Eine Quest

Das Wasser war fast schon zu heiß, so gut hatte Arisa es gemeint, als sie das den Zuber für Shanoras Bad gefüllt hatte. Nun saß das Mädchen dort, die Haut rot und Schweißperlen auf der Oberlippe und der Stirn.
"Man kann auch alles ein wenig übertreiben", kicherte Madras und schrubbte mit einem rauen Schwamm über Shanoras Haut, um den ganzen Dreck abzubekommen, "Wie lange hast du dich schon nicht mehr gewaschen? Hat deine Mama nicht darauf geschaut?"
"Meine Mama ist tot und Ladira hat genug zu tun ...", murmelte Shanora und schloss seufzend die Augen, ließ die Tortur über sich ergehen. Sie konnte Wasser nicht leiden. Es war unheimlich und roch so seltsam, wenn man darin badete. Vermutlich würde sie stinken wie ein Garten voller Rosen, dachte sie bei sich und nichts mehr würde sie an ihren Bruder erinnern, der ihr so sehr fehlte. Madras leistete ganze Arbeit, um das Öl, das sie an den Armen kleben hatte und das Finn nutzte, um seine Maschinen zu schmieren, von ihr verschwand. Er arbeitete immer an irgendwelchen Maschinen. Neue Erfindungen, sagte er, für eine bessere Welt. Eine Welt, in der sie beide in Frieden leben konnten, denn solange sie sich erinnern konnte, hatte er ihr das ermöglichen wollen. Er hatte auch nie darauf bestanden, dass sie sich großartig waschte. Es freute ihn, wenn sie sich den Umgang mit dem Schraubenschlüssel erklären ließ und den Hammer schwang, Draht bog, Blech schlug und den Motor zum Laufen brachte. Beide waren oft starr vor Dreck nach einem Tag im großen Schuppen von Ladiras Landhaus, zurück ins Haus gekommen. Die hatte die Augen verdreht und beide ins Bad gescheucht, bevor sie, als die große Welle an Flüchtlingen kam, alle rekrutierte, die handwerklich begabt waren, und einen Anbau errichten ließ, der praktisch einfach ein riesengroßes Badezimmer war. Shanora lächelte unwillkürlich.
"Na du?", Madras schmunzelte, als sie das Lächeln sah und griff nach der Seife, um Shanoras lange Haare zu waschen. Es ziepte und diese verzog das Gesicht genervt.
"Was zum? Wie bei allen Göttern kommst du zu Algen im Haar?", fragte sie und hielt Shanora ein Stück Alge vor die Nase, das sie gerade herausgefischt hatte, "Magst du das Meer eigentlich?"
"Was ist das Meer?", das Mädchen beäugte die Alge verwundert. Sie konnte eigentlich nur vom Fluss stammen, der die Insel des Waldes umspülte.
"Das Meer ist ein weiter Ort, bestehend aus viel, viel Wasser. Salzigem Wasser. Man sagt, dass Meerjungfrauen und Seeungeheuer darin leben."
"Also wie ein Fluss, nur größer?"
"Eher wie ein See, aber du siehst das andere Ufer oft nicht. Man braucht viele Tage, um es mit dem Schiff zu überqueren und die müssen auch gut sein. Kein kleines Boot wie man es am Fluss nutzen könnte. Ich kann mit dir hingehen zum Meer. So weit weg ist das nicht mehr von hier und der Strand ist wunderschön. Weißer Sand wohin das Auge reicht. Irgendwann möchte ich mir ein kleines Haus dort bauen und mit einer Familie dort leben", Shanora verfolgte das Schwärmen in Madras' Stimme und vergaß dabei sogar für einen Augenblick, wie weh das Ziehen an ihren Haaren tat, bis alles sauber war, "Vielleicht kommst du ja mit, Shanora. Du wärst herzlich Willkommen."
"Das wäre schön", das Mädchen lächelte und versank ein wenig mehr im Badewasser. Ein Ort voll Frieden und Ruhe, ohne Lärm klang wundervoll. Sie genoss es bereits schon viel zu sehr, hier zu sein...
"Was ist das eigentlich?", Madras hatte Shanoras Arm aus dem Wasser gefischt, um ihn mit dem Schwamm zu behandeln und blickte auf das Schlangenband, das noch immer dort ruhte. Die Steine, die als Augen eingesetzt waren, glühten.
"Weit ist der Weg und steinig. Durch Eis und Schnee. Durch Finsternis und Hitze. Am Ende werdet Ihr finden, was Ihr sucht... Finden, die Lösung, die Antwort auf alle Fragen...", erklang die Shanora bereits vertraute Stimme.
"Was zum...?", die Elfe blickte zwischen den türkisen, ebenso verdutzten Augen und dem leuchtenden Armschmuck hin und her.

