Elftes Lied - Der weiße Turm

Fyorr lag auf seinem einfachen Feldbett und starrte an die sich unter dem abflauenden Wind sanft schaukelnde Decke des Zelts. Sein Leben war immer so geordnet verlaufen. Das Militär bot den Vorteil eines stabilen und kaum veränderlichen Laufs der Dinge. Feste und geordnete Strukturen bestimmten sein Dasein und er hatte sich stets wohl damit gefühlt. Es bot Geborgenheit, Sicherheit, ein Gefühl von Beständigkeit.

Seit es ihn auf diese seltsame Insel am Arsch der Welt verschlagen hatte, hatten sich die Ereignisse überschlagen. Erst diese seltsamen Gefühle, die ihn seit seiner Ankunft verfolgten, dann die Nachricht vom Tod seines geliebten Kaisers. Der Zerfall des Reiches. Und nun das. Er? Ein König? Was für ein Humbug. Scham und Zorn stiegen in ihm auf. Einzig die Zuneigung für seine Männer hatte ihn abgehalten, die Ausrufung zum König zu unterbinden. Dass sie ihm so viel Vertrauen und Respekt entgegenbrachten, empfand er als Ehre. Er hätte sein Gesicht verloren, wenn er abgelehnt hätte. Und darüber hinaus auch seine Soldaten und Offizieren vor den Kopf gestoßen.

Und wem hatte er das zu verdanken?

Diese Jeyla hatte einiges an rhetorischem Geschick bewiesen. Eine eigentlich völlig fremde Menge so gekonnt zu beeinflussen und die eigene Agenda durchzusetzen, rang ihm widerwilligen Respekt ab. Doch die anfängliche Bewunderung und Erheiterung über die unerwartete Wendung hatte nur allzu bald in stummen Groll umgeschlagen. Sobald er sich hatte zurückziehen und die ganze Charade in Ruhe hatte bedenken können, wurden ihm die Folgen bewusst. Die Konsequenzen wären nicht absehbar. Und, die Auswirkungen auf sein eigenes Leben mal außer Acht gelassen, war es in erster Linie die Verantwortung für das Leben und Schicksal seiner Männer, die ihm Sorgen bereitete. Mit Jeylas unvermitteltem Putsch hatte sie ihnen ihren Plan aufgezwungen. Fyorr pflegte normalerweise ein bedachtes und strategischen Vorgehen, das sich letztendlich stets als Garant für das Überleben und den Erfolg seiner Kompanie erwiesen hatte. Nun einfach die Zügel aus der Hand gerissen zu bekommen, gefiel ihm überhaupt nicht.

Und trotzdem verstand er die Logik hinter Jeylas Plan. Und da er mit keiner besseren Strategie aufwarten konnte, musste er das Ganze wohl oder übel akzeptieren. Es war ein Spiel mit dem Feuer, gewiss. Und er fühlte sich wie ein Verräter an der Sache des Kaisers, dem er ewige Treue geschworen hatte. Und doch konnte er auf diese Weise eben dieser Sache wohl am Besten dienen, so wenig es ihm auch gefiel.

Der Gedanke an den Kaiser ließ die Trauer in ihm aufsteigen, die er den ganzen Tag mühsam zurückgehalten hatte. Er war damals noch ein Unteroffizier gewesen, ein Niemand in der gigantischen kaiserlichen Armee. Die Unruhen im Reich hatten neue Höhen erreicht, und er war Teil der Eskorte gewesen, die einen der Generäle in die Hauptstadt geleitet hatte. Es war ein wichtiges Treffen der Militärführung, das der Kaiser mit einer gewissen Dringlichkeit einberufen hatte. Sobald sie den weißen Turm erreicht hatten, blieb Fyorr nicht viel zu tun und er nutzte die freie Zeit, um die großartige Hauptstadt eingehend zu erkunden. Es war jener Abend, an dem er den Sonnenuntergang von der Plattform des gigantischen und die gesamte Stadt dominierenden weißen Turms aus beobachten wollte, der sein Schicksal verändern sollte. Der Wind hatte an ihm gezerrt, der sonderbarerweise dort oben auf der Turmspitze wie der entfesselte Zorn der Götter wütete, unten in der Stadt aber kaum ein Reiskorn bewegt hätte. So stand er an dem kunstvoll gemeißelten Geländer und starrte an den Horizont, als er eine Bewegung hinter ihm mehr spürte als hörte. Alarmiert hatte er sich umgedreht und war schockiert, als er den Kaiser höchstpersönlich entdeckte, der allein und irgendwie erschöpft wirkend hinter ihm stand.

Er hatte kein Wort herausgebracht, und beschränkte sich auf eine ungelenke und hastig wirkende, jedoch tiefe und respektvolle Verbeugung. Ungerührt starrte der Kaiser in die Ferne. Fyorr wusste nicht, ob es unhöflich wäre, zu bleiben, oder zu gehen. Während er noch abwägte, was das Protokoll am wenigsten verletzen würde, brach der Kaiser schließlich sein Schweigen.

"Ein atemberaubender Ausblick, nicht wahr?" Das Lächeln in dem müden und ausgemergelten Gesicht wirkte ehrlich und seltsam unbekümmert. Erschrocken darüber, dass der Herrscher des Weltreichs ihn, einen bedeutungslosen Unteroffizier, wirklich und wahrhaftig direkt angesprochen hatte, setzte Fyorrs Verstand kurz aus. Bevor sein Schweigen jedoch unhöflich wurde, erwiderte er schließlich zögernd das Lächeln und nickte. "Ja, euer Majestät. Das ist es in der Tat."

Der Monarch war von durchschnittlicher Statur, und trotz der beeindruckenden Insignien der Macht, dem goldenen Band auf der Stirn, dem schweren Purpurmantel mit den aufwändigen Verzierungen, trotz den Zeichen der Herrschaft und Größe nahm sich der Kaiser neben Fyorr klein und fast schwach aus.

Das Lächeln auf den Lippen des Herrschers verblasste und wich einem bedrückten und sorgenvollen Ausdruck. Die Krähenfüße und Sorgenfalten, die die Jahrzehnte der Unruhen während seiner Herrschaft in sein Gesicht gegraben hatten, kamen überdeutlich zum Vorschein. Er seufzte.

"Es ist ein Traum, weißt du? Ein Traum von Frieden und Einheit. Und wahrer Größe. Doch wir Menschen werden nie mit der wahren und wahrhaftigen Größe wie diesem Anblick gleichziehen können. Auf uns lastet der Makel, und alles Gute, das wir schaffen, bewirkt zugleich auch Schlechtes."

Fyorr wusste nicht recht, wovon der Kaiser eigentlich sprach, nickte jedoch stumm. Er wagte nicht, nachzufragen, den Kaiser zu unterbrechen.

"Ein Traum von Größe hat dieses Reich geschaffen. Und doch, nach all der Zeit, den dieser Traum nun Bestand hatte, zeigt sich der Makel der Menschheit nur allzu deutlich. Die Risse durch das Reich gehen tief. Und mittlerweile sind sie bis zum Rand angefüllt mit dem Blut der Gefallenen. Wofür kämpfen wir? Ist der Traum ausgeträumt? Ist es an der Zeit, aufzuwachen?"

Fyorr fasste sich ein Herz und antwortete: "Ich kann nicht für alle sprechen, die in der Armee dienen. Aber ich weiß, wofür ich kämpfe. Ich kämpfe, um jenen das Kämpfen zu ersparen, die in Frieden leben wollen."

Der Blick des Kaisers wurde nachdenklich und lastete schwer auf Fyorr, der sich wie der Schüler eines strengen Lehrmeisters fühlte, dessen Antwort auf eine schwierige Frage über Bestehen oder Versagen in einer Prüfung entschied. Schließlich nickte der Kaiser. "Das ist fürwahr eine weise Antwort, und eine gute Motivation. Doch ich bezweifle, dass man das auf alle, wenn überhaupt jemanden übertragen kann. Die Gier nach Gold, Ruhm und Ehre treibt die Räder des Krieges an. Auf beiden Seiten. Wir können nur versuchen, die Schäden zu begrenzen, die das in dem Gefüge unseres Reiches anrichtet. Den Traum zu wahren."

Fyorr blieb stumm. Er wusste nicht, was er darauf noch hätte antworten können.

"Wie dieser Sonnenuntergang ist auch das Reich. Wunderbar, prächtig und majestätisch, ja, gewiss. Doch dauert nichts für ewig an. Die Sonne wird letzten Endes untergehen. Und so wird es auch das Reich."

Den automatischen Protest, der Fyorr bereits auf der Zunge lag, unterband der Kaiser mit einer forschen und schneidenden Geste.

"Das ist der Lauf der Dinge. Die Sonne wird auch morgen wieder aufgehen und schließlich untergehen. Und wie der Lauf der Sonne ist auch das Schicksal der Reiche von uns Menschen. Sie entstehen, steigen auf, erreichen ihren Zenit, zerfallen und verschwinden schließlich, um Platz für neues zu machen. Doch anders als die Sonne ist der Lauf der Dinge hier unten nicht beständig. Die Sonne geht jeden Tag am gleichen Ort auf, nimmt den selben Lauf, und geht schließlich am vorbestimmten Ort unter, wie jeden Tag. Dort oben - " Er deutete gen Himmel - "herrscht die göttliche Ordnung. Hier unten das Chaos. Wer weiß schon, was morgen sein wird? In zehn Jahren gar? Dieses Reich, mein Reich, unser Reich... Es hat seinen Zenit überschritten, als die Armeen auch das letzte Stück Land besetzten und die Menschheit unter einem Banner einte. Das war der Höhepunkt, und seither kämpfen wir alle, ich, meine Vorgänger auf dem Thron, und du und alle, die mit dir und vor dir dienten, um den Zerfall zu entschleunigen, den Traum noch ein bisschen länger zu träumen."

Es erstaunte Fyorr, dass der Herrscher so freimütig mit ihm sprach. Er war doch nur ein zufälliger Soldat, der den Kaiser scheinbar bei einer Pause von den anstrengenden Besprechungen mit den Militärs hier oben gestört hatte. Dass er nun so offen mit ihm sprach, ehrte ihn und auch wenn der Kaiser deutlich machte, dass er den Sinn all der Kämpfe in Frage stellte, und sich so eine Blöße gab, empfand er nichts als Respekt für den Herrscher. Es war nur allzu deutlich, dass er kein Narr war, und Fyorr war ein Mann auf dem Thron, der sich mit der Frage nach dem Sinn seines Tuns beschäftigte, allemal lieber als ein blindwütiger Kriegstreiber.

"Euer Majestät, ich..."

Wieder unterbrach ihn der Monarch und starrte ihn an, als hätte er erst jetzt realisiert, was er gesagt hatte. Fast konnte Fyorr die Räder in dem Kopf des Kaisers hören, als er dem Blick seines Herren standhielt. Schließlich wurde der Ausdruck auf dem faltigen Gesicht milder.

"Was denkst du, Sohn des Reiches? Wie lässt sich der Traum bewahren?"

Fyorr überlegte, doch die Antort kannte er schon lang. Zu lange hatte er bereits gedient, um sich nicht eine eigene Meinung gebildet zu haben.

"Mein Herr, es erfordert Güte und Milde im Frieden. Doch im Krieg gibt es nur eine Sprache, die gesprochen wird. Und, bei allem Respekt, unsere Armeen sprechen diese Sprache nicht. Zu oft wurden Rebellen verschont, in der Hoffnung, die Sache wäre somit abgeschlossen, und die erwiesene Güte würde sich eines Tages auszahlen. Die Faust des Reichs ist stark, aber schlägt nur schwach zu. Ich meine damit nicht, dass alle Armeen ihr Vorgehen ändern müssen. Aber der Respekt ist verloren. Es gibt nichts, das die Menschen wirklich fürchten müssen, wenn sie sich auflehnen. Es wird dringend eine Einheit benötigt, die unerbittert und gnadenlos zuschlägt. Die den Rebellen ins Bewusstsein gravieren wird, dass ihr Handeln sehr wohl schwere Konsequenzen haben kann. Regionen, die beim ersten Mal verschont wurden, würden sich bei einem weiteren Aufstand sicher sein, dass sie von eben dieser Einheit vernichtet werden würden. Furcht ist das beste Gegenmittel gegen Aufstände. Und doch muss Furcht wohlbedacht und gering dosiert bleiben, denn zu viel davon befeuert noch den Willen zum Widerstand."

Der Kaiser sah ihn nachdenklich an. Fyorr spürte, dass er einen Nerv getroffen haben musste, und fuhr fort:

"Diese Einheit sollte eine unabhängig operierende Armee sein. Stark genug, um effektiv sein zu können, notfalls einen Aufstand auch allein zu unterwerfen. Sie sollte von Männern geführt werden, die sich durch das Blut und die Gräueltaten nicht zu sehr beeinflussen lassen und selbst auch im Geist zu Bestien werden. Männer, die Ehre und Treue hoch halten und dem Thron treu ergeben sind. Auch Meutereien werden so abnehmen, denn der Ruf dieser abgesonderten, dieser dunklen ... schwarzen Kompanie wird sich zuallererst in den Armeen verbreiten. Das kann ich Euch raten, Herr."

Mit Stolz dachte Fyorr an jenen Abend auf dem weißen Turm zurück. Der Kaiser war beeindruckt gewesen von Fyorrs Ratschlag und hatte tatsächlich bald darauf die schwarze Kompanie ins Leben gerufen. Es hatte nicht lange gedauert, bis Fyorr selbst zum Kommandanten dieser neu geschaffenen schwarzen Kompanie ernannt wurde. Viele weitere Treffen mit dem Kaiser folgten, und eine sonderbare Verbundenheit hatte sich zwischen ihnen entwickelt. Ein geteiltes Verständnis von der Welt und eine gewisse Melancholie in der Sicht auf die Dinge verband sie, und der Monarch schätzte die privaten Unterhaltungen, die sie nach den offiziellen Besprechungen zu führen pflegten.

Den Frieden zu wahren. Für die Bürger des Reiches in die Schlacht ziehen, damit diese nicht selbst Opfer der Kriege werden. Kämpfen um des Friedens Willen. Für den Traum von Größe. Er hatte sich diesem Vorhaben verschrieben, hatte mit Leib und Seele für den Kaiser und seine Vision gekämpft.

Und nun hatte sich alles geändert.

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