Ende

Hermine zitterte. Angst, Verzweiflung, Wut und vor allem Scham beherrschten ihren Körper. Wo nur war es schief gelaufen? Gestern noch hatte sie an der Seite von Harry auf dem Schlachtfeld vor Hogwarts gekämpft – und heute stand sie nackt in der Villa der Malfoys. Um sie herum Todesser, die es nicht mehr für notwendig hielten, ihr Gesicht zu verbergen.

Rechts von ihr stand Harry, links Ron; beide waren ebenfalls nackt, genau wie all die anderen Schüler und Lehrer, die in die Fänge der Todesser geraten waren. Nur ein Lehrer war nicht unter ihnen: Severus Snape befand sich in den Reihen der Feinde. Mit unbewegtem Gesicht mustere er seine ehemaligen Kollegen, ließ er seinen Blick immer wieder über die entblößten Körper von Hermine und ihrer Freunde wandern. Doch es blieb ihr keine Zeit, sich über seinen endgültigen Verrat aufzuregen, denn in diesem Augenblick betrat Lord Voldemort den großen Festsaal.

Hermine spürte, wie Harry neben ihr sich anspannte, und plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie alle vermutlich in wenigen Sekunden sterben würden. Ohnmächtige Verzweiflung machte sich in ihr breit und wieder kam die Frage hoch: Wieso? Was war schief gelaufen? Warum standen sie hier?

„Meine lieben Freunde“, ergriff nun der Dunkle Lord das Wort, „welch schöner Tag ist heute! Vor uns steht, gefangen und gedemütigt, der eine Auserwählte, die Hoffnung aller Schlammblüter und Muggleliebhaber – Harry Potter!“

Jubel brach aus unter den Schwarzkutten, höhnische Rufe und Beleidigungen hallten hunterfach von den Wänden des großen Saals. Nur zwei Gestalten schienen weiter unberührt: Severus Snape bewegte sich nicht, nur ein unergründliches Zucken umspielte seine Mundwinkel. Und neben ihm, beinah noch steifer, mit versteinerter Miene stand Lucius Malfoy. Aber erneut wurde Hermines Aufmerksamkeit abgelenkt von der Ansprache Voldemorts: „Der Sieg ist nun unser! Endlich können wir eine Welt aufbauen, wie sie schon lange hätte existieren sollen! Endlich ist Schluss mit dem Verstecken vor den Muggeln! Fortan werden sie uns kennen lernen! Fortan werden wir, die reinblütigen Zauberer, die Welt beherrschen!“

Wieder brandete Jubel auf und diesmal zeigte sich auch auf dem Gesicht von Lucius Malfoy ein Grinsen.

„Doch zunächst lasst mich einem treuen Diener danken! Goyle, trete vor!“

Aus der Menge löste sich die massige Gestalt des jungen Goyle. Sein Gesicht strahlte vor Stolz, in der Hand hielt er – den Zauberstab von Harry.

„Unser guter Goyle hat in einem unbemerkten Augenblick Potter mit seinen eigenen Waffen geschlagen! Ein gezielter Expelliarmus machte Goyle zu, Sieger über den Auserwählten!“, erklärte Voldemort. Ein überlegenes, verächtliches Grinsen legte sich auf seine Lippen: „Du weißt gar nicht, wie groß dein Dienst war! Dank dir werde ich in Kürze in der Lage sein, Potter zu töten!“

Ein raunen ging durch den Raum. Hermine bemerkte, wie Harry die Fäuste ballte. Wusste Voldemort etwa …? Ihr Blick fiel auf Snape, dessen Miene sich deutlich verfinstert hatte. Todesangst und Sorge um ihren besten Freund machten sich breit. Es war zu Ende. Wenn Voldemort es nun herausgefunden hatte, dann würde Harry jetzt sterben. Verzweifelt blickte sie wieder zurück zu Voldemort und Goyle, dessen stolzes Grinsen zeigte, dass er nichts begriff.

„Lieber Goyle, sei dir gewiss, dein Name wird in die Geschichtsbücher eingehen. Goyle, der Mann, der mir, Lord Voldemort, die Macht gab, den Auserwählten zu töten – indem er sein Leben gab!“, verkündete Voldemort und machte eine kunstvolle Pause, um seine Worte wirken zu lassen. Stille legte sich über den Saal als alle begriffen, was gleich geschehen würde – alle bis auf Goyle selbst.

