Erkenntnisse 1/2

»Spuren?«
Angesprochener hielt ein Kohlestück, mit welchem er Notizen und Niederschiften abhakte oder Bemerkungen notierte in der Hand. Er sah auf und legte seine Schreibutensilien sorgsam zu Seite. Ein verhaltenes Klacken erklang, als er den Stift mit dem Finger sorgfältig positionierte.
Tief atmete er ein und schüttelte wissend, das sein Lord es nicht bemerkte den Kopf. »Nein, nichts.«
»Was berichten sie«, verlangte Bestlin, mit auf dem Rücken verschränkten Armen zu erfahren. Sein Augenmerk war auf den Innenhof gerichtet, wo Landarbeiter und Helfer betriebsam Karren mit Werkzeugen und Baumaterialien beluden. Er konnte die Genugtuung, derer geradezu fühlen, schmeckte ihre bitteren Gutgedanken auf der Zunge und vermochte ihre unausgesprochenen Schmähungen hören.
»Ich habe Männer unter Androhung härtester Strafen abkommandiert. Einhundert Schritte sind sie in diesen verfluchten Wald eingedrungen. Nichts. Nicht einmal verwertbare Spuren.«
»Abkommandiert?« Bestlin wendete den Blick über die Schulter hinweg.
»Serfem hat sie angeführt und sein Wort ist verlässlich.«
»Mhm, einer deiner letzten Wohlgesonnenen. Ich könnte schwören, dass mein Jäger etwas Brauchbareres aufgeboten hätte; zumal ich diesem Thulenen nicht über den Weg traue.« Seine Stimme klang gegen die Fenster gesprochen sonderbar tonlos.
Der Hauptmann rückte den Stuhl, auf dem er saß, ab und erhob sich. Mit der Hand drosch er fester als gewollt auf den Tisch. »Verdammt. Alric ist fort. Ihr habt ihn selbst nach Holmfirth entsandt.«
»Was erzählen die Männer noch?« Er konnte sich ein Schmunzeln nicht verwehren und wusste, sobald er die Mundwinkel verzog, sein Kopf flüchtig nach hinten wippte.
»Nichts von Belang. Sie sind allesamt Heil zurück. Den Weg, den sie gingen, um nahe der Bäume zu bleiben, ...«
»Erspare mir die Ammenmärchen. Ich kenne sie alle. Vergiss nicht, wer ich bin.«
»Keineswegs. Sie stolperten geradeheraus über die Überreste der kürzlich vermissten Späher.«
Bestlin hob stumm die linke Augenbraue und drehte sich vollends herum. Neugierde stand ihm im Gesicht geschrieben.
Als der Hauptmann sich der Aufmerksamkeit dessen gewiss war, fuhr er fort. »Sie trugen die Farben Memnachs.«
Er übertrieb die Mitteilungen und dichtete sich das Grauen, was die Männer der Stadt erlebt haben mussten, bildhaft hinzu. Dem Anschein nach waren diese nach der letzten Aufwartung in der Burg auf direktem Weg zum Wald. Seit ungezählten Jahren schon suchte Thule einen Weg durch diesen verhängnisvollen Ort. Bisweilen stets erfolglos und mit wiederkehrenden Verlusten.

Den Beschreibungen nach handelte es sich nicht alleinig um den zehnköpfigen Spähtrupp. Allem Anschein nach entledigte sich der Wald oder das, was sich darin aufhielt, all jener, die sich ihm unaufgefordert nährten.
Gebeine längst verblichener. Körper, deren Geruch und Aussehen nach zu urteilen bereits seit Monaten dem Verfall anheimfielen und verfaulten. Maden hielten auf dem noch vorhandenen matschigen Etwas, was einst Organe waren Festschmaus. Trat man unvorhergesehen auf jene vergänglichen Überreste, schmatzten die Sohlen der Soldaten wie bei Regenwetter auf morastigem Boden. Wie, um der Ruhestörung Anstoß zu nehmen, stoben Schwärme kleinester Schmeißfliegen auf und ließen sich in Nase, Ohren und Mund nieder.
Am unseligsten jedoch blieb der Geruch, der den Männern noch lange Zeit wie ein Belag in Nase und Zunge zu kleben schien. Der Neugierde wie des Auftrages willen, überprüften sie die Kadaver nach den zwei Jungen.
»Was wurde aus Memnachs Mannen?«
»Mein Lord, was immer sie das Leben kostete, solch ein Leid steht niemandem an.«
»Diese Zehn waren wahre Thulenen.« Seine Brauen verzogen sich wellenförmig. »Haut und Blut waren unmissverständlich. Es grenzt an ein Wunder, das sich solch reinblütiges Gezücht so weit von der kalten Heimat entfernt wagt. Selbst dieser Serfem hielt sich bewusst von ihnen fern.«
Bestlin erfuhr, dass die Leiber mutmaßlich aus eben jenem Grunde so zugerichtet aufgefunden wurden. Bei den blauhäutigen Frauen begnügte sich wer oder was auch immer, damit sie zu enthaupten und einen unterarmdicken Pflock in deren Schritt zu treiben, um eine Empfängnis selbst nach dem Tode zu verhindern.
Die Männlichen der ihren schlitzte man beginnend des Unterleibes bis zum Halsansatz auf. Wer diese Gräueltat begann, tat es mit erschreckender Inbrunst. Allen fehlte das Herz und jener, der danach suchte, schien sich bis an sein Ziel hindurchgewühlt zu haben. Großflächig waren Innerein - Gedärm und Organe - zu finden.
»In Anbetracht der Lage sollten sie weiterhin als vermisst gelten. Sobald die Obristen erfahren ...«
»Verstanden, mein Lord.« Der Hauptmann nickte und reichte ihm abschließend die Ladeberichte und Anweisungen.
»Entbietet Klarich und seinem Weib mein Bedauern. Wir wollen davon ausgehen, dass wenn wir diesen einstmaligen Weiler wieder errichten, uns die Landarbeiter wohlgesonnener sind.«

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