"Ihr sagt also, das Ding da redet?", Mormó lehnte an der Wand und blickte misstrauisch auf das Katzenmädchen, das, nun frisch gebadet, wesentlich sauberer aus der Wäsche blickte, wenn auch nicht gerade glücklich, denn Arisa hatte sie auf einen Stuhl gestellt und steckte Hosenbeine zurecht. Shanora war nach dem Bad kurzerhand in ein Leinenhemd und eine Latzhose gestopft worden, die ihr zu weit und zu lang war, weswegen nun Arisa um sie herumwuselte, um die Größe anzupassen.
"Ja. Es ist kein Ding, sondern ein Schlangenband", erwiderte Shanora, "Es sagte, dass hier irgendwo in diesem Land die Lösung liegt. Vielleicht, wie wir Ladira vor diesem Elijah retten können." Ihre Wangen glühten vor Aufregung.
"Als ob wir dem Teil trauen sollten. Es ist nie gut, Stimmen zu hören, wo kein Körper zu sehen ist", knurrte Mormó. Ihm hatte es die Nackenhaare aufgestellt, als Madras und Shanora vorhin aus dem Bad zurückgekehrt waren und sie eifrig davon berichtete.
Stimmen aus dem Nichts, mystische Stimmen, die keiner genau zuordnen konnte, brachten nie etwas Gutes mit sich.
Madras schien einen ähnlichen Gedanken zu haben, denn ihre Miene hatte einen besorgten Ausdruck angenommen und sie betrachtete das Mädchen mit den langen dunklen Haaren, die sie versucht hatte in einem Zopf zu bändigen. Sie war noch so jung und unschuldig. Eine reine, beinah makellose Aura umgab sie, die für die meisten Menschen im Verborgenen lag, nicht aber für eine Elfe wie Madras. Sie konnte sehen, welchen Kummer diese junge Seele trug und welcher Ehrgeiz in ihr lag. Ein großes Schicksal, das sie kaum zu fassen bekam. Shanora war nicht ganz aufrichtig gewesen, auch, wenn diese großen türkisen Augen nicht den Eindruck machten, als könnten sie lügen.
"Wir sollten zum See gehen und selbst sehen, was wir für deine Ziehmutter tun können, Mädchen. Grundlos in Abenteuer stürzen ... Dafür bist du noch viel zu jung!"
"Ich bin bald zehn!", kam es trotzig zurück und sie sah sich hilfesuchend nach dem jungen Mann um, "Hilf mir doch! Du hast gesagt, dass du mir hilfst, den Boten zu finden! Warum also nicht das?"
"Zehn?", Mormó lachte auf, "Oh warte! Nein, du bist noch nicht zehn. Nicht mal ansatzweise! Was willst du schon wissen von der Welt und was suchst du dort draußen?"
"Ich weiß nicht... Aber das Armband..."
"Ist nur ein dummes Spielzeug, wahrscheinlich. Erzählt nichts Gutes. Wohin hat es dich denn schon gebracht? Fast in Lebensgefahr, wenn man hört, was du so erzählst. Es hat dich an einen fremden Ort gebracht, zu deiner Ziehmutter, ja, aber du wärst fast gestorben! So ein junges Leben wirft man nicht einfach weg."
"Bitte ... Lass uns einem der Hinweise folgen. Ich bin gut im Rätselraten", ihr Blick war flehend. Sie wollte die sein, die Ladira rettete, die sein, auf die alle stolz sein würden. Was konnte sie denn sonst schon tun? Immer war sie die Kleine, die keiner wirklich ernst nahm oder wohin mitnahm. Ihr Bruder hatte ihr gezeigt, wie man Schrauben festdrehte, aber wenn er mal vom Landhaus wegging, hat er sie nicht mitgenommen und seit einiger Zeit war er immer seltsamer geworden, als würde ihn etwas antreiben, das sie nicht ganz verstand. Was sie aber verstand, war, dass er ihr nicht mehr alles erzählte. Das konnte sie spüren und sie hasste es.
Der Blonde ließ die Schultern mit einem tiefen Seufzen sinken: "Schön. Ich mag es nicht, wenn kleine Mädchen weinen und wer weiß schon, was du anstellst, wenn du allein losläufst! So hat wenigstens einer ein Auge auf dich. Eine Hose hast du jetzt ja wenigstens. Fehlen noch Schuhe."
