Einleitung

Die Nacht war schon vor einigen Stunden hereingebrochen und die Wolkendecke riss allmählich auf. Nach und nach waren die ersten Sterne zu sehen, die sich nun den Weg durch die Wolken kämpften.

Die Pfützen auf den Straßen und das leichte Plätschern, das die Regenrinnen von sich gaben, deuteten darauf hin, dass es vor kurzem noch geregnet haben musste. Für einen Freitagabend war die Stadt etwas zu leer, aber doch nicht ganz, auf einer Bank saß ein schwarz gekleidetes Wesen. Die Kapuze hat es tief ins Gesicht gezogen, sodass man fast gar nichts mehr von diesem sehen konnte. Die Maske, die das Wesen auf seinem Gesicht trug, wirkte auch alles andere als vertrauenerweckend.

Im Gegenteil, die Menschen schauten den Maskierten zwar an, aber wirkliches Vertrauen ihm gegenüber strahlten sie nicht aus. Er selbst war verloren in seinen Gedanken und schaute mit leeren Blicken in den Nachthimmel, ab und an starrte er auf sein Handy, als würde er auf jemanden warten. Die Uhr auf dem Display zeigte mittlerweile 22 Uhr.

„Noch immer keine Nachricht oder ein Anruf. Warum sollte sie auch?”, sprach die Person mit sich selbst, strich dabei den linken Ärmel hoch, zog sich die Stulpe aus und betrachtete die insgesamt achtundzwanzig Narben, die auf dem Unterarm und der Schulter verteilt waren. Jede erzählte eine Geschichte aus seinen Leben. Jede war ein Teil von ihm, egal ob positiv oder negativ. Es war sein Leben, er wollte diese Erinnerungen immer bei sich tragen und sichtbar bei sich haben.

„Noch 249 Tage!", sagte er vor sich hin. Dann war der Tag gekommen, an dem er sich selber geschworen hat, das Versprechen einzulösen, das er sich selbst gegeben hatte. Er versprach sich, seinen Weg zu beenden. Es sollte derselbe Tag sein, an dem er geboren worden ist.

In Gedanken kratzte er mit dem Fingernagel über eine Wunde, die noch nicht ganz verheilt war.

„Zwei Monate kenne ich sie nun und sie geht mir kaum aus dem Kopf. Dabei weiß sie anscheinend nicht, was sie mir bedeutet oder was sie mir Wert ist. Oder sie will es einfach nicht sehen. Ich weiß, dass sie selbst auch nicht gerade mit der rosigsten Vergangenheit gesegnet ist. Doch sie hat mir was versprochen. Und dennoch …"

Er brach seinen eigenen Satz ab und tippte dabei eine Nachricht in sein Handy ein, die er aber mal wieder nicht abschickte. Die Person stand auf und wanderte das Elbufer entlang. Der Mann schaute noch mal bei den Landungsbrücken nach, ob noch eine Fähre zum Altona Fischmarkt ablegen würde oder ob er nun laufen müsste.

Die Person hatte Glück, um 22:15 Uhr würde noch eine Fähre ablegen. Sie zog sich die Kopfhörer an und begab sich zum Steg, wo die Fähre 62 Richtung Finkenwerder auslaufen würde.

Als der Mann am Steg, an dem die Fähre ablegen würde, wartete, schaltete er Spotify an und erhöhte die Lautstärke der Musik, bis sie ihr Maximum erreicht hatte, dass die Leute um ihn herum sogar den Text der Lieder deutlich verstehen konnten. Die schwarz gekleidete Person fing mit einem Mal an, leise den Text mitzusingen.

„Doch wenn ein Mensch nach einem Platz in deinem Leben greift,

Der das alles zu verstehen scheint

Der wenn ich wütend wirke, fragt ob ich traurig bin,

Dann halt ihn fest

Diesen einen unter Tausenden."

Als die Fähre anlegte, verstummte das Singen und der Mann ging an Bord des Schiffes.

Als die dunkel gekleidete Person dieses betreten hatte, ging sie direkt auf das Oberdeck, um sich, während der Fahrt, den Fahrtwind um die Nase wehen zu lassen.

