Equilston - Korsakow

„Du wachst einmal in 'nem Krankenhaus auf und weißt nicht wo du bist .. wenn's danach nochmal passiert isses lang nicht mehr so spannend“
Die Frau auf der Kante des Nachbarbettes lies die Beine baumeln und blickte genau an ihm vorbei. Er war nun schon seit zwei Tagen hier, eigentlich in einem Einzelzimmer untergebracht, bis sein „Fall geklärt “ sei, wie es der Oberarzt mit offener Verblüffung in der Stimme ausgedrückt hatte. Bis vor etwa drei Stunden eine Schwester heringekommen war und verkündete er würde nun Gesellschaft bekommen. Sie sagte das so, als sei es einzig und allein um ihn einen Gefallen zu tun, aber wenn eine Pflegekraft oder ein Arzt das Zimmer verließen, hörte er durch die kurz offen stehende Tür die hastigen Schritte der gestressten Pfleger und die Stimmen von Patienten die eindeutig auf dem Flur untergebracht waren. Die komplette Überfüllung. Also saß nun diese Frau in seinem Zimmer, quasselte vergnügt auf ihn ein und sah ihn nie an. Sie war wohl ehemals ein Blickfang gewesen, weiß, groß gewachsen, mit Haaren welche in faszinierenden Farbnuancen schimmerten, von warmen gold bis zu cremigen hellbraun. Sie fingen den schmalen Streifen Sommerlicht der durch die Gardinen dran ein und es fiel ihm erst sehr schwer sich von dem Anblick loszureißen. Doch bei näherer Betrachtung, verflog der erste Schein. Unter den Haaren war ein herauswachsender Ansatz von dunklen matten Farben zu sehen. Ihre Figur war wohl einst sinnlich geschwungen gewesen und ihre Haut markellos, jetzt war sie dürr, zerbrechlich wie ein trockener Ast und es lagen dunkle Schatten unter ihren Augen. Die Schatten mochten wohl nicht ganz zu den feinen Lachfältchen passen, die jedes mal entstanden ,wenn sie mit ihm sprach, also praktisch die ganze Zeit.
Sie hatte sich nach wenigen Minuten der Orientierung freudig in einen Monolog mit ihm gestürzt. Sie war wohlbekannt im Krankenhaus, da sie aufgrund ihrer Anorexie des öfteren umkippte.
Gerade hatte sie angefangen Equilston, der schweigsam zuhörte, zu erzählen, wie  in der Klinik über ihn getratscht wurde. Da wollte er es schon gar nicht mehr hören.
Er, der Mann ohne Diagnose und augenscheinlich auch ohne Problem, der trotzdem ans Bett gefesselt wurde. Er fand die Frau nicth unsympathisch und nach ein paar Tagen mit ihr als Zimmergnossin sah er es als ein herrliches Geschenk an, nach einem Untersuchungsmarathon einfach nur da zu liegen und ihrer leicht rauen Stimme zu lauschen und nur ab und zu zustimmend grunzen zu müssen. Manchmal aber, wenn er wollte, dass sie ihn in Ruhe lies, stellte er sich schlafend. Oft blickte er dabei einfach stumm aus dem Fenster und betrachtete den belebten Park des Gebäudes. Wenn sie lange genug nichts von ihm hörte, verstummte sie irgendwann und find wieder an das Kuscheltier abzutasten, welches einer der Ärzte ihr am Tag ihrer Einlieferung geschenkt hatte.

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