Viele Jahre ist es her, da keimte vor den Toren einer großen Stadt, im Schatten eines dunklen Waldes, ein kleines Tannenbäumchen auf und reckte seine jungen Triebe der Sonne entgegen.

Winzig war es und wuchs noch viel zu langsam. Zumindest dachte es das Bäumchen so.

Staunend bewunderte es die mächtigen Tannen, die den Waldrand säumten und anmutig im Wind tanzten, wie die Sonne ihre Nadeln glänzen ließ und wie der Schnee im Winter auf ihnen glitzerte.

»Ach könnte ich doch auch bereits so groß und mächtig sein«, dachte es wehmütig.

Stattdessen war es kaum größer als die frechen Feldhasen, die sich einen Spaß daraus machten, über das Bäumchen hinweg zu hüpfen, und war im Winter oft so tief eingeschneit, dass es nichts mehr sehen konnte.

»Wartet nur, ihr frechen Gesellen. Eines Tages bin ich zu groß für eure Albernheiten. Dann werde ich nicht mehr zugeschneit, sondern eine mächtige Tanne sein. Einst werde ich etwas Besonderes sein!«

 

So vergingen die Monate und das Bäumchen wuchs. Es reckte seine Äste zu allen Seiten aus und genoss die Wärme der Sonnenstrahlen und den milden Wind des Herbstes. Doch es hatte gelernt, den Winter zu fürchten.

Denn dann kamen sie, die Menschen. Sie kamen mit Äxten und schlugen die Tannen, die das Bäumchen einst als Keimling so sehr bewundert hatte. Sie schlugen ihnen die Äste ab, fürchterliches Knacken und Ächzen ging durch die sterbenden Nadelbäume und das Bäumchen wusste, dass die Menschen mit dem Holz ihre Stuben heizten.

Die neugierigen Tiere des Waldes hatten es ihm erzählt. Vögel erzählten von Holzfeuern, die nach frischen Tannen rochen und an denen sich die Menschen ihre Füße wärmten.

Das Bäumchen, das immer gewünscht hatte, eine prächtige Tanne zu werden, fürchtete sich nun vor diesem Tage, auch wenn es den Vögeln nicht recht glauben wollte. Doch es wollte nicht geschlagen und verheizt werden. Es wollte doch ein besonders schöner Baum werden, den alle Lebewesen bewundern konnten.

 

Monate und schließlich Jahre vergingen, die Jahreszeiten färbten den Wald in ihren Farben und sobald ein weiterer Winter vorüber war, verflog auch die Angst des Bäumchens wieder.

Es war nun zu einer beachtlichen Tanne herangewachsen. Hasen konnten es längst nicht mehr einfach so überspringen und huschten stattdessen darunter hindurch.

Das Bäumchen freute sich darüber, denn es war doch ziemlich gekränkt, immer so übersprungen zu werden, als wäre es nicht da.

Spaziergänger machten Rast in seinem Schatten, wenn die Sommersonne auf den Weg brannte, Vögel hüpften über seine Zweige und das Bäumchen fühlte sich glücklich.

»Ich bin so glücklich, nichts kann meine Laune jemals trüben«, frohlockte es zum Gesang der Spatzen und dem Rauschen all der anderen Tannen, die ebenso den Waldrand vor den Toren der großen Stadt säumten.

 

Doch es sollte der Tag kommen, der die Worte des Bäumchens Lügen strafte.

Lange schon hatte es aufgehört, sich Sorgen zu machen, dass man es schlagen und verheizen könnte. Es war ein mächtiger, ein schöner Baum geworden und die Menschen, die es sahen, sprachen lobend davon, wie prächtig er war.

Und so kam der erste Winter, in dem das Bäumchen nicht fürchtete, in den Kaminen der Menschen zu landen und ihre Füße zu wärmen, während es von den beißenden Zähnen des Feuers aufgezehrt wurde.

Der Schnee lag hoch und glitzerte, als ein Mann gefolgt von zwei Kindern den Weg entlang wanderte. Die Kinder lachten und frohlockten und das Bäumchen vernahm immer wieder etwas, dass wie »Weihnachten« klang. Es hatte noch nie zuvor davon gehört, doch es klang erfreulich.

»Nun, da sind wir. Wählt euch einen aus«, rief der Vater seinem Nachwuchs zu, sein Atem in einem feinen Wölkchen vor seinen Lippen, denn es war bitterkalt hier draußen am Waldrand.

