Erkenntnisse

»Spuren?«
Angesprochener hielt ein Kohlestück, mit welchem er Notizen und Niederschiften abhakte oder Bemerkungen notierte in der Hand. Er sah auf und legte seine Schreibutensilien sorgsam zu Seite. Ein verhaltenes Klacken erklang, als er den Stift mit dem Finger sorgfältig positionierte.
Tief atmete er ein und schüttelte wissend, das sein Lord es nicht bemerkte den Kopf. »Nein, nichts.«
»Was berichten sie«, verlangte Bestlin, mit auf dem Rücken verschränkten Armen zu erfahren. Sein Augenmerk war auf den Innenhof gerichtet, wo Landarbeiter und Helfer betriebsam Karren mit Werkzeugen und Baumaterialien beluden. Er konnte die Genugtuung, derer geradezu fühlen, schmeckte ihre bitteren Gutgedanken auf der Zunge und vermochte ihre unausgesprochenen Schmähungen hören.
»Ich habe Männer unter Androhung härtester Strafen abkommandiert. Einhundert Schritte sind sie in diesen verfluchten Wald eingedrungen. Nichts. Nicht einmal verwertbare Spuren.«
»Abkommandiert?« Bestlin wendete den Blick über die Schulter hinweg.
»Serfem hat sie angeführt und sein Wort ist verlässlich.«
»Mhm, einer deiner letzten Wohlgesonnenen. Ich könnte schwören, dass mein Jäger etwas Brauchbareres aufgeboten hätte; zumal ich diesem Thulenen nicht über den Weg traue.« Seine Stimme klang gegen die Fenster gesprochen sonderbar tonlos.
Der Hauptmann rückte den Stuhl, auf dem er saß, ab und erhob sich. Mit der Hand drosch er fester als gewollt auf den Tisch. »Verdammt. Alric ist fort. Ihr habt ihn selbst nach Holmfirth entsandt.«
»Was erzählen die Männer noch?« Er konnte sich ein Schmunzeln nicht verwehren und wusste, sobald er die Mundwinkel verzog, sein Kopf flüchtig nach hinten wippte.
»Nichts von Belang. Sie sind allesamt Heil zurück. Den Weg, den sie gingen, um nahe der Bäume zu bleiben, ...«
»Erspare mir die Ammenmärchen. Ich kenne sie alle. Vergiss nicht, wer ich bin.«
»Keineswegs. Sie stolperten geradeheraus über die Überreste der kürzlich vermissten Späher.«
Bestlin hob stumm die linke Augenbraue und drehte sich vollends herum. Neugierde stand ihm im Gesicht geschrieben.
Als der Hauptmann sich der Aufmerksamkeit dessen gewiss war, fuhr er fort. »Sie trugen die Farben Memnachs.«
Er übertrieb die Mitteilungen und dichtete sich das Grauen, was die Männer der Stadt erlebt haben mussten, bildhaft hinzu. Dem Anschein nach waren diese nach der letzten Aufwartung in der Burg auf direktem Weg zum Wald. Seit ungezählten Jahren schon suchte Thule einen Weg durch diesen verhängnisvollen Ort. Bisweilen stets erfolglos und mit wiederkehrenden Verlusten.