„Ich sehe, Goyle, dein Vertrauen in mich ist unendlich. Ich fühle mich geehrt durch deine Loyalität“, fuhr Lord Voldemort fort, „wer hätte gedacht, dass in meinen Reihen ein so guter Diener ist. Jeder einzelne hier kann sich eine Scheibe von dir abschneiden. Und gerade weil du so loyal bist, bin ich mir gewiss, dass du mir nicht übel nimmst, was ich nun zu tun gedenke, ja, tun muss!“

Erneut hielt der Dunkle Lord in seiner Rede inne und nun zeigte sich auch auf dem Gesicht von Goyle leichte Verwirrung. Doch ehe er gänzlich begriff, was die Worte seines Meisters bedeuteten, war es bereits zu spät.

„Avada Kedavra!“

Leblos sank der große Mann zu Boden. Totenstill war es im großen Festsaal, keiner der Anwesenden begriff, wieso dieser Mord notwendig gewesen war – keiner außer Hermine, Harry und Severus Snape. Die junge Hexe kämpfte mit den Tränen. Es war offensichtlich, dass Voldemort nicht daran dachte, Harrys Leben zu schonen, und wieso sollte er auch? Er hatte gewonnen und das einzige, was zu seinem endgültigen Sieg noch fehlte, war die Ermordung seines ärgsten Feindes.

„Ihr fragt euch nun gewiss, wieso ich den tapferen Goyle getötet habe“, rief Voldemort über die Köpfe der Anwesenden hinweg, „die Antwort darauf ist kompliziert, aber um nicht als Unmensch da zu stehen, werde ich sie euch gerne erläutern! In meinen Händen halte ich den Elderstab, den mächtigsten Zauberstab, den diese Welt je gesehen hat. Aufgrund einer uralten Magie war ich nie in der Lage, Harry zu töten. Mein Zauberstab war mit seinem verbunden, aber auch mit anderen Zauberstäben konnte ich ihm nichts anhaben. Nur der Elderstab, der mächtiger als alle anderen ist, kann Harry Potter töten. Doch seine wahre Macht entfaltet der Zauberstab nur, wenn man sein wahrer Besitzer wird. Ich habe lange gebraucht, um den Mechanismus gänzlich zu verstehen, erst mein treuer Diener Severus Snape brachte mich gestern auf die Lösung!“

Hermines Augen schnellten zu dem Angesprochenen. Tatsächlich nickte der ehemalige Schuldirektor grimmig und verneigte sich knapp vor seinem Herren. Das also war der Auslöser für dieses Übel gewesen.

„Dumbledore war lange Zeit der Besitzer des Elderstabs gewesen und ich dachte, es würde reichen, diesen Stab seiner Leiche abzunehmen. Doch ich konnte seine Macht nicht vollkommen nutzen. Da Severus Dumbledore vor einem Jahr getötet hatte, ging ich davon aus, dass er der neue, wahre Besitzer war und ich durch seinen Tod den Zauberstab unter meine Kontrolle bringen konnte. Doch er belehrte mich eines Besseren: Nicht der Mörder des ursprünglichen Besitzers, sondern sein Bezwinger wird der neue Besitzer. Und wer war es gewesen, der Dumbledore auf dem Astronomieturm gestellt hatte?“

Die rhetorische Frage blieb nicht lange unbeantwortet, denn natürlich kannten alle Todesser die Geschichte, wie Draco Malfoy Dumbledore gestellt, aber nicht getötet hatte.

„Exakt, der junge Malfoy war es! Damit war er der neue, wahre Besitzer, ohne allerdings von der Existenz des Elderstabes zu wissen. Und das Schicksal meinte es nicht gut mit mir! Als Harry Potter und seine Freunde in eben dieser Villa gefangen gehalten wurden, gelang es ihnen, sich zu befreien – und Potter wurde durch seinen Expelliarmus-Zauber gegen Draco der neue Besitzer. Als Snape mir dies eröffnete, wäre ich beinah explodiert vor Wut über das ungnädige Schicksal. Aber dann kam Goyle. Er besiegte Harry, wurde der neue Besitzer – und durch den Sieg über ihn, durch seinen Tod bin nun endgültig ich der Herrscher über den Elderstab!“

Hermine blickte sich um. Die Lehrer von Hogwarts und einige wenige Todesser nickten, doch ein Großteil der Anwesenden hatte offenbar nicht begriffen, was ihnen der Dunkle Lord erklärt hatte. Doch das war egal, es reichte für sie, dass sie wussten, dass ihr Herr durch den Mord an Goyle endlich Harry würde töten können. Hasserfüllte Blicke richteten sich gegen Snape, der nicht nur ein Verräter war, sondern überaus wichtige Informationen an den Feind gegeben hatte. Severus Snape hatte das Ende von Harry Potter besiegelt. Allen war dies bewusst, besonders auch Hermine, die mit den Tränen kämpfte. Sie suchte verzweifelt nach einem Ausweg, doch sie wusste, es gab keinen. Harry neben ihr wirkte ruhig, gefasst, beinah gelassen.