Die Kinder liefen umher, was das Bäumchen erfreute. Es freute sich stets über den Klang von Kinderlachen, wenn sie einander Schneebälle hinterher warfen oder Abbilder ihrer selbst aus Schnee anfertigten, mit alten Töpfen oder Lumpen als Hüte und Kleider.

Die hübschen Menschenkinder blieben schließlich vor dem Bäumchen stehen und lächelten es an. Hätte es das gekonnt, wäre es sicher verlegen geworden.

»Vater, lass uns diesen hier nehmen. Wir wollen mit ihm unsere Stube schmücken.«

Ehe das Bäumchen verstand, was die Kinder sagen wollten, hatte der Mann bereits eine Axt aus dem Mantel gezogen und den ersten Hieb getan.

Menschen können es nicht hören, doch das Bäumchen schrie vor Schmerz, als sein Stamm Stück für Stück von seinen Wurzeln getrennt wurde.

»Warum tun sie das nur, wenn sie mich doch so hübsch finden? Warum schlagen sie mich und nehmen mich von meinem Platz?«, dachte das Bäumchen in Verzweiflung und Trauer.

 

Nun würden niemals wieder Hasen unter meinen Zweigen hindurchhuschen, dachte es. Niemals wieder würden Vögel mit ihren kleinen Beinchen über meine glänzenden Nadeln hüpfen.

Geschlagen fiel das Bäumchen auf die Seite und der Mann trennte weitere Äste von dem Stumpf, bevor er die restlichen mit einem Seil umwand.

»Da haben wir einen schönen Baum. Da wird sich die Mutter aber freuen«, sagte der Vater und folge seinen lachenden Kindern zurück in die Stadt, die das Bäumchen nie zuvor gesehen hatte. Es schämte sich, so hinter dem Mann über die Straße geschleift zu werden.

Die Menschen hatten die Straßen der Stadt und die Fenster ihrer Häuser festlich geschmückt. Überall zierten Äste von Tannen die Türen und die Fensterscheiben. Dem Bäumchen wurde es bange zumute, wenn es an die ganzen anderen Tannen dachte, denen es so ergangen war wie ihm selbst. Geschlagen für eine warme Stube und zum Schmuck von Häusern.

Die Vögel, die ihm einst erzählten, dass die Menschen mit Tannenholz heizten, hatten nicht gelogen. Überall duftete es nach Holzfeuern. Und nach würzigen Speisen, die die Kinder lachend und mit vollen Backen in ihre Münder stopften.

»So viel Freude hier. Sie wissen gar nicht, wie ich leide«, dachte das Bäumchen traurig und sehnte sich nach seinem Platz im Wald zurück.

Der Mann und seine beiden Kinder betraten schließlich ein kleines Haus, in dem es ebenfalls nach Tannenzweigen duftete. Die Gattin des Mannes hatte einige Zweige zum Verbrennen auf den Ofen gelegt und der Duft drang in jeden Raum.

»Frau, wir haben einen wunderbaren Baum mitgebracht«, begrüßte der Vater seine Liebste und diese sah ebenso erfreut aus wie die Kinder, deren Wangen von der Kälte draußen rot wie Äpfel waren.

»Wir wollen ihn gleich aufstellen«, beschloss sie und öffnete die Tür zu einer weiteren duftenden Stube.

 

Das Bäumchen hatte inzwischen resigniert und achtete nicht mehr auf das Treiben der Menschen. Es träumte sich zurück in die Kälte, an seinen Platz am Waldrand, wo er stets dem Gemurmel der anderen Bäume lauschen konnte, wo der Wind ihnen ein Lied darbrachte und die Tiere tollten und ihnen immer wieder aufs Neue ein amüsantes Schauspiel darboten.

Wie hochmütig er doch war, zu glauben, die Menschen würden ihn verschonen, weil er so prächtig war. Sein Leben lang hatte er sich gewünscht, eine mächtige, beeindruckende und schöne Tanne zu werden und dabei hatte er vergessen, zu leben und die Zeit seines Wachstums zu genießen.

Nun war es zu spät. Nun hatte er die Zeit seiner Schonung überschritten, war erwachsen geworden und wurde von den Menschen zu Feuerholz gemacht.

Das war seine gerechte Strafe dafür, dass er nicht wertgeschätzt hatte, wie glücklich er hätte sein sollen.

