Saphirozean überqueren, der zwischen den Landen liegt. Wir brauchen wirklich viel Zeit für die Vorbereitungen, damit alles nach Plan verläuft und wir so viele Gefahren wie möglich umgehen können.“
Tanis hatte sich auf einem Stuhl niedergelassen und das Kinn auf die Hände gestützt. Er nickte zustimmend bei den Worten seiner Nichte und meinte: „Es dauert vielleicht etwas länger, aber wenn ihr euch wie normale Fai verhaltet, könnt ihr euch unauffällig unter die Menge mischen und niemand wird vermuten, dass ihr die Schwerter der Macht mit euch tragt. Es gibt genug Fai und Skalaner, die neutral gesinnt sind und Handel betreiben. Besonders, was die Schiffsrouten betrifft, sollte es keine Schwierigkeiten geben. Ich könnte einen Boten losschicken und ein Schiff ausfindig machen.“
Lad hatte den Anwesenden den Rücken zugekehrt und war ans Fenster getreten, um Phil hereinzulassen, den sie davor bemerkt hatte. Sie hatte sich aber auch abgewandt, weil ihr der Gedanke nicht behagte. Zu kurz war sie in diesem Land. Zu kurz die Begegnung mit ihrer Familie und diesem Volk und nun sollte sie ihr Leben für diese Leute einsetzen, die ihr noch so fremd waren. Sie fühlte sich unwohl bei dem Gedanken, doch sprach sie laut: „Gut. Sorge du dafür, dass wir ein Schiff bekommen und dann sehen wir weiter.“
Sie wandte sich zu den Dreien um und zögerte kurz, ehe sie mit raschen Schritten zum Schlafzimmer ging und kurz vor der Tür stehen blieb. Sie holte tief Luft und lächelte dann so unbekümmert, wie sie es gerade schaffte: „Ich werde ein wenig Ausreiten, wenn es euch nichts ausmacht. Nach all dem heute Nacht, möchte ich ein bisschen allein sein und wenn ich bis zum Abend nicht nach Hause komme, dann kümmert euch nicht um mich. Ich werde schon nicht sterben.“

Noch bevor jemand etwas erwidern konnte, schloss sie die Tür hinter sich, schälte sich aus dem noch feuchten Gewand und streifte Trockenes über. Ihr Schwert legte sie aufs Bett. Nyal hatte es zu ihrem Glück noch nicht bemerkt oder sie zumindest nicht darauf angesprochen. Sie befestigte zwei Dolche an ihrem Gürtel und stahl sich über die Äste des Baumes davon.
Die Treppe meidend, kletterte sie hinab und sprang die letzten Meter in die Tiefe. Carrakas war still. Wehklagen drang aus dem Baum, in dem die Heiler ansässig waren, doch die meisten waren noch am Schlachtfeld, suchten die Toten, um sie zu bestatten oder eilten zu den Verstecken, um ihren Familien zu sagen, das es vorbei ist.
Ihr Weg führte sie tiefer in den Wald, über die Grenze der Stadt hinaus. Sie sog tief den beruhigenden Duft der Bäume ein und stellte erfreut fest, dass auch Nadelhölzer in diesem Land wuchsen.
Mit einer flinken Bewegung streifte sie ihre Stiefel ab, schloss die Augen, als der moosige Boden ihre Haut berührte. Langsam beruhigte sich ihr Innerstes und all die Anspannung, die sie in der Nacht gefangen gehalten hatte, fiel von ihr ab. Lad ließ sich mit dem Rücken an einen Baum gelehnt nieder, blinzelte ins Licht, das durch die Kronen des Waldes fiel und lächelte zufrieden.
Das ganze Üben mit einem Schwert hatte sich ausgezahlt, obgleich sie den Umgang von handlicheren Waffen mehr schätzte.

Comments

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    Ich finde es toll wie du nach der epischen Schlacht und den vorangegangen Kapitel wieder Ruhe in die Story bringst ohne es langweilig werden zu lassen. Super Arbeit :)

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    Was für ein "harmonisches" Kapitel :) Lad fühlt sich kommt mir vor zwar ein wenig überfordert von ihrer Familie (wer könnte es ihr verdenken, sie kannst sie ja nicht einmal). Freue mich wenn es weiter geht!!

beta
Fairy Dust

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