Epilog

Müde rieb Hermine sich ihre Augen. Es war erstaunlich, was ein halbes Jahr ohne Bibliothekarin mit einer Schulbücherei anstellen konnte. Die wenigen Schüler, die seit der Schlacht um Hogwarts noch zur Schule gegangen waren, hatten sich offensichtlich wenig darum gekümmert, die benutzten Bücher an ihren Platz – oder überhaupt – zurück zu stellen. Es war eine mühevolle Arbeit, Ordnung in dieses Chaos zu bringen, doch die Katalogisierung der malfoyschen Bibliothek hatte Hermine genug Übung darin gegeben.

Obwohl der Sieg über Voldemort erst wenige Wochen her war, erschien ihr mittlerweile ihre Zeit als Sklavin der Familie Malfoy wie ein weit entfernter, böser Traum. Seit sie das Anwesen verlassen hatte, hatte sie Lucius Malfoy nicht mehr wiedergesehen. Sie wusste, dass er all sein übrig gebliebenes Vermögen gespendet hatte, um Hogwarts zu restaurieren und all jenen Zauberern, die der Sklaverei lebend entkommen waren, unter die Arme zu greifen. Ohne seinen Einsatz wäre es gewiss nicht möglich gewesen, so rasch eine rudimentäre Verwaltung im Zaubereiministerium wieder aufzubauen.

Wenn es nicht so traurig gewesen wäre, hätte Hermine am liebsten gelacht. Nicht alle Hexen und Zauberer, die während Voldemorts Herrschaft im Ministerium gearbeitet hatten oder in Hogwarts Lehrer gewesen waren, waren auch Todesser gewesen. Sie hatten, kaum dass sich die Kunde von dem, was Weihnachten in Malfoy Manor geschehen war, verbreitet hatte, die Seiten gewechselt und sich dem, was man nun als „Seite des Lichts“ bezeichnete, angeschlossen. Hermine traute niemanden von diesen Menschen, doch würde man auch sie aus der Verwaltung ausschließen, wäre es unmöglich gewesen, irgendetwas wieder aufzubauen. Sie brauchten diese Hexen und Zauberer, auch wenn ihre Loyalitäten zweifelhaft erschienen.

Da sie die einzige vom Goldenen Trio war, die überlebt hatte, hatte man ihr die Ehre angetragen, Zaubereiministerin zu werden. Sie hatte natürlich abgelehnt. Stattdessen hatte sie ihren ehemaligen Lehrer für Zauberkunst, Professor Flitwick, vorgeschlagen, der wie durch ein Wunder ebenfalls noch am Leben war. Der alte, aber äußerst gewitzte Zauberer hatte sich zunächst geziert, doch schließlich hatte er ihrem Drängen nachgegeben. Es war ihm zu verdanken, dass die Verwaltung so rasch wieder auf die Beine gekommen war und sich in England langsam so etwas wie Normalität einstellte.

„Störe ich?“

Hermine zuckte zusammen. Sie kannte diese Stimme nur zu gut. Wenn sie ehrlich zu sich war, hatte sie diese Stimme in den letzten Wochen oft genug in ihren Träumen gehört und sie am Tag häufig vermisst.

Lächelnd blickte sie zu Lucius Malfoy auf: „Niemals.

Angespannt beobachtete sie, wie er sich ihr gegenüber am Tisch niederließ, die Beine überschlug und seinen eleganten Spazierstock sorgfältig an der Tischkante anlehnte. Schweigen breitete sich aus, während beide damit beschäftigt waren, sich gegenseitig zu mustern. Hermine meinte, eine große Müdigkeit in seinen Augen zu sehen, doch insgesamt sah er besser aus als im letzten halben Jahr. Der Sturz seines einstigen Herrn hatte ihm offenbar gut getan.

„Ich war gerade bei Dracos Grab“, durchbrach Lucius schließlich die Stille. „Es ist immer noch unverständlich für mich, wieso mein Sohn vor mir sterben musste.“

Niedergeschlagen blickte Hermine auf ihre Hände. Obwohl sie wusste, dass es Unsinn war, hatte sie sich noch immer nicht von ihren Schuldgefühlen lösen können. Wenn sie Draco nichts erzählt hätte, wäre er jetzt noch am Leben. Ihr war bewusst, dass Lucius Malfoy in dem Kampf seine gesamte Familie verloren hatte, während ihre eigene geschützt von ihrem Gedächtniszauber noch wohlbehalten in Australien lebte. Sie war noch nicht bereit, ihre Erinnerung wieder zu korrigieren, aber immerhin hatte sie noch Familie.

