Enge Tunnel und ihre Geheimnisse *Jarle*

Unsanftes Rütteln weckte Jarle aus seinen Träumen, gefolgt vom bekannten und modrigen Geruch der Luft. Müde rieb er sich die Augen streckte sich ausgiebig.
„Linch wartet auf dich“, sagte einer der Bandenmitglieder, sein Name war, wenn sich Jarle Recht erinnerte Soran, ein mürrischer Mann der nie eine Gelegenheit versäumte einem anderen den Tag zu ruinieren. Dir auch einen guten Morgen, dachte sich Jarle und stand ächzend auf, um sich erneut zu strecken. Mit düsterer Miene dachte er an Linch und welchen genialen Plan er heute für ihn hatte. Vielleicht in das Haus des Stadtherrn einbrechen oder doch nur in eines der Adligen? Am liebsten hätte er ihn warten lassen, doch wenn man bedachte dass Soran ihn schon verächtlich ansah, machte er sich besser auf den Weg. Auf ein blaues Auge konnte er bei bestem Willen verzichten, auch weil die Schürfwunden an seinen Händen noch nicht verheilt waren und furchtbar juckten. Unwillkürlich strich sich Jarle über die Hände und ging in mäßigem Tempo in Richtung Linch. Er hatte wohl länger geschlafen als üblich, denn die Meisten waren schon weg, auf Beutezug oder sich einfach nur die Beine vertreten. Die, die noch da waren, waren überwiegend Frauen, die Fleisch einlegten oder Kleidung wuschen. Lia war auch schon weg, vermutlich war sie wie jeden Morgen gerade dabei die wenigen Lebensmittel die sie für sich allein hatte an die hungernden Kinder und Bettler auf der Straße zu verteilen, die nicht das Glück hatten von Linch aufgenommen zu werden. Natürlich wussten die meisten nicht wo sich genau der Meisterdieb von Thoke mit seiner Gefolgschaft versteckte, sonst hätte die Stadt schon eingegriffen. Die wenigen Außenstehende die davon wussten waren entweder selbst Verbrecher oder mit einem der hier unten lebte verwandt. Manchmal versuchte jemand sich unbemerkt in die Tunnel zu schleichen, aber Linch ließ alle erbarmungslos vertreiben, die nicht zu ihm gehörten, selbst im Winter wenn der Fluss und der Schweiß auf der Haut gefror. Nach einem solchen Winter gab es in Thoke fast keine Bettler oder Waisenkinder mehr. Jarle konnte sich mehr als glücklich schätzen, dass ihm und seiner Schwester ein solches Schicksal erspart blieb.
Linch saß wie üblich auf seinem Bett, und auch heute studierte er Tabellen, Karten und sonstiges Zeug. Als Jarle eintrat hob er nicht einmal seinen Kopf oder ließ sich sonst irgendwie anmerken, dass er von ihm Notiz nahm. Na toll. Jetzt lässt er mich warten, stellte Jarle düster fest und lehnte sich wartend an die Wand. Nach einiger Zeit hob Linch dann doch seinen Blick und beäugte ihn erfreut. Falscher Freude, wie Jarle vermutete.
„Jarle“, begrüßte er ihn knapp.
„Linch.“
„Immer noch wütend wegen deinem letzten Auftrag?“
„Nein, wieso sollte ich?“ Jarle hob die Augenbrauen. Warum sollte ich wütend sein? Ich bin doch nur um ein Haar von einem Dach gefallen, von Soldaten geschnappt und eingesperrt worden?
„Das meine ich auch, es war ja nicht der Rede wert. Aber nun zu etwas, was tatsächlich von Bedeutung ist. Sieh dir diese Karte an, was siehst du?“
Jarle spannte seine Fäuste an, trat aber einen Schritt vor um einen Blick auf das Papier zu werfen. Er konnte Straßen erkennen, ein verzweigtes Netz von kleinen und größeren Gassen, das sich im Westen konzentrierte.
