Er hatte Angst.

Er hatte Angst es ihr zu sagen. Er wollte es ihr sagen, weil er so fühlte, aber er hatte Angst falsch verstanden zu werden. Er wollte ihr sagen, wie schön ihr Körper geformt war. Er wollte ihr sagen, wie schön sie sich bewegte, aber er konnte nicht. Er hatte Angst, dass ihm vorgeworfen werde, er schaue nur auf den Körper, er objektifiziere, er hatte Angst, er sei ein Sexist.

Er war kein Sexist, er war kein Patriarch, kein Macho, er sah alle Menschen als gleichwertig an. Er sah niemanden nur als Körper, als Objekt. Er wusste, dass hinter jedem, hinter jeder Zelle, jedem Haar, jeder Träne, ein Mensch ist. Nicht nur aus Fleisch und Blut, auch aus Wünschen, Ängsten, Gefühlen, Begierden, Einstellungen. Der Körper ist leicht formbar, dachte er, aber der Geist, der Charakter ist sehr stabil. Er las einmal ein berühmtes Zitat von Albert Einstein, der sagte: „Wenn die meisten sich schon armseliger Kleider und Möbel schämen, wie viel mehr sollten wir uns da erst armseliger Ideen und Weltanschauungen schämen?“, und er fühlte sich vollkommen verstanden. Er dachte immer, wie leicht kann man seinen Charakter im Körper verstecken. Es ging sogar soweit, dass er dachte, dass mit körperlicher Kosmetik immer nur charakterliche Risse überdeckt werden müssen.

In Gesprächen mit seinen Freundinnen über all die Machos, Sexisten und Patriarchen da draußen hörte er öfter: „Es kommt darauf an, von wem so ein Spruch kommt.“, „Wenn er süß ist, fühlt es sich schon gut an so etwas zu hören.“, oder „Der könnte mein Vater sein, das ist ekelhaft.“. Er dachte sich dabei immer und sagte es auch manchmal, dass es doch eine Ungleichbehandlung sei, wenn ein Kompliment als solches aufgefasst wird, abhängig der Attraktivität und des Alters des Gebers. Als er darauf die Antwort bekam, das sei schon etwas Anderes und es käme darauf an, wie etwas gesagt werde, begann er zu glauben, er könne es nicht so verstehen, weil er ein Mann sei. Er hatte nie schlechte Erfahrungen mit grapschen oder anderen Formen der körperlichen Erniedrigung gemacht. Nur das eine Mal, als eine Freundin von ihm einen Klaps auf den Hintern gab, „freundschaftlich“, wie sie sagte, fühlte er sich nicht richtig behandelt. Er sprach es an, er sagte, er fühle sich nicht richtig behandelt und dass er das auch nicht bei seinen Freundinnen machen könne, auch nicht „freundschaftlich“. Er wurde nicht verstanden. Er solle sich doch freuen, dass eine Frau ihm auf den Hintern schlägt, das sei ein Zeichen von Wertschätzung, ein Kompliment. Er tat sich sehr schwer Komplimente zu vergeben, zumindest solche, die den Körper betrafen. Er konnte nicht einfach jemandem sagen, er finde ihn oder sie sexy. Er wollte auch nicht, dass jemand zu ihm sagte, er sei sexy. Er wollte nicht besser behandelt werden, nur weil jemand ihn gutaussehend fand. Er wollte als Person ganzheitlich wahrgenommen werden, nicht nur als Körper, als zufällige Anordnung von Kohlenstoff, Wasser und Salz, sondern auch als Er, als ehrlicher, differenzierender, spontaner junger Mann. Er fand, dass der Körper fast so wandelbar war, wie Kleidung. Wenn man wirklich wollte, könnte man in kurzer Zeit sein komplettes Aussehen ändern, genauso, wie Kleidung. Er hatte einen Körper, von dem behauptet wurde, er passe in das heutige Schönheitsideal, weshalb ihm vorgeworfen wurde, er verstehe das Alles nicht, er sei nie wegen seines Aussehens ausgegrenzt worden. Doch das stimmte nicht. Früher, als er zehn oder elf war, hatte er schulterlange Haare, er war damals noch etwas kleiner, als Gleichaltrige, und hatte einen zierlich, schmächtigen Körperbau. In dieser Zeit wurde er oft von Fremden als Mädchen angesprochen. Von hinten konnte man es wirklich nicht leicht unterscheiden, wenn man ihn nicht kannte. Er fühlte sich nicht sehr wohl, wenn das geschah, aber er versuchte sich immer sofort eine Erklärung dafür zu suchen. „Er hat mich ja nur von hinten gesehen; Frauen haben öfter lange Haare, also ist es normal, dass sie das auch von mir glauben; es ist sicher nicht seine Absicht, mich zu beleidigen“ Er selbst empfand es auch nie als beleidigend. Was ihn verletzte, waren seine Freunde, die sich manchmal darüber lustig machten, dass er wie ein Mädchen aussah. Er wusste immer, dass viele andere es schwieriger gehabt hatten. Er war auch froh, dass er es nicht so schwierig gehabt hatte. Aber er sah nicht ein, dass er deshalb nicht das Recht habe, sich zu bestimmten Themen zu äußern. Er konnte schließlich auch nichts dafür.

Comments

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    Ein sehr schöner Text und meiner Ansicht nach auch genau richtige Textart gewählt. Offene klare und bewegende Schilderung verständlicher Gefühle. Gefällt mir sehr. Mach dir aber nicht zu viele Sorgen, wegen dem richtigen Ansprechen der Frauen. Entweder stimmt die Chemie oder nicht. Stimmt sie dann spielt die Art des Ansprechens keine so grosse Rolle mehr. ;-)

  • Author Portrait

    Ich kann dem Erzähler sehr gut verstehen, absolut. Du hast diese Ambivalenz in der heutigen Zeit, gerade in der Generation der jetzigen jungen Erwachsenen gut umschrieben, mir gehts da im realen Leben oft ähnlich. Abgesehen davon, das ich den Klapps auf den Hintern immer ignoriere oder nen blöden Spruch nach schiebe. Allerdings finde ich, der Text hätte sich als Sachtext nochmal besser gemacht. Denn so passiert ja eigentlich nix in der Story. Also, zusammenfassend: Problematik erfasst, gut umschrieben, Textart nicht ganz zutreffend (find ich)

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