„Mine“, flüsterte er leise, „auch wenn ich sterbe … es ist nicht vorbei. Ihr dürft nicht aufhören zu kämpfen. Solange auch nur einer von uns lebt, müsst ihr kämpfen.“

Sie nickte, doch Hermine war sich sicher, dass auch sie den nächsten Tag nicht mehr erleben würde. Jedes einzelne Mitglied des Ordens würde noch heute sterben, denn dann gab es keine ernstzunehmenden Gegenspieler mehr für Voldemort.

„Harry Potter“, richtete eben dieser nun das Wort direkt an seinen Erzfeind, „du hast tapfer gekämpft, doch du hattest niemals eine Chance. Dumbledore hat dich im Stich gelassen mit seinem Tod, du warst schon immer nur Kanonenfutter für ihn. Komm her, ich erlöse dich von dem Leid deines Lebens!“

„Harry, nein!“, schrie Ron und wollte nach seinem besten Freund greifen, doch die bindenden Zauber, die sie alle umgaben, machten ihn bewegungsunfähig. Nur Harry war frei zu gehen und so trat er vor.

„Mein Tod wird nichts ändern, Tom!“, schleuderte Harry Voldemort entgegen, „genauso wenig wie Dumbledores Tod etwas geändert hat. Es wird immer Menschen geben, die deine dunkle Welt verdammen und dich töten wollen. Eines Tages wirst du endgültig untergehen!“

Ein hohes, irres Lachen entrang sich der Kehle des Dunklen Lords: „So mutig, bis zum Schluss! Leider wirst du keine Gelegenheit haben, deine eigenen Worte zu überprüfen!“

Hermine schloss die Augen und ließ ihren Tränen freien Lauf. Es schien, als halte die ganze Halle den Atem an, während die beiden Feinde sich gegenseitig anstarrten. Die Spannung lud sich auf, bis sie beinah unaushaltbar war. Sekunden verstrichen und noch immer war der Todesfluch nicht gesprochen worden. Vorsichtig öffnete Hermine wieder die Augen, hoffte, dass inzwischen ein Wunder geschehen war.

„Avada Kedavra“, ertönte da die kalte Stimme Voldemorts, und zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten fiel ein lebloser Körper zu Boden. Die eisigen Augen des Dunklen Lords brannten sich in die tränenerfüllten Augen von Hermine, es schien, als habe er nur darauf gewartet, dass sie wieder nach vorne blicken würde. Spott und Verachtung standen in seinem Blick und trafen auf Hass und Verzweiflung bei Hermine.

Jetzt war es wirklich aus. Egal, was Harry gesagt hatte, Lord Voldemort würde nun all jene töten, die ihm noch gefährlich werden könnten. Sie, Ron, die anderen aus dem Orden. Ihr aller Schicksal war besiegelt und es gab nichts, was sie noch hätten tun können.

Comments

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    Okay Also.... Ich hab gestern angefangen diese 60...wirklich aufregenden Kapitel zu lesen. Und jetzt sitze ich hier und heule. Jupp. Danke dafür. Du hast die, für mich, bisher glaubwürdigste FF im Bezug auf Charaktere geschrieben. Snape war treffend. Bellatrix on point. Also dafür: Clap Clap. Aber und das macht mich eigentlich so traurig. Oh Gott, wie sag ich das jetzt ohne zu Spoilern.... Ich hatte mir das Ende anders vorgestellt und irgendwie auch anders gewünscht *Tränchen wegwisch* Aber wow. Einfach nur großartig :) Danke für all die investierte Mühe und Zeit!!

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    Das klingt wirklich sehr vielversprechend. Auch mal eine interessante Ausganslage. Werde dranbleiben. :-)

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    Oh Voldemort, weißt du denn nicht, dass ein guter alter Muggel-Revolver es auch getan hätte? o.O Das klingt jedenfalls nach nem sehr düsteren Auftakt. Bin echt gespannt, wohin sich die Sache entwickelt!

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