„Eine Stadtkarte. Aber von welcher Stadt kann ich nicht sagen, die Straßenverläufe sind mir nicht bekannt.“
Linch lachte, diesesmal mit echter Erheiterung. Glucksend fragte er: „Ach nein? Eigenartig, da du doch in ihr aufgewachsen bist. Das hier ist eine Karte von Thoke, genauer gesagt eine Karte von der Kanalisation von Thoke. Alle Tunnel und Räume sind hier verzeichnet, auch der in dem wir uns gerade befinden.“
Jarle runzelte die Stirn und sah sich die Karte noch einmal an. Mit viel Fantasie konnte er tatsächlich die Grundzüge der Stadt erahnen. Entlang dem Fluss waren die meisten Tunnel, zur Hochwasserregulierung, in den unteren Vierteln nur wenige und in den oberen Vierteln konnte er die Anzahl der Tunnel nicht mehr zählen. Dort wohnten die Reichen und Adeligen, deren Häuser alle Zugang zur Abwasserentsorgung und somit zu den Tunneln hatten.
Mit gespieltem Desinteresse zuckte er nur die Schultern und bemühte sich um eine gelangweilte Mine.
„Na und? Eine Tunnelkarte. Was soll ich mit diesem Wissen anfangen?“
„Na und? NA UND?“, Linch war vor Empörung aus der Fassung geraten, „Diese Karte ist der Weg für die größten und erfolgreichsten Raubzüge aller Zeiten. Stell die nur vor wo wir überall hingelangen könnten? Normalerweise trauen sich nur Verrückte und Verzweifelte in dieses Labyrinth doch mit dieser Karte müssen wir weder das eine noch das andere sein.“ Er war rot angelaufen und vor Erregung aufgesprungen. Wieder zuckte Jarle nur mit den Schultern und rollte skeptisch mit den Augen.
„Soweit ich weiß, gibt es auch unzählige Tore in den Tunneln, verschlossene Tore. Sonst wären wir auch nicht hier, wo wir bei jedem Unwetter darum beten müssen, nicht zu ertrinken.“
„Das ist dank meiner überragenden Weisheit kein Hindernis auf dem Weg zu Ruhm und Reichtum“, er grinste überlegen und ließ sich wieder auf sein Bett nieder, „Dein verhasster Auftrag? Die Schlüssel die du gestohlen hast? Es sind die Schlüssel der Kanalisation in den unteren und mittleren Vierteln. Im Rest der Stadt gibt es keine unterirdischen Tore mehr.“
Ein unwohles Gefühl überkam Jarle, als er das verrückte Glitzern in Linchs Augen sah. Der uneingeschränkte Zugang zu allen Stadtvierteln und Häuser? Zu viel Macht in den Händen eines irren Diebes.
„Was genau hast du vor? In das Haus des Stadtherrn einbrechen und die Steuern stehlen?“ Inji wäre in schrecklicher Gefahr; wenn das tatsächlich Linchs Plan wäre. Innerlich verfluchte er sich, noch vor kurzer Zeit hatte er sich darüber lustig gemacht, dass genau das ein verrückter Plan wäre, der zu Linch passen würde, und nun lag es tatsächlich in seiner Macht.
„Zum Stadtherrn? Unfug, das wäre sinnlos. Meine Vögelchen haben mir gezwitschert, dass die Steuergelder nicht in seinem Haus sind, sondern in dem seines Bruders. Die Adeligen und ihre Pläne. Denken es wäre besonders clever etwas dort zu verstecken, wo es niemand sucht, aber anstatt das Geld in einer Festung zu horten, lassen sie es lieber in einem Herrenhaus. Mit dieser Karte wird es ein leichtes sein, dass Geld zu stehlen.“
Jarle stockte der Atem, selbst für den Tunnelkönig war dieser Plan mehr als verrückt. Nicht nur der Teil mit dem Einbrechen in ein Adelshaus, sondern viel eher das stehlen der Steuern. Bei jedem anderen Geld hätte Jarle nur die Achseln gezuckt und nichts gesagt, schließlich waren das nur kleinere Beträge und die Besitzer der Geldbörsen die er stahl waren Händler die es nicht weiter kümmern sollte, wenn sie mal statt frischem Hirsch, nur Rebhuhn zum Abendessen bekamen, schließlich kämpften zur selben Zeit andere in der Kälte um das Überleben. Bei Steuergeldern war es vollkommen anders. Sie kamen von allen, auch von den armen Familien, die wegen diesen Abgaben mit leerem Magen zu Bett gingen. Dieses Geld zu stehlen war nicht nur falsch, sondern es war ehrlos. Außerdem bestand die Gefahr, dass der Stadtherr, wenn er den Verlust bemerkte, erneut Steuern eintrieb, was viele Menschen in den endgültigen Bankrott treiben würde. Jarle schüttelte den Kopf, was ihm einen teils erstaunten, teils erbosten Blick von Linch einbrachte.