„Hermine“, flüsterte Lucius beinahe unhörbar, „ich brauche dich. Ich habe die ganzen letzten Wochen versucht, ohne dich zu leben. Habe mich in Arbeit gestürzt, mich mit anderen Menschen umgeben. Ich habe meine eigene Ehefrau getötet und meinen Sohn verloren. Ich bin noch nicht bereit dazu, den Rest meines Lebens alleine zu sein“, erklärte er ernst, während er eine Hand ausstreckte und sie auf Hermines ablegte. „Bitte, komm zu mir zurück.“

Gegen ihren Willen traten Tränen in Hermines Augen. Sie wusste, dass unter der arroganten Schalte von Lucius Malfoy ein Mann steckte, der nie gelernt hatte, sich seinen Gefühlen zu stellen und entsprechend oftmals von ihnen übermannt wurde. Dass er sich ihr jetzt so offen und verwundbar präsentierte, berührte sie. Und machte sie traurig.

„Ich kann nicht“, erwiderte sie ebenso leise, während sie sanft seine Hand drückte. „Es wäre falsch. Wir beide sind nicht füreinander geschaffen.“

Wütend beugte Lucius sich vor: „Warum sagst du das? Was fehlt uns denn? Keine Frau hat mir jemals so viel gegeben wie du. Und denkst du wirklich, irgendein Mann kann dich so verstehen, wie ich es tue? Ich kenne alles an dir. Ich kenne deine geheimen Sehnsüchte, ich kann deine Lust befriedigen, ich kann…“

Vorsichtig unterbrach Hermine ihn, ehe er noch mehr sagte: „Ich liebe dich nicht.“

Verblüfft sackte Lucius zurück in seinen Stuhl: „Du … nicht?“

Mit einem traurigen Lächeln schüttelte Hermine den Kopf: „Was zwischen uns war, geschah in einer Ausnahmesituation. Wir haben uns gebraucht. Du hast mir geholfen, mehr über mich zu lernen, als ich jemals für möglich gehalten habe. Aber … ich liebe dich nicht.“

Sie hatte lange und oft über ihre Beziehung zu Lucius Malfoy nachgedacht. Sie vermisste ihn, sie vermisste seine Berührung, seine Nähe. Sie vermisste das Gefühl, von ihm gebraucht zu werden. Und doch, sie hatte gespürt, instinktiv begriffen, dass ihr Herz in eine andere Richtung wies. Ihr Körper erinnerte sich an seine Berührung, doch ihre Seele strebte nach einem anderen Mann.

Wieder legte sich ein bedrückendes Schweigen über beide, während Lucius offensichtlich darum bemüht war, nicht vollkommen auseinander zu fallen. Nervös beobachtete Hermine sein Mienenspiel. Sie wusste nur zu gut, wie schnell er von sanft und fürsorglich in aufgebracht und gefährlich umschlagen konnte, doch schließlich hatte er sich wieder unter Kontrolle, ohne wütend zu werden.

„Ich werde wohl selbst herausfinden müssen, was ich jetzt mit meinem Leben anfangen soll.“

„Das Ministerium kann jede helfende Hand gebrauchen und ich bin mir sicher, nach allem, was du getan hast, wird Professor Flitwick dich mit Kusshand nehmen“, schlug Hermine vor. Obwohl überhaupt kein Anlass dazu bestand, hatte sie ein schlechtes Gewissen, als hätte sie Lucius hängen lassen und sei ihm nun etwas schuldig. Zu ihrer Erleichterung ergriff er in diesem Moment seinen Stock mit dem Schlangenkopf und stand auf.

„Ich werde schon was finden, Hermine, ich bin ein erwachsener Mann“, sagte Lucius mit einem wissenden Grinsen auf den Lippen. Erleichterung durchströmte Hermine. Das war der Lucius Malfoy, den sie kannte. So verletzlich er unter seiner dicken Haut auch sein mochte, am Ende war er immer noch der stolze Nachkomme eines uralten Zauberergeschlechts, ein Mann, der immer etwas finden würde, was seiner Aufmerksamkeit wert war. Mit einem schiefen Grinsen schaute sie zu ihm hoch: „Ja, das hätte ich beinahe vergessen.“

„Werde nicht frech, junge Dame!“, drohte Lucius spielerisch, doch sofort wurde er wieder ernst und trat auf sie zu. Mit einer Bewegung, die keinen Widerstand ermöglichte, zog er sie von ihrem Stuhl und in seine Arme: „Falls du es dir jemals anders überlegen solltest: Mein Haus steht dir jederzeit offen. Ich werde auf dich warten, Hermine, egal, wie lange es dauert. So leicht gebe ich nicht auf.“