Den Beschreibungen nach handelte es sich nicht alleinig um den zehnköpfigen Spähtrupp. Allem Anschein nach entledigte sich der Wald oder das, was sich darin aufhielt, all jener, die sich ihm unaufgefordert nährten.
Gebeine längst verblichener. Körper, deren Geruch und Aussehen nach zu urteilen bereits seit Monaten dem Verfall anheimfielen und verfaulten. Maden hielten auf dem noch vorhandenen matschigen Etwas, was einst Organe waren Festschmaus. Trat man unvorhergesehen auf jene vergänglichen Überreste, schmatzten die Sohlen der Soldaten wie bei Regenwetter auf morastigem Boden. Wie um der Ruhestörung Anstoß zu nehmen, stoben Schwärme kleinester Schmeißfliegen auf und ließen sich in Nase, Ohren und Mund nieder.
Am unseligsten jedoch blieb der Geruch, der den Männern noch lange Zeit wie ein Belag in Nase und Zunge zu kleben schien. Der Neugierde wie des Auftrages willen, überprüften sie die Kadaver nach den zwei Jungen.
»Was wurde aus Memnachs Mannen?«
»Mein Lord, was immer sie das Leben kostete, solch ein Leid steht niemandem an.«
»Diese Zehn waren wahre Thulenen.« Seine Brauen verzogen sich wellenförmig. »Haut und Blut waren unmissverständlich. Es grenzt an ein Wunder, das sich solch reinblütiges Gezücht so weit von der kalten Heimat entfernt wagt. Selbst dieser Serfem hielt sich bewusst von ihnen fern.«
Bestlin erfuhr, dass die Leiber mutmaßlich aus eben jenem Grunde so zugerichtet aufgefunden wurden. Bei den blauhäutigen Frauen begnügte sich wer oder was auch immer, damit sie zu enthaupten und einen unterarmdicken Pflock in deren Schritt zu treiben, um eine Empfängnis selbst nach dem Tode zu verhindern.
Die Männlichen der ihren schlitzte man beginnend des Unterleibes bis zum Halsansatz auf. Wer diese Gräueltat begann, tat es mit erschreckender Inbrunst. Allen fehlte das Herz und jener, der danach suchte, schien sich bis an sein Ziel hindurchgewühlt zu haben. Großflächig waren Innerein - Gedärm und Organe - zu finden.
»In Anbetracht der Lage sollten sie weiterhin als vermisst gelten. Sobald die Obristen erfahren ...«
»Verstanden, mein Lord.« Der Hauptmann nickte und reichte ihm abschließend die Ladeberichte und Anweisungen.
»Entbietet Klarich und seinem Weib mein Bedauern. Wir wollen davon ausgehen, dass wenn wir diesen einstmaligen Weiler wieder errichten, uns die Landarbeiter wohlgesonnener sind.«

***

Alna beugte sich hinab, um etwas aufzulesen. Es war ein grünlich schimmernder Stein, welcher Kayden gehörte. Ihr Jüngster spielte immer wieder mit diesem und weiteren. Ziel dieses Spieles war es, mit diesen Grünen so nah als möglich an einen roten zu gelangen. Sie wurden geworfen, gekollert oder geschnippt, niemals aber geschoben.
Sie hielt das Kleinod in der Hand und presste sich dieses dorthin, wo ihr Herz vor Kummer schwer pochte. Sie schluckte und ein Jauchzen entglitt sich ihrem Halse.
Jemand legte ihr tröstend den Arm um den Hals, drehte sie herum und drückte sie an sich. »Ach Alna, meine liebste Alna.«
»Ich will sie zurück«, wehklagte sie. Tränen rannen ihr ungehemmt die Wangen herab.
Anstatt zu antworten, schloss er die Lider und nickte stattdessen. Sein Kinn Erbebte und er kniff die Augen fest zusammen.

Ein forderndes Krächzen ließ Alna aufhorchen und sie versuchte ihre Tränen hinfort zublinzeln. Wie durch einen Schleier sehend schienen sich ihre Augen der Erkenntnis zu lichten.
»Da ist wieder dieser Vogel«, flüsterte sie und drehte ihren Mann auffordernd zur Seite. Ihm stand der Mund offen, als er diesen erblickte.
»Ob das derselbe ist?«
»Ich würde diesen silbrig weißen Falken mit seiner Zeichnung unter Hunderten erkennen.« Klarich nickte. »Ja, er ist es.«
Abermals krächzte das Tier, hob den linken Flügel und zupfte eine seiner Federn heraus. Mit dieser im Schnabel hüpfte er ihnen entgegen und legte diese behutsam, beinahe andächtig nieder. Er neigte unterwürfig den Kopf und ging wie beiläufig mit gespreizten Flügeln rückwärts auf Abstand.
Aus seinem Halse entwich der bereits vernommene Ruf seiner Art, als er sich kraftvoll in die Lüfte erhob und in Richtung des Waldes davonflog.
Alna verzog den Mund und hob wie zuvor den Stein, nun auch die Feder auf.
»Es geht ihnen gut«, stellte sie nüchtern und bestimmend fest. Klarich schenkte ihr einen Blick, den nur ein liebender Vater wie Ehemann zustande bringen vermochte.
»Auch wenn Bestlin das alles hier wieder aufbauen lässt ... dass er uns unsere Jungen genommen hat, wird er bluten.«
Alna sah etwas in den Zügen ihres Geliebten, was sie nur schwer deuten konnte. Es war etwas, was weder mit Furcht noch mit blankem Hass zu vergleichen war.