„Ein Problem damit, Junge?“
„Linch, bei allem Respekt…“, begann er zu erklären, wie konnte er nur einen Verrückten überzeugen vernünftig zu sein, „Aber das kann nicht richtig sein. Wir bestehlen damit nicht die unterdrückende Obrigkeit, sondern auch die Armen. Die Menschen die so sind wie wir, ausgestoßen.“
„Die Armen? Die Armen die Steuern zahlen sind nicht arm. Sie haben ein Dach über dem Kopf, genießen den Schutz des Königs und können sich frei bewegen. Was schaust du mich so schockiert an? Du denkst an die armen, armen Küchenmägde die sich den ganzen Tag die Finger wund arbeiten und abends mit ein paar Talern müde in ihr Bett zu fallen? Vielleicht überrascht dich das Folgende. Jede Küchenmagd hat ein eigenes Bett, hast du eins? Nein. Hier unten schlafen alle auf dem steinigen Boden. Ihre Herzen sind erfüllt mit Angst. Angst vor dem Tod und Angst vor dem Leben, denn was hat es uns allen geboten? Nichts als Enttäuschung, Verlust und Elend. Jeder hier unten hat es um Welten schwieriger, als jeder dort oben. Freudenmädchen führen ein glücklicheres Leben als wir. Sie fragen sich höchstens wann sie zu alt sind für ihren Beruf oder schämen sich für ihn. Wir können uns keine Scham leisten, denn selbst dafür haben wir zu wenig Geld. Das einzige was uns hier unten gehört ist unser Wille. Hab kein Mitleid mit der ach so armen Küchenmagd, die ein paar Schwielen an den Händen hat, hab lieber Mitleid mit Thaben, der seine Hand erst vor ein paar Tagen verloren hat, weil er ein bisschen Obst für uns stehlen wollte.“
Jarle sah betreten zu Boden. Auch wenn man sich leicht darüber lustig machen konnte, dass Linch womöglich in den Klang der eigenen Stimme verliebt war, so musste man auch zugeben, dass er überzeugend war. Im Grunde konnte Jarle ihm auch zustimmen. Niemand hier unten konnte sich überhaupt den Luxus leisten Steuern  zu bezahlen, also warum Mitleid haben mit denen haben, die es konnten, die Nachts nicht eingesperrt wurden wenn eine Wache sie entdeckte und nicht über Dächer springen mussten um sich ein Recht auf einen Schlafplatz auf dem immer feuchten Boden zu verdienen. Stopp, unterbrach Jarle seine eigenen Gedanken, die ihn in eine gefährliche Richtung lenkten, Es ist dennoch nicht richtig. Nur weil es mir schlecht geht, muss ich doch nicht dafür sorgen, dass es anderen ebenso schlecht geht. Sicher, ich stehle, aber nur damit ich überlebe, nur wenn es notwendig ist. Dieser Raubzug ist nicht unbedingt notwendig.
Linch beobachtete Jarle ganz genau, und wie immer hatte er das Gefühl, als ob der alte Mann genau wusste was in ihm vorging. Eine der nervigsten Angewohnheiten von Linch.
„Jarle“, er sprach nun mit bedrohlich sanfter Stimme, „Wir benötigen dieses Geld. Denkst du, dass keine einzige Wache von uns weiß? Ich bezahle für ihr Schweigen und unsere Sicherheit, aber mittlerweile verlangen sie mehr als früher und das Geld wird nicht mehr lange reichen. Auch unsere Medikamente sind mehr als knapp, und was machen wir wenn wir weder Geld noch Medizin haben? Ich sag es dir, wir werden sterben wie die Fliegen und die Tunnel werden nicht mehr mit Gelächter und Fackelschein erfüllt sein, sondern mit Tod und Tränen.“
Jarle gab sich geschlagen und ließ sich benommen auf einen Stuhl sinken. Zu viele neue Informationen durchschwirrten seinen Kopf und ließen ihn nicht mehr klar denken.