Er hörte nicht auf das, was die Menschen sagten. Er verstand es auch nicht und es war ihm egal.

Stattdessen träumte er sich zurück in das fahle Sonnenlicht eines Wintertages, erinnerte sich an das Kitzeln der kleinen Vogelfüßchen auf seinen Nadeln und den Wind, der seine Zweige tanzen ließ.

 

Während das Bäumchen mit den Gedanken ganz woanders war, tollten die Kinder in der warmen Stube umher und ihr Vater stellte den Baum in einem großen Krug aus frischer, gewässerter Erde. Er löste die Seile rund um die Äste und half dem Bäumchen, diese wieder auszustrecken.

»Er ist wundervoll. Wie geschaffen für das Fest«, freute sich die Frau des Hauses, die das Zimmer betrat, eine Kiste mit Zierrat im Arm.

»Kommt, Kinder. Wir wollen ihn schmücken.«

Die Familie verteilte gläserne Kugeln, Sterne und Engel aus Stroh, lackierte Tannenzapfen und feine Kerzen aus Wachs auf den Zweigen des Baumes, bis dieser in allen Farben strahlte.

Der Duft der brennenden Kerzen vermischte sich mit dem der auf dem Ofen verbrannten Tannenzweige und hüllte das Haus in eine wohlige, gemütliche Atmosphäre.

Duftend und köstlich war auch das Festessen, welches die Familie im Schein des Baumes einnahm. Heller Gesang festlicher Lieder schallte durch das Haus, als die Kinder sangen und ihr Lachen erklang, als sie ihre Geschenke auspacken durften, die unter den schützenden Ästen des Baumes gelegen hatten.

 

Das Bäumchen betrachtete das Schauspiel mit einer Mischung aus Verwunderung und Anteilnahme. Was war das für ein Brauch, einen Baum mitten ins Zimmer zu stellen und ihn mit Kerzen und glänzenden Glaskugeln zu schmücken?

Wo war es hin, das grausame Schauspiel von Bäumen, die in kleine Teile gehackt wurden, um dann dem gefräßigen Feuer zum Fraß vorgeworfen zu werden? Machten sich die Menschen einen Spaß aus ihm?

Er betrachtete die glücklichen Gesichter der Familie. Vermutlich wussten sie nicht einmal, dass Bäume ein Bewusstsein hatten. Für sie waren sie nur etwas, womit man die Stube warm bekam und das man mit albernem Zeug behängen konnte.

Doch andererseits … sie wirkten so liebevoll und ehrlich erfreut darüber, dass er heute Abend an ihrem Fest teilnahm. Und sie hatten ihn so wundervoll geschmückt.

Das Bäumchen betrachtete sich in der Spiegelung der Fensterscheibe und ein wohliges Gefühl erfüllte es. Es strahlte wie noch niemals zuvor. Der glitzernde Schnee einer Winternacht konnte dieser Pracht mit den Kerzen und den glänzenden Kunstwerken aus Glas kaum gerecht werden.

 

So etwas hatte er sich niemals zu träumen gewagt. Einmal nur so zu strahlen. Dafür nahm er gern in Kauf, im Feuer zu landen. Er war nur eine einfache Tanne. Doch heute Abend war er etwas Besonderes.

Heute Abend war er ein Weihnachtsbaum.

Comments

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    Liest sich wie ein modernes Märchen. Echt schön. Dazu passt auch das traurige Element. Alle klassischen Märchen haben das und trotzdem nehmen wir sie anders wahr. Das Ende stimmt versöhnlich und für ein Kind wäre es sicher ein glückliches Happy End.

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    Och, das arme Bäumchen :( Ich freue mich zwar, dass es am Ende wirklich etwas Besonderes sein konnte, aber wie Sometimes_new schon sagte, bleibt ein bitterer Nachgeschmack zurück. Toll geschrieben ist deine Geschichte aber auf jeden Fall :)

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    Dein einfühlsamer Text bestätigt mich darin, auch dieses Jahr auf einen Weihnachtsbaum zu verzichten - oder aber einen im Topf zu kaufen.

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    Sehr schön geschrieben :) Doch der Text macht mich traurig. Der arme Weihnachtsbaum. Geichwohl der Baum sich mit seinem Schicksal arrangiert hat, bleibt ein dumpfer Nachgeschmack, wenn ich unseren bald kaufe. Irgendwie geht der Text auch fast als Sozialkritik durch ^^

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