Ein Schauer lief Hermine über den Rücken, während sie sich in seine Arme kuschelte und ihre Nasenspitze an seiner Brust rieb. Sie war versucht, der Verlockung nachzugeben, doch sie wusste einfach zu gut, dass eine ernsthafte Beziehung mit diesem Mann in einer Katastrophe enden würde. Langsam löste sie sich wieder aus der Umarmung und blickte zu ihm hoch: „Danke. Es bedeutet mir sehr viel, das zu hören, auch wenn ich es nicht erwidern kann.“

„Das werden wir ja sehen“, erwiderte Lucius mit einem leichten Lächeln, ehe er sie endgültig losließ und sich zum Gehen wandte. Kurz bevor er die Tür erreichte, drehte er sich noch einmal um: „Vielleicht werde ich ja Lehrer hier, genug offene Stellen gibt es. Und wenn du mich täglich siehst, überlegst du es dir vielleicht wirklich noch anders.“

Dann, ohne ihr eine Chance zum Antworten zu geben, lachte er leise in sich hinein und verschwand endgültig. Mit offenem Mund schaute Hermine ihm nach. Das konnte er unmöglich ernst meinen. Kopfschüttelnd sammelte sie ihre Papiere zusammen, um den Schuldirektor aufzusuchen. Es war schon spät am Abend, da würde er gewiss nicht mehr in seinem Büro sein, doch sie hatte eine gute Vorstellung davon, wo sie ihn finden konnte.

oOoOoOo

Der kühle Frühlingswind ließ Hermines Haare wild um ihr Gesicht tanzen, während sie mit leisen Schritten auf die schwarze Gestalt am Rande des Astronomieturms zuging. Sie hatte gewusst, dass er hier sein würde. Er war immer hier.

„Guten Abend, Miss Granger.“

„Sir.“

„Wie geht es in der Bibliothek voran?“

„Ich verstehe langsam, warum Sie so oft über Ihre Schüler gemeckert haben. Es ist unfassbar, wie viel Chaos die anrichten können“, sagte Hermine mürrisch, „doch ich denke, ich kriege es langsam in Griff.“

„Das ist gut zu hören“, antwortete Snape mitleidslos, „denn wenn wir den Unterricht demnächst wieder vollständig aufnehmen wollen, brauchen wir dringend eine gut geordnete Bibliothek.“

„Jawohl.“

Stumm stand Hermine neben Snape und schaute in die Dunkelheit der Nacht hinaus. Es war eine Überraschung für sie gewesen, dass er tatsächlich seine Stelle als Schuldirektor von Hogwarts hatte fortführen wollen, doch, so hatte sie sich überlegt, irgendetwas musste ihn ja damals überhaupt dazu veranlasst haben, Lehrer zu werden. Vielleicht schätzte er den Umgang mit Schülern ja doch, wenn diese sich nicht gerade übertrieben ungeschickt anstellten.

„Ich habe heute Longbottom als Lehrer für Kräuterkunde eingestellt“, kam es unerwartet von Snape. Überrascht schaute Hermine ihn an. Sein Tonfall war noch immer emotionslos, doch sie meinte, trotz der Dunkelheit ein Zucken um seinen Mundwinkel wahrnehmen zu können.

„Freut mich, das zu hören“, gab sie so gelassen wie möglich zurück. Dass Snape ausgerechnet Neville vertrauen würde, war mehr, als sie erwartet hatte. Und dass Neville den Mut aufgebracht hatte, überhaupt mit Snape zu reden, grenzte ebenfalls an ein Wunder.

„Er wird erst nach den Sommerferien anfangen, bis dahin können wir auf dieses … bedeutende Schulfach gewiss verzichten. Ich habe ihm die Lehrpläne gegeben, damit er sich vorbereiten kann.“

Mühsam unterdrückte Hermine ein Kichern. Sie konnte sich ungefähr vorstellen, für wie wichtig Snape Kräuterkunde hielt, auch wenn er nicht leugnen konnte, dass er als Meister der Zaubertränke stets von einem guten Gewächshaus profitierte.

Sie genoss es, hier neben ihm zu stehen, schweigend, beide in ihre Gedanken vertieft, aber einander nahe. Obwohl sie nur selten miteinander redeten und sich ihre Konversation auch dann auf das Nötigste beschränkte, hatte Hermine doch das Gefühl, Severus Snape in den letzten Wochen noch näher gekommen zu sein. Sie trugen beide noch immer die Narbe, die die Vergewaltigung bei ihnen hinterlassen hatte, beide trauerten um verstorbene geliebte Menschen und fühlten sich für den Tod verantwortlich. Immer wieder hatte sie das Bedürfnis, Snape einfach zu packen, fest in ihre Arme zu schließen und ihm all die schweren Schuldgefühle und Schatten der Vergangenheit abnehmen zu können. Oder ihn einfach zu küssen.

„Haben Sie sich schon entschieden, ob Sie dauerhaft als Bibliothekarin hier bleiben wollen?“, unterbrach da seine monotone Stimme ihre Gedanken.

„Ja“, erwiderte sie fest, „ich werde hier bleiben. Und, falls Sie nicht bald einen geeigneten Kandidaten finden, ich würde gerne Zauberkunst unterrichten, zumindest bis zum Sommer. Das würde Ihnen Zeit geben, einen guten Lehrer zu finden.“

Sie spürte mehr als dass sie sah, wie Snape sich zu ihr rumdrehte und auf sie hinab schaute. Lange blieb er stumm, als wüsste er nicht, was er sagen sollte. Nervös senkte Hermine den Blick. Snape hatte sie gefragt, ob sie bleiben wollte und sie hatte sich Zeit gelassen mit ihrer Antwort. Es gab so viel zu tun nach der Herrschaft von Voldemort, überall wurden helfende Hände gebraucht. Bibliothekarin in Hogwarts war sicher nicht die dringendste Aufgabe. Deswegen hatte sie gezögert. Doch schließlich, besser gesagt, an diesem Abend war sie zu dem Entschluss gekommen, dass es nun an anderen war, sich aufopferungsvoll einzubringen. Sie hatte ihren Beitrag geleistet. Jetzt brauchte sie Ruhe. Und etwas, was sie wirklich gerne tat. In Hogwarts fühlte sie sich heimisch, den ganzen Tag mit Büchern zu verbringen klang wundervoll. Und außerdem konnte sie so Snape nahe sein.

„Ich freue mich, das zu hören, Miss Granger“, sagte dieser endlich und Hermine meinte, zum ersten Mal wahre Freude in seiner Stimme zu hören. Mit klopfendem Herzen schaute sie wieder zu ihm hoch: „Dann sind wir jetzt offiziell Kollegen?“

„Ja, das sind wir“, stimmte er ihr zu und noch immer lag diese Wärme in seiner Stimme, während er anfügte: „Als Kollegen sollten wir auf diese ganzen Höflichkeitsfloskeln verzichten. Hermine.“

Ihr stockte der Atem. Bei dem Gedanken daran, Snape beim Vornamen zu nennen, schlug ihr Herz noch schneller. Errötend – und dankbar darüber, dass die Dunkelheit dies verbarg – murmelte sie: „Severus. In Ordnung.“

Gleichzeitig drehten sie sich wieder dem Ausblick auf die dunkle Landschaft zu, doch Snape war näher an sie heran gerückt. Wenn sie ihre Hand nur wenige Millimeter nach links bewegte, könnte sie seine berühren. Sie war sich seiner Nähe so bewusst, dass sie beinahe nicht atmen konnte. Sie wollte ihm nahe sein, seiner Seele und seinem Körper. Dieser alte, grummelige Mann war ihr so überraschend ähnlich, dass sie einfach nicht anders konnte, als sich zu ihm hingezogen fühlen. Er hatte ihr einst unterstellt, in ihn verliebt zu sein. Egal, ob es da schon der Fall gewesen war, jetzt war es unbestreitbar so.

Mit angehaltenem Atem streckte sie ihren kleinen Finger aus und tastete nach seiner Hand. Kaum dass sie ihn berührte, zuckte er weg, doch noch ehe sie sich enttäuscht zurückziehen konnte, schloss er seine warme Hand fest um die ihre.

Langsam atmete Hermine aus und schloss die Augen. Gab sich ganz dem Gefühl hin, das von ihren verbundenen Händen aus in jede Faser ihres Körpers drang. Als sie schließlich die Augen wieder öffnete, wagte sie es nicht, zu ihm hochzuschauen. Schweigend genoss sie das Gefühl der Nähe. Das Gefühl der Sicherheit. Der Sicherheit, dass er ihr ebenfalls nahe sein wollte, dass es sich gut anfühlte, ihn zu berühren und dass ihr Körper nicht mehr instinktiv mit Abscheu reagierte, wenn sie seine Haut auf ihrer spürte.

Lächelnd blickte sie in die Dunkelheit. Die Schatten der Vergangenheit würden sie beide niemals loslassen, aber sie hatten eine Zukunft vor sich. Eine gemeinsame Zukunft. Das war alles, was zählte.

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