„Wozu brauchst du mich?“
„Du wirst mich in das Herrenhaus begleiten. Du, Soran und Nestor.“
„Nestor?“ Verwirrt blickte Jarle auf. Das Soran bei Linch blieb war nicht verwunderlich. Er war einer derjenigen, die Linch nahezu anbeteten und nebenbei war er ein guter Kämpfer, da er in seinem ersten Leben bei der königlichen Wache gearbeitet hatte. Doch Nestor war ein dürrer und alter Mann, mit schütterem Haar und ohne Kampferfahrung, sein einziges Talent war das Jonglieren und vielleicht noch ein paar Zaubertricks.
„Das hat seine Gründe, vertrau mir“, zwinkerte Linch ihm zu.
„Und warum Ich?“
„Das fragst du noch? Du hast die Schlüssel besorgt, bist klein, unauffällig und schnell. So jemanden wie dich kann ich immer gebrauchen.“
Jarle nahm das so hin, da er ohnehin keine genauere Erläuterung bekommen würde und verließ den Raum, nachdem Linch verkündet hatte, dass sie bei Abenddämmerung aufbrachen. Bis dahin waren es aber noch einige Stunden und aus diesem Grund zog er wie die anderen Bandenmitglieder los.

Als die Dämmerung endlich begann sprang Jarle ungeduldig auf, er wollte es so schnell wie möglich hinter sich bringen, besonders weil er schon früh wieder zurück gekommen war, um sich auszuruhen, aber jetzt vor lauter angestauter Energie nicht mehr ruhig sitzen konnte. Lia stand auf einmal vor ihm und hielt ihm einen halben Laib Brot hin.
„Du bist doch sicherlich am Verhungern, oder?“, fragte sie und lächelte ihn auf ihre mütterliche Art und Weise an, „Du hast das Frühstück verpasst und das Abendessen wirst du, nachdem was ich so höre auch verpassen.“
Jarle grinste sie dankbar an, sein Magen knurrte tatsächlich laut auf, als er das Brot sah und nahm es dankbar entgegen. Gierig verschlang er es und sah sie danach schuldbewusst an.
„Tut mir leid. Ich hätte dir was übriglassen sollen…“
Lia lachte hell auf, „Ich verpasse ja nicht das Abendessen und kann deine Portion auch noch essen, aber entschuldige dich besser für das Schlingen. Das zeugt nicht gerade von guten Manieren.“ Ihr Lächeln zeigte, dass sie es nicht ernst meinte, aber Jarle glaubte, dennoch einen tadelnden Unterton zu hören.
„Entschuldige Mama, kommt nicht wieder vor.“ Er grinste sie schelmisch an, aber Lias Gesicht verdüsterte sich für einen Moment. Wie konnte er nur so etwas sagen? Er wusste doch, dass sie sich vergeblich Kinder wünschte. Sofort versuchte er sich an einer Entschuldigung, aber Lia winkte nur ab und zog ihn an sich.
„Ist schon gut. Aber du solltest los, Linch ist schon auf dem Weg.“
Jarle erwiderte ihre Umarmung und zog sich innerhalb weniger Augenblicke seine Schuhe an, denn Linch kam tatsächlich schon mit großen Schritten in seine Richtung.
„Komm schon, Junge. Wir haben nicht ewig Zeit“, drängte er ohne stehen zu bleiben und Jarle folgte ihm, Soran und Nestor zügig.
„Jarle!“, rief Lia ihm hinterher, „Pass auf dich auf!“
Jarle drehte sich im Gehen kurz um und winkte ihr zum Abschied bevor sie in einen der dunkleren Tunnel abbogen.