Die Fähre legte am Altona Fischmarkt an. Die Gestalt verließ zügigen Schrittes das Schiff, verschmolz mit der Nacht und machte sich auf den Weg zu seinem Auto. Das Handy vibrierte. Der Mann schaute auf das Display, auf dem eine Nachricht von Laurena zu sehen war.

Wo bleibst du? Wir wollten doch zu dritt essen gehen.

Ohne auf sein Handy zu schauen, antwortete er kurz angebunden.

Ich bin unterwegs, könnt euch fertig machen. Ich bin in fünf Minuten da.

Der dunkel Gekleidete hatte die Nachricht gerade abgeschickt, als er auch schon vor seinem schwarzen Ford Fiesta stand, der genauso düster war wie er. Mit einem lauten Klick entsperrte sich die Zentralverriegelung.

Als das in Schwarz gekleidete Wesen die Autotür öffnete, zog es sich mit der linken Hand die Kapuze vom Kopf. Beim Einsteigen in das Auto, entfernte der Mann auch die Maske und legte diese, beim Schließen der Türe, wie gewohnt in das Fach der Seitentür. Währenddessen steckte er den Schlüssel ins Zündschloss und drehte diesen um , um den Motor zu starten. Daraufhin blinkte das, in die Konsole eingelassene, Display auf und verband sich sofort via Bluetooth mit dem Auto. Der seltsame junge Mann verband eben jenes wiederum via USB-Kabel mit dem Handy.

Sofort schaltete sich die Android Auto-App auf dem Handy ein und verband sich mit dem Display. So konnte der Fahrer mithilfe des Touchpads auf Apps wie Spotify oder seine Navigations-App zugreifen, ohne das Handy in die Hand nehmen zu müssen, was eine enorme Erleichterung für den Fahrer war.

Kaum war der Motor gestartet, klingelte auch schon das Handy. Auf dem acht Zoll großen Display tauchte die Meldung auf: Laurena Eingehender Anruf.

Mit einem genervten Seufzen wurde der Anruf über das Lenkrad angenommen.

„Ryan, wir sind nun draußen. Wo bleibst du? Sagtest du nicht, sobald wir unten sind, bist du da?"

„Ja, gib’ mir zwei Minuten, Laurena, dann bin ich da. Ich kann nun mal nicht fliegen."

Mit diesen Worten legte der Mann auf, erhöhte die Geschwindigkeit des Autos und fuhr nicht nur rasanter, sondern auch riskanter. Er driftete um die Kurven und versuchte dabei die Geschwindigkeit einigermaßen konstant zu halten, was bei diesem Wetter nicht allzu einfach war. Denn es hatte geregnet und das noch nicht im Boden versickerte Wasser sorgte nun in Zusammenarbeit mit der Kälte dafür, dass die Fahrbahn rutschig und glatt war.

So schlitterte Ryan eher die Kurve entlang, als das er wirklich Kontrolle über das Fahrzeug hatte. Es brauchte für ihn nicht einmal fünf Sekunden, um zu merken, dass im Moment etwas gehörig aus dem Ruder lief.

Aus diesem Grund schaltete der junge Mann in den zweiten Gang, drehte das Lenkrad in die entgegengesetzte Richtung, in die das Auto im Moment schlitterte und zog schließlich die Handbremse an. All diese Bewegungen vollführte Ryan so fließend und ohne nachzudenken, als wären sie ihm einprogrammiert worden.

Als der Wagen dann endlich still stand, wurde das Schwarz des Himmels in leuchtendes Blau gehüllt und kurz darauf ertönte das Geräusch einer Sirene, die schnell auf ihn zukam. Ryan schaute sich einige Sekunden lang um und merkte schnell, dass er unversehrt war.

Gerade als er die Tür seines Wagens öffnen wollte, schoss ein silbernes Fahrzeug an dem jungen Mann vorbei, der in dem Moment die eigene Sirene erklingen ließ, um den anderen Verkehrsteilnehmern an der Kreuzung zu signalisieren, dass das Fahrzeug diese gleich überqueren würde.

„Verdammt, das war knapp“, entfloh es Ryan, als er die Tür seines Autos öffnete und ausstieg, um zu sehen, ob sein Wagen einen Schaden davongetragen hatte.

Glücklicherweise konnte er feststellen, dass sein Auto ebenso heil davon gekommen war, wie der Mann selbst.

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