Wenn ich etwas nicht leiden kann, dann ist es verspottet zu werden. Phil und seine dämlichen Gorilla wiehern wie strohdumme Ponys (nichts gegen Ponys oder Gorilla), während sie an meinem Tisch in Sozialkunde stehen und mich seit geschlagenen zehn Minuten mit ihrer Anwesenheit belästigen.
"Ich wette ... ich wette", stößt Phil zwischen seinen gelblichen Zähnen hervor, während ich mich noch zu erinnern versuche, wie wir überhaupt an diesen Punkt der Unterhaltung gekommen sind, "unser Spezi hier schafft es nicht, eine ganze Nacht in dem Haus der Tanners zu bleiben, ohne sich in die Hose zu machen." Woraufhin seine Kumpel erneut in tösendes Gelächter ausbrechen. Ich starre derweil auf meine Notizen und versuche, mich zur völligen Ignoranz zu zwingen. Doch es klappt nicht. Der Stolz meines Vaters kommt durch.
"Geht´s noch gechillter? Genauso gut könntest du mich zu einer Ballettstunde mit deiner kleinen Schwester verdonnern. Mach ich mit links. Aber du würdest dabei keine so gute Figur machen, fürchte ich." Hört, hört. Ein Raunen geht durch die Zuschauer. Phil starrt mich an, als hätte er mich noch nie sprechen hören.
"Ich wette, dass du keine Stunde da drin aushältst." Phil geht auf Nummer sicher.
"Gut. Worauf?", frage ich mit kampflustig vorgerecktem Kinn.
"Worauf was?", meint er verwirrt.
Ich seufze. "Worauf wetten wir?"
Sofort wirkt er wieder sicherer, er sollte mir dankbar sein. "Ah, der Verlierer redet bis Ende des Schuljahres kein Wort mehr. Auch nicht im Unterricht." Er grinst breit und hässlich.
Ich grinse zurück. "Das ist ja echt großzügig von dir, denn ich werde auf jeden Fall gewinnen. Dass, das klar ist."

Dass Phil letztendlich zeitgleich mit mir ins leer stehende Haus einsteigen muss, war ihm bei Abschluss der Wette wohl nicht ganz bewusst. Jetzt stehen wir hier bei Nacht und Nebel. Der Streber und der Vollhonk. Eine Minute vor Mitternacht.  Ich bin vorbereitet: Stoppuhr, Handy, Timekiller. Phil natürlich nicht. Dennoch hibbelt er auf und ab, als wäre er hier der Überlegene. Das Einzige, woran er gedacht hat, ist Cola und eine Tüte Chips. Welch Glanzleistung.
"Also gut, Weichei. Los geht´s", sagt er und geht auf die Tür zu.
Bis vor einem Jahr lebte hier noch die uralte Witwe Mrs Tanner, bis eines Nachts der Notarzt vorfuhr und sie abtransportierte. Keiner weiß, ob sie im Haus gestorben ist oder was sie hatte, aber es kursieren seitdem die verrücktesten Gerüchte um sie und ihren Ehemann. Das Übliche halt.  Erfahrungsberichten zufolge, ist alles immer noch genauso eingerichtet, wie zu ihren Lebzeiten, und das können Phil und ich nach der heutigen Nacht sicherlich nur bestätigen.
Ich richte meine Taschenlampe ins Innere des Eingangsbereichs und beleuchte erst einmal alle Ecken, während Phil hinter mir die Tür schließt. Es ist ganz schön kalt und ich rieche Staub und Kellerluft. Phil leuchtet mir mit seinem Handy ins Gesicht. "Na, schon Angst, Bellamy?"
"Sagt genau der Richtige", knurre ich zurück. "Wie machen wir das eigentlich? Ich würde sagen, einer bleibt hier unten, der andere geht nach oben. Jeder auf sich allein gestellt."
Phils Mundwinkel gehen nach unten. Schließlich nickt er. "Dann geht´s schneller vorrüber."