Die Richtung in die Linch sie führte war für Jarle unbekannt, noch nie war er außerhalb der beleuchteten Tunnel gewesen. Wozu auch? Die meisten kehrten nie wieder zurück und auch jetzt zögerte Jarle bei jedem Schritt. Den anderen, bis auf Linch schien es ähnlich zu ergehen. Nestor hatte eine Fackel in den Händen, die einen zittrigen Schein auf die Wände warf und Soran umschloss grimmig den Knauf seiner Axt. Linch dagegen hielt die Karte und blieb vor jeder Abzweigung kurz stehen, holte gelegentlich einen Kompass aus der Tasche und prüfte, ob sie noch in die richtige Richtung gingen. Nach einer Zeit liefen sie in knöcheltiefem Wasser, in dem Dinge schwammen, von denen Jarle nicht wissen wollte was es war, auch wenn er es sich leider denken konnte. Die Hosen und Schuhe der Gefährten waren schon nach einiger Zeit durchweicht und der Gestank der immer stärker wurde, wurde zur Gewohnheit, sodass man ihn nur noch eingeschränkt wahrnahm.
Keiner sprach ein Wort, bis Linch immer langsamer ging und immer länger auf den Kompass starrte. Nestor wechselte die Fackel immer öfter von der einen in die andere Hand um sich den Schweiß an Hemd und Hose abzuwischen, bis er endlich aussprach, was sich Jarle schon seit mindestens fünf Abzweigungen fragte.
„Verzeiht die Frage, aber…“, er schluckte schwer und sah sich unwillkürlich um, „Bist du sicher, dass wir noch in die richtige Richtung gehen?“ Linch blieb stehen und drehte sich bedrohlich langsam um, Nestor wich ein paar Schritte zurück und umklammerte die Fackel mit beiden Händen. Die Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben, warum nur hatte Linch diesen ängstlichen alten Mann mitgenommen, dass er nicht darum gebettelt hatte mitkommen zu dürfen war offensichtlich.
An der Stelle von Linch ergriff Soran das Wort und baute sich vor Nestor auf: „Du zweifelst an unserem Anführer? Wer bist du, um ihn so zu beleidigen?“
Nestor zuckte in Erwartung eines Schlages zurück und stotterte: „Nein, ich… Ich wollte natürlich niemanden beleidigen. Wie… Das käme mir nie in den Sinn.“ Linch schwieg noch immer und betrachtete Nestor mit kalten Augen. Wir haben uns also trotz Karte verlaufen. Welche Überraschung, dabei sind Linchs Pläne doch immer so perfekt durchdacht, dachte Jarle mit einem Anflug von Selbstgefälligkeit. Wären sie noch auf dem richtigen Weg, hätte Linch nur hochnäsig geschnaubt und wäre weiter gegangen, doch so hatte er einen Vorwand noch länger innezuhalten, um vergeblich zu versuchen sich zu orientieren.
„Beruhige dich Soran“, sagte er anstelle seiner Gedanken, um zu verhindern, dass sich Nestor in die Hosen pinkelte oder Soran seine Axt zog. Der verlagerte aber seine Wut nun auf Jarle und wollte schon anfangen ihn anzubrüllen, doch Linch hob die Hand und er schloss widerwillig den Mund.
„Sind wir noch auf dem richtigen Weg Linch? Ja oder Nein?“
„Viele Wege führen zum Ziel, Junge. Ich gebe zu, dass wir nicht auf dem eigentlich geplanten Weg sind, doch führt uns auch dieser zum Ziel, wir müssen uns nur Richtung Westen halten.“ Linch versuchte eine Selbstsichere Mine aufzusetzen, doch Jarle konnte die Risse in dieser Fassade erkennen und seufzte laut auf.