Arisa half Shanora aus der Hose, um die Beine und Träger zu kürzen und den Saum zu vernähen. "Ich werde zum See aufbrechen. Kommst du mit, Madras? Ich hinterlasse meinem Mann eine Nachricht. Vielleicht kommt er nach und führt uns dann zum Boten. Der weiß bestimmt einen Rat. Die Fäden der Welt fließen durch seine Hände", ihre Stimme klang melodisch, während sie sprach und sie reichte Shanora wenig später die Hose, die diese flink anzog, "An Schuhen für dich soll es auch nicht scheitern. Schau mal, die hier hat vor Jahren mal wer vergessen. Du hast für dein Alter ja nicht gerade kleine Füße. Vielleicht passen sie ja." Die Engelhafte hielt Shanora ein Paar Stiefel entgegen, in die sie sogleich schlüpfte. Sie saßen etwas locker, aber wenn man sie festschnürte, sollte es gehen. Sofern man das konnte...
"Ha!", Mormós Lippen zogen sich zu einem triumphierenden Lächeln. Er hatte wirklich ins Schwarze getroffen mit seiner Vermutung und nun trat er näher heran und ging in die Knie, um ihr die Schuhe zu binden. Dabei stupste er mit dem Finger ihre Nase und neckte sie: "Sei nicht so stolz, Kleine! Du bist noch immer ein Kind!"
Sie schnitt ihm eine Grimasse.
"Durch Eis und Schnee ... Feuer und Trockenheit ... In einem Tempel in einem Tal. Dort werdet Ihr finden, wonach Ihr sucht. Was Euer Herz begehrt ..."
"Sei mir nicht böse, aber das Ding ist gruselig", murmelte er und funkelte das Armband an, das wieder zu leuchten begonnen hatte, als die Stimme erklang.
Shanora hob den Arm, um es zu betrachten. Seltsam, dachte sie, So hat es nicht geklungen, als ich die Tür geöffnet habe.
"Kleiner Dummkopf. Lös das rätsel und verweile nicht so lang!"
"Ah!", Shanora streckte die Hand erschrocken von sich weg, "Das ist es! So redet es normalerweise!"
"Gefällt mir", Mormó lachte auf und hob Shanora vom Sessel herunter, um sie auf die Beine zu stellen, "Na dann greifen wir uns noch was zum Essen und brechen auf. Wo auch immer, wir hingehen sollen. Es ist eine Quest."
"Was ist eine Quest?"
"Eine Suche, Reise, Mission ... Nenn es, wie du willst, Kleine. Ich nehm lieber das Schwert mit, nicht, dass uns irgendwas passiert und mich deine Ziehmutter schimpft, wenn sie wieder bei klarem Verstand ist."
"Viel Glück euch beiden", die Elfe drückte Shanora beherzt an sich und schlang dann ihren Reisemantel um sich, denn Arisa wartete bereits bei der Tür auf sie, "Passt ja gut auf euch auf! Ich will dir das Meer zeigen, Shanora."
So trennten sich also ihre Wege. Arisa hatte ihre Flügel unter einem Umhang verborgen und war fest entschlossen, sich selbst ein Bild von dem zu machen, was Shanora erzählt hatte und was für eine Art Waldwesen dieser Elijah genau war.

Das Wasser war fast durchscheinend bis zum Grund und zeigte auf seiner glatten Oberfläche ihr Spiegelbild. Ladira kniete am Ufer und blickte hinein. Alles war so seltsam. So eigenartig. Noch immer konnte sie keinen Gedanken fassen und ihn länger als ein paar Sekunden halten. Das Gesicht, das ihr entgegenblickte, kam ihr fremd und vertraut vor. Das Wasser kräuselte sich. Ein fremdes Gesicht. Rote Augen sahen ihr entgegen ... Sie kniff die Augen zusammen und weg war es wieder. Was war das nur? Ihre Hände wanderten hoch an ihre Schläfen. Stimmen klangen dumpf durch ihren Kopf.
Elijah trat von hinten an sie heran und berührte ihre Schulter. Sogleich wandte sie den Kopf um und blickte zu ihm auf, ergriff seine Hand und ließ sich auf die Beine ziehen.
"Alles in Ordnung, meine Schöne?", er streichelte zärtlich über ihre Wange, "Du wirkst du bedrückt."
"Ich erinnere mich an nichts. Woher komme ich, Elijah?", ihre Stimme fragend und unsicher.
"Ist das denn so wichtig für dich? Ist es nicht wichtiger, dass du jetzt hier bist, hier bei mir?", er nahm sie an der Hand und führte sie am Ufer entlang, wie die ganze Zeit schon, seit sie hier war. Nichts tat sich und sie vergaß es auch wieder. Ihr Gesicht war binnen kürzester Zeit schmal geworden. Essen vergaß sie einfach und er brauchte es nicht und dachte nicht daran. Nur zu Trinken gab er ihr. Das Wasser, das ihren Kopf benebelte und sie gefügig machte.