***

Dumpfe Schläge erschollen und anstrengend schnaufende Laute drangen durch das Tor des Zwingers. An diesem Vormittag durfte sich Rondal von den Fertigkeiten der Neuankömmlinge überzeugen. Obwohl die beiden zuvor stets mit dünnen Stecken fochten, bestand er auf hölzerne Schwerter.
Diese deutlich schwereren Gegenstände und die Gewöhnung an metallene Waffen, mit denen man einem das Leben nehmen konnte, versprachen eine entsprechend kürzere Zeit.
Er verschwieg ihnen, dass in den Übungswaffen dünne Eisenstäbe eingelassen waren, um das ansonsten leichte Holz zu erschweren.
Die Zwei waren erstaunlich gut vorbereitet, obwohl Veyed aufgrund seines kräftigen Wuchses scheinbar im Vorteil schien. Hingegen wusste Kayden seine fehlende Kraft mit Geschick und Ausdauer vortrefflich auszunutzen. Wo sein Bruder ihn mit schweren Schlägen bedrängte, ließ er die meisten derer leichtfertig an seiner Waffe abgleiten und nahm ihnen so die Wucht. Dennoch, seinen zittrigen Armen war anzusehen, dass jeder Treffer schmerzte.
Der Kampf schien beendet, als dem Jüngsten nur noch drei Schritte zum Wall und ebenso viele zur Bemauerung des Weges, hinauf zum Burghof blieben.
Was Rondal nun zu sehen bekam, verschlug ihm die Sprache. Mit offenstehendem Mund beobachtete er die kämpfenden.
Kayden sah über die Schulter hinweg und wählte den Aufbau zum Weg. Er nahm Anlauf, belastete sein Schwungbein und sprang ab. Ehe sich Ron und Veyed versahen, stand der Knabe leichtfüßig auf der Mauer und griente. Er streckte seinem Bruder die Zunge heraus und tat, was sein Bruder unter vorbehalt äußerster Anstrengungen nicht zu vollbringen vermochte. Er vollführte einen Salto über dessen Kopf hinweg und landete hinter ihm in Hocke. Flink erhob er sich und tippte ihm seinem hölzernen Schwert auf dessen Schulter. »Verloren.«
Alle drei sahen hinüber zum Tor, als sie den lautstarken Beifall vernahmen und Kylion erkannten, der breit lächelte. »Mein lieber Ron, nun ist es an dir fortzuführen, was Alric begann.«
Angesprochener verzog die Lippen. »Da wird es nicht viel fortzuführen geben. Eines Tages darf sich Glücklichschätzen, wer ihren Klingen Heil entkommt.«
Kayden wollte wie üblich mit seinem Bruder abklatschen, doch dieser schien anderes im Sinn. Sein Blickfeld war aufgrund seines Standpunktes eingeschränkt, doch der Ausdruck in Veyeds Gesicht ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. So hat er seinen großen Bruder noch nie erlebt. Dessen Hand umfasste den Schaft seiner Waffe fester, die Muskeln seines Oberarmes traten hart hervor, so als wolle der den Griff mit bloßer Kraftanstrengung zerbrechen. Sein Blick verfinsterte sich und sein Kinn begann drohend zu vibrieren. Seine Stimme glich mahlenden Gesteins.
»Mörder. Du mieser Bastard.«
Er änderte seine Haltung und hastete ohne Vorwarnung voran. Die nächsten Worte schrie er ungehalten und hob seine falsche Klinge. »Krepiere!«
Kylion wurde unliebsam zur Seite geschubst und röchelte erschrocken. Er stieß hart an die Toreinfassung und fasste sich an eine schmerzende Rippe. »Nicht!«, rief er mit vorausgestreckter linker Hand. Sein Begleiter zog im rechten Moment blank, kniete auf ein Bein nieder und wehrte so die mit voller Kraft geführte Waffe ab. Rondal sprang hinzu und hielt dem ungestümen Jungen die Arme auf dem Rücken umklammert. Er behielt ihn in festem Griff, sodass jegliche Bemühungen sich zu befreien erfolglos blieben.
»Nein Veyed, nein. Beruhige dich. Serfem gehört zu uns und bringt Kunde von euren Eltern.«

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