Linch, froh darüber von sich abzulenken, keifte ihn zornig an: „Was stöhnst du da, du Kind? Denkst du etwa, dass du es besser kannst? Dann nur zu, versuch es, dann finden wir mit Gewissheit schneller den Tod.“
Jarle schien es, als sei es Linch wirklich lieber wenn er die Karte nahm, damit man ihm nicht mehr die Schuld geben konnte, tatsächlich schien Linch sogar verzweifelt zu sein und die Angst war ihm in sein Gesicht geschrieben. Achselzuckend ergriff Jarle die Karte und versuchte sich zu orientieren, nutzlos, daher sah er sich stattdessen genau um. Sie standen vor einer Abzweigung mit drei Wegen, einer führte leicht nach unten, der zweite nach oben, und der letzte schien eine scharfe Linkskurve zu beschreiben. Jarle wusste in dieser Situation nicht viel, aber er wusste, dass sie noch nicht lange unterwegs waren um wieder nach oben zu gehen, und nach unten schien ihm auch keine Lösung, deswegen entschied er sich für den Gang ganz links, der sie ein ganzes Stück ohne eine weitere Abzweigung in Richtung Norden führte. Linch hatte die Arme in einer Pose der Selbstgefälligkeit verschränkt, Soran lief hinter ihm und neben Jarle ging der alte Nestor mit der Fackel voraus. Er schien nicht gerade glücklich zu sein, dass ein Junge, der ohne Probleme sein Enkel oder Urenkel sein könnte die Karte hielt und sie durch ein Labyrinth führte, verübeln konnte er es ihm nicht, schließlich hatte er selbst keine Ahnung was er eigentlich tat.
An der nächsten Abzweigung entschied er sich wieder für den Gang ganz links, da er hoffte durch den wieder eine Linkskurve zu begehen und wieder nach Westen zu kommen, doch stattdessen gingen sie immer weiter Richtung Norden. Gerade wollte Jarle die Karte abgeben und widerwillig eingestehen, dass er keine Ahnung hatte wo sie waren, als der Gang in einer Sackgasse endete.
Linch lachte boshaft auf, wahrscheinlich um seine Angst zu unterdrücken. Soran rührte sich nicht und Nestor ließ vor Entsetzten fast die Fackel fallen. Laut verkündete er immer wieder ihren nahen Tod, als Jarles Aufmerksamkeit geweckt wurde. Irgendetwas kam ihm seltsam vor, man legte doch in einem Abwassersystem keine Sackgassen an. Prüfend sah er zur Decke, nein, keine Öffnung, sonst könnten sie nach oben klettern und sich neu orientieren. Durcheinander legte er eine Hand auf die Wand und dachte fieberhaft nach. Was konnten sie tun, wie konnten sie sich orientieren, wo…? Seine Finger erstarrten und aufgeregt kratze er die Algen von der Wand. Ein Freudenschrei entfuhr ihm. Endlich! Ein Anhaltspunkt. Seine Finger hatten ihn nicht enttäuscht, auf die Wand waren Buchstaben geprägt, und nachdem alle Pflanzen weg waren, konnte man auch lesen, was da stand.
Mittleres Viertel. Entsorgungstor Ѧ
Den Buchstaben hinter dem vorletzten Wort kannte er nicht, aber das war ihm im Moment mehr als egal, auch seine Begleiter stimmten in den Jubel ein. Nun gut, nur Nestor stimmte ein, Soran blieb stumm und Linch wirkte wenigstens erleichtert. Wo ein Tor ist, ist auch ein Schlüsselloch… dachte sich Jarle und tastete die Tür ab, bis er das Schloss fand, es war am oberen Rand, zu hoch für ihn, aber Linch steckte den Schlüssel eifrig in das Schloss. Die Tür ächzte leicht und tat sich einen Spalt auf. Soran zog mit aller Kraft, bis sich die Tür wenigstens weit genug geöffnet hatte, dass er seinen breiten Körper gerade noch durchquetschen konnte. Für die übrigen war es leichter durch das Tor zu kommen, und endlich wusste Jarle auch wo sie waren. Auch Linch wusste das, und riss ihm die Karte aus den Händen.
"Gut gemacht, Junge. Doch jetzt lass mal einen Erwachsenen ran.“
Jarle verdrehte die Augen um sich davon abzuhalten zu schreien. Er war ohnehin von sich beeindruckt, dass er so ruhig und gelassen geblieben war. Früher wäre er ausgerastet, vielleicht hatte er sich verändert. Seine Mutter hatte immer gesagt, dass sein Temperament mehr Fluch als Segen wäre und ihn einen Hitzkopf genannt. Traurig erinnerte er sich an sie, und folgte Linch schweigend durch den nassen Tunnel.

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    Eine tolle Geschichte! Man ist richtig gefesselt! 5/5

beta
Fairy Dust

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