Jeder Schritt fiel ihr merkwürdig schwer, doch sie vergaß ständig, warum eigentlich. Ihr Magen knurrte auch schon lange nicht mehr. Ihr Körper hatte es aufgegeben und dass sie magisch begabt war, erschloss sich ihr nicht.
Alpträume quälten sie, wenn sie die Augen schloss. Visionen von einem Ort in einem Wald, ungleich diesem hier. Ein Haus und Menschen, die dort lebten. Verzerrte Kreaturen, die nach ihnen griffen aus dem Nebel und den Schatten heraus. Schreie.
Sie riss die Augen weit auf und blickte sich um. Etwas beunruhigte sie. Irgendetwas war anders und jemand näherte sich.
"Schön, schön", erklang eine Stimme, die ihr irgendwie bekannt vorkam und dann doch wieder nicht, "Gefällt sie dir, Elijah? Halt sie gut fest."
Ein Mann gekleidet in einen schwarzen Ledermantel stand auf einmal vor ihnen. Er hatte sich aus dem Schatten der Bäume gelöst. Ladira blickte ihn an wie einen Traum. Er war charismatisch, ohne Zweifel, doch etwas verstörte sie an seinem Anblick. Diese Augen... Zwei verschiedene Farben sahen sie an und in beiden lag Verachtung und Hohn, den sie nicht nachvollziehen konnte.
"Sie ist eine hübsche Puppe", flüsterte Elijah neben ihr und legte den Arm liebevoll um sie, um sie näher an sich zu ziehen, "So schön und frisch. Voller Leben... Du solltest nicht hier sein."
"Ich wollte nur sicher gehen... Pass auf, dass sie nicht wegläuft. Sie ist ein stures kleines Ding", ermahnte ihn der Fremde und wiegte den Kopf auf die Seite, um sie genauer zu betrachten. Dann beugte er sich vor und ergriff ihr Kinn. Ehe sie sich versah, hatte er seine Lippen an ihre gelegt und sie in einen Kuss gezogen, aus dem sie sich nicht entziehen konnte, denn die Finger hielten sie auf eine grobe Art fest, die ihr eine Gänsehaut bereitete.
Einen Augenblick später löste er sich wieder von ihr und lächelte spöttisch: "Dein Geschmack ist ungetrübt, meine Liebe. Ach, wie schön wäre es doch, wenn mein Plan aufgegangen wäre. Dich als meine treue Dienerin und unsere Kinder mit der unendlichen Macht zweier so alter Familien. Das Blut, das durch dich rauscht, wie deine Magie... Betörend und mächtig.", er fuhr sich lässig durch die silbergrauen Haare, "Aber du bist unfähig und schwach! Du versperrtest dich immer und du bist zu feige ein Risiko einzugehen! Zu feige, um treu an meiner Seite, an der Seite deines Königs, zu stehen. Nein, nein. Ich war es dir niemals wert, Ladira, nur dein Meister. Dein dummer alter Meister Odin. Sein Körper verrottet bereits und deine Töchter sind danach dran! Aber sorg dich nicht. Du wirst das alles nicht mehr sehen. Du nicht." Er lachte auf. Ein kaltes, verächtliches Lachen. Ladira blickte ihn mit großen Augen an. Eine Angst hatte sich in ihrer Brust ausgebreitet, obwohl sie nicht einmal die Hälfte von dem, was er sagte, wirklich begriffen hatte. Welche Kinder? Welcher Meister? Und wer war überhaupt er, dass er so dreist seine Lippen an ihre legen konnte, ohne, dass Elijah auch nur den Finger rührte?
Mit Entsetzen im Blick sah sie diesen an und er hob die Hand, um sie sanft zu streicheln. "Alles ist gut, meine Schöne, vergiss es wieder.", drang seine Stimme in ihre Ohren und ihren Kopf. Sie blickte sich wieder um, wollte dem Fremden etwas sagen, doch er war fort. So plötzlich verschwunden, wie er aufgetaucht war.
"Vergiss es wieder, meine Liebe. Du bist hier sicher bei deinem guten Elijah", die tiefvioletten Augen des Mannes bohrten sich in ihre, "Alles ist gut... Die Dunkelheit wird vergehen. Vergiss, was du gesehen hast."
Doch ein Gedanke, eine Erinnerung, konnte seine Stimme nicht löschen und er selbst hatte sie unwissentlich ausgelöst. Ladira schluckte. Dunkelheit... Heterochromie... Der Dunkle. Der Mann gerade eben, war ihr Mann gewesen, der dunkle König.

Comments

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    Da bekommt man es ja mit der Angst zu tun, wenn solche Voraussagen gemacht werden. O______________O , aber schön zu lesen wenn die bösen einen Unbewussten Fehler machen, der sie irgendwann zu Fall bringen wird. ^^

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