"Sehe ich auch so." Wir grinsen uns böswillig an. Dann gehe ich die knartschende Treppe hinauf in den ersten Stock. Ein wenig mulmig ist mir ja schon, das ist ganz natürlich, aber ich versuche mir vorzustellen, dass ich im Haus meiner Eltern bin und wie so oft der Strom für mehrere Stunden ausgefallen ist, weil mal wieder irgendein Strommast vom Unwetter umgenietet wurde. Hauptsache, ich halte es eine volle Stunde hier drin aus. Ich halte es für das Beste, meinen Blick nur auf das Wesentliche zu richten und die dunklen Schatten und unbekannten Umrisse gar nicht erst in mein Bewusstsein treten zu lassen. Man muss nur wissen, wie. Unten im Erdgeschoss ist es ruhig. Ich gehe einen langen Flur entlang und gehe in eines der Zimmer, von dem ich weiß, dass es einen Blick auf die Straße gewährt. So kann ich nämlich mitverfolgen, wenn Phil zeitnah das Weite sucht. Meine Wahl stellt sich als etwas unglücklich heraus, zumal ich offensichtlich geradewegs in das Schlafzimmer der Tanners hineinsparziert bin. Ein großes, verhangenes Himmelbett steht zentral gelegen. Was mir beim Betreten des Zimmers sofort auffällt, ist die kalte Nachtluft, die mir schneidend kalt in die Luftröhre kriecht. Eines der Fenster steht offen, der Vorhang davor zurück gezogen, so als hätte bis eben gerade noch jemand davor gesessen und vor sich hin sinniert. Ich schlucke. Vermutlich eines der Kids, die sich ebenso wie ich und Phil hier herumgetrieben haben. Vielleicht sogar erst gestern. Mein Blick wandert wieder zu dem großen Bett, mit den respektvoll zugezogenen Vorhängen. Hatte sich niemand getraut, darunter zu gucken? Eine Stimme in mir fleht mich an, mir einen anderen Verweilplatz zu suchen, doch der Draufgänger, der allen voran mir selber beweisen will, dass er verdammt nochmal mehr ist als der klassenbeste  Besserwisser Humphrey Bellamy, will den Spuk als nicht existent deklarieren.
Nichtsdestotrotz zucke ich vor Schreck zusammen, als das Fenster von einem starken Windzug gegen seinen Rahmen geschlagen wird. Ganz ruhig, es war nur der Wind, der nun auch an den schweren Bettvorhängen zerrt. Nur der Wind. Ich lausche und vernehme zaghafte Schritte unter mir. Was mein Wettpartner wohl gerade erkundet? Ich werfe einen Blick auf meine Stoppuhr. Noch 45 Minuten. Ich mache einen Schritt auf das Bett zu und bleibe davor stehen. Langsam hebe ich meinen Arm, meine Hand spreizt die Finger und schließt sich kühn um den Stoff. Eins, zwei, ... Ein Widerstand, wie eine Hand hinter dem Vorhang, hält mich davon ab, ihn zu öffnen, und erschrocken ziehe ich meine Hand zurück. Ich weiß gar nicht, wie, aber mit einem Satz, bin ich aus der Tür und renne hinunter, um Phil zu suchen und ihn mit raus zu zerren.
"Phil!", rufe ich panisch. Mein Herz hämmert wie wild und meine Beine rennen wie von selbst. "Phil! Wir müssen hier raus!" Doch von Phil keine Spur. Dafür höre ich trotz meines Blutrauschens Schritte, diesmal jedoch im ersten Stock, die sich langsam ihren Weg zur Treppe bahnen. "Phil!", brülle ich noch einmal vergebens, bevor ich zur Haustür haste und sie aufreiße. Ich höre erst auf zu rennen, als ich die Straße erreicht habe. Mir fällt sofort auf, dass irgendetwas anders ist als vorher. Ein Licht reflektiert matt auf den Asphalt. Oben im Schlafzimmer brennt Licht, elektrisches Licht! Ich bleibe wie angewurzelt stehen und sehe dem Schatten zu, der von einem kleinen Körper an die Wand geworfen wird. Er wird kleiner, immer kleiner, bis die Gestalt am Fenster auftaucht. Ich habe sie zwar noch nie zuvor gesehen, aber es ist die alte Mrs Tanner, ohne jeden Zweifel. Ein weiterer Schatten gesellt sich zu ihr. Mr Tanner. Ich traue meinen Augen nicht. Und doch stehen sie da. Und starren zu mir hinunter.
"Hey, ich hab gewonnen!", ruft in dem Moment Phil, der jauchzend aus dem Haus kommt und von meiner Begegnung dritter Art überhaupt nichts zu ahnen scheint. Als ich von ihm wieder zurück zum Fenster gucke, ist da niemand mehr, dafür komplette Finsternis. Das Fenster ist fest verschlossen. Das Grundstück wirkt wieder verlassen wie eh und je.
"Du weißt, was das heißt!", lacht der Idiot. "Ab jetzt kein Wort mehr, zwei Monate lang!
“Verschwinden wir hier“, befehle ich und zerre ihn hinter mir her.
Er lacht. “Na, wer hat denn hier Schiss?“
“Wo warst du? Hast du mich nicht rufen hören?“, frage ich verärgert.
Phil kann nicht aufhören zu kichern. “Du meinst, wie ein Mädchen? Na klaro! Und das werde ich jedem haarklein erzählen.“
“Warum hast du nicht geantwortet, verdammt?“
“Was war denn los?“, will Phil doch langsam etwas beunruhigt wissen.
Ich will den Mund aufmachen, es ihm erzählen, aber das Wissen, dass er mir nicht glauben wird, dass ich zusätzlich zu der verlorenen Wette den Rest meiner Schulzeit das Gespött der Schule sein würde, hält mich zurück.
Stattdessen grinse ich ihn trügerisch an, ziehe einen imaginären Reißverschluss an meinen Lippen zu und werfe den unsichtbaren Schlüssel weit weg von uns in Richtung des Tanner Grundstücks.

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