Erinnerungen an Zuhause

»Komm schon, Trottelchen. Sei kein Feigling. Selbst Agnes und Siobhan haben es gemacht!«

Der blonde Junge blickte skeptisch und verunsichert zwischen Patrick, seinen Schwestern und Henry hin und her.

Die Sonne brannte heiß auf die fünf Kinder hinab und da Sonntag war, hatten sie endlich die Möglichkeit, ausgiebig zu spielen.

Doch er mochte das Spiel nicht. Er fürchtete sich, von der Klippe ins Wasser zu springen.

Es war ihm egal, dass seine doofen Schwestern es gemacht hatten!

Patrick hatte wie immer nur angeben wollen, wie toll er war, und Henry fürchtete sich eh nie vor etwas.

Nur er, Lachlan, war immer der Angsthase und alle zogen ihn auf.

Er wollte lieber am Strand eine Sandburg bauen, doch dann würde Pat nur wieder spotten und Siobhan und Agnes, diese unsäglichen Zicken, würden alles kaputtmachen wollen.

»Ach komm, der Schisser wird es eh nicht machen! Lasst uns lieber selbst nochmal springen, bevor es dunkel wird und wir heim müssen.«

Der Älteste der Kinder stachelte seine Geschwister an und der kleine Lachlan blieb zurück, das Gemüt schwer wie ein Stein. Weinen wollte er gern, weil seine Schwestern und Pat so gemein waren.

»Wollen wir am Strand nach Krebsen suchen?«

Henry war nicht mit den anderen gegangen, sondern hockte auf einem Stein und kaute auf einem Grashalm.

»Bin ich ein Schisser?«, fragte Lachlan niedergeschlagen und sein Bruder lachte.

»Na klar! Aber das ist gar nicht schlimm. Dafür hat Pat immer Pech beim Angeln, während du die fettesten Fische fängst.«

»Hm ...«, machte der blonde Junge nur und trottete Henry zum Strand hinterher.

Als die Sonne sank, hatten beide drei stattliche Krebse aus dem Küstensand ausgegraben. Die Beute hatte sich, wie man unschwer an den Kratzern auf den Händen der Kinder erkennen konnte, eisern gewehrt, doch den Kampf hatten sie verloren.

»Da wird sich Mutter freuen, wenn sie die in die Suppe schneiden kann.«

»Und Vater wird nicht schimpfen, wenn einer Nachschlag möchte.«

Stolz trotteten die beiden, gefolgt von den pitschenassen Geschwistern, zu der kargen Hütte zurück, in der sie alle lebten.

 

Henry erwachte tief in der Nacht, als das morsche Bodenbrett knarrte. Müde und eigentlich entschlossen, gleich wieder einzuschlafen, drehte er sich auf die Seite. Doch Lachlan, der dort liegen sollte, war fort.

Sofort war Henry hellwach und setzte sich auf. Im Licht des ungewöhnlich hellen Mondes konnte er erkennen, dass die rohgezimmerte Tür zur Schlafkammer der Kinder offenstand.

Der Junge seufzte. Hatte der kleine Narr sich Patricks großspurige Worte wirklich so zu Herzen genommen, dass er zu nachtschlafender Zeit an den Strand wollte?

Eilig zog er seine zerschlissene Hose über das Nachthemd und rannte seinem Bruder auf bloßen Füßen hinterher.

Als Henry ihn einholte, stand der kleine Junge bereits an der Klippe und blickte ängstlich hinunter. Er zitterte und hatte jetzt noch mehr Angst als am Nachmittag.

»Meinst du, bei Mondschein ist das Springen weniger unheimlich?«, fragte der Ankömmling leise.

Lachlan quiekte laut auf und fiel nach hinten auf seinen Hosenboden. Henry setzte sich zu ihm. »Willst du das unbedingt machen, weil Pat dich einen Schisser genannt hat?«

Der blonde Junge schüttelte trotzig den Kopf. »Nein. Für mich selbst. Um zu wissen, dass ich mutig genug bin ... ich wäre gern so wie du ... «

Der Ältere lachte leise und rieb sich über das verschlafene Gesicht.

»Ich bin nicht mutig. Ich schaue beim Springen nur nie nach unten. Ich schaue an den Horizont und wenn ich falle, ist es einen Augenblick wie fliegen.«

»Wie schön. Das will ich auch. Tun wir’s!«

»Jetzt?«

»Ja. Morgen ist keine Zeit und das nächste Mal wird Pat wieder alles verderben.«

Henry erhob sich. »Du hast Recht. Aber die Nachthemden müssen wir ausziehen. Wenn Mutter merkt, dass sie nass sind, setzt es einen Satz heiße Ohren.«

Lachlan nickte. Aufgeregt hob sich seine schmale Brust, als er das ausgewaschene Leinen in den Händen faltete. Erschaudernd ob des kühlen nächtlichen Windes trat Henry an den Rand der Klippe und fixierte den Horizont, der sich über dem pechschwarzen Meer wölbte.

»Kommst du?«

Der Jüngere machte einen Schritt neben seinen Bruder und schluckte schwer.

»Halt meine Hand!«, stammelte er und Henry ergriff Lachlans zitternde Linke mit einem Schmunzeln.

»Bereit? Schau nur an den Horizont.«

Der blonde Junge nickte und gemeinsam sprangen sie dem Himmel entgegen.

 

Beinahe lautlos und ohne großes Geplätscher drangen ihre leichtgewichtigen Körper in die große Schwärze der irischen See ein und tauchten ein Stück in ihr unter.

Henry empfand diese rasende Euphorie, diesen Drang danach, frei wie ein Vogel sein zu können, wie jedes Mal, wenn er sprang mit dem Blick gen Himmel.

Er ließ sich eine Sekunde mit geschlossenen Augen in der Stille des Wassers um ihn herum treiben und sog es in sich auf, das Gefühl der Schwerelosigkeit.

Doch als er die Augen öffnete, war alles anders als es sein sollte. Es war schwarz, kein Mond erhellte mehr die flachen Tiefen und Lachlan war verschwunden.

Henry tauchte auf und blickte sich hektisch um, während die Wasseroberfläche zu toben begann und plötzlich alles eiskalt wurde ...

 


»Lachlan!«, schrie ich und riss die Augen auf. Die Kälte, die mich umgeben hatte, konnte ich noch immer spüren und ich zitterte.

Neben mir auf dem Lager rührte sich mein kleiner Bruder und wandte sich zu mir um.

»Hast du bös' geträumt?«, nuschelte er und rieb sich die Augen.

»Erinnerungen an Zuhause. Als wir von der Klippe gesprungen sind ... du warst plötzlich verschwunden.«

»Blödie. Was du so träumst. Ich hab deine Hand damals nich' losgelassen.«

»Ich ... ich weiß ... schlaf' wieder. Tut mir leid fürs Wecken.«

»Schon gut ...« Lachlan zog sich die Decke bis zu den Ohren hoch, bevor er mit seinen warmen meine kalten Finger umschloss. »Damit der böse Traum nicht zurückkehrt.«

»Danke.«

Einander an den Händen haltend, um uns nicht zu verlieren, fielen wir wieder in Schlaf.

Der Traum kehrte niemals wieder.

Comments

  • Author Portrait

    So nun endlich komme ich wieder etwas mehr zum Lesen! Das neueste Kapitel ist wiedermal ganz toll und sehr bewegend und einfühlsam geschrieben. Schön geht es weiter! :-)

  • Author Portrait

    *____________________________________________________________________* Es geht weiter <